Irak: Ölquellen der Zukunft


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Irak: Ölquellen der Zukunft

 
23.03.03 22:32
Ölmarkt: Quellen der Zukunft
Von Olaf Preuß, München

Tony Blair hat noch einmal klargestellt, wer künftig vom Ölreichtum Iraks profitieren wird: das irakische Volk. Werden die Multis bei der Erschließung der riesigen Öl- und Gasvorkommen des Landes leer ausgehen?

Wenn das Land von Saddam Husseins Regime befreit sei, sagte Großbritanniens Premierminister in einer Fernsehansprache, würden die Einkünfte aus der irakischen Ölwirtschaft in einen Fonds unter Verwaltung der Vereinten Nationen fließen - und damit dem Wiederaufbau des Landes dienen. Blair will ebenso wie US-Präsident George W. Bush den Eindruck vermeiden, bei dem Feldzug gehe es Amerikanern und Briten um den Zugriff auf das irakische Öl. Denn die Gegner des Krieges überall auf der Welt sind überzeugt, dass die Invasionsarmee auch deshalb rollt, um Iraks Öl auf lange Sicht unter die Kontrolle amerikanischer und britischer Energiekonzerne zu bringen. Irak besitzt nach Saudi-Arabien die zweitgrößten Vorräte der Welt. "Kein Blut für Öl" skandierten Demonstranten bei Kerzenschein in New York wie in Rom, in Berlin wie in Tokio - so vergebens, wie schon vor Beginn des Golfkrieges 1990/91.

Amerikaner und Briten können den Krieg gegen Saddam Husseins Regime womöglich schnell gewinnen. Wer künftig am Hahn für das irakische Öl dreht, scheint aber längst nicht ausgemacht. "Ausländische Konzerne sind definitiv am Irak interessiert", sagt der frühere irakische Ölminister Issam al-Chalabi, der heute als Berater in der jordanischen Hauptstadt Amman arbeitet. "Aber sie sind sich darüber klar, dass es einige Zeit dauern wird, bis sie mitmachen können."


Das hochwertige irakische Öl lässt sich nach Einschätzung von Experten für 75 Cent bis 1 $ je Barrel fördern, billiger noch als das schwarze Gold des großen Nachbarn Saudi-Arabien. 112 Milliarden Barrel Öl gelten in Irak heute als wirtschaftlich förderbar, es könnten aber auch deutlich mehr sein: "Nach unseren Studien sind die Schätzungen noch viel zu konservativ, die Vorkommen könnten diejenigen Saudi-Arabiens erreichen", sagt der frühere saudi-arabische Ölminister Ahmed Saki al-Jamani, derzeit Chef des Center for Global Energy Studies in London. "Falls die Ölquellen nicht wesentlich beschädigt oder gar zerstört werden, kann Irak mit amerikanischer Hilfe die Ölproduktion sehr rasch verdoppeln, innerhalb der nächsten zehn Jahre sogar um das Vierfache steigern", glaubt Jamani.



Ölkonzerne in Wartestellung


Seit dem Krieg zwischen Irak und Iran in den 80er Jahren wurde in die irakische Ölwirtschaft kaum mehr investiert, die Anlagen verrotteten, neue Felder wurden nicht erschlossen. Für die Sanierung der Ölwirtschaft braucht Irak Know-how und etliche Milliarden Dollar Investitionen. Eine ideale Ausgangsposition vor allem für kapitalkräftige Ölgiganten wie den US-Konzern Exxon Mobil, die britische BP oder die niederländisch-britische Royal Dutch/Shell - so scheint es. Doch auf ein schnelles Öl-Dorado am Persischen Golf können die Firmen nicht hoffen. Niemand weiß derzeit, wer Irak künftig regiert und welchen politischen Kurs das Land einschlagen wird.


"Natürlich möchten wir uns am Wiederaufbau der irakischen Ölwirtschaft beteiligen. Aber kein Ölkonzern wird Verträge aushandeln, bevor nicht klar ist, wie die Machtverhältnisse in Irak längerfristig aussehen", sagt ein Sprecher des französischen Energiekonzerns Total. "Und Irak braucht nach dem Krieg nicht nur eine neue Regierung, sondern auch ein stabiles Finanzsystem mit Rechtssicherheit." Der französische Konzern hat einige Erfahrung mit der irakischen Ölwirtschaft gesammelt. Jahrelang verhandelte das Unternehmen in den 90er Jahren mit der Regierung in Bagdad über die Erkundung und Erschließung irakischer Ölfelder, unterzeichnet wurden die Verträge nie. "Unter den Bedingungen des Uno-Embargos sahen wir keine Möglichkeit, sie umzusetzen", sagt der Konzernsprecher.


Neben Total setzten vor allem Ölkonzerne aus China, Russland und Indien auf ein Ende des Embargos. Und darauf, dass ihnen die langen Verhandlungen mit Saddams Regime am Ende einen Vorsprung vor den großen Drei - Exxon Mobil, BP und Shell - verschaffen würden. Während der jahrelangen Konfrontation der USA und Großbritanniens mit dem irakischen Regime hatten die Branchenführer keine Chance, mit Bagdad ins Gespräch zu kommen. Sie folgten der politischen Linie ihrer Regierungen und verzichteten auf Verhandlungen.


Konzerne wie die staatliche indische ONGC, die China National Petroleum Corp. und verschiedene russische Firmen - darunter Lukoil - nutzten derweil die Zeit, um mit der irakischen Führung Verträge über die Erkundung oder Erschließung von Ölfeldern abzuschließen. Frankreich, China und Russland stemmten sich im Uno-Sicherheitsrat bis zum Schluss gegen einen Irak-Krieg, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen. Was diese Verträge nach einem Machtwechsel in Bagdad wert sind, weiß niemand.



Gute Kontakte zur US-Regierung


Zu Beginn dieses Jahres spekulierte die amerikanische Presse darüber, dass in Irak nun die Zeit der US-Ölkonzerne heranrücke. Von Geheimtreffen in Washington zwischen US-Vizepräsident Richard Cheney und Topmanagern von Exxon Mobil, Chevron Texaco und von Ausrüstungskonzernen wie Halliburton oder Schlumberger war die Rede. Eine plausible Idee, denn die US-Ölindustrie findet im Weißen Haus ein offenes Ohr: Bush arbeitete früher ebenso in der Branche wie dessen Vize Cheney, der bis zu seinem Wechsel nach Washington den Konzern Halliburton führte. Die US-Konzerne allerdings dementierten, dass es Geheimabsprachen mit der Regierung gebe.


Die künftige irakische Regierung wird vor allem von der Gunst der USA abhängen. Das allerdings muss nicht zwangsläufig einen Startvorteil für amerikanische oder britische Konzerne bedeuten. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre hatten die meisten Staaten am Persischen Golf ihre Ölindustrien verstaatlicht, westliche Konzerne flogen aus dem Land. Bis heute bekommen Unternehmen wie Exxon Mobil, BP, Shell oder andere ausländische Konzerne keinen Zugang zur Ölförderung in Staaten wie Saudi-Arabien oder in Kuwait - obgleich die Golfkriegsallianz unter Führung der Amerikaner und Briten 1990/91 Kuwait von der irakischen Besatzung befreit hatte. "In der Branche herrscht das Gefühl, dass Irak seine Ölwirtschaft schneller für Ausländer öffnen könnte als seine Nachbarstaaten, aber die Bedingungen sehen nicht gut aus", sagt Roger Diwan von der Beratung PFC Energy.


Die Kontrolle über seine einzige Wohlstandsquelle wird das Land nach Einschätzung von Kennern nicht ohne weiteres aus der Hand geben. Auf die Iraker wartet ein schwieriger Balanceakt: "Sie werden einerseits lukrative Angebote an die Ölkonzerne machen und zugleich darauf achten müssen, dass aus den Öleinkommen so viel wie möglich im Land bleibt", sagt Vera de Ladoucette vom Institut Cambridge Energy Research Associates.



Gewaltiger Schub durch Verstaatlichung


Anfang der 70er Jahre verstaatlichte die regierende Baath-Partei die irakische Ölwirtschaft. Besonders schmerzlich war das für BP; deren Vorgängerunternehmen Anglo Persian Oil hatte mit der Erschließung der Ölfelder von Kirkuk im kurdischen Nordirak während der 20er Jahre die Grundlage für Iraks Ölwirtschaft gelegt.


Ökonomisch brachte die Verstaatlichung Irak in den 70er Jahren einen gewaltigen Schub. Das Land baute mit den Gewinnen aus dem Ölexport eine modernere Infrastruktur auf und startete Kampagnen zur Alphabetisierung der Bevölkerung.


Saddam Hussein, der Regisseur der Verstaatlichung, damals ein aufstrebender Funktionär der Baath-Partei, hatte mit dem neuen Reichtum Iraks bald anderes im Sinn. Er träumte davon, die Ölvorkommen der gesamten Region zu beherrschen und zum Führer der arabischen Welt aufzusteigen. Diese Karriere bleibt ihm wohl nun versagt.

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