Interview : Anleger müssen bescheidener werden


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Interview : Anleger müssen bescheidener werden

 
14.06.01 20:29
Interview
Kaufman: „Anleger müssen bescheidener werden“


14. Juni 2001 Seit vier Jahren verwaltet der ehemalige Wall Street-Guru Henry Kaufmann (siehe Link: Streitbarer Guru und Buchautor) kein fremdes Geld mehr. Doch wenn er das Geschehen an den Finanzmärkten kommentiert, finden seine Worte noch immer Gehör. Im FAZ.NET-Interview sagt Kaufman weiter fallende US-Leitzinsen voraus. Neue Rekordkurse erwartet er an den Aktienmärkten trotzdem nicht. „Die hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind für die Aktienmärkte eine große Herausforderung“, lautet seine Mahnung. Lesen Sie außerdem, welchen goldenen Anlagetipps der Wall Street-Veteran vertraut.

Herr Kaufman, wo sehen Sie derzeit die größten Risiken für die Märkte?

Das größte Risiko für die Märkte, das ich ausmachen kann, sind die Unternehmensgewinne. In den USA sinken sie zurzeit. Dies hat auch schon fallende Kurse bewirkt. Entscheidend ist die Frage, wie es im nächsten Jahren mit den Gewinnen weitergeht. Und da gibt es ein gehöriges Maß an Unsicherheit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir zurückfinden zu den starken Gewinnsteigerungen wie zum Ende der 90er Jahre. Die Ausgangslage für die Unternehmen ist heute viel wettbewerbsintensiver und es gibt eine Menge Überkapazitäten. Auch wird die etwas romantische Einstellung nicht wieder zurückkehren, die wir bezüglich der Gewinnerwartungen einige Zeit an den Technologiebörsen vorfanden.

Im Frühjahr kritisierten Sie die Fed, sie senke die Zinsen zu langsam. Wie zufrieden sind Sie jetzt mit der Zinspolitik?

Sie agierte auch lange zu langsam. Auch jetzt rechne ich noch mit weiteren Zinssenkungen. Möglicherweise wird es die nächste Ende Juni geben. Denkbar ist eine Senkung der Fed-Funds um 25 oder 50 Basispunkte. Denn ich glaube nicht, dass die Konjunkturschwäche bereits überwunden ist. Zinssenkungen und Steuererleichterungen helfen zwar, den Abschwung zu mildern. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass das Zinsniveau am langen Ende seit Jahresanfang nicht gesunken ist. Bei Unternehmensanleihen und ähnlichem sind die Renditen sogar gestiegen. Als Folge davon ist die Renditekurve steiler geworden. Für kurzfristige Schuldtitel zahlen die Unternehmen jetzt zwar theoretisch weniger, aber nach dem Liquiditätsengpass, den wir gesehen haben, refinanzieren sie sich mittlerweile stärker längerfristig. Die Kreditkosten sind deswegen hoch geblieben. Das mindert die Wirkungen der Zinssenkungen.

Was bedeutet das für die Konjunktur und die Aktienmärkte?

Die Fed, die bisher wenigstens einen besseren Job als die EZB macht, wird weiter die Zinsen senken. Eine typische Rezession mit zwei aufeinander folgenden Quartalen mit negativen Wachstumsraten beim Bruttoinlandsprodukt werden wir auch vermeiden können. Im vierten Quartal wird es vermutlich sogar zu einer Erholung der Wirtschaft kommen. Dennoch wird das Wachstum vergleichsweise bescheiden bleiben. Vor allem dürften sich die Unternehmensgewinne nicht dramatisch erholen. Für die Aktienmärkte wird dieser Umstand wegen der hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisse eine große Herausforderung sein. Dieses Problem wird uns vor allem im nächsten Jahr beschäftigen. Derzeit verzeihen die Anleger noch, weil man auf eine baldige Besserung hofft. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass die Aktienmärkte in absehbarer Zeit wieder die alten Höchststände erklimmen werden. Vor Ende dieses Jahres könnte es noch einmal eine Rally am Aktienmarkt geben. Aber sie wird nicht von Dauer sein.

Was empfehlen Sie einem Anleger?

Da gibt es verschiedene Aspekte. Anleger sollten sich auf Einzelwerte und einzelne Unternehmen mit finanzieller Stärke konzentrieren. Dann kann man sich am Rentenmarkt engagieren. Nicht unbedingt am langen Ende, sondern im mittelfristigen Bereich mit drei bis fünfjährigen Laufzeiten. Ganz verabschieden sollte man sich vom Aktienmarkt zwar nicht, aber eine defensive Haltung ist doch empfehlenswert. Es sind noch Anlagechance zu finden, aber man muss weitaus selektiver vorgehen. Jetzt werden keine Technologieaktien oder ganze Branchen gekauft, sondern Einzeltitel. Insgesamt werden die Anleger aber bescheidener werden müssen.

Wie lauten ihre goldenen Regeln bei der Geldanlage?

Zuallererst ist es wichtig, sich immer vor Augen zu halten, dass man sich auch irren kann. Man darf nie vergessen, dass der erste Verlust immer der kleinste ist. Am Aktienmarkt schert sich niemand um die Einstandskurse. Viele Anleger agieren aber noch dem Motto, dass sich die Kurse schon wieder erholen werden, da sie schon einmal so hoch waren. Sehr wichtig ist es auch, die Produkte und das Management der Firma genau zu kennen, in die man investiert.

Sie prognostizieren schon lange einen fallenden Euro. Wie beurteilen Sie die Aussichten der Einheitswährung?

Viele Leute machen sich derzeit Sorgen um den Dollar. Ich sehe das anders. Was für die USA spricht ist die Flexibilität in der Finanzpolitik. In Japan ist das anders und auch Europa hat sich mit den Maastrichter Kriterien Fesseln angelegt. Auch genießt die Fed ein höheres Ansehen als die europäische oder die japanische Notenbank. Ohne politische Kohäsion kann ich mir auch nicht vorstellen, dass der Euro dem Dollar als Weltleitwährung gefährlich werden kann. Um die 80 Cents dürfte der Euro wieder einigermaßen attraktiv sein. Die derzeitige Schwäche hat mit der kurz bevorstehenden Einführung der Einheitswährung als offizielles Zahlungsmittel zu tun und einem gewissen politischen Führungsvakuum.

 
Das Gespräch führte Jürgen Büttner

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