Börsen-Zeitung, 31.3.2001
Wenn sich ein Unternehmen heute noch mal den Zeitpunkt für seinen Börsengang aussuchen könnte, dann wäre wohl Frühjahr 2000 der klare Favorit. Die Euphorie an den Technologiebörsen war auf ihrem Höhepunkt, Wachstumsgrenzen schienen kaum mehr zu existieren, Parkettneulinge wurden durch die Bank mit horrenden Kursaufschlägen begrüßt, sobald sie das Verlangen nach glänzenden Perspektiven in der schönen, neuen Welt nur entsprechend zu befriedigen verstanden. Im Fieberwahn der Gier war gar schon von einem "Grundrecht auf Aktienzuteilung" die Rede. Zeichnen, zeichnen, zeichne und dabei sein beim großen Boom, war die Devise: "Werden wir jetzt alle reich?" titelte "Bild" am Gipfelpunkt des Wahnsinns. Die Erstzeichner von Concept jedenfalls sind es nicht geworden.
Aus Unternehmenssicht genau zum rechten Zeitpunkt platzierte der Wiesbadener Internet-Dienstleister Ende März 2000 seine Papiere. Aus Anlegersicht freilich war der Zeitpunkt denkbar schlecht: Gleich nach der Emission brach der gesamte Neue Markt in sich zusammen - von über 9 500 Punkten sackte der Nemax 50-Index seitdem auf weit unter 2 000 ab. Und der Marktverfall hat die Concept-Aktionäre der ersten Stunde voll erwischt: Wer das Papier zum Ausgabepreis von 49 Euro gekauft hat, muss heute einen Verlust von über 80 % beklagen.
Start-KGV von 158
Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von bis zu 158 hat die DG Bank 22 % der Unternehmensanteile am Markt untergebracht. "Traditionelle Bewertungsverfahren sind bei Internet-Unternehmen derzeit nicht sinnvoll anwendbar", hatte ein Vertreter der Emissionsführerin bei der Präsentation zum Börsengang verkündet. Seiner Ansicht nach sei das Unternehmen "fair bewertet", sagte er mit Blick auf die Vergleichsgruppe. "Fair bewertet", das entsprach vor Jahresfrist einem Unternehmensgewicht von 630 Mill. Euro, heute kostet die Gesellschaft noch 130 Mill. Euro. Allein: Die Nachfrage war trotz des überaus hohen Preises größer als das Angebot. Die Zeichnungsfrist musste gar vorzeitig beendet werden, das angebotene Volumen sei 23fach überzeichnet gewesen, hieß es.
Im Sog des Marktes
Und so ist die bisher leidvolle Börsengeschichte von Concept natürlich eng mit der des Gesamtmarktes verwoben und den Unternehmenslenkern kaum anzukreiden. Concept bezeichnet sich selbst als "Web-Architect". Interaktive Portale, das Design von Web-Seiten, 3D-Visualisierung und die entsprechenden Beratungsdienste: das ist das Geschäft des Unternehmens. Dabei waren die Wiesbadener schon vor Jahresfrist durchaus exotisch, denn anders als viele Neulinge auf dem Parkett sind sie profitabel in ihr Börsenabenteuer gestartet. Auf der Habenseite stand 1999 ein Ergebnis vor Steuern und Zinsen von 5 Mill. DM, getragen von 24 Mill. DM Umsatz.
Und die Versprechungen? Im Jahr des Börsengangs sollte bei einem Umsatz von 48 Mill. DM ein Ebit von 2,8 Mill. DM vor IPO-Kosten stehen. Für das jetzt laufende Geschäftsjahr hatte die Verwaltung damals Erlöse von 89 Mill. DM und 13,2 Mill. DM als Ebit vorgezeichnet. Zwischenzeugnis "knapp befriedigend", könnte man sagen. Für das zurückliegende Geschäftsjahr hat Concept die ursprünglichen Erlösvorgaben mit 24,8 Mill. Euro sogar leicht übertroffen. Beim Ebit stehen indes statt 2,6 Mill. Euro lediglich 0,3 Mill. Euro zu Buche. Und der Trend, an den Umsatzvorgaben festzuhalten und beim Gewinn kleinere Brötchen zu backen, scheint sich fortzusetzen: Mit einem Umsatzziel zwischen 38 und 43 Mill. Euro für das laufenden Jahr könne er sich "identifizieren", hatte Finanzvorstand Martin Reitz vor wenigen Tagen gesagt. Unterm Strich beließ er es mit der bescheidenen Vorgabe eines "positiven operativen Ergebnisses".
Dennoch: Mit Blick auf die Konkurrenz hat Concept die Internet-Ernüchterung noch vergleichsweise gut im Griff. Besser steht ohne Zweifel GFT da: Die 430 Mill. Euro schwere Gesellschaft aus dem Schwarzwald plant im laufenden Jahr bei einem Umsatz von 270 Mill. DM immerhin mit einer Ebit-Marge von 15 %. Die Bertelsmann-Tochter Pixelpark dagegen hat offensichtlich den Aufwand für die Integration ihrer Zukäufe unterschätzt. Dazu kommen stagnierende Umsätze, rote Zahlen, Rücktritt des Finanzvorstands - zurzeit scheint es nicht allzu schwer, sich erfolgreicher als das einstige Vorzeigeunternehmen der Branche zu präsentieren.
Vor allem die weltweit führenden Skandinavier haben in jüngster Zeit die Euphorie gedämpft: Framfrab konfrontierte die Finanzgemeinde mit Entlassungen und der Konzentration aufs Kerngeschäft. Die Europa-Ambitionen der in Schweden gegründete US-Gesellschaft Razorfish sind ins Stocken geraten.
Der Vorteil von Concept sind fraglos die Blue-Chip-Kunden des Unternehmens: Für die Deutsche Telekom konzipieren die Wiesbadener den "Telekiosk", das Privat-Banking-Portal der Deutschen Bank stammt ebenso aus Wiesbaden wie die IPO-Plattform der Dresdner Bank. Forderungsausfälle aus der Dotcom-Gemeinde sind nach eigenen Aussagen nicht zu erwarten, deren Erlösbeitrag sei "nicht signifikant". Für Ogilvy & Mather kümmert sich Concept in Deutschland um das Online-Geschäft. Die Ogilvy Interactive Germany ist eine 100 %-Tochter des Unternehmens, im Gegenzug hält der Werberiese 20 % an Concept.
Auslandsgeschäft forciert
"Wir werden in verschiedenen Ländern Europas sehr kurzfristig aktiv werden", hatte Unternehmensgründer Volker Tietgens beim Börsengang versprochen. Und in der Tat: Der damals einzigen Niederlassung in Miami sind Büros in Atlanta, Madrid, Warschau, Zürich und Wien gefolgt. In London hat Concept eine kleinere Gesellschaft übernommen, daneben besteht ein enge Partnerschaft mit der Relationship-Marketing-Group, einem europaweiten Netz von Direkt-Marketing-Agenturen. Gleichwohl ist der Auslandsanteil am Umsatz mit 5 % noch bescheiden. Unter anderem die Eröffnung zahlreicher neuer Büros im Inland sei ein Grund dafür, dass die Ergebnisziele nicht eingehalten worden sind. Solche Kosten seien nur bedingt planbar, sagte Reitz bei der Bilanzvorlage. Dienstleistungsgeschäft sei abhängig von guten Mitarbeitern, und wenn sich ad hoc ein Team finde, werde die Gelegenheit beim Schopf gepackt, ein neues Büro eröffnet - und das kostet zunächst einmal Geld.
Eine Illusion des Börsengangs hat sich inzwischen verflüchtigt. Die beiden Geschäftsfelder E-Commerce und Content, die mittelfristig bis zu 20 % der Umsätze beisteuern sollten, spielen in den aktuellen Überlegungen keine Rolle mehr. Beide Internet-Plattformen - "Infopoint" und "Jobpool" - stehen offensichtlich zum Verkauf.
Haltefrist läuft ab
Fantasie für die Zukunft bietet vor allem eines: die hohen Cash-Reserven von rund 95 Mill. Euro. Die vermeintliche Tatenlosigkeit und der Verzicht auf eine überteuerte Einkaufstour könnten sich im Nachhinein als Glücksfall erweisen. Die Zeit scheint erneut auf Seiten der Wiesbadener: Die Branche steht ganz offensichtlich vor einer Konsolidierung, und mit dem nötigen Finanzpolster im Rücken könnte Concept ein gewichtiges Wort mitreden. Allzu lange sollte der Vorstand nicht mehr warten: der Vorwurf, die Anleger hätten ihr Geld schließlich zur Verfügung gestellt, um Wachstum zu finanzieren, gilt nach wie vor. Immerhin: Auf bis zu einem Viertel des Kaufpreises haben sich nach eigenen Aussagen mögliche Übernahmekandidaten im Verlauf der Baisse verbilligt.
Der Kreis der Großaktionäre ist nach Aussagen der Gesellschaft seit dem Börsengang stabil: Demnach hält die Familie Tietgens 50,16 % der Anteile, Ogilvy ist mit 20 % engagiert, die Mitarbeiter kontrollieren 7,94 %, und 22 % der Unternehmensanteile sind im Streubesitz. Die Haltefrist der Altaktionäre endet in diesen Tagen.
Wenn sich ein Unternehmen heute noch mal den Zeitpunkt für seinen Börsengang aussuchen könnte, dann wäre wohl Frühjahr 2000 der klare Favorit. Die Euphorie an den Technologiebörsen war auf ihrem Höhepunkt, Wachstumsgrenzen schienen kaum mehr zu existieren, Parkettneulinge wurden durch die Bank mit horrenden Kursaufschlägen begrüßt, sobald sie das Verlangen nach glänzenden Perspektiven in der schönen, neuen Welt nur entsprechend zu befriedigen verstanden. Im Fieberwahn der Gier war gar schon von einem "Grundrecht auf Aktienzuteilung" die Rede. Zeichnen, zeichnen, zeichne und dabei sein beim großen Boom, war die Devise: "Werden wir jetzt alle reich?" titelte "Bild" am Gipfelpunkt des Wahnsinns. Die Erstzeichner von Concept jedenfalls sind es nicht geworden.
Aus Unternehmenssicht genau zum rechten Zeitpunkt platzierte der Wiesbadener Internet-Dienstleister Ende März 2000 seine Papiere. Aus Anlegersicht freilich war der Zeitpunkt denkbar schlecht: Gleich nach der Emission brach der gesamte Neue Markt in sich zusammen - von über 9 500 Punkten sackte der Nemax 50-Index seitdem auf weit unter 2 000 ab. Und der Marktverfall hat die Concept-Aktionäre der ersten Stunde voll erwischt: Wer das Papier zum Ausgabepreis von 49 Euro gekauft hat, muss heute einen Verlust von über 80 % beklagen.
Start-KGV von 158
Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von bis zu 158 hat die DG Bank 22 % der Unternehmensanteile am Markt untergebracht. "Traditionelle Bewertungsverfahren sind bei Internet-Unternehmen derzeit nicht sinnvoll anwendbar", hatte ein Vertreter der Emissionsführerin bei der Präsentation zum Börsengang verkündet. Seiner Ansicht nach sei das Unternehmen "fair bewertet", sagte er mit Blick auf die Vergleichsgruppe. "Fair bewertet", das entsprach vor Jahresfrist einem Unternehmensgewicht von 630 Mill. Euro, heute kostet die Gesellschaft noch 130 Mill. Euro. Allein: Die Nachfrage war trotz des überaus hohen Preises größer als das Angebot. Die Zeichnungsfrist musste gar vorzeitig beendet werden, das angebotene Volumen sei 23fach überzeichnet gewesen, hieß es.
Im Sog des Marktes
Und so ist die bisher leidvolle Börsengeschichte von Concept natürlich eng mit der des Gesamtmarktes verwoben und den Unternehmenslenkern kaum anzukreiden. Concept bezeichnet sich selbst als "Web-Architect". Interaktive Portale, das Design von Web-Seiten, 3D-Visualisierung und die entsprechenden Beratungsdienste: das ist das Geschäft des Unternehmens. Dabei waren die Wiesbadener schon vor Jahresfrist durchaus exotisch, denn anders als viele Neulinge auf dem Parkett sind sie profitabel in ihr Börsenabenteuer gestartet. Auf der Habenseite stand 1999 ein Ergebnis vor Steuern und Zinsen von 5 Mill. DM, getragen von 24 Mill. DM Umsatz.
Und die Versprechungen? Im Jahr des Börsengangs sollte bei einem Umsatz von 48 Mill. DM ein Ebit von 2,8 Mill. DM vor IPO-Kosten stehen. Für das jetzt laufende Geschäftsjahr hatte die Verwaltung damals Erlöse von 89 Mill. DM und 13,2 Mill. DM als Ebit vorgezeichnet. Zwischenzeugnis "knapp befriedigend", könnte man sagen. Für das zurückliegende Geschäftsjahr hat Concept die ursprünglichen Erlösvorgaben mit 24,8 Mill. Euro sogar leicht übertroffen. Beim Ebit stehen indes statt 2,6 Mill. Euro lediglich 0,3 Mill. Euro zu Buche. Und der Trend, an den Umsatzvorgaben festzuhalten und beim Gewinn kleinere Brötchen zu backen, scheint sich fortzusetzen: Mit einem Umsatzziel zwischen 38 und 43 Mill. Euro für das laufenden Jahr könne er sich "identifizieren", hatte Finanzvorstand Martin Reitz vor wenigen Tagen gesagt. Unterm Strich beließ er es mit der bescheidenen Vorgabe eines "positiven operativen Ergebnisses".
Dennoch: Mit Blick auf die Konkurrenz hat Concept die Internet-Ernüchterung noch vergleichsweise gut im Griff. Besser steht ohne Zweifel GFT da: Die 430 Mill. Euro schwere Gesellschaft aus dem Schwarzwald plant im laufenden Jahr bei einem Umsatz von 270 Mill. DM immerhin mit einer Ebit-Marge von 15 %. Die Bertelsmann-Tochter Pixelpark dagegen hat offensichtlich den Aufwand für die Integration ihrer Zukäufe unterschätzt. Dazu kommen stagnierende Umsätze, rote Zahlen, Rücktritt des Finanzvorstands - zurzeit scheint es nicht allzu schwer, sich erfolgreicher als das einstige Vorzeigeunternehmen der Branche zu präsentieren.
Vor allem die weltweit führenden Skandinavier haben in jüngster Zeit die Euphorie gedämpft: Framfrab konfrontierte die Finanzgemeinde mit Entlassungen und der Konzentration aufs Kerngeschäft. Die Europa-Ambitionen der in Schweden gegründete US-Gesellschaft Razorfish sind ins Stocken geraten.
Der Vorteil von Concept sind fraglos die Blue-Chip-Kunden des Unternehmens: Für die Deutsche Telekom konzipieren die Wiesbadener den "Telekiosk", das Privat-Banking-Portal der Deutschen Bank stammt ebenso aus Wiesbaden wie die IPO-Plattform der Dresdner Bank. Forderungsausfälle aus der Dotcom-Gemeinde sind nach eigenen Aussagen nicht zu erwarten, deren Erlösbeitrag sei "nicht signifikant". Für Ogilvy & Mather kümmert sich Concept in Deutschland um das Online-Geschäft. Die Ogilvy Interactive Germany ist eine 100 %-Tochter des Unternehmens, im Gegenzug hält der Werberiese 20 % an Concept.
Auslandsgeschäft forciert
"Wir werden in verschiedenen Ländern Europas sehr kurzfristig aktiv werden", hatte Unternehmensgründer Volker Tietgens beim Börsengang versprochen. Und in der Tat: Der damals einzigen Niederlassung in Miami sind Büros in Atlanta, Madrid, Warschau, Zürich und Wien gefolgt. In London hat Concept eine kleinere Gesellschaft übernommen, daneben besteht ein enge Partnerschaft mit der Relationship-Marketing-Group, einem europaweiten Netz von Direkt-Marketing-Agenturen. Gleichwohl ist der Auslandsanteil am Umsatz mit 5 % noch bescheiden. Unter anderem die Eröffnung zahlreicher neuer Büros im Inland sei ein Grund dafür, dass die Ergebnisziele nicht eingehalten worden sind. Solche Kosten seien nur bedingt planbar, sagte Reitz bei der Bilanzvorlage. Dienstleistungsgeschäft sei abhängig von guten Mitarbeitern, und wenn sich ad hoc ein Team finde, werde die Gelegenheit beim Schopf gepackt, ein neues Büro eröffnet - und das kostet zunächst einmal Geld.
Eine Illusion des Börsengangs hat sich inzwischen verflüchtigt. Die beiden Geschäftsfelder E-Commerce und Content, die mittelfristig bis zu 20 % der Umsätze beisteuern sollten, spielen in den aktuellen Überlegungen keine Rolle mehr. Beide Internet-Plattformen - "Infopoint" und "Jobpool" - stehen offensichtlich zum Verkauf.
Haltefrist läuft ab
Fantasie für die Zukunft bietet vor allem eines: die hohen Cash-Reserven von rund 95 Mill. Euro. Die vermeintliche Tatenlosigkeit und der Verzicht auf eine überteuerte Einkaufstour könnten sich im Nachhinein als Glücksfall erweisen. Die Zeit scheint erneut auf Seiten der Wiesbadener: Die Branche steht ganz offensichtlich vor einer Konsolidierung, und mit dem nötigen Finanzpolster im Rücken könnte Concept ein gewichtiges Wort mitreden. Allzu lange sollte der Vorstand nicht mehr warten: der Vorwurf, die Anleger hätten ihr Geld schließlich zur Verfügung gestellt, um Wachstum zu finanzieren, gilt nach wie vor. Immerhin: Auf bis zu einem Viertel des Kaufpreises haben sich nach eigenen Aussagen mögliche Übernahmekandidaten im Verlauf der Baisse verbilligt.
Der Kreis der Großaktionäre ist nach Aussagen der Gesellschaft seit dem Börsengang stabil: Demnach hält die Familie Tietgens 50,16 % der Anteile, Ogilvy ist mit 20 % engagiert, die Mitarbeiter kontrollieren 7,94 %, und 22 % der Unternehmensanteile sind im Streubesitz. Die Haltefrist der Altaktionäre endet in diesen Tagen.