Guten Morgen !
Also was im Moment mit der Indusaktie los ist, ist eigentlich unerklärlich und verrückt. Es gibt quasi jeden Tag neue Tiefststände und wenn man sich das Chartbild seit Mitte April anschaut, geht der Kurs vom Hoch Mitte April bis gestern schnurstracks von oben links bis unten rechts.
Der Höchstkurs (27,4 Euro) in den letzten sechs Monaten (also in einem Zeitraum in dem es den Ukrainekonflikt und die Lieferketteproblematik etc. alles schon gab), in dem der DAX etwa 1.000 Punkte (entsprechend etwa 6%) abgegeben hat, ist jetzt schon etwa 9 Euro entfernt - das bedeutet einen Absturz von fast einem Drittel - oder anders ausgedrückt: Wenn der DAX seinen Stand von Mitte April wieder erreichen möchte, müsste er knapp 7% zulegen, wenn Indus den Höchstkurs aus April wieder erreichen möchte, würde das Aufwärtspotential für die Aktie inzwischen bei mehr als 45% liegen.
Dennoch fällt die Aktie wie ein Stein.
Wenn man sich die Fundamentaldaten anschaut, wird die Sache noch verrückter. Schaut man sich die Kursziele der Analysten an, die die Aktie nach den zuletzt veröffentlichten Halbjahreszahlen bewertet haben, kommt man im Schnitt (bei drei Kauf- und drei Halteempfehlungen) auf 28,60 Euro. Das niedrigste Kursziel wurde von der LBBW mit 25 Euro angesetzt. Die neueste Studie aus Oktober sieht das Kursziel bei 29 Euro. Das Aufwärtspotential in Bezug auf die Analystenkursziele ist also gewaltig!
Schaut man sich die von den Analysten erwarteten Kennzahlen an, kommen die beim EpS im Schnitt für die nächsten drei Jahre auf Werte von 2,94 Euro (2023), 3,44 Euro (2024) und 3,80 Euro für 2025. Bei einem Kurs von 18,80 Euro bedeutet das ein KGV von 6,4 (2023), 5,5 (2024) und 4,9 für 2025.
Nimmt man mal die pessimistischste Studie und die neueste Studie (das Kursziel bei der pessimistischsten Studie liegt wie gesagt bei 25 Euro und auch das Ziel der neuesten Studie wurde keineswegs euphorisch bei 29 Euro gesetzt), kommt man für 2023 auf 2,30 Euro (entsprechend einem KGV von gut 8) und für 2024 von 3,45 Euro (entsprechend einem KGV von 5,4).
Da Indus ja auch regelmäßiger Dividendenzahler ist, werden diese für die Jahre 2023 bis 2025 von den Analysten ebenfalls geschätzt. Im Mittel glauben die Analysten, dass für diese drei Jahre insgesamt 3,72 Euro Dividende gezahlt werden (macht für die drei Jahre zusammen 19,8% bezogen auf den gestrigen Kurs - in den einzelnen Jahren - 2023: 5%, 2024: 6,9% und 2025: 7,9%).
Indus selber hält an seiner im Rahmen des Programms PARKOUR gegebenen Prognose fest, die für 2025 einen Umsatz von über 2 Mrd Euro vorsieht und eine Ebitmarge von nachhaltig über 10% (bisher gibt es dazu keine Korrektur, wobei mMn natürlich klar sein sollte, dass sich diese Prognose nur erreichen lässt, wenn die Wirtschaft nicht allzulange in der Rezession verbleibt). Da der Umsatz schon in 2022 bei etwa 1,8 Mrd Euro lag und in diesem Jahr auf etwa 1,9 Mrd Euro steigen dürfte (jedenfalls nach der Aussage im Halbjahresbericht), sollten die 2 Mrd Euro in 2025 erreichbar sein. Die Marge hinkt noch etwas hinterher - lag aber in wirtschaftlich erfreulicheren Jahren als 2023 für die noch im Konzern befindlichen Unternehmen bei 10%. Würde man unterstellen, dass Indus die Ziele für 2025 knapp erreicht, würde das ein EBIT von 200 Mio Euro entsprechen - also noch etwas mehr als die Analysten für 2025 ermitteln (186 Mio Euro, was eben zu einem EpS von 3,80 Euro und einer Dividende von 1,49 Euro führen soll). Insofern sind die Zielzahlen auch unternehmensseitig bestätigt und veröffentlicht.
Strukturell hat Indus inzwischen die Trennung vom hoch defizitären Teil des früheren Automobilbereichs vollzogen. Dieser Bereich hat in den letzten Jahren hohe Verluste verschuldet und auch zu finanziellen Fehlallokationen geführt (weil man "gutes" Geld in die schwächelnden Firmen gepumpt hat, das man besser anders verwendet hätte). Man hat die Holdingstruktur ebenfalls geschärft und führt die Holdingunternehmen nun etwas enger - auch durch die klar zugewiesenen Verantwortlichkeiten im Vorstand der Indus. Und man ist nach wie vor dazu in der Lage die vorhandene Holding durch weitere Zukäufe zu verstärken - Zukäufe sind klar kommuniziertes strategisches Ziel (mal schauen, ob es in diesem Jahr noch mit dem angestrebten Zukauf klappt) der Indus.
Natürlich wäre es fahrlässig, zu verschweigen, dass die derzeit in der Krise befindliche Konjunktur in Deutschland auch Auswirkungen auf die Indus hat - zumal es in der Indus ja auch Unternehmen gibt, die von der Baukonjunktur abhängig sind - und die läuft ja bekanntlich besonders schlecht im Moment. Das gilt aber eben nicht für alle Unternehmen aus dem Bereich "Infrastructure". Zudem hat Indus ja die Margenprognose für diesen Bereich aber ja auch im Rahmen der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen schon nach unten korrigiert - und damit eben der schwächelnden Konjunktur für einige Unternehmen aus diesem Bereich Rechnung getragen.
Es gibt einen (ebenfalls auf der Homepage der Indus verlinkten) interessanten Artikel des Nebenwertejournals, dessen Überschrift "Operative Fortschritte versus Konjunktursorgen" sicher gut zusammenfasst, warum Teile des Marktes der Indusaktie derzeit eher skeptisch gegenüberstehen.
Ich hätte daher schon ein gewisses Verständnis, wenn man der Aktie angesichts der Tatsache, dass die Konjunktur in Deutschland in der Rezession steckt und die Baukonjunktur derzeit besonders schlecht läuft, vorübergehend nur kleinere KGVs zugesteht als das vielleicht historisch üblich war. Aber man sollte auch sehen, dass die Indusaktie auch schonmal bei 60 Euro stand und bis weit in das Jahr 2021 noch Kurse deutlich über 30 Euro üblich waren. Und die Tatsache, dass die Aktie in den letzten Monaten so derart "abschmiert" ist mMn mit allgemeinen Konjunktursorgen auch nicht zu erklären. Wie gesagt: Dass die Aktie eines Unternehmens, das in den letzten Monaten seine strukturellen Probleme gelöst hat, in diesem Umfeld nicht zu neuen Höchstkursen aufbricht - einverstanden. Aber dass die Aktie so dermaßen unter die Räder kommt, ist für mich nicht nachvollziehbar.
Ich will aber auch nicht verschweigen, dass ich mich z.B. bei meinem Depotwert Dürr seinerzeit auch darauf verlassen habe, dass der Vorstand die Prognose für das laufende und die kommenden Jahre nicht kassiert, der Vorstand aber genau das gemacht hat und die Aktie danach eingebrochen ist. Im Grunde wäre der Kursverlauf der letzten Monate nur dann erklärbar, wenn einige Marktteilnehmer wissen würden, dass die Q3 Zahlen, die Mitte November veröffentlicht werden, mau ausfallen und/oder die Prognose für 2023 ff. eingestampft werden würden. Ich kann mir das nicht wirklich vorstellen, aber ich konnte mir das bei Dürr auch nicht vorstellen.
Wenn man mal davon ausgeht, dass das nicht passiert, sind die aktuellen Kurse sicher extrem günstig (siehe die geschätzten EpS und Dividende für die nächsten Jahre)
Auf Basis der derzeit verfügbaren Daten ist der Kursverfall jedenfalls für mich nicht erklärbar.