In die Gesundheit anderer lässt sich gut investieren
von Wolfgang Mulke
Wenn Gesundheitsministerin Ulla Schmidt das Wort erhebt, sieht sich mancher Regierungskollege in den Karneval versetzt. Die rheinische Sozialdemokratin trägt im gern Singsang einer Büttenrede vor. Inhaltlich erzeugt die als Frohnatur geltende Politikerin allerdings wenig Heiterkeit. Die Bundesregierung ist in den letzten Monaten heftig unter Druck geraten, weil es vor den Wahlen am 22. September 2002 keine Gesundheitsreform mehr geben sollte. Derweil explodierten im Land die Kosten für Pillen und Salben, für Klinikaufenthalte und Arztbesuche.
Die Folgen bekommen in diesem Jahr die Versicherten in den Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) zu spüren. Die Kassen erhöhten die Beiträge kräftig. Bis zu 15 Prozent des Bruttolohnes geben die Arbeitnehmer nun für den Krankheitsschutz aus. Mit kleinen Reförmchen will Schmidt die leidige Problemlösung über den Wahltag hinaus schieben.
Anreiz zum Sparen fehlt
Doch das System steht vor großen Problemen. Die Menschen werden immer älter und benötigen daher naturgemäß häufiger und länger eine medizinische Betreuung. Zudem werden überall auf der Welt in schneller Folge neue und bessere Behandlungsmethoden entwickelt. Diese Therapien sind anfangs deutlich teurer als herkömmliche. Zudem verhindert ein kompliziertes Interessensgeflecht und der Kampf um das Milliardengeschäft Gesundheit eine wirksame Kur. Allein die GKV gaben im vergangenen Jahr mehr als 130 Milliarden Euro für die Leistungen von Ärzten, Apothekern, Pharmahersteller und Krankenhäusern aus. Noch einmal dieselbe Summe bezahlen die Patienten für selbst finanzierte Heil- und Pflegemittel. Die Kostenentwicklung der letzten zehn Jahre zeigt das Dilemma, in dem die Politik steckt. Innerhalb eines Jahrzehnts stiegen die Ausgaben der GKV um 40 Milliarden Euro an.
Die wichtigste Schwäche des Systems sind die geringen Anreize zum sparsamen Verhalten. Es werden zu große Arzneimitteldosen verordnet und die Patienten wissen nicht, was ihr Arzt alles abrechnet. Die Kassen handeln wiederum mit der Ärztevertretung einen generellen Leistungskatalog aus und haben wenig Einfluss auf die effiziente Verwendung ihrer Zahlungen. Apotheken und Pharmahersteller wehren sich mit Händen und Klauen gegen unliebsame Beschlüsse, etwa gegen die Aufhebung der Festpreise für Pillen und Salben und die Lobbyisten der Gesundheitsbranche haben eine gewaltige Macht.
Medizintechniker haben viel zu bieten
Des einen Leid ist des anderen Freud. Die Unternehmen in den Gesundheitssparten können auf ein vergleichsweise sicheres anhaltendes Wachstum bauen. Anleger haben dies längst begriffen. Die als konservativ geltenden Pharmawerte und die als extrem wachstumsstark angesehenen Biotech-Aktien sind in vielen Musterdepots zu finden. Bei letzteren treibt die Hoffnung auf einen „Blockbuster“, also eine durchschlagend erfolgreiche neue Arznei mit Milliardenverkäufen, die Hoffnung. Entsprechend hoch sind die Papiere bewertet. Weniger wahrgenommen werden die Werte der zweiten Reihe des Gesundheitswesens, die Hersteller von Medizintechnik und Ausrüstungen, sowie die Betreiber von Krankenhäusern und Heimen. In diesen Sparten hat der Kurszettel deutscher Börsen einiges zu bieten.
Die Größenordnung des Marktes ist beträchtlich. Die Landesbank Baden-Württemberg schätzt, dass ein Drittel der weltweit 3,3 Billionen Dollar Umsatz rund um die Gesundheit für medizinisches Gerät ausgegeben werden. Die Produktpalette reicht von der einfachen Ausstattung mit Werkzeugen für die Operation, über Röntgengeräte, Kleinstlaser, bis hin zu Hightech-Körpersonden im Miniformat.
Verhaltener Optimismus für Fresenius
Bei internationalen Großkonzernen wie Siemens, General Electric oder Philips stellt die Medizintechnik nur einen kleinen Teil der Geschäftsaktivitäten. Unter den Dax-Werten findet sich mit Fresenius Medical Care (FMC) nur ein spezialisierter Branchenwert. Der aus einer deutsch-amerikanischen Fusion hervorgegangene Konzern betreibt weltweit über 1300 Dialysekliniken. Im ersten Halbjahr 2001 setzte der Gesundheitsriese mit 3,5 Milliarden Euro 21 Prozent mehr um als im Vorjahreszeitraum. Der Nachsteuergewinn kletterte immerhin noch um 13 Prozent.
Die Analysten sind in ihren Empfehlungen verhalten optimistisch. Als Marketperformer stufte die WGZ-Bank ein. Nach Kursverlusten im vergangenen Jahr sei der Einstieg wieder attraktiv. Kursrisiken drohen nach Ansicht des Maklerhauses Nols aus technischen Gründen. Mit einer Neugewichtung des Streubesitzes bei der Indexberechnung verschlechtere sich der Anteil der FMC-Stammaktien am Dax. Zugleich erhöht sich die Gewichtung der wiederum im MDax notierten Vorzugsaktien. Dies könne den Kurs der Stämme belasten, den der Vorzüge befördern, glauben die Makler.
Rösch bereitet Anlegern Kopfzerbrechen
Interessante Unternehmen sind am Neuen Markt zu finden. Die kleineren Firmen haben sich überwiegend auf Nischenmärkte spezialisiert. Die Betriebe finden damit beträchtliche Wachstumschancen vor. Ein Beispiel dafür ist die Rösch AG, die sich auf nadelfreie Injektionsgeräte spezialisiert hat. Welches generelle Potenzial solche Entwicklungen bergen, belegt eine Blick auf die Krankenstatistik. Allein in Deutschland sind zwischen 500 000 und einer Million Patienten an Diabetes erkrankt. Ihnen würde das Produkt Qualen ersparen.
Die „Spritze ohne Nadel und Schmerzen“, wie der Vorstand das Produkt allgemeinverständlich beschreibt, hat den Anlegern jedoch einiges Kopfzerbrechen bereitet. Denn die Zulassung der Geräte durch die Krankenversicherungen verzögerte sich immer wieder. Auch der Vertrieb klappte nicht wie gewünscht. Prognosen konnten nicht eingehalten werden, der Kurs litt beträchtlich. Der Vorstand will aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und möglichst schnell in die Gewinnzone vordringen. Nach Ansicht vieler Experten sind die hier offenbarten Schwächen typisch für die Risiken der kleinen Medizintechnik-Firmen. Vor allem im Vertrieb sehen Beobachter einen Nachholbedarf.
Viele aussichtsreiche Werte
Zu den aussichtreichen Kandidaten der Gesundheitsparte zählt aap Implantate, dass mit zum Teil konkurrenzlosen Produkten am Markt ist und neben Metall auf aus Biomaterialien bestehende Implantate setzt. Das Unternehmen hat für 2002 ein Umsatzwachstum von bis zu 50 Prozent und ein deutlich positives Ergebnis angekündigt. Die NordLB empfiehlt den Anbieter von Lasertechnik Wavelight und hält die Firmen wie W.O.M. World of Medicine sowie Biolitec für aussichtsreich. Von den Analysten regelmäßig beobachtet werden zudem Eckert & Ziegler, die Implantate zur Krebsbehandlung herstellen, Euromed und Pulsion.
Anleger, die weniger auf riskante Hightech-Werte als vielmehr auf leicht fassbare Geschäftskonzepte aus sind, werden an den Börsen ebenfalls fündig. Eine Klinikbetreiber haben den Sprung auf das Parkett gewagt. Gute Wachstumschancen attestieren Analysten dabei der Krankenhaus-Kette Rhön Klinikum AG. Goldman Sachs stufte das Papier als „Market Outperformer“ ein. Konkurrenten sind beispielsweise die Mediclin AG und Marseille Kliniken AG. Letztere ist kürzlich aus fachfremden Gründen in die Schlagzeilen geraten. Der als streitbar bekannte Firmengründer unterstützt den Hamburger Rechtspopulisten Roland Schill bei seinem Kreuzzug für Ordnung und Sitte.
Anleger können ihre Auswahl also aus reichlich vielen Geschäftsideen treffen. Doch wie geht es weiter mit dem Gesundheitsmarkt? Über die wichtigsten Trends sind sich die Experten einig. In den Industrieländern wird der Sparzwang zunehmen, ebenso auch der Bedarf an Behandlungstechnik und Therapien. Die öffentlichen Hände wollen mehr Wettbewerb in das Gesundheitswesen bringen, um so die Kosten zu drücken. Das geht tendenziell zu Lasten der Anbieter. Andererseits werden die Firmen mit innovativen und vielleicht effizienteren Methoden vom Reformzwang besonders profitieren.