Amerikanische Ökonomen warnen beim WEF
"In den USA braut sich etwas zusammen"
Selten zuvor waren sich prominente Wirtschaftsexperten beim Treffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos so einig: Die Weltkonjunktur gibt dieses Jahr zu verhaltenem Optimismus Anlass, trotz des hohen Ölpreises. Nur noch ein Land macht Stephen Roach, dem Chefökonomen der US-Investmentbank Morgan Stanley, und seinen Kollegen Sorgen: die USA.
DAVOS/DÜSSELDORF. Roach: „Ich bin optimistisch für China und Indien, auch für Japan, und ich sehe sogar in Europa positive Entwicklungen. Aber in den USA braut sich etwas zusammen: Irgendwann wird der private Verbrauch zusammen brechen. Die Sparquote der Amerikaner ist zu niedrig.“
Auf dem Podium, das sich Roach mit dem Vizechef des Versicherungskonzerns AIG, Jacob Frenkel, dem japanischen Professor Takatoshi Ito und Laura Tyson von der London Business School teilte, erntete der streitbare Amerikaner ungeteilten Beifall für diese Bemerkung. Frenkel machte auf ein weiteres US-Risiko für die Weltwirtschaft aufmerksam, das in seinen Augen bisher in Washington ignoriert wird: das ungebremst wachsende Haushaltsdefizit und das chronische Leistungsbilanzdefizit. Frenkel: „Wann hört die Musik auf zu spielen? Noch läuft die Musik, und sie wird weiter laufen, aber sie wird sich verändern. Länder, die heute die Lokomotive der Weltwirtschaft sind, werden zu Gezogenen. Und umgekehrt“, sagte der AIG-Chef mit Blick auf die US-Konjunktur.
Alle vier Experten monierten zwar die von der US-Politik provozierten Ungleichgewichte auf den Weltwährungsmärkten – schwacher Dollar und starker Euro, Druck auf Renmimbi und Yen zur raschen Aufwertung – glaubten aber nicht, dass sich daran kurzfristig etwas ändert. Eine nachhaltig negative Wirkung auf den Dollar als die führende Reservewährung sahen sie nicht, auch wenn dem Euro zugetraut wird, künftig mehr in asiatische Währungsreserven zu fließen als bisher.
Die Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) dagegen, zu deren 31 Mitgliedern hauptsächlich hoch entwickelte Industriestaaten zählen, erwartet, dass der hohe Ölpreis das Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr doch bremsen könnte. Auch der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) Rodrigo Rato hat den Ölpreis immer wieder als größtes Risiko für die konjunkturelle Entwicklung bezeichnet. In diesem Jahr wird die Weltwirtschaft um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen, erwartet der IWF. Diese Wachstumsrate entspricht dem langfristigen Trend. 2005 war die Weltwirtschaft noch um fünf Prozent gewachsen – und damit so stark wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.
Die negativen Auswirkungen des Ölpreises auf die gesamtwirtschaftliche Produktion und die Inflation sind zwar vergleichsweise gering. Ein um acht US-Dollar höherer Ölpreis bremst das weltweite Wirtschaftswachstum um rund einen halben Prozentpunkt, nennt der IWF eine Faustformel. Deutlich schwerer wiege allerdings, dass ein höherer Ölpreis das Vertrauensklima in der Wirtschaft verschlechtert, gibt die OECD zu Bedenken. Die Organisation erwartet, dass Ölpreis bis zum Jahresende 2006 auf 44 US-Dollar je Barrel (159 Liter) sinkt.
Der zweite große Risikofaktor für die Weltwirtschaft ist die Wechselkursentwicklung. Der Euro hat im vergangenen Jahr deutlich gegenüber dem US-Dollar aufgewertet. Dadurch haben sich die Exporte europäischer Produkte am Weltmarkt verteuert. Allerdings wurde dieser Effekt durch den Boom der Weltwirtschaft überkompensiert, und der Export lief weiter auf Hochtouren.
In der US-Leistungsbilanz wiederum klafft noch immer ein tiefes Loch – die Importe steigen weiter schneller als die Ausfuhren, obwohl US-Produkte durch die Abwertung des Dollars am Weltmarkt preiswerter geworden sind. Das Defizit der US-Leistungsbilanz hat sich inzwischen auf gut 5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) summiert und gilt als eine der zentralen Gefahren für die Weltwirtschaft. Denn sollten die internationalen Investoren das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort USA verlieren, droht eine massive Abwertung des US-Dollars.
Die Leistungsbilanz ist eine Gegenüberstellung aller realwirtschaftlichen Transaktionen eines Landes mit dem Ausland. Der wichtigster Bestandteil ist die Handels- und Dienstleistungsbilanz. Ein Defizit bedeutet, das ein Land über seine Verhältnisse lebt: Die Amerikaner konsumieren deutlich mehr, als sie selbst herstellen. Um das Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren, müssen aus dem Ausland pro Tag unter dem Strich rund 1,8 Mrd. US-Dollar Kapital ins Land fließen.
Ob und wann es zu einer drastischen Abwertung des Dollars kommt, vermag aber kein Experte zu sagen. Die OECD rechnet bis 2006 nicht mit Währungsturbulenzen. Sie geht davon aus, dass der Euro bis Ende 2006 etwa 1,30 US-Dollar kostet und somit etwa auf dem Stand von Anfang November 2004 verharrt.
Die weltweit am schnellsten wachsende Volkswirtschaft wird in diesem Jahr erneut China sein. Nachdem das BIP der Volksrepublik im vergangenen Jahr um neun Prozent gestiegen ist, rechnen Ökonomen für dieses Jahr mit einem Plus von etwa acht Prozent. Dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bereitet die Entwicklung der chinesischen Boom-Wirtschaft Sorge. China müsse die strukturellen Reformen beschleunigen, auch um das Risiko neuer fauler Kredite zu dämpfen.
Im Vergleich zum chinesischen Wachstum wirkt sich das Wachstum der 31 in der OECD zusammen gefassten Industriestaaten mager aus: Die Volkswirtschaften des OECD-Raums werden dieses Jahr um knapp drei Prozent wachsen. 2006 sollen die Impulse von der Weltwirtschaft dann zu höheren Investitionen und über diesen Weg zu mehr Beschäftigung führen, was wiederum den Konsum stützten dürfte.
Die wachstumsstärkste Region innerhalb der OECD werden die USA bleiben – auch wenn die Euro-Zone bis zum Jahr 2006 aufholen dürfte. Das US-BIP werde in diesem Jahr um rund vier Prozent wachsen, für die Euro-Zone erwarten Volkswirte nur eine Rate von etwa 1,5 Prozent. Etwas optimistischer ist Europäische Zentralbank (EZB), die im Mittelwert einen Anstieg von 1,9 Prozent erwartet.
Die Europäische Union (EU) hatte sich im Jahr 2000 in Lissabon vorgenommen, Europa binnen zehn Jahren zum technologisch fortschrittlichsten Wirtschaftsraum der Welt zu entwickeln. Die EU müsse die Verpflichtungen aus der Agenda von Lissabon endlich ernst nehmen, fordert nun der Chefökonom des Weltwirtschaftsforums, Augusto Lopez-Claros im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Die Initiative kam auf dem Höhepunkt des Börsenbooms. In der nachfolgenden Rezession ist das Projekt in Vergessenheit geraten“, moniert Lopez-Claros. Europa werde in den nächsten Jahren die wirtschaftliche und technische Herausforderung durch die Volksrepublik China immer deutlicher zu spüren bekommen. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird Europa irrelevant.“ Nach wie vor beobachtet der Wissenschaftler ein zögerliches Reformverhalten in Europa. Die Hartz IV-Gesetze zur Belebung des deutschen Arbeitsmarkts seien zwar gut, kämen aber eindeutig zu spät.
Europa müsse neben einer durchgreifenden Liberalisierung der Arbeitsmärkte dringend seine Finanzverfassung überarbeiten. „Die Defizite in den europäischen Haushalten führen zu schwerwiegenden makroökonomischen Verzerrungen.“ Die Budgets in Ordnung zu bringen, ist für Lopez-Claros umso dringlicher, als die europäischen Gesellschaften vor einem Probleme stehen, das ihnen neue finanzielle Belastungen aufbürdet. „Angesichts des Alterungsprozesses wie in Italien über Steuerreduzierungen zu debattieren, ist einfach dumm.“
Quelle: handelsblatt.com
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Der Einsame Samariter
"In den USA braut sich etwas zusammen"
Selten zuvor waren sich prominente Wirtschaftsexperten beim Treffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos so einig: Die Weltkonjunktur gibt dieses Jahr zu verhaltenem Optimismus Anlass, trotz des hohen Ölpreises. Nur noch ein Land macht Stephen Roach, dem Chefökonomen der US-Investmentbank Morgan Stanley, und seinen Kollegen Sorgen: die USA.
Auf dem Podium, das sich Roach mit dem Vizechef des Versicherungskonzerns AIG, Jacob Frenkel, dem japanischen Professor Takatoshi Ito und Laura Tyson von der London Business School teilte, erntete der streitbare Amerikaner ungeteilten Beifall für diese Bemerkung. Frenkel machte auf ein weiteres US-Risiko für die Weltwirtschaft aufmerksam, das in seinen Augen bisher in Washington ignoriert wird: das ungebremst wachsende Haushaltsdefizit und das chronische Leistungsbilanzdefizit. Frenkel: „Wann hört die Musik auf zu spielen? Noch läuft die Musik, und sie wird weiter laufen, aber sie wird sich verändern. Länder, die heute die Lokomotive der Weltwirtschaft sind, werden zu Gezogenen. Und umgekehrt“, sagte der AIG-Chef mit Blick auf die US-Konjunktur.
Alle vier Experten monierten zwar die von der US-Politik provozierten Ungleichgewichte auf den Weltwährungsmärkten – schwacher Dollar und starker Euro, Druck auf Renmimbi und Yen zur raschen Aufwertung – glaubten aber nicht, dass sich daran kurzfristig etwas ändert. Eine nachhaltig negative Wirkung auf den Dollar als die führende Reservewährung sahen sie nicht, auch wenn dem Euro zugetraut wird, künftig mehr in asiatische Währungsreserven zu fließen als bisher.
Die Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) dagegen, zu deren 31 Mitgliedern hauptsächlich hoch entwickelte Industriestaaten zählen, erwartet, dass der hohe Ölpreis das Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr doch bremsen könnte. Auch der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) Rodrigo Rato hat den Ölpreis immer wieder als größtes Risiko für die konjunkturelle Entwicklung bezeichnet. In diesem Jahr wird die Weltwirtschaft um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen, erwartet der IWF. Diese Wachstumsrate entspricht dem langfristigen Trend. 2005 war die Weltwirtschaft noch um fünf Prozent gewachsen – und damit so stark wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.
Die negativen Auswirkungen des Ölpreises auf die gesamtwirtschaftliche Produktion und die Inflation sind zwar vergleichsweise gering. Ein um acht US-Dollar höherer Ölpreis bremst das weltweite Wirtschaftswachstum um rund einen halben Prozentpunkt, nennt der IWF eine Faustformel. Deutlich schwerer wiege allerdings, dass ein höherer Ölpreis das Vertrauensklima in der Wirtschaft verschlechtert, gibt die OECD zu Bedenken. Die Organisation erwartet, dass Ölpreis bis zum Jahresende 2006 auf 44 US-Dollar je Barrel (159 Liter) sinkt.
Der zweite große Risikofaktor für die Weltwirtschaft ist die Wechselkursentwicklung. Der Euro hat im vergangenen Jahr deutlich gegenüber dem US-Dollar aufgewertet. Dadurch haben sich die Exporte europäischer Produkte am Weltmarkt verteuert. Allerdings wurde dieser Effekt durch den Boom der Weltwirtschaft überkompensiert, und der Export lief weiter auf Hochtouren.
In der US-Leistungsbilanz wiederum klafft noch immer ein tiefes Loch – die Importe steigen weiter schneller als die Ausfuhren, obwohl US-Produkte durch die Abwertung des Dollars am Weltmarkt preiswerter geworden sind. Das Defizit der US-Leistungsbilanz hat sich inzwischen auf gut 5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) summiert und gilt als eine der zentralen Gefahren für die Weltwirtschaft. Denn sollten die internationalen Investoren das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort USA verlieren, droht eine massive Abwertung des US-Dollars.
Die Leistungsbilanz ist eine Gegenüberstellung aller realwirtschaftlichen Transaktionen eines Landes mit dem Ausland. Der wichtigster Bestandteil ist die Handels- und Dienstleistungsbilanz. Ein Defizit bedeutet, das ein Land über seine Verhältnisse lebt: Die Amerikaner konsumieren deutlich mehr, als sie selbst herstellen. Um das Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren, müssen aus dem Ausland pro Tag unter dem Strich rund 1,8 Mrd. US-Dollar Kapital ins Land fließen.
Ob und wann es zu einer drastischen Abwertung des Dollars kommt, vermag aber kein Experte zu sagen. Die OECD rechnet bis 2006 nicht mit Währungsturbulenzen. Sie geht davon aus, dass der Euro bis Ende 2006 etwa 1,30 US-Dollar kostet und somit etwa auf dem Stand von Anfang November 2004 verharrt.
Die weltweit am schnellsten wachsende Volkswirtschaft wird in diesem Jahr erneut China sein. Nachdem das BIP der Volksrepublik im vergangenen Jahr um neun Prozent gestiegen ist, rechnen Ökonomen für dieses Jahr mit einem Plus von etwa acht Prozent. Dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bereitet die Entwicklung der chinesischen Boom-Wirtschaft Sorge. China müsse die strukturellen Reformen beschleunigen, auch um das Risiko neuer fauler Kredite zu dämpfen.
Im Vergleich zum chinesischen Wachstum wirkt sich das Wachstum der 31 in der OECD zusammen gefassten Industriestaaten mager aus: Die Volkswirtschaften des OECD-Raums werden dieses Jahr um knapp drei Prozent wachsen. 2006 sollen die Impulse von der Weltwirtschaft dann zu höheren Investitionen und über diesen Weg zu mehr Beschäftigung führen, was wiederum den Konsum stützten dürfte.
Die wachstumsstärkste Region innerhalb der OECD werden die USA bleiben – auch wenn die Euro-Zone bis zum Jahr 2006 aufholen dürfte. Das US-BIP werde in diesem Jahr um rund vier Prozent wachsen, für die Euro-Zone erwarten Volkswirte nur eine Rate von etwa 1,5 Prozent. Etwas optimistischer ist Europäische Zentralbank (EZB), die im Mittelwert einen Anstieg von 1,9 Prozent erwartet.
Die Europäische Union (EU) hatte sich im Jahr 2000 in Lissabon vorgenommen, Europa binnen zehn Jahren zum technologisch fortschrittlichsten Wirtschaftsraum der Welt zu entwickeln. Die EU müsse die Verpflichtungen aus der Agenda von Lissabon endlich ernst nehmen, fordert nun der Chefökonom des Weltwirtschaftsforums, Augusto Lopez-Claros im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Die Initiative kam auf dem Höhepunkt des Börsenbooms. In der nachfolgenden Rezession ist das Projekt in Vergessenheit geraten“, moniert Lopez-Claros. Europa werde in den nächsten Jahren die wirtschaftliche und technische Herausforderung durch die Volksrepublik China immer deutlicher zu spüren bekommen. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird Europa irrelevant.“ Nach wie vor beobachtet der Wissenschaftler ein zögerliches Reformverhalten in Europa. Die Hartz IV-Gesetze zur Belebung des deutschen Arbeitsmarkts seien zwar gut, kämen aber eindeutig zu spät.
Europa müsse neben einer durchgreifenden Liberalisierung der Arbeitsmärkte dringend seine Finanzverfassung überarbeiten. „Die Defizite in den europäischen Haushalten führen zu schwerwiegenden makroökonomischen Verzerrungen.“ Die Budgets in Ordnung zu bringen, ist für Lopez-Claros umso dringlicher, als die europäischen Gesellschaften vor einem Probleme stehen, das ihnen neue finanzielle Belastungen aufbürdet. „Angesichts des Alterungsprozesses wie in Italien über Steuerreduzierungen zu debattieren, ist einfach dumm.“
Quelle: handelsblatt.com
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Der Einsame Samariter