ftd.de, Mo, 21.1.2002, 7:00
Geldanlage: Im Fusionsfieber
Von Martin Diekmann eine Tabelle dazu unter: www.ftd.de/bm/ga/FTDKUGN6KWC.html?nv=hpm
Die Großen fressen die Kleinen - in der Biotechbranche hat die Konsolidierung begonnen. Fondsmanager sehen die Übernahmewelle mit gemischten Gefühlen.
Biotechfonds gehörten im vergangenen Börsenjahr zu den wenigen Investments, mit denen Anleger Gewinne erzielen konnten. Drei Fonds liegen auf Jahressicht im Plus, bei den nachfolgenden fallen die Verluste mit bis zu Minus fünf Prozent zumindest moderat aus. Obwohl viele Gesellschaften an der Börse als hoch bewertet gelten, sind die langfristigen Aussichten gut. Denn das Potenzial, das in der Branche steckt, ist nach wie vor überzeugend.
"Bereits im Jahre 2005 wird die Mehrzahl neuer Medikamente aus der biotechnologischen Forschung kommen", sagt Harald Schwarz, Fondsberater beim Münchener Consulting-Unternehmen Medical Strategy. "Schon jetzt befinden sich mehr als 300 Medikamente in der letzten Testphase vor der Zulassung. Die Erfolgsquote für jene Produkte, die es so weit geschafft haben, liegt immerhin bei 60 Prozent." Gute Aussichten also für die Unternehmen, ihre Medikamente am Markt platzieren zu können. "Rein rechnerisch ergibt sich dadurch eine Zahl von 150 bis 200 neuen Präparaten in den kommenden Jahren", rechnet Schwarz vor.
Spitzenreiter Amerika
Die interessantesten Firmen kommen nach wie vor aus den USA. "Die Bedingungen für Forschung und Entwicklung sind dort viel besser als in Europa. Dieser Vorsprung wird bestehen bleiben", ist Schwarz überzeugt. Denn im Unterschied zur Informationstechnologie, in der neue Ideen oft nur wenige Monate zur Marktreife benötigen, erstreckt sich der Forschungsbedarf in der Biotechnologie oft über viele Jahre. "Da kann nicht jemand einfach so daherkommen und in kurzer Zeit den Markt von hinten aufrollen", stellt Schwarz klar. Was nicht ausschließt, dass es auch in dieser Branche zu spektakulären Verschiebungen kommt - wie die Fusionswelle der vergangenen Monate beweist. Innerhalb weniger Wochen folgten gleich drei Übernahmen kurz aufeinander: Das Biotech-Schwergewicht Amgen verleibte sich den Konkurrenten Immunex ein, Medimmune schluckte Aviron und Millennium Pharmaceuticals kassierte Cor Therapeutics. Wohlbekannte Namen in der Welt der Biotechnologie, die sämtlich dem bekanntesten, nur 17 Werte umfassenden Index Amex (BTK) angehören.
Die Aktienkurse der betroffenen Unternehmen reagierten unterschiedlich, doch konnte keines überdurchschnittlich profitieren. Die Kurse von Amgen und Millennium verloren sogar mehr als 20 Prozent. Das lässt Rückschlüsse darauf zu, wie Investoren die Fusionen bewerten. Denn die großen Biotech-Firmen haben ein Problem: Sie gelten als teuer. Und offensichtlich sehen viele Anleger die weiteren Wachstumsaussichten mit einer gewissen Skepsis.
"Die Kursreaktionen wundern mich nicht", sagt denn auch Michael Nawrath, Fondsmanager bei Credit Suisse Asset Management und zuständig für den Global Biotech-Fonds. Der ausgebildete Mediziner ist ebenfalls skeptisch. "Die Übernahme von Aviron durch Medimmune macht nur wenig Sinn, denn beide Unternehmen haben Grippemedikamente, die nur saisonal gut laufen. Der Umsatz kommt hauptsächlich im Winter zu Stande", sagt Nawrath.
Der Zusammenschluss von Cor Therapeutics und Millennium stößt da schon eher auf sein Wohlwollen. "Cor hat bereits Produkte am Markt, Millennium noch keins, deshalb macht der Deal Sinn." Am besten gefällt ihm der Merger von Amgen und Immunex. "Beide Gesellschaften verkaufen bereits Produkte gegen Rheuma, die aber über unterschiedliche Wirkungsmechanismen verfügen. Derzeit laufen Studien über die Möglichkeiten einer Kombination der beiden Präparate."
Trotz der eher kritischen Einschätzung rechnet der Nawrath mit weiteren Übernahmen. "Das war wohl erst der Anfang. Viele Unternehmen, die noch kein Präparat am Markt haben, geraten jetzt in Zugzwang. Denn Investoren sind nicht länger bereit, ihr Geld in Werte zu stecken, bei denen die Profitabilität in weiter Ferne liegt."
Nawrath setzt in seinem Fonds hauptsächlich auf die Schwergewichte des Amex-Biotech-Index. "Das sind die großen Player, an denen man als Investor kaum vorbeikommt", sagt er. Nur zu 20 Prozent nimmt er kleine, unbekanntere Unternehmen auf. Mit einem Minus von vier Prozent auf Jahressicht liegt sein Fonds an achter Stelle.
Im Unterschied zu den meisten Investoren, die auf die großen Werte setzen, liegt das Augenmerk von Medical Strategy vornehmlich auf Werten aus der zweiten Reihe. "Wir sehen da einfach die größeren Chancen", sagt Schwarz. Zusammen mit seinen Kollegen berät Schwarz sechs Biotechfonds verschiedener Gesellschaften. Die Fonds lassen sich leicht lokalisieren: Sie sind die erfolgreichsten im vergangenen Jahr und führen dementsprechend das Ranking an.
Der Spitzenreiter unter ihnen, der Medical BioHealth-Trends von Sal. Oppenheim, ist kein reiner Biotechnologie-Fonds, sondern ist eher dem Gesundheitssektor zuzurechnen. Im Portfolio befinden sich ausschließlich kleine und mittelgroße Werte, während die anderen von Medical Strategy beratenen Fonds größere Unternehmen zumindest beimischen. Für Anleger hat sich die Strategie, ausschließlich auf die Kleinen zu setzen, gelohnt: Mit einem Wertzuwachs von fast 30 Prozent auf Jahressicht lässt der Fonds alle anderen im Healthcare-Bereich weit hinter sich.
Ausgewählte Unternehmen
Glaubt man Schwarz, wird es so weitergehen. Denn bei den bereits etablierten Unternehmen sieht er auch weiterhin geringe Aussichten auf große Kurssteigerungen. "Durch die hohen Bewertungen sollten nur ausgewählte Unternehmen in den nächsten Monaten positiv überraschen können."
Credit-Suisse-Manager Nawrath schließt sich dieser Sichtweise im Großen und Ganzen an. "Kursanstiege werden nur selektiv erfolgen. Bei Misserfolgen kann der Aktienkurs schnell in den Keller rauschen." Wie jüngst etwa bei Imclone: "Die Untersuchungsergebnisse haben mich vor einigen Monaten bereits stutzen lassen, denn die konnten nicht stimmen. Auf Grund unvollständiger Daten fiel ihr Medikament durch, und die Aktie ging auf Talfahrt. Was für Privatanleger im Vorfeld kaum zu beurteilen war, konnte ich als Fondsmanager bereits vor Monaten absehen." Fast 60 Prozent verloren Anleger, die auf ein Direktinvestment gesetzt hatten.
Michael Nawrath setzt auf andere Firmen: "Mir gefallen Idec Pharmaceuticals, Gilead Sciences, Genzyme oder Human Genome Sciences. Die sind zwar auch nicht mehr billig. Dafür verfügen sie aber über eine hervorragende Produktpipeline. Alle arbeiten an mehreren Projekten und Medikamenten und sichern sich dadurch ab."
Die kurzfristigen Aussichten für den Sektor sind also durchwachsen. Nach Auffassung der meisten Manager besitzen allenfalls kleine und unbekannte Werte derzeit viel Fantasie. Mit den Chancen steigen allerdings auch die Risiken. Denn Aktien kleinerer Gesellschaften sind an der Börse tendenziell stärkeren Schwankungen ausgesetzt als die der etablierten Unternehmen.
© 2002 Financial Times Deutschland
Geldanlage: Im Fusionsfieber
Von Martin Diekmann eine Tabelle dazu unter: www.ftd.de/bm/ga/FTDKUGN6KWC.html?nv=hpm
Die Großen fressen die Kleinen - in der Biotechbranche hat die Konsolidierung begonnen. Fondsmanager sehen die Übernahmewelle mit gemischten Gefühlen.
Biotechfonds gehörten im vergangenen Börsenjahr zu den wenigen Investments, mit denen Anleger Gewinne erzielen konnten. Drei Fonds liegen auf Jahressicht im Plus, bei den nachfolgenden fallen die Verluste mit bis zu Minus fünf Prozent zumindest moderat aus. Obwohl viele Gesellschaften an der Börse als hoch bewertet gelten, sind die langfristigen Aussichten gut. Denn das Potenzial, das in der Branche steckt, ist nach wie vor überzeugend.
"Bereits im Jahre 2005 wird die Mehrzahl neuer Medikamente aus der biotechnologischen Forschung kommen", sagt Harald Schwarz, Fondsberater beim Münchener Consulting-Unternehmen Medical Strategy. "Schon jetzt befinden sich mehr als 300 Medikamente in der letzten Testphase vor der Zulassung. Die Erfolgsquote für jene Produkte, die es so weit geschafft haben, liegt immerhin bei 60 Prozent." Gute Aussichten also für die Unternehmen, ihre Medikamente am Markt platzieren zu können. "Rein rechnerisch ergibt sich dadurch eine Zahl von 150 bis 200 neuen Präparaten in den kommenden Jahren", rechnet Schwarz vor.
Spitzenreiter Amerika
Die interessantesten Firmen kommen nach wie vor aus den USA. "Die Bedingungen für Forschung und Entwicklung sind dort viel besser als in Europa. Dieser Vorsprung wird bestehen bleiben", ist Schwarz überzeugt. Denn im Unterschied zur Informationstechnologie, in der neue Ideen oft nur wenige Monate zur Marktreife benötigen, erstreckt sich der Forschungsbedarf in der Biotechnologie oft über viele Jahre. "Da kann nicht jemand einfach so daherkommen und in kurzer Zeit den Markt von hinten aufrollen", stellt Schwarz klar. Was nicht ausschließt, dass es auch in dieser Branche zu spektakulären Verschiebungen kommt - wie die Fusionswelle der vergangenen Monate beweist. Innerhalb weniger Wochen folgten gleich drei Übernahmen kurz aufeinander: Das Biotech-Schwergewicht Amgen verleibte sich den Konkurrenten Immunex ein, Medimmune schluckte Aviron und Millennium Pharmaceuticals kassierte Cor Therapeutics. Wohlbekannte Namen in der Welt der Biotechnologie, die sämtlich dem bekanntesten, nur 17 Werte umfassenden Index Amex (BTK) angehören.
Die Aktienkurse der betroffenen Unternehmen reagierten unterschiedlich, doch konnte keines überdurchschnittlich profitieren. Die Kurse von Amgen und Millennium verloren sogar mehr als 20 Prozent. Das lässt Rückschlüsse darauf zu, wie Investoren die Fusionen bewerten. Denn die großen Biotech-Firmen haben ein Problem: Sie gelten als teuer. Und offensichtlich sehen viele Anleger die weiteren Wachstumsaussichten mit einer gewissen Skepsis.
"Die Kursreaktionen wundern mich nicht", sagt denn auch Michael Nawrath, Fondsmanager bei Credit Suisse Asset Management und zuständig für den Global Biotech-Fonds. Der ausgebildete Mediziner ist ebenfalls skeptisch. "Die Übernahme von Aviron durch Medimmune macht nur wenig Sinn, denn beide Unternehmen haben Grippemedikamente, die nur saisonal gut laufen. Der Umsatz kommt hauptsächlich im Winter zu Stande", sagt Nawrath.
Der Zusammenschluss von Cor Therapeutics und Millennium stößt da schon eher auf sein Wohlwollen. "Cor hat bereits Produkte am Markt, Millennium noch keins, deshalb macht der Deal Sinn." Am besten gefällt ihm der Merger von Amgen und Immunex. "Beide Gesellschaften verkaufen bereits Produkte gegen Rheuma, die aber über unterschiedliche Wirkungsmechanismen verfügen. Derzeit laufen Studien über die Möglichkeiten einer Kombination der beiden Präparate."
Trotz der eher kritischen Einschätzung rechnet der Nawrath mit weiteren Übernahmen. "Das war wohl erst der Anfang. Viele Unternehmen, die noch kein Präparat am Markt haben, geraten jetzt in Zugzwang. Denn Investoren sind nicht länger bereit, ihr Geld in Werte zu stecken, bei denen die Profitabilität in weiter Ferne liegt."
Nawrath setzt in seinem Fonds hauptsächlich auf die Schwergewichte des Amex-Biotech-Index. "Das sind die großen Player, an denen man als Investor kaum vorbeikommt", sagt er. Nur zu 20 Prozent nimmt er kleine, unbekanntere Unternehmen auf. Mit einem Minus von vier Prozent auf Jahressicht liegt sein Fonds an achter Stelle.
Im Unterschied zu den meisten Investoren, die auf die großen Werte setzen, liegt das Augenmerk von Medical Strategy vornehmlich auf Werten aus der zweiten Reihe. "Wir sehen da einfach die größeren Chancen", sagt Schwarz. Zusammen mit seinen Kollegen berät Schwarz sechs Biotechfonds verschiedener Gesellschaften. Die Fonds lassen sich leicht lokalisieren: Sie sind die erfolgreichsten im vergangenen Jahr und führen dementsprechend das Ranking an.
Der Spitzenreiter unter ihnen, der Medical BioHealth-Trends von Sal. Oppenheim, ist kein reiner Biotechnologie-Fonds, sondern ist eher dem Gesundheitssektor zuzurechnen. Im Portfolio befinden sich ausschließlich kleine und mittelgroße Werte, während die anderen von Medical Strategy beratenen Fonds größere Unternehmen zumindest beimischen. Für Anleger hat sich die Strategie, ausschließlich auf die Kleinen zu setzen, gelohnt: Mit einem Wertzuwachs von fast 30 Prozent auf Jahressicht lässt der Fonds alle anderen im Healthcare-Bereich weit hinter sich.
Ausgewählte Unternehmen
Glaubt man Schwarz, wird es so weitergehen. Denn bei den bereits etablierten Unternehmen sieht er auch weiterhin geringe Aussichten auf große Kurssteigerungen. "Durch die hohen Bewertungen sollten nur ausgewählte Unternehmen in den nächsten Monaten positiv überraschen können."
Credit-Suisse-Manager Nawrath schließt sich dieser Sichtweise im Großen und Ganzen an. "Kursanstiege werden nur selektiv erfolgen. Bei Misserfolgen kann der Aktienkurs schnell in den Keller rauschen." Wie jüngst etwa bei Imclone: "Die Untersuchungsergebnisse haben mich vor einigen Monaten bereits stutzen lassen, denn die konnten nicht stimmen. Auf Grund unvollständiger Daten fiel ihr Medikament durch, und die Aktie ging auf Talfahrt. Was für Privatanleger im Vorfeld kaum zu beurteilen war, konnte ich als Fondsmanager bereits vor Monaten absehen." Fast 60 Prozent verloren Anleger, die auf ein Direktinvestment gesetzt hatten.
Michael Nawrath setzt auf andere Firmen: "Mir gefallen Idec Pharmaceuticals, Gilead Sciences, Genzyme oder Human Genome Sciences. Die sind zwar auch nicht mehr billig. Dafür verfügen sie aber über eine hervorragende Produktpipeline. Alle arbeiten an mehreren Projekten und Medikamenten und sichern sich dadurch ab."
Die kurzfristigen Aussichten für den Sektor sind also durchwachsen. Nach Auffassung der meisten Manager besitzen allenfalls kleine und unbekannte Werte derzeit viel Fantasie. Mit den Chancen steigen allerdings auch die Risiken. Denn Aktien kleinerer Gesellschaften sind an der Börse tendenziell stärkeren Schwankungen ausgesetzt als die der etablierten Unternehmen.
© 2002 Financial Times Deutschland