IG Metall räumt Niederlage ein


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Nassie:

IG Metall räumt Niederlage ein

 
28.06.03 12:42

Berlin (dpa) - Die IG Metall hat nach den gescheiterten Verhandlungen über die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland eine Niederlage eingeräumt und will nun die Streiks beenden. Wie IG- Metall-Chef Klaus Zwickel am Samstag in Berlin mitteilte, sollen die seit vier Wochen anhaltenden Streiks am kommenden Montag beendet werden. Eine entsprechende Empfehlung werde er der Gewerkschaftspitze unterbreiten.
Zwickel und der Verhandlungsführer der Gewerkschaft Hasso Düvel sprachen von einer Niederlage. Es gebe jetzt keine Steigerungsmöglichkeit mehr, weshalb der Streik beendet werde. Das Ziel des Arbeitskampfes sei nicht erreicht worden. Dafür übernehme er die Verantwortung, sagte Düvel, ohne nähere Angaben zu machen. "Die bittere Wahrheit ist, der Streik ist gescheitert", sagte Zwickel.

Die IG Metall wolle entsprechende Schlussfolgerungen ziehen und strebe nun auf betrieblicher Ebene Vereinbarungen über die schrittweise Einführung der 35-Stunden-Woche in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie an. Dies werde ein beschwerlicher Weg, den die Gewerkschaft so aber nicht gewollt habe. Bisher gibt es mit neun Betrieben Haustarifverträge über die 35-Stunden-Woche. Diese sehen zumeist vor, die Arbeitszeit wie in der ostdeutschen Stahlindustrie bis 2009 um drei Stunden auf 35 Wochenstunden zu reduzieren.

Die Verhandlungen waren am Samstagmorgen trotz mehrfacher Lösungsversuche der Spitzen beider Tarifparteien gescheitert. Zwickel machte dafür die "uneinsichtige und unnachgiebige" Haltung der Arbeitgeber verantwortlich, die von der IG-Metall-Spitze und der Führung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall in mehreren Spitzenrunden entwickelten Lösungswege hätten "schlagartig zu interessanten und modernen tariflichen Rahmenbedingungen geführt". Der Flächentarifvertrag, der nun noch mehr beschädigt sei, wäre differenziert worden.

Die Arbeitgeber seien jedoch mit jeder Gesprächsrunde hinter ihre vorangegangenen Positionen zurückgegangen. Von den Lösungsansätzen der Spitzenrunden sei am Ende nichts mehr übrig geblieben. Zwickel dankte ausdrücklich Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser. "Ich danke Herrn Kannegiesser für die konstruktiven Versuche, das Problem gemeinsam zu lösen", sagte Zwickel.

Nach der Streikniederlage müssen nach den Worten Zwickels auch innerhalb der Gewerkschaft entsprechende Schlussfolgerungen für künftige Auseinandersetzungen gezogen werden. Dies betreffe die Einschätzung der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. "Wir werden nicht zur Tagesordnung übergehen", sagte Zwickel.

Die IG Metall will nun ausloten, in welchem Unternehmen eine Chance für Haustarifverträge möglich ist. Erst nach dieser Neubewertung könne über Einzelmaßnahmen in Betrieben gesprochen werden. IG-Metall-Vize Jürgen Peters erklärte, ob weitere Einzellösungen gelingen, hänge von der jeweiligen Betriebssituation ab. "Das Thema kollektive Arbeitszeitverkürzung wird aber irgendwann wieder auf die Tagesordnung kommen."

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Nassie:

Düvel setzt auf Häuserkampf

 
28.06.03 15:54
"Jetzt beginnt der Häuserkampf"

Historische Niederlage für die IG Metall


Am Ende waren es keine 35, doch immerhin 16 Stunden. Und zwar nicht binnen einer Woche, sondern am Stück. Aber trotz eines lange nicht mehr da gewesenen Verhandlungsmarathons blieb dem ostdeutschen IG-Metall-Bezirksleiter Hasso Düvel am Samstag in Berlin kurz nach 6 Uhr Uhr nichts anderes übrig, als das Scheitern festzustellen. Ein paar Stunden später mussten Düvel und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel dann auch noch die Niederlage eingestehen und erklären, dass das Streikziel - die flächendeckende Einführung der 35-Stunden-Woche - verfehlt wurde.

Einen Arbeitskampf hatte die Gewerkschaft seit fast 50 Jahren nicht mehr verloren. Bitter für alle Tarifparteien ist jedoch, dass das Ende des Metall-Flächentarifvertrags im Osten wahrscheinlicher geworden ist.



Zunächst noch Optimismus

Dabei hatte die entscheidende Verhandlungsrunde so gut begonnen. Zum ersten Mal nach fast vier Wochen Streik schien es, als ob doch noch eine Einigung möglich wäre. Im West-Berliner Traditionshotel "Schweizerhof" machten beide Seiten zunächst in Optimismus. Zufrieden, weil sie ein Spitzengespräch zwischen Gewerkschaftschef Klaus Zwickel und Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser verborgen halten konnten. Vor allem aber, weil dabei so etwas wie ein Lösungsmodell entwickelt werden konnte.

Bei dem Vorbereitungstreffen in der brandenburgischen Provinz am Freitag hatten sich die beiden Chefs im Grundsatz auf einen "Arbeitszeit-Korridor" für die 310.000 Ost-Metaller verständigt, die derzeit drei Stunden länger arbeiten als die Kollegen im Westen. Bei einer "Regelarbeitszeit" von zunächst 38, dann 37 Stunden sollten Abweichungen nach oben und unten möglich sein: maximal 40, minimal 35 Stunden. Mehr Arbeit sollte auch mehr bezahlt werden, weniger Arbeit weniger. Das hätte beiden helfen können, das Gesicht zu wahren.

Mit jeder Verhandlungsstunde im Salon "Tessin" wurden die Unterschiede dann aber wieder größer. Die Arbeitgeber wollten bis 2005 als "Referenzwert" die 38-Stunden-, dann bis 2009 die 37-Stunden-Woche festschreiben. Die Arbeitszeitverkürzung sollte aber stets von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Betriebe abhängig bleiben. Die IG Metall bestand auf einem konkreten Stufenplan für die 35-Wochen-Stunde bis 2009 oder 2011.


"Irgendwo ist Schluss"

Auch zwei neue Spitzengespräche von Zwickel und Kannegiesser mitten in der Nacht, zu denen sich auch noch Gewerkschaftsvize Jürgen Peters gesellte, brachten keinen Erfolg. "Beide Seiten waren bemüht, eine Lösung zu finden", sagte der Arbeitgeber später. "Aber irgendwo ist Schluss, wenn man verleugnen muss, wofür man eigentlich
angetreten ist." Dem Resümee konnten die Gewerkschafter nicht widersprechen. Zumal sich auch bei ihnen der Eindruck festgesetzt hatte, dass der "Streik gegen den Zeitgeist" (Kannegiesser) nicht mehr zu gewinnen war.

"Die Arbeitgeber ziehen uns mit dem Nasenring durch", hieß es in der IG-Metall-Delegation kurz vor Schluss. "Wir haben sogar die eigenen Leute gegen uns. Was soll denn da noch herauskommen?" Der Zorn richtet sich gegen die Betriebsräte von Autokonzernen aus dem
Westen, die noch während des Streiks das Meckern über die Ost-Strategie nicht lassen konnten.


Eine der bittersten Niderlagen der Geschichte

Auch alte Rechnungen mit dem designierten Zwickel-Nachfolger Peters wurden dabei beglichen. Auf den Düvel-Freund, der die gescheiterte Taktik mitentwickelt hatte, kommen bis zur Wahl auf dem Gewerkschaftstag im Oktober nun einige Diskussionen zu. Zu groß ist der Frust über die jetzige Niederlage, eine der schlimmsten in der Geschichte der IG Metall. Peters wird persönlich dafür verantwortlich gemacht.

Einstweilen muss sich die Gewerkschaft jetzt aber darauf konzentrieren, Haustarifverträge abzuschließen: mit den sächsischen VW-Betrieben zum Beispiel, DaimlerChrysler im brandenburgischen Ludwigsfelde oder dem BMW-Zulieferer ZF. Der Flächentarifvertrag für den Osten sei "im Kernstück getroffen", sagte Düvel. "Jetzt beginnt der Häuserkampf."

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