Bagdad, 20. Mär (Reuters) - Mit begrenzten Luftangriffen auf
militärische Einrichtungen in Bagdad haben die USA in der Nacht
zum Donnerstag einen neuen Irak-Krieg begonnen.
Offenbar sollte die irakische Führung bei einem Treffen in
der Hauptstadt getötet werden. Präsident Saddam Hussein rief die
irakische Bevölkerung in einer wenige Stunden nach den ersten
Angriffen ausgestrahlten Fernsehansprache zum Widerstand auf.
Auch an der Grenze zu Kuwait gab es kleinere Gefechte, in Kuwait
schlugen mehrere irakische Raketen ein. Nach Angaben aus
US-Militärkreisen soll es vor einem Großangriff der
Kriegskoalition zunächst noch mehrere Tage lang begrenzte
Luftangriffe geben. China, Frankreich und Russland kritisierten
den Beginn des Krieges in scharfen Worten, gegen den sich auch
eine Mehrheit der Mitglieder der Vereinten Nationen (UNO)
gestemmt hatte.
In US-Regierungskreisen hieß es, die Angriffe mit
weitreichenden Marschflugkörpern und "Stealth"-Bombern hätten
das Ziel verfolgt, die irakische Regierung "zu enthaupten". Ein
Sprecher der britischen Armee sagte, es habe Hinweise auf ein
Treffen von fünf führenden Mitgliedern der irakischen Führung
gegeben. Um wen es sich dabei handelte, sagte er nicht. Die
"Washington Post" meldete aber, die Luftangriffe seien gestartet
worden, nachdem der Geheimdienst CIA sich sicher gewesen sei,
den Ort herausgefunden zu haben, an dem Saddam an einem Treffen
teilnehme. Es gehe um "die sehr hochrangige Führung",
bestätigten US-Regierungskreise. Zwar ging aus den
Fernsehbildern, die Saddam in Militäruniform zeigten, nicht
hervor, ob sie live waren. Allerdings erwähnte der Staatschef
den Zeitpunkt der ersten Angriffe. Saddam sagte in Anspielung
auf den US-Präsidenten: "Der kriminelle kleine Bush hat ein
Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen."
KRIEG BEGANN IM MORGENGRAUEN
Die ersten Raketen schlugen gegen 03.30 Uhr MEZ, 90 Minuten
nach Auslaufen des Ultimatums an die irakische Führung, das Land
zu verlassen, in Bagdad ein. Sie wurden von vier Kriegsschiffen
und zwei U-Booten aus abgefeuert. Die irakische Luftverteidigung
feuerte Raketen auf Kampfflugzeuge der Kriegskoalition. An der
irakisch-kuwaitischen Grenze gab es zudem Artilleriebeschuss.
Reuters-Korrespondent Nadim Ladki berichtete aus Bagdad, er habe
erstmals gegen 05.33 Uhr Ortszeit (03.33 Uhr MEZ) mehrere
Explosionen gehört, zunächst aus den südlichen Vororten und
danach auch im Stadtzentrum. Kurz darauf seien die
Luftalarmsirenen ertönt. Dichte schwarze Rauchwolken zeugten von
Raketeneinschlägen.
Die ersten Angriffe seien noch nicht der Auftakt eines
massiven Bombardements mit Marschflugkörpern und Bomben, die für
die kommenden Tage geplant seien, verlautete aus US-Kreisen. Auf
die ersten nächtlichen Angriffe könnten zunächst weitere
begrenzte Bombardements folgen, ehe die USA die angekündigte
Angriffswelle mit rund 3500 Präzisionsbomben und -Raketen auf
Irak starten werden.
Die Invasion werde wahrscheinlich immer noch vorbereitet,
deshalb sei eine Periode relativer Ruhe von bis zu ein oder zwei
Tagen mit nur vereinzelten Angriffen nicht ausgeschlossen.
KUWAIT - AUCH WEITREICHENDE SCUD-RAKETEN ABGEFEUERT
Ergebnisse der Angriffe seien zunächst nicht bekannt. Nach
irakischen Angaben galten die Angriffe militärischen
Einrichtungen, getroffen worden seien aber auch zivile
Einrichtungen. Es habe einen Toten und Verletzte unter der
Zivilbevölkerung gegeben. Der Irak feuerte auch mehrere Raketen
auf Kuwait ab, die in der Wüste niedergingen. Nach kuwaitischen
Angaben war möglicherweise das große US-Feldlager in Doha Ziel
der Angriffe. Chemische Kampfstoffe seien nicht verwendet
worden. Den Angaben zufolge gelang es US-Flugabwehrstellungen,
zwei Scud-Raketen über der kuwaitischen Wüste abzuschießen.
Diese Raketen sowjetischer Bauart haben eine größere Reichweite,
als von der UNO erlaubt und können auch Israel, die Türkei oder
Zypern treffen. Britischen Regierungsberichten zufolge hat Irak
noch bis zu 20 dieser Raketen versteckt. Israels Außenminister
Silwan Schalom sagte, sein Land habe kein Interesse, in den
Krieg hineingezogen zu werden, stehe aber klar an der Seite der
USA. Nach Angaben eines britischen Armeesprechers haben die rund
280.000 Soldaten der alliierten Streitkräfte bislang keinen
Befehl zu einer Bodenoffensive gegen Irak erhalten. Allerdings
rückten US-Infanterie-Verbände näher an die irakisch-kuwaitische
Grenze heran.
BUSH - MÖGLICHERWEISE LANGER UND SCHWIERIGER KRIEG
In einer nur gut vierminütigen Fernsehansprache an die
Nation hatte US-Präsident George W. Bush in Washington den
Kriegsbeginn bekannt gegeben. Der Krieg könne länger und
schwieriger werden, als manche annähmen. Er werde mit voller
Kraft so lange geführt, bis ein Sieg sicher sei. "Auf meinen
Befehl hin haben die Streitkräfte der Koalition (Großbritannien
und USA) damit begonnen, ausgewählte militärische Ziele
anzugreifen, um (dem irakischen Präsidenten) Saddam die
Möglichkeiten zu nehmen, einen Krieg zu führen. Wir befinden uns
in der Anfangsphase eines breitangelegten und koordinierten
Angriffs", sagte Bush. "Dieser Angriff ist nicht halbherzig. Wir
werden keinen anderen Ausgang akzeptieren, als einen Sieg."
Als politisches Ziel des Krieges gegen den Willen Russlands,
Chinas, Frankreichs und weiterer Staaten wie Deutschland nannte
Bush die Befreiung Iraks. "Wir kommen mit Respekt vor den
Bürgern Iraks ins Land, mit Respekt für ihre große Zivilisation
und für ihre religiöse Überzeugung." Die USA hätten
ausschließlich das Ziel, die Bedrohung durch die irakische
Regierung auszuschalten und das Land der Kontrolle seiner
eigenen Bürger zurückzugeben, sagte Bush.
China forderte ein sofortiges Ende des Krieges, der ein
Verstoß gegen die UNO-Charta sei. Auf Kritik stieß der Angriff
auch bei Russland, Deutschland und Frankreich. Frankreichs
Präsident Jacques Chirac sagte, der Krieg werde ungeachtet
seines Ausgangs ernste Konsequenzen haben. Die Veto-Mächte
Russland, Frankreich und China hatten sich wie Deutschland in
den vergangenen Monaten vergeblich bemüht, den Krieg im
UNO-Sicherheitsrat abzuwenden.
ker/ale
Bye, Twinson_99
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