Morphosys vor einer Kapitalerhöhung
Biotech-Unternehmen verhandelt offenbar mit Banken - Strategiewechsel
Von Jan Dams
Frankfurt/Main - Das Münchener Biotech-Unternehmen Morphosys bereitet offenbar eine Kapitalerhöhung vor. Einige Banken sind nach Angaben von Investmentbankern gegenüber der WELT bereits zum so genannten Beauty Contest (Schönheitswettbewerb) bei Morphosys gewesen. In diesem Wettbewerb konkurrieren die Banken mit ihren Vorstellungen zu Strategie und Details um die Durchführung der Kapitalerhöhung. Eine Sprecherin des Unternehmen sagte dazu jedoch lediglich: "Diese Gerüchte kommentieren wir nicht." Eine Reihe von Analysten würde eine Kapitalerhöhung begrüßen. "Diese Maßnahme samt Strategiewechsel würde dem Aktienkurs der Firma Auftrieb geben", hieß es übereinstimmend bei mehreren Banken und Fondsmanagern.
Bislang sucht Morphosys Antikörper, die Pharmakonzerne und andere Biotechnologie-Firmen für ihre Medikamentenforschung verwenden. Das Gewinnpotenzial aus dieser Dienstleistung ist aber eher gering. Branchenexperten fordern daher schon geraume Zeit, dass Morphosys wie einige Konkurrenten selbst Medikamente entwickeln soll. Das aber ist teuer und Morphosys hat lediglich noch knapp 20 Mio. Euro auf dem Konto. Im Vergleich dazu hat der US-Wettbewerber Medarex rund 750 Mio. Dollar in der Kasse. "Morphosys hat das günstige Börsenklima der Vergangenheit verpasst, um sich Geld zu beschaffen", sagen Analysten.
Spekulationen über eine geplante Kapitalerhöhung von Morphosys gibt es daher schon geraume Zeit. Spätestens seit das Biotech-Unternehmen in der Einladung für seine Hauptversammlung die Schaffung eines hohen genehmigten Kapitals als Vorratsbeschluss vorschlug, mehren sich die Anzeichen.
Allerdings müsse Morphosys-Chef Simon Moroney bei einer Kapitalerhöhung mindestens 100 Mio. Euro von den Anlegern einnehmen, sagte ein Analyst. Nur mit einer so hohen Summe könnte er die Strategie des Unternehmens glaubhaft ändern. Doch dem verschlossen wirkenden Neuseeländer dürfte es derzeit eher schwer fallen, so viel Geld bei den Aktionären einzusammeln. Der Kurs der Morphosys-Aktie hatte sich in den vergangenen Wochen nach einem rasanten Fall unter 50 Euro eingependelt. Anleger, die einst bei über 200 Euro einstiegen, haben viel Geld verloren. Zu dem jüngsten Absturz kam es nach Ansicht von Marktbeobachtern, weil sich Anzeichen verdichten, dass Morphosys möglicherweise einen wichtigen Patentstreit mit dem US-Konkurrenten Cambridge Antibody Technologies (CAT) verlieren könnte. Allerdings ist über die Klagen noch nicht endgültig entschieden worden.
Moroney könnte bei diesen eher schlechten Voraussetzungen einer Kapitalerhöhung Hilfe gut gebrauchen. Ein Analyst skizziert daher ein mögliches Szenario: Eine große Bank könnte erst Empfehlungen auf Morphosys-Aktien geben. Unmittelbar vor der Kapitalerhöhung könnte die Bank selbst Anteilsscheine des Unternehmens kaufen. Bei so kleinen Wert wie der Morphosys-Aktie würde der Kurs des Unternehmens schon bei relativ geringen Käufen deutlich steigen. Eine Kapitalerhöhung wäre möglich, sagte der Analyst.
Seit die Bewertungen am gesamten Neuen Markt meist nur noch fallen, halten sich aber viele Branchenanalysten mit Kaufempfehlungen für das solide Biotech-Unternehmen zurück. Das Bankhaus Metzler stufte die Aktie auf verkaufen, genauso wie die Experten von Independent Research. Im Gegensatz dazu streckte die Investmentbank Lehman Brothers am Dienstag vergangener Woche den Daumen für das Papier nach oben: Kursziel 110 Euro.
Nicht nur die Analysten beobachten aber zurzeit sehr genau, was Morphosys macht. Fast die gesamte Münchener Biotech-Szene hofft, dass der Nachbar aus dem Stimmungstief herauskommt. "Morphosys steht als das älteste in Deutschland notierte Biotech-Unternehmen bei vielen Anlegern für die gesamte Branche", sagt die Sprecherin eines anderen Münchener Biotechnologie-Unternehmens. Für viele Aktionäre sei der Name Morphosys ein Synonym für Biotechnologie in Deutschland. Sollte es die Mannschaft um Moroney nicht schaffen, könnte diesen Investoren der Glauben an die Zukunft der gesamten Industrie verloren gehen. Andere Unternehmen aus der Branche fürchten, dass sie in den Strudel hinein gezogen werden könnten.
Quelle:
www.welt.de/daten/2001/07/02/0702un264762.htx