Hoffnung auf Jahresendrally bei Aktien verflogen


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proxicomi:

Hoffnung auf Jahresendrally bei Aktien verflogen

 
17.12.00 21:38
Mittelfristig erfreuliche Rahmenbedingungen
Drei Messer im Rücken


Kommentar: Optimisten-Falle


INGO NARAT


Den Neue-Markt-Aktien geht es wie den Tulpenzwiebeln im Jahre 1636: sie sind zu teuer. Hollands Spekulanten legten in der Hochphase der Spekulation ein Vermögen für die Liliengewächse auf den Tisch. Für eine Zwiebel der seltenen Sorte „Semper Augustus“ berappten sie 24 Wagenladungen Korn, acht Mastschweine, vier Kühe, vier Fässer Bier, 1 000 Pfund Butter und einige Tonnen Käse.


Zwischen den beiden Spekulationsblasen liegen Jahrhunderte. Aber der Zusammenbruch von Märkten nach Kursexzessen gehorcht immer den gleichen Mustern. In extremen Situationen ist das Gegenteil richtig: Gut ist schlecht, und schlecht ist gut. Verkaufe bei guten Nachrichten und steige bei schlechten ein, lautet eine alte Börsenregel. EM.TV lässt grüßen. Bei Kursen über 100 Euro schwärmten die Analysten von den Zukunftschancen der Medienaktie. Wer sich von der guten Stimmung anstecken ließ und kaufte, erlöst heute nur noch 6 Euro – Vermögensvernichtung pur.
Der Börsen-Laie rauft sich die Haare. Wer einmal probiert hat, vor dem Spiegel ebenjene zu schneiden, weiß, wie schwer die Orientierung in einer verkehrten Werte-Welt fällt. Nach links schneiden, wenn man rechts die Haare kürzen will. Genau das ist die Gewinnerstrategie in extremen Börsensituationen. Wer EM.TV und „Semper Augustus“ zur rechten Zeit verkaufte, machte das Geschäft seines Lebens. Wer zu spät kam, den bestrafte die Börse. EM.TV-Aktionäre stehen jetzt ebenso vor einem Scherbenhaufen wie derjenige Utrechter Bürger, der seine Brauerei gegen drei Tulpenzwiebeln eingetauscht hatte.

In extremen Börsenlagen gilt der gesunde Menschenverstand nicht mehr viel. Der Mensch ist eben ein Herdentier, getrieben vom Tun der anderen und ihren Meinungen. Was andere für gut halten, akzeptiert man gerne. Häufen sich die Kaufempfehlungen für eine Aktie, greift man selber zu. Der Optimismus der anderen und die Kurssteigerungen bestätigen das eigene Denken. Die Hausse mutiert zur übersteigerten Euphorie.

Die Hausse stirbt in der Euphorie

In dieser Zeit hängt der Himmel scheinbar voller Geigen. Es wird von Wachstum und Gewinnphantasie geschwärmt. Wer will sich bei so schönen Aussichten schon etwas von zu teuren und zu hoch bewerteten Aktien erzählen lassen? Kaum einer. In Wahrheit aber haben alle Aktien-Fans in dieser Situation schon gekauft, fallen demnach als zukünftige Käufer und Kurs-Stimulatoren aus. Deshalb stirbt die Hausse in der Euphorie.

Die Börsen-Annalen bieten eine reichhaltige Auswahl an Spekulationsblasen. Der Exzess am Neuen Markt hat allerdings einen Sonderplatz als eines der spektakulärsten Beispiele sicher. Möglicherweise entweicht die letzte Luft aus der Blase auch in einer Art und Weise, wie man es aus früheren Beispielen kennt. Dann sollten die Anleger auf den Tag der Ausverkaufsstimmung bei extremen Kursverlusten warten. Erst die schiere Hoffnungslosigkeit böte wieder einen tragfähigen Kurs-Boden. Dann haben alle potenziellen Verkäufer dem Markt ade gesagt. In dieser Panik wird die Hausse geboren.

Die Anleger haben sich von der Party am Neuen Markt – selbst nach 60 % Indexverlust – noch nicht verabschiedet. Ein Banker versetzte sich neulich in ihre Stimmungslage und beschrieb sie wie folgt: Mit drei Messern im Rücken gehen wir noch nicht nach Hause. Das stärkt den Stimmungstheoretikern den Rücken. Für Käufe ist es noch zu früh.


HANDELSBLATT, Sonntag, 17. Dezember 2000



Hoffnung auf Jahresendrally bei Aktien verflogen


HERMANN-JOSEF KNIPPER
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Nach einer Woche, die fast euphorisch begann und ernüchternd zu Ende ging, sind die Hoffnungen auf eine Trendwende an den Aktienmärkten geschwunden. Wie es kurz- und mittelfristig weitergeht, hängt entscheidend davon ab, ob die US-Notenbank am Dienstag ihre Zinspolitik ändert.

FRANKFURT/MAIN. Wenn die Wertpapierberater ihren Kunden in diesen Tagen „frohe Weihnachten“ wünschen wollen, dann sollten sie dies am Telefon oder per Postkarte tun. Sitzen ihnen die Anleger Auge in Auge gegenüber, dann werden sie an den Sorgenfalten der Berater sofort erkennen, dass Wunsch und Wirklichkeit zur Zeit weit auseinander klaffen, dass es für Fröhlichkeit keinen Grund gibt. Denn die Stimmung an den Märkten ist schlecht, und für die letzten Tage des Jahres erwarten die Analysten keine nennenswerte Trendwende mehr. Allenfalls mittelfristig prognostizieren Optimisten wieder bessere Zeiten.
Dabei war die vergangene Woche so hoffnungsvoll gestartet, nachdem US- Notenbankchef Alan Greenspan erstmals seit langem eine Lockerung der Zinspolitik angedeutet hatte. Auch das Ende der Hängepartie um den neuen Herrn im Weißen Haus hatte die Erwartung genährt, dass es nach den kräftigen Kursverlusten der letzten Wochen und Monate nun endlich wieder aufwärts gehen könnte.

Daraus wurde nichts. Plötzlich stand an den Märkten nicht mehr die womöglich bevorstehende Zinswende im Fokus, die die Aktienkurse beflügeln sollte, sondern die Angst vor einer allzu harten Landung der amerikanischen Konjunktur; gleichzeitig gelten die Inflationsrisiken als noch nicht überwunden.

Weitere Gewinnwarnungen in Sichtweite

Eine Flut von Gewinn- und Umsatzwarnungen, die im Laufe der Woche die Investoren überraschte, gab den Pessimisten Recht. Nach Honeywell, AMD und General Motors schockten auch Compaq, Microsoft und die gerade fusionierenden US-Banken Chase Manhatten und J. P. Morgan ihre Aktionäre. Mit weiteren Gewinnwarnungen wird in den nächsten Wochen gerechnet. In Europa kam hinzu, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Hoffnung auf eine Abkehr von der restriktiven Zinspolitik bewusst dämpfte. Diese Serie schlechter Nachrichten sorgte am Freitag auch an den deutschen Börsen für kräftige Kursverluste, vor allem bei Technologie- und Finanztiteln. Der Neue Markt brach sogar um über 6 % ein. Als Reflex der Tristesse auf den Aktienmärkten setzte sich die Rally am europäischen und amerikanischen Rentenmarkt fort. Auf Grund der anhaltenden Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Konjunktur- und Aktienmarktentwicklung rät M.M. Warburg allerdings dazu, liquide Staatsanleihen den Unternehmensanleihen vorzuziehen.

Wie es nun weitergeht an den Märkten, hängt vor allem davon ab, welche Neuigkeiten der morgige Dienstag bereithält. Die Analysten gehen überwiegend davon aus, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ihre Zinsstrategie auf „neutral“ ändert. Schon im ersten Quartal 2001 könnte es dann zu einer ersten Zinssenkung in den USA kommen.

Wann und wie schnell Euro-Land den USA auf dem zinspolitischen Pfad folgen kann, hängt im Wesentlichen von der Preisentwicklung ab. Auch dazu bringt der Dienstag weitere Klarheit: in Brüssel gibt Eurostat die Verbraucherpreise der Euro-Zone für November bekannt. Gleichzeitig publiziert das Statistische Bundesamt für Deutschland die vorläufigen Verbraucherpreise für Dezember. Die Analysten der Hypovereinsbank erwarten für Euro-Land einen Anstieg von 0,2 % gegenüber dem Vormonat und 2,8 % gegenüber dem Vorjahr, während sie für Deutschland ein Minus von 0,1 % im Monatsvergleich und ein Plus von 2,2 % gegenüber 1999 voraussagen.

Euro-Schwäche geht zu Ende

Die abkühlende US-Konjunktur und das nach wie vor robuste Wachstum in Europa spiegeln sich in dem Erstarken des Euros gegenüber dem US- Dollar wieder. Bis zum Ende der Woche kletterte der Euro knapp unter 90 Cent. Der Chor der Devisenmarkt-Analysten ist sich weitgehend einig, dass die Euro-Schwäche zu Ende geht, dass die Trendwende geschafft ist. Das HWWA-Institut geht davon aus, dass der Euro mittelfristig die Parität zum Dollar wieder erreicht.

Vor dem Hintergrund, dass die USA vor einer Zinswende stehen, dass sich der Euro erholt, die Inflation in Euro-Land nachlässt und der Ölpreis fällt, sehen Analysten trotz des aktuellen Stimmungstiefs mittelfristig erfreuliche Rahmenbedingungen für eine Erholung an den Aktienmärkten.

So geht etwa die Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) davon aus, dass die Unternehmensgewinne 2001 um 15 % wachsen. Dies könne den Dax im Jahresverlauf auf 7500 Punkte hieven. Das wäre ein Anstieg um etwa 20 %. Vorerst rät die LRP zu einer defensiven Anlagestrategie mit den Schwerpunkten Pharma, Energie, Konsum und Finanzen. Auch die GZ-Bank empfiehlt vorsichtig zu bleiben und eine erhöhte Liquiditätsquote zu halten. „Umschichtungen in sichere Häfen und Substanzwerte wie Total Fina, BASF und Unilever“ seien sinnvoll. HSBC Trinkhaus & Burkhardt sieht für diese Woche „keine grundlegende Wende zum Besseren“: Die volatile, leicht abwärtsgerichtete Kursentwicklung werde sich fortsetzen.


HANDELSBLATT, Sonntag, 17. Dezember 2000
Gewinnwarnungen der Unternehmen häufen sich


Die Landung der US-Konjunktur wird härter als erwartet


KATHARINA KORT


In den USA jagt eine Gewinnwarnung die nächste. Die von Notenbank-Chef Alan Greenspan beabsichtigte sanfte Landung der US-Konjunktur könnte zu einer Bruchlandung werden: Statt langsam zu normalen Wachstumswerten zurückzukehren, zeichnet sich in der amerikanischen Wirtschaft in diesem Quartal eine abrupte Wende ab. Einige Marktbeobachter sprechen bereits vom freien Fall.


Die zu erwartenden schwachen Quartalsergebnisse sind auch das Ergebnis der Zinserhöhungen vom Anfang des Jahres, die neun bis zwölf Monate brauchen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Was Greenspan damals nicht absehen konnte: Die Energiepreise haben sich innerhalb eines Jahres verdreifacht. Zudem stieg der Dollar stärker als erwartet und macht dem amerikanischen Export zu schaffen. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen auch das Vertrauen der Verbraucher in Wirtschaft und Märkte sinkt. Erstaunt müssen Einzelhändler und Computerunternehmen feststellen, dass trotz Weihnachtszeit die Käufer fernbleiben.
Niemand scheint damit gerechnet zu haben, dass sich die Konjunktur so schnell abkühlen könnte. Im September hatten die Analysten der Wall Street zwar ihre Erwartungen – vor allem für die Technologiewerte – nach unten korrigiert. Doch ihre Schätzungen waren immer noch zu optimistisch; die Talfahrt ging weiter. Und sie macht auch nicht vor Werten der so genannten Alten Wirtschaft halt.

Keine guten Aussichten für die Börse

Während die meisten Marktteilnehmer weiterhin an Greenspans Theorie der sanften Landung festhalten, sehen andere bereits einen länger anhaltenden Abschwung voraus. Das Argument: Seit 1971 gab es keine Phase mit rückläufigem Ergebniswachstum, die nach weniger als sechs Quartalen vorbei war. Das würde bedeuten, den US-Unternehmen stehen noch mindestens vier Quartale mit schwächeren Ergebnissen bevor – keine guten Aussichten für die Börse. Mit einer Rally an der Wall Street zum Ende des Jahres rechnet ohnehin niemand mehr.

Das erste Quartal im kommenden Jahr wird sehr wahrscheinlich weitere Enttäuschungen bei den Ergebnissen bringen. Darüber sind sich die Experten einig. Doch eine Rezession ist unwahrscheinlich. Auch wenn die Gewinne nicht mehr so schnell wachsen wie zuvor: Sie sinken von einem hohen Niveau.

Zudem es gibt Anzeichen, dass sich die Lage in der zweiten Jahreshälfte verbessern könnte. Eine Verdreifachung der Energiepreise wird sich kaum wiederholen, und Alan Greenspan hat eine Zinssenkung bereits in Aussicht gestellt – Analysten erwarten sie bereits für Anfang nächsten Jahres. Das könnte der Wirtschaft wieder Auftrieb geben.

Und vielleicht wird auch der neue Präsident das Vertrauen der Amerikaner in ihre Wirtschaft stärken. Die Tatsache, dass nach dem Wahlkrimi jetzt zumindest der Präsident feststeht, ist zumindest ein Anfang.


HANDELSBLATT, Sonntag, 17. Dezember 2000


wir müssen alle sterben;)

proxi


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