Hoffen auf reinigendes Gewitter


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Hoffen auf reinigendes Gewitter

 
16.06.02 16:23
Hoffen auf reinigendes Gewitter

Kann es noch schlimmer kommen an den Finanzmärkten? Einige Experten wünschen es sich sogar. Ein "finaler Sell- off" kann auch Chancen bergen

Frankfurt fhs - Er trinkt Starbucks-Kaffee, isst Heinz Ketchup zum Burger und kauft bei Walmart ein. Der amerikanische Verbraucher konsumierte bislang eifrig weiter, unbeeindruckt von Rezession und Börsendepression. Damit war er die letzte Stütze der schwächelnden Konjunktur.

Doch nun hat auch ihn die Angst ergriffen. Das Vertrauen der US- Verbraucher in die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes ist im Juni nach vorläufigen Erhebungen der Universität Michigan überraschend stark gesunken. Der Index des Verbrauchervertrauens fiel kräftig auf 90,8 nach 96,9 Punkten im Mai. Volkswirte hatten dagegen einen unverändert hohen Indexstand vorausgesagt. Gleichzeitig fielen im Mai die Einzelhandelsumsätze in den USA um 0,9 Prozent und damit so stark wie seit November letzten Jahres nicht mehr. Auch hier hatten die Volkswirte nur mit einem leichten Rückgang um 0,3 Prozent gerechnet. Und schließlich stieg in der vergangenen Woche auch noch die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosengeld. Wer arbeitslos ist, konsumiert noch weniger.

Die Börsen quittierten diese Hiobsbotschaften zum Wochenschluss mit neuen Tiefständen. Der Dax fiel auf 4304 Punkte, der Dow Jones auf 9474 Zähler. Die Technologiebörse Nasdaq rutschte sogar unter die Tiefs von Ende September und der Neue Markt stürzte ins Bodenlose und erreichte ein neues Allzeittief.

Kann es noch schlimmer kommen? "Trotz einer Unterbewertung ist im deutschen Aktienmarkt aus technischer Sicht kurzfristig ein weiterer Kursrückgang möglich", schreiben die Anlageexperten von der Commerzbank in ihrem Wochenausblick. Andere Analysten hoffen sogar geradezu auf weitere Kurseinbrüche. "Aus der Behavioral-Finance-Perspektive kann man sich als eine Möglichkeit ein reinigendes Gewitter, einen finalen Sell-off vorstellen", gibt Martin Gilles von WestLB Panmure zu bedenken. "Wie die Erfahrungen vom letzten Herbst gezeigt haben, kann so der Boden bereitet werden für einen nachhaltigeren Aufschwung an den Börsen", so Gilles.

Zwar war dem Aufwind des letzten Herbstes recht schnell wieder die Luft ausgegangen. Dies sei auf Grund der damaligen Fundamentaldaten allerdings auch nachvollziehbar. Diesmal seien die Konjunkturdaten dagegen gut, vieles spreche für eine deutliche Erholung der Weltwirtschaft. Nach einem drastischen Kurssturz bestünde diesmal ein festeres Fundament für eine nachhaltige Erholung der Finanzmärkte.

Potenzielle Auslöser für solche Kurseinbrüche gibt es derzeit fast täglich. Vor allem die Technologie-Titel reißen die Kurse immer wieder in den Keller, zuletzt der Software-Entwickler Adobe und der Telekomausrüster Lucent. Das drückte auch den Kurs der Deutschen Telekom weiter, der am Freitag erstmals einstellig notierte. Ihr Chef Ron Sommer gerät dadurch immer mehr in Erklärungsnot. Selbst Anleger, die ihm beim allerersten Börsengang Ende 1996 ihr Geld anvertrauten, haben mittlerweile über ein Drittel ihres Kapitals verloren.

Doch auch in der kommenden Woche ist allenfalls mit einer technischen Reaktion zu rechnen. Unternehmensnachrichten, die den Finanzmärkten einen Push nach oben geben, sind dagegen nicht zu erwarten. Die Berichtssaison beginnt erst in der zweiten Juliwoche wieder. Bis dahin werden Anleger jedes Mal zittern, wenn ein Unternehmen überraschend schon vorher an die Öffentlichkeit geht.

Miese Stimmung also allenthalben. Teilweise abkoppeln konnten sich davon nur jene Länder, deren Fußballmannschaften auch bei der Weltmeisterschaft überraschten: Korea und Japan. Zwar gab auch der Nikkei-Index in den vergangenen Tagen leicht nach. Dennoch behauptet sich die Börse Tokio ganz gut im Vergleich zur Wall-Street. Dafür sorgte vor allem ein leicht schwächerer Yen, nachdem die japanische Währung in den vergangenen Wochen gegenüber dem Dollar stark zugelegt hatte.

Der koreanische Aktienindex Kospi legte in der vergangenen Woche sogar leicht zu, obwohl dieser Index als ziemlich technologielastig gilt. Die koreanischen High-Tech-Unternehmen konnten sich den Negativ-Vorgaben der Nasdaq aber eher entziehen als der Neue Markt in Deutschland. Vielleicht ist in Korea mehr Substanz vorhanden?

Ob das für die Fußballmannschaft gilt, wird sich in der kommenden Woche zeigen. Die Finanzmärkte brauchen wohl noch etwas länger, um dies herauszufinden.


Gruß  Kostolmoney
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