"Wir werden gegen die amerikanischen Soldaten am Boden kämpfen"
www.welt.de/daten/2001/10/19/1019au289779.htx
Der ehemalige Kriegsherr Hekmatyar will in Afghanistan eine zweite Front eröffnen: Gemeinsam mit Teilen der Taliban und der Nordallianz gegen die USA
Teheran - Gulbuddin Hekmatyar führt die afghanisch-sunnitische Paschtunengruppe Hisb-i-Islami. Seit der Machtübernahme der Taliban 1996 lebt er im iranischen Exil in Teheran. Hekmatyar hat gegen fast alle am Konflikt in Afghanistan beteiligte Parteien gekämpft und des öfteren die Fronten gewechselt. Er war 1996 maßgeblich an der Zerstörung Kabuls beteiligt. Stephanie Rupp sprach mit ihm über die Zukunft Afghanistans.
DIE WELT: Sie haben die Luftschläge der USA verurteilt. Dabei ist es noch nicht so lange her, dass Ihre Truppen in Afghanistan selbst Unterstützung via Pakistan aus den USA erhalten haben. Weshalb also dieser Stimmungswechsel?
Gulbuddin Hekmatyar: Das ist kein Wechsel. Die USA hatten damals auch andere Gruppen unterstützt. Die Angriffe Amerikas auf unser Land verurteile ich in schärfster Form. Nach meinen Informationen sind bisher über 1000 unschuldige Zivilisten getötet worden. Die Angelegenheit mit Bin Laden ist nur ein Vorwand für die USA, Afghanistan zu besetzen und eine Marionettenregierung zu installieren. Vorrangiges Ziel ist es, Afghanistan als strategischen Punkt in Zentralasien zu erobern und zu einer Militärbasis zu machen.
DIE WELT: Das hört sich so an, als wollten Sie bald gegen die USA in den Kampf ziehen.
Hekmatyar: Wir werden niemals zustimmen, gegen Amerikaner auf amerikanischem Boden zu kämpfen. Und wir werden uns entsprechenden Bewegungen auch nicht anschließen. Doch die USA zetteln gerade einen Krieg gegen Afghanistan an, und wir haben keine andere Chance, als unser Land auf unserem Boden zu verteidigen.
DIE WELT: Es sind aber noch keine Aktivitäten der Hisb-i-Islami in Afghanistan zu beobachten.
Hekmatyar: Der Zeitpunkt dafür ist noch nicht gekommen, und ich hoffe sehr, dass er niemals kommt. Erst wenn die USA Bodentruppen einsetzen, wonach es jetzt aussieht, werden wir ebenfalls im Land sein. Wir werden alle Afghanen zur Landesverteidigung aufrufen. Wir verfügen über eine große Zahl von sehr gut trainierten Kämpfern mit großer Erfahrung, Freiwillige, die schon gegen die Russen gekämpft haben. Auch außerhalb des Landes gibt es Unterstützung.
DIE WELT: Wer stärkt Ihnen den Rücken? Der Iran oder Pakistan?
Hekmatyar: Der Iran hat uns das Gastrecht gewährt. Ich bedanke mich dafür. Doch finanziell unterstützt der Iran nicht unsere Bewegung, sondern die Nordallianz.
DIE WELT: Wollen Sie denn gegen die Nordallianz und auf Seiten der Taliban kämpfen?
Hekmatyar: Im Falle von US-Bodentruppen werden wir eine zweite Front bilden. Ein Teil der Nordallianz wird gemeinsam mit den USA kämpfen. Wir werden uns mit einem anderen Teil der Allianz verbünden sowie auch mit Teilen der Taliban. Nur so können wir unser Land gegen äußere Einflüsse und eine dauerhafte Besatzung verteidigen.
DIE WELT: Wie sollen die Afghanen in Zukunft ihre Probleme selbst lösen? Welche politische Vision haben Sie?
Hekmatyar: Die einzige Lösung für unser Land ist eine stabile Demokratie mit freien Wahlen, die von der UNO kontrolliert werden könnten. Vertreter aller Volksgruppen und Landesteile müssen an der künftigen Regierung beteiligt werden. Wir brauchen einen direkt vom Volk gewählten Präsidenten und ein Parlament. Das System muss einfach und transparent sein. Weder ein Premierminister noch zwei Volksvertretergremien wie Senat und Kongress in den USA sind für Afghanistan angemessen. Der gewählte Präsident soll das Kabinett direkt bestimmen und benötigt dazu keine Bestätigung durch das Parlament.
DIE WELT: Aber Paschtunen und Tadschiken, Hazara und Usbeken bekämpfen sich und kamen auch in der Vergangenheit nie wirklich miteinander zurecht.
Hekmatyar: Schuld an unseren Problemen ist vor allem Moskau, das Pflöcke in unsere Gesellschaft getrieben hat. Doch auch die USA und unsere Nachbarländer sind dafür verantwortlich. Wenn die ausländischen Mächte uns in Ruhe lassen, werden wir schnell miteinander zurechtkommen.
DIE WELT: Wie stehen Sie zu einer Übergangsregierung unter Vermittlung des Ex-Königs Zahir Schah?
Hekmatyar: Die Zeit der Monarchie ist vorbei. Was wir brauchen, ist zunächst ein ausschließlich von Afghanen besetzter und organisierter Interimsausschuss mit Vertretern aller Volksgruppen. Dieses Gremium muss eine Verfassung, über die später abgestimmt werden muss, freie Wahlen für Präsident und Parlament sowie eine nationale Armee vorbereiten.
DIE WELT: Was ist mit den Taliban? Sollen sie einen Platz im Nachkriegsafghanistan haben?
Hekmatyar: Das muss das Volk in freien Wahlen entscheiden. Ich denke aber, sie werden eine von vielen Parteien in einem Multiparteienstaat Afghanistan bilden.
DIE WELT: Welche Rolle wollen Sie in der Regierung spielen?
Hekmatyar: Ich werde nicht als Kandidat für ein Regierungsamt antreten. Wenn mich meine Partei allerdings dazu auffordert, werde ich mich nicht dagegen verwahren.
DIE WELT: Sie sprechen von Demokratie, sind aber Vorsitzender einer islamischen Partei. Welche Rolle soll der Islam spielen? Schwebt Ihnen eine islamische Demokratie vor, die Präsident Chatami seit vier Jahren im Iran versucht zu etablieren?
Hekmatyar: In diese Richtung gehen meine Vorstellungen. Afghanistan ist eine moslemische Nation, und die Menschen werden für ein wahres islamisches System votieren - ohne Unterdrückung.
DIE WELT: Auch ohne Unterdrückung der Frauen?
Hekmatyar: Selbstverständlich. In einer islamischen Demokratie müssen die Frauen gleiche Rechte haben. Das sieht der Koran vor.
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Der ehemalige Kriegsherr Hekmatyar will in Afghanistan eine zweite Front eröffnen: Gemeinsam mit Teilen der Taliban und der Nordallianz gegen die USA
Teheran - Gulbuddin Hekmatyar führt die afghanisch-sunnitische Paschtunengruppe Hisb-i-Islami. Seit der Machtübernahme der Taliban 1996 lebt er im iranischen Exil in Teheran. Hekmatyar hat gegen fast alle am Konflikt in Afghanistan beteiligte Parteien gekämpft und des öfteren die Fronten gewechselt. Er war 1996 maßgeblich an der Zerstörung Kabuls beteiligt. Stephanie Rupp sprach mit ihm über die Zukunft Afghanistans.
DIE WELT: Sie haben die Luftschläge der USA verurteilt. Dabei ist es noch nicht so lange her, dass Ihre Truppen in Afghanistan selbst Unterstützung via Pakistan aus den USA erhalten haben. Weshalb also dieser Stimmungswechsel?
Gulbuddin Hekmatyar: Das ist kein Wechsel. Die USA hatten damals auch andere Gruppen unterstützt. Die Angriffe Amerikas auf unser Land verurteile ich in schärfster Form. Nach meinen Informationen sind bisher über 1000 unschuldige Zivilisten getötet worden. Die Angelegenheit mit Bin Laden ist nur ein Vorwand für die USA, Afghanistan zu besetzen und eine Marionettenregierung zu installieren. Vorrangiges Ziel ist es, Afghanistan als strategischen Punkt in Zentralasien zu erobern und zu einer Militärbasis zu machen.
DIE WELT: Das hört sich so an, als wollten Sie bald gegen die USA in den Kampf ziehen.
Hekmatyar: Wir werden niemals zustimmen, gegen Amerikaner auf amerikanischem Boden zu kämpfen. Und wir werden uns entsprechenden Bewegungen auch nicht anschließen. Doch die USA zetteln gerade einen Krieg gegen Afghanistan an, und wir haben keine andere Chance, als unser Land auf unserem Boden zu verteidigen.
DIE WELT: Es sind aber noch keine Aktivitäten der Hisb-i-Islami in Afghanistan zu beobachten.
Hekmatyar: Der Zeitpunkt dafür ist noch nicht gekommen, und ich hoffe sehr, dass er niemals kommt. Erst wenn die USA Bodentruppen einsetzen, wonach es jetzt aussieht, werden wir ebenfalls im Land sein. Wir werden alle Afghanen zur Landesverteidigung aufrufen. Wir verfügen über eine große Zahl von sehr gut trainierten Kämpfern mit großer Erfahrung, Freiwillige, die schon gegen die Russen gekämpft haben. Auch außerhalb des Landes gibt es Unterstützung.
DIE WELT: Wer stärkt Ihnen den Rücken? Der Iran oder Pakistan?
Hekmatyar: Der Iran hat uns das Gastrecht gewährt. Ich bedanke mich dafür. Doch finanziell unterstützt der Iran nicht unsere Bewegung, sondern die Nordallianz.
DIE WELT: Wollen Sie denn gegen die Nordallianz und auf Seiten der Taliban kämpfen?
Hekmatyar: Im Falle von US-Bodentruppen werden wir eine zweite Front bilden. Ein Teil der Nordallianz wird gemeinsam mit den USA kämpfen. Wir werden uns mit einem anderen Teil der Allianz verbünden sowie auch mit Teilen der Taliban. Nur so können wir unser Land gegen äußere Einflüsse und eine dauerhafte Besatzung verteidigen.
DIE WELT: Wie sollen die Afghanen in Zukunft ihre Probleme selbst lösen? Welche politische Vision haben Sie?
Hekmatyar: Die einzige Lösung für unser Land ist eine stabile Demokratie mit freien Wahlen, die von der UNO kontrolliert werden könnten. Vertreter aller Volksgruppen und Landesteile müssen an der künftigen Regierung beteiligt werden. Wir brauchen einen direkt vom Volk gewählten Präsidenten und ein Parlament. Das System muss einfach und transparent sein. Weder ein Premierminister noch zwei Volksvertretergremien wie Senat und Kongress in den USA sind für Afghanistan angemessen. Der gewählte Präsident soll das Kabinett direkt bestimmen und benötigt dazu keine Bestätigung durch das Parlament.
DIE WELT: Aber Paschtunen und Tadschiken, Hazara und Usbeken bekämpfen sich und kamen auch in der Vergangenheit nie wirklich miteinander zurecht.
Hekmatyar: Schuld an unseren Problemen ist vor allem Moskau, das Pflöcke in unsere Gesellschaft getrieben hat. Doch auch die USA und unsere Nachbarländer sind dafür verantwortlich. Wenn die ausländischen Mächte uns in Ruhe lassen, werden wir schnell miteinander zurechtkommen.
DIE WELT: Wie stehen Sie zu einer Übergangsregierung unter Vermittlung des Ex-Königs Zahir Schah?
Hekmatyar: Die Zeit der Monarchie ist vorbei. Was wir brauchen, ist zunächst ein ausschließlich von Afghanen besetzter und organisierter Interimsausschuss mit Vertretern aller Volksgruppen. Dieses Gremium muss eine Verfassung, über die später abgestimmt werden muss, freie Wahlen für Präsident und Parlament sowie eine nationale Armee vorbereiten.
DIE WELT: Was ist mit den Taliban? Sollen sie einen Platz im Nachkriegsafghanistan haben?
Hekmatyar: Das muss das Volk in freien Wahlen entscheiden. Ich denke aber, sie werden eine von vielen Parteien in einem Multiparteienstaat Afghanistan bilden.
DIE WELT: Welche Rolle wollen Sie in der Regierung spielen?
Hekmatyar: Ich werde nicht als Kandidat für ein Regierungsamt antreten. Wenn mich meine Partei allerdings dazu auffordert, werde ich mich nicht dagegen verwahren.
DIE WELT: Sie sprechen von Demokratie, sind aber Vorsitzender einer islamischen Partei. Welche Rolle soll der Islam spielen? Schwebt Ihnen eine islamische Demokratie vor, die Präsident Chatami seit vier Jahren im Iran versucht zu etablieren?
Hekmatyar: In diese Richtung gehen meine Vorstellungen. Afghanistan ist eine moslemische Nation, und die Menschen werden für ein wahres islamisches System votieren - ohne Unterdrückung.
DIE WELT: Auch ohne Unterdrückung der Frauen?
Hekmatyar: Selbstverständlich. In einer islamischen Demokratie müssen die Frauen gleiche Rechte haben. Das sieht der Koran vor.