Hedge Fonds wehren sich gegen Vorwurf der Kursmanipulation
Kurse von WCM, MLP und Deutsche Telekom geraten durch Leerverkäufe unter Druck
chs./ruh. LONDON/FRANKFURT, 20. Juni. Im ohnehin schwachen Aktienmarkt sind die Kurse von einzelnen Werten besonders unter Druck geraten. In Deutschland zählen dazu unter anderem MLP, WCM und Deutsche Telekom. Die Unternehmen sprechen von Übertreibungen. Zum Teil wähnen sie sich als Opfer von dunklen Machenschaften und verdächtigen Hedge-Fonds der unredlichen Kursmanipulation. Die europäischen Hedge-Fonds wehren sich vehement gegen den Vorwurf, sie würden die Kurse einzelner Aktien künstlich nach unten treiben. Vielmehr bestehen sie darauf, daß es fundamentale Gründe gebe, wenn sie Aktien leerverkaufen.
Bei dieser Technik setzen sie auf sinkende Kurse, indem sie sich Aktien leihen, diese verkaufen und sie später billiger zurückkaufen, um sie dann an den Verleiher zurückgeben zu können. "Die Geschichte zeigt eindeutig: Bei Managern, die sich beschweren und gerichtlich klagen, ist meistens bei der Bewertung der Aktie oder im Unternehmen selbst etwas faul. Es ist aufschlußreich, daß sie sich nicht beschweren, wenn die Kurse in irrationale Höhen getrieben werden", sagt Hugh Hendry Fondsmanager bei Odey Asset Management, einem in London ansässigen Hedge-Fonds, der seit zehn Jahren im Geschäft ist und rund 300 Millionen Dollar verwaltet hat.
Hendry hält besonders wenig von der MLP-Aktie, die er nach eigenen Angaben noch am gestrigen Donnerstag leerverkauft hat. Damit hat er ein Eigeninteresse am weiteren Kursverfall des Papiers. Doch er besteht darauf, daß er seine Abneigung gegen die Aktie begründen kann. Die Praxis der "aggressiven" Buchführung würde Ertragszahlen übertrieben hoch darstellen. Eine Untersuchung der amerikanischen Analysefirma Center for Financial Research and Analysis (CFRA), auf die Fondsmanager bei undurchsichtigen Bilanzen gerne zurückgreifen, habe dies bestätigt. Niemand wisse genau, wie MLP sein Geld verdiene, sagt Hendry und erinnert an die Fälle Enron und EM.TV. Es sei gut möglich, daß MLP ein ähnliches Schicksal drohe wie EM.TV, einer Aktie, die im übrigen Hendrys bestes Leerverkaufs-Geschäft war, wie er berichtet. Die öffentlichen Proteste von MLP hätten Hendry in seiner Strategie, die Aktie leerzuverkaufen, nur bestärkt.
Jacob Schmidt von der Analysefirma Allenbridge Hedgeinfo weist zudem darauf hin, daß es selten die Hedge-Fonds sind, die einen Trend einleiten, sondern daß sie in der Regel auf einen Zug aufspringen, der schon in Bewegung ist. "Der erste, der verkauft, ist der Long-only-Manager, also der, der gar nicht leerverkaufen darf." Dabei habe sich der Hedgefonds-Manager eine Meinung gebildet, wie weit ein Aktienkurs sinken werde. Ist dieser Stand erreicht, werde er die Leerverkäufe einstellen.
Es gibt allerdings Ausnahmen. Denn manche Fondsmanager versuchen, einen Trend anzustoßen. Dafür kämen Aktien von Unternehmen in Frage, die hoch bewertet sind und bei denen die Hoffnungen der Anleger übertrieben groß sind, sagt Ivo Felder, Leiter des Hedge-Fonds Research von RMF in der Schweiz. Je größer die Zweifel an der Höhe der Bewertung, desto besser. Die Titel dürften nicht zu klein und illiquide sein, weil sonst die Wertpapierleihe nicht in ausreichendem Umfang möglich sei.
Fortsetzung auf Seite 27.
Die Leerverkäufer leihen sich die Aktien meist bei Pensionskassen und anderen institutionellen Anlegern. Das führt dazu, daß die Eigentümer zwar einen Leihezins kassieren, aber gleichzeitig einen Kursverlust erleiden, wenn die Spekulation des Hegde-Fonds aufgeht. Bei der Auswahl der richtigen Werte sei andererseits wichtig, daß die Marktkapitalisierung auch nicht zu groß ist, sagt Felder. Denn dann lasse sich der Kurs kaum von der Stelle bewegen. In jedem Fall gelte aber, daß jeder Leerverkäufer die Aktien später wieder kaufen müsse. Er gehe also ein Risiko ein und habe keinen sicheren Ertrag, betont Felder.
Michael Taylor, Chef des Aktienhandels beim Threadneedle Asset Manager, einem der größten Leerverkäufer in Europa, räumt ein, daß Hedge-Fonds für größere Kursschwankungen an den Märkten sorgen können. Bei einzelnen, vor allem kleineren Aktien könne es zu einer Überfülle an Leerverkäufen kommen, wodurch der Kurs sinke. Wenn dann später mehrere Hedge-Fonds gleichzeitig die Aktie wieder zurückkauften, seien übertriebene Kursanstiege möglich. Doch meistens handele es sich dabei um vorübergehende Erscheinungen. Wie überhaupt die Hedgefonds Kurse in der Regel allenfalls für eine begrenzte Zeit die Märkte beeinflußen könnten.
Nach Angaben von Fondsmanager Hendry haben die Hedge-Fonds in Europa nicht mehr Mittel unter Verwaltung als ein mittelgroßes Versicherungsunternehmen. Er erinnert zudem daran, daß Hedgefonds oft für Liquidität bei Kursen sorgen, wo sonst kaum jemand noch kaufen wolle. Auch diese Funktion sei positiv für die Märkte.
Nach Angaben von Allenbrige Hedgeinfo gehören zu den größten Leerverkäufern von europäischen Aktien (die gleichzeitig auch immer wie traditionelle Manager Aktien kaufen) die Hedge-Fonds von Threadneedle (Crescendo) und von Gartmore (AlphaGen Capella) sowie die Fonds von Odey Asset Management, Landsdowne, Marshall Wace und Thames River.
In Deutschland haben Privatanleger praktisch keine Möglichkeit, in Hedgefonds zu investieren, die sich auf Leerverkäufe von einzelnen Aktienwerten spezialisiert haben. Solche Fonds sind hierzulande nicht zugelassen. Die Investition in Dachfonds, die ihrerseits Fonds kaufen, lohne sich auf diesem Gebiet wegen der prohibitiv hohen Steuern nicht, erläutert Dirk Söhnholz von Feri Alternative Assets. Einige Banken haben zwar steuerlich günstigere Zertifikate aufgelegt, die die Wertentwicklung von breiten HedgeFonds-Indizes nachvollziehen. Aber die ausgewählten Indizes enthielten nur einen geringen Anteil von Fonds, deren Strategie sich auf den Leerverkauf von einzelnen Aktien beschränkt.
Ein großer Teil der auf dem Aktienmarkt tätigen Hedge-Fonds verfolgt eine breiter angelegte Strategie. Häufig agieren sie wie ganz normale Aktienfonds, mit dem wichtigen Unterschied, daß sie die normale Aktienanlage durch das Instrument des Leerverkaufs ergänzen dürfen. So können sie anders als herkömmliche Aktienfonds auch von sinkenden Kursen profitieren.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2002, Nr. 141 / Seite 25
Kurse von WCM, MLP und Deutsche Telekom geraten durch Leerverkäufe unter Druck
chs./ruh. LONDON/FRANKFURT, 20. Juni. Im ohnehin schwachen Aktienmarkt sind die Kurse von einzelnen Werten besonders unter Druck geraten. In Deutschland zählen dazu unter anderem MLP, WCM und Deutsche Telekom. Die Unternehmen sprechen von Übertreibungen. Zum Teil wähnen sie sich als Opfer von dunklen Machenschaften und verdächtigen Hedge-Fonds der unredlichen Kursmanipulation. Die europäischen Hedge-Fonds wehren sich vehement gegen den Vorwurf, sie würden die Kurse einzelner Aktien künstlich nach unten treiben. Vielmehr bestehen sie darauf, daß es fundamentale Gründe gebe, wenn sie Aktien leerverkaufen.
Bei dieser Technik setzen sie auf sinkende Kurse, indem sie sich Aktien leihen, diese verkaufen und sie später billiger zurückkaufen, um sie dann an den Verleiher zurückgeben zu können. "Die Geschichte zeigt eindeutig: Bei Managern, die sich beschweren und gerichtlich klagen, ist meistens bei der Bewertung der Aktie oder im Unternehmen selbst etwas faul. Es ist aufschlußreich, daß sie sich nicht beschweren, wenn die Kurse in irrationale Höhen getrieben werden", sagt Hugh Hendry Fondsmanager bei Odey Asset Management, einem in London ansässigen Hedge-Fonds, der seit zehn Jahren im Geschäft ist und rund 300 Millionen Dollar verwaltet hat.
Hendry hält besonders wenig von der MLP-Aktie, die er nach eigenen Angaben noch am gestrigen Donnerstag leerverkauft hat. Damit hat er ein Eigeninteresse am weiteren Kursverfall des Papiers. Doch er besteht darauf, daß er seine Abneigung gegen die Aktie begründen kann. Die Praxis der "aggressiven" Buchführung würde Ertragszahlen übertrieben hoch darstellen. Eine Untersuchung der amerikanischen Analysefirma Center for Financial Research and Analysis (CFRA), auf die Fondsmanager bei undurchsichtigen Bilanzen gerne zurückgreifen, habe dies bestätigt. Niemand wisse genau, wie MLP sein Geld verdiene, sagt Hendry und erinnert an die Fälle Enron und EM.TV. Es sei gut möglich, daß MLP ein ähnliches Schicksal drohe wie EM.TV, einer Aktie, die im übrigen Hendrys bestes Leerverkaufs-Geschäft war, wie er berichtet. Die öffentlichen Proteste von MLP hätten Hendry in seiner Strategie, die Aktie leerzuverkaufen, nur bestärkt.
Jacob Schmidt von der Analysefirma Allenbridge Hedgeinfo weist zudem darauf hin, daß es selten die Hedge-Fonds sind, die einen Trend einleiten, sondern daß sie in der Regel auf einen Zug aufspringen, der schon in Bewegung ist. "Der erste, der verkauft, ist der Long-only-Manager, also der, der gar nicht leerverkaufen darf." Dabei habe sich der Hedgefonds-Manager eine Meinung gebildet, wie weit ein Aktienkurs sinken werde. Ist dieser Stand erreicht, werde er die Leerverkäufe einstellen.
Es gibt allerdings Ausnahmen. Denn manche Fondsmanager versuchen, einen Trend anzustoßen. Dafür kämen Aktien von Unternehmen in Frage, die hoch bewertet sind und bei denen die Hoffnungen der Anleger übertrieben groß sind, sagt Ivo Felder, Leiter des Hedge-Fonds Research von RMF in der Schweiz. Je größer die Zweifel an der Höhe der Bewertung, desto besser. Die Titel dürften nicht zu klein und illiquide sein, weil sonst die Wertpapierleihe nicht in ausreichendem Umfang möglich sei.
Fortsetzung auf Seite 27.
Die Leerverkäufer leihen sich die Aktien meist bei Pensionskassen und anderen institutionellen Anlegern. Das führt dazu, daß die Eigentümer zwar einen Leihezins kassieren, aber gleichzeitig einen Kursverlust erleiden, wenn die Spekulation des Hegde-Fonds aufgeht. Bei der Auswahl der richtigen Werte sei andererseits wichtig, daß die Marktkapitalisierung auch nicht zu groß ist, sagt Felder. Denn dann lasse sich der Kurs kaum von der Stelle bewegen. In jedem Fall gelte aber, daß jeder Leerverkäufer die Aktien später wieder kaufen müsse. Er gehe also ein Risiko ein und habe keinen sicheren Ertrag, betont Felder.
Michael Taylor, Chef des Aktienhandels beim Threadneedle Asset Manager, einem der größten Leerverkäufer in Europa, räumt ein, daß Hedge-Fonds für größere Kursschwankungen an den Märkten sorgen können. Bei einzelnen, vor allem kleineren Aktien könne es zu einer Überfülle an Leerverkäufen kommen, wodurch der Kurs sinke. Wenn dann später mehrere Hedge-Fonds gleichzeitig die Aktie wieder zurückkauften, seien übertriebene Kursanstiege möglich. Doch meistens handele es sich dabei um vorübergehende Erscheinungen. Wie überhaupt die Hedgefonds Kurse in der Regel allenfalls für eine begrenzte Zeit die Märkte beeinflußen könnten.
Nach Angaben von Fondsmanager Hendry haben die Hedge-Fonds in Europa nicht mehr Mittel unter Verwaltung als ein mittelgroßes Versicherungsunternehmen. Er erinnert zudem daran, daß Hedgefonds oft für Liquidität bei Kursen sorgen, wo sonst kaum jemand noch kaufen wolle. Auch diese Funktion sei positiv für die Märkte.
Nach Angaben von Allenbrige Hedgeinfo gehören zu den größten Leerverkäufern von europäischen Aktien (die gleichzeitig auch immer wie traditionelle Manager Aktien kaufen) die Hedge-Fonds von Threadneedle (Crescendo) und von Gartmore (AlphaGen Capella) sowie die Fonds von Odey Asset Management, Landsdowne, Marshall Wace und Thames River.
In Deutschland haben Privatanleger praktisch keine Möglichkeit, in Hedgefonds zu investieren, die sich auf Leerverkäufe von einzelnen Aktienwerten spezialisiert haben. Solche Fonds sind hierzulande nicht zugelassen. Die Investition in Dachfonds, die ihrerseits Fonds kaufen, lohne sich auf diesem Gebiet wegen der prohibitiv hohen Steuern nicht, erläutert Dirk Söhnholz von Feri Alternative Assets. Einige Banken haben zwar steuerlich günstigere Zertifikate aufgelegt, die die Wertentwicklung von breiten HedgeFonds-Indizes nachvollziehen. Aber die ausgewählten Indizes enthielten nur einen geringen Anteil von Fonds, deren Strategie sich auf den Leerverkauf von einzelnen Aktien beschränkt.
Ein großer Teil der auf dem Aktienmarkt tätigen Hedge-Fonds verfolgt eine breiter angelegte Strategie. Häufig agieren sie wie ganz normale Aktienfonds, mit dem wichtigen Unterschied, daß sie die normale Aktienanlage durch das Instrument des Leerverkaufs ergänzen dürfen. So können sie anders als herkömmliche Aktienfonds auch von sinkenden Kursen profitieren.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2002, Nr. 141 / Seite 25