Jeden Tag ging Nasruddin mit seinem Esel über die Grenze, die Lastkörbe hoch mit Stroh beladen. Da er zugab, ein Schmuggler zu sein, durchsuchten ihn die Grenzwachen immer wieder.
Sie machten Leibesvisitationen, siebten das Stroh durch, tauchten es in Wasser und verbrannten es sogar von Zeit zu Zeit.
Nasruddin wurde unterdes sichtlich wohlhabender.
Schließlich setzte er sich zur Ruhe und zog in ein anderes Land. Dort traf ihn Jahre später einer der Zollbeamten.
'Jetzt könnt Ihr es mir ja verraten, Nasruddin ',sagte er, ' Was habt Ihr damals nur geschmuggelt, als wir Euch nie etwas nachweisen konnten?'
'Esel', sagte Nasruddin.
Es ist immer wieder das Offenkundige, das uns zuletzt auffällt;
es ist immer wieder das Offensichtliche, das wir übersehen;
wie wenn unser Interesse stets nur dem Außerordentlichen gelten würde. Jede Zeitung, jeder Rundfunk, jedes Fernsehen lebt davon: irgendwo ist ein Krieg, irgendwo hat es eine Katastrophe gegeben, irgendwo hat jemand etwas ganz Unerhörtes geäußert - das sind die Nachrichten des Tages; und so tagaus, tagein.
Ginge es auf Erden wirklich so zu, wie uns die 'Nachrichten' glauben lassen, so müßte das Leben augenblicklich stillstehen; denn vom Ungewöhnlichen und Anormalen kann kein Mensch auf Dauer leben. Und wie im Kleinen so im Großen:
wäre, was in den Geschichtsbüchern zu lesen ist, die wirkliche Geschichte, die Welt würde keinen Tag Bestand haben!
Offensichtlich vertragen wir selbst heute, nach über zwei Millionen Jahren der Menschwerdung, die 'Gabe' des Bewußtseins immer noch recht schlecht. Nicht nur verschlafen wir mehr als ein Drittel unseres Lebens buchstäblich, vielmehr dämmern wir auch die meiste Zeit unseres scheinbar 'wachen' Lebens mehr oder weniger dahin und dies ganz sicher nicht aus Faulheit oder Bequemlichkeit, wie es die Zeitgeistkritiker und Moralisten aller Tage verkünden, sondern - aus Angst.
Es ist die Angst, die uns nicht sehen läßt, was wir sehen könnten,
es ist die Angst, die uns nicht hören, nicht wahrnehmen läßt, was wir hören und wahrnehmen könnten;
also, daß es uns als grelles Aufblitzen in die Augen stechen muß, also, daß es uns als marktschreierisches Getöse in den Ohren gellen muß und der verhängnisvolle Kreislauf ist geschlossen und daran sind ganz gewiß die Medien am wenigsten schuld, und schließlich wittern wir überall die Konterbande, das Böse, die Bedrohung und sehen nur noch Bäume, aber den (Wald oder wie in unserem Beispiel den) Esel sehen wir nicht.
Wer Ohren hat, der höre, sagt Jesus und meint damit auch die Augen und meint damit eine Wahrnehmung des Herzens, die fähig ist, nach innen zu hören und zu schauen und zu entdecken, wie kostbar und einmalig es ist: ein Ich und Mensch zu sein.