Warten auf Godot
Mails/Nachrichten vom 20.06.2002, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
warten auf Godot. Der Verfalltermin am Freitag ist das erste Datum, anschließend geht es in die Saison der Halbjahreszahlen. Es kündigte sich schon in den vergangenen 3 Tagen an. AMD und Apple Com. warnen vor. Die anderen werden folgen. Ändert dies Wesentliches? Nein, oder kaum. Warum?
Die Gewinnwarnungen dieser zwei Titel überraschen nicht. Beide sagen: Das II. Quartal verlief schwach, die Talsohle ist noch nicht ganz durchschritten, aber am Ende des Jahres sieht es besser aus. Die Gewinnschätzungen für Apple werden sich per 2003 um 70 - 80 Cents je Aktie bewegen. Die für AMD um 50 Cents. Beides auch dann, wenn akt. Rot geschrieben wird. Warum bleibe ich dennoch gelassen?
Apple hat einen Bewertungsfaktor von rd. 1,0 für den Umsatz. Der absolute Boden für diese Aktie liegt bei 14 $. Das ergäbe sogar einen Faktor 0,9 oder sogar 0,85. Bei AMD liegt der Boden bei 7,70 - 8,20 $ und wird soeben getestet, siehe letzte AB. Hier liegt die Bewertung sogar schon bei etwa 0,6.
Beide Unternehmen sind eine Art Frühindikator für die Investitionen der Unternehmen. Ich erinnere daran: Jede Konjunktur beginnt erst mit den Lager- und anschließend mit den Ausrüstungsinvestitionen. Diese werden sich erst ab dem zweiten Halbjahr in den USA deutlich positiver bewegen und bei uns etwas später. Diesen Zyklus hatte ich schon mehrfach erläutert. Computer und Chips gehören unmittelbar in dieses Segment. Anders gewendet: Allein aus der Konjunktursicht heraus ist in beiden Märkten eine deutliche Belebung erst ab dem IV. Quartal möglich. Deshalb interessieren mich die akt. Zahlen nicht, wenn die Bewertung einigermaßen stimmt. Aber:
Ergibt sich eine wesentlich höhere Bewertung, wie z. B. noch bei Intel u. a., ist das Risiko weit größer. Deshalb halte ich mich von all diesen Titeln weiterhin fern.
Für Sie gilt also: Warten Sie bis Freitag. Der Verlauf dieses Tages wird so, wie gestern beschrieben, am kommenden Montag zu interpretieren sein. Sie binden bis dahin kein neues Geld.
Ich bin in den letzten 2 Tagen den Hintergründen nachgespürt, die hinter der Kursschwäche von Münch. Rück und Allianz stecken. Ein Teil hat sich dadurch erklärt, daß die DT. Bank den Blockposten von 1,8 Mrd E. in nicht gerade geschickter Form an den Mann gebracht hat. Sie erinnern sich ferner, daß ich vor 4 Wochen eine merkwürdige Schwäche der Euro-Versicherungs-Titel an dieser Stelle kommentiert hatte. Mein erster Verdacht ging in Richtung Terror, was sich nicht bestätigt hat. Dafür bin ich einem anderen Tip nachgegangen, wo ich fündig wurde:
Mindestens 2 oder auch 3 Londoner Hedge Funds wußten von diesen Verkäufen. Sie bauten erhebliche Leerpositionen auf, und zwar sowohl in Münch. Rück als auch in Allianz. Der Tip kam aus Frankfurt. Ich habe mir bei dieser Gelegenheit im einzelnen die Verfahrensart erklären lassen, wie die Jungs operieren. An dieser Stelle kann ich weitere Einzelheiten dazu nicht preisgeben, aber eine ganz bittere Erkenntnis:
Diese Hedge Funds-Manager, übrigens in der Altersgruppe zwischen 28 und 40 Jahren, operieren meistens mit einem Volumen von etwa 1 - 2 Mrd $, wobei 80 % des Geldes von institutionellen Anlegern stammt. Nach deren Ansicht ist fast jede deutsche Aktie für solche Spekulationen verwendbar. Denn nach deren Beurteilung bekommen Sie für so gut wie jede DAX- oder MDAX-Aktie die Stücke geliehen, die Sie vorher leerverkauft haben. Das eröffnet jede Menge Spielraum nach unten. Übrigens war die gleiche Adresse auch im Falle MLP dabei, wobei sie sich ebenfalls brüsten, vorher gut informiert worden zu sein. Anmerkung dieser Herren am Rande: „Wir warten, daß SAP unter 100 E. fällt, dann gehen wir voll drauf“. Mal sehen.
Frankfurt wird unter diesem Sachverhalt noch einige Zeit zu knabbern haben. Ohne eine Meldepflicht für Leerverkäufe, die nur von der deutschen Börse oder den Aufsichtsbehörden veranlaßt werden kann, halte ich dieses Thema für eine schwere Hypothek für den gesamten Markt. Interessant ist freilich auch: Hedge Funds operieren nicht nur auf der Baisse-Seite, sondern häufig auch auf der Long-Seite. Sie stricken darauf Modelle mit mathematischer Wahrscheinlichkeit, die sich sehr interessant anhören und auch innovativ sind. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Meldepflicht muß her.
Frankfurt wird heute auf die gestrige Wall Street-Schwäche so reagieren, wie in den letzten Tagen. Eine neue Erkenntnis steckt für Sie darin nicht. Sie achten weiter auf den Gradmesser der Temperatur im Markt, also den VDAX. Gestern in der Spitze über 30, im Tief bei 27,90, und 35 oder gar 40 wären der Idealfall dafür, daß Sie dann mit ziemlicher Sicherheit wissen, ob Sie in den Markt gehen sollen oder nicht. So lange bleiben Sie draußen.
Ich bleibe deshalb heute in kurzer Fassung und melde mich morgen. Sollte heute nachmittag eine gravierende Neuigkeit auftauchen, so melde ich mich wie gestern dazu ergänzend.
Nachrichtlich: Noch keine Käufe bei WCM. Ich hatte Sie vorgewarnt, und dabei bleibt es. Der faire Wert könnte aber bei etwa 4,50 - 5 E. liegen. Das wird jedoch noch zu bewerten sein.
Kurz zum Dollar: 0,9568 sind der letzte Punkt für die Eurostärke, wenn man es rein techn. sieht. Ich hatte damit nicht mehr gerechnet und 95 Cents als wahrscheinlicher angesehen. Die gestrige Dollarschwäche mutet vor dem obigen Zusammenhang wie eine Art Vorgeschmack auf Freitag an. Das riecht nach einer Kollabierung, was für Sie ein Termin zum Handeln wird. Schauen wir auf morgen.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
warten auf Godot. Der Verfalltermin am Freitag ist das erste Datum, anschließend geht es in die Saison der Halbjahreszahlen. Es kündigte sich schon in den vergangenen 3 Tagen an. AMD und Apple Com. warnen vor. Die anderen werden folgen. Ändert dies Wesentliches? Nein, oder kaum. Warum?
Die Gewinnwarnungen dieser zwei Titel überraschen nicht. Beide sagen: Das II. Quartal verlief schwach, die Talsohle ist noch nicht ganz durchschritten, aber am Ende des Jahres sieht es besser aus. Die Gewinnschätzungen für Apple werden sich per 2003 um 70 - 80 Cents je Aktie bewegen. Die für AMD um 50 Cents. Beides auch dann, wenn akt. Rot geschrieben wird. Warum bleibe ich dennoch gelassen?
Apple hat einen Bewertungsfaktor von rd. 1,0 für den Umsatz. Der absolute Boden für diese Aktie liegt bei 14 $. Das ergäbe sogar einen Faktor 0,9 oder sogar 0,85. Bei AMD liegt der Boden bei 7,70 - 8,20 $ und wird soeben getestet, siehe letzte AB. Hier liegt die Bewertung sogar schon bei etwa 0,6.
Beide Unternehmen sind eine Art Frühindikator für die Investitionen der Unternehmen. Ich erinnere daran: Jede Konjunktur beginnt erst mit den Lager- und anschließend mit den Ausrüstungsinvestitionen. Diese werden sich erst ab dem zweiten Halbjahr in den USA deutlich positiver bewegen und bei uns etwas später. Diesen Zyklus hatte ich schon mehrfach erläutert. Computer und Chips gehören unmittelbar in dieses Segment. Anders gewendet: Allein aus der Konjunktursicht heraus ist in beiden Märkten eine deutliche Belebung erst ab dem IV. Quartal möglich. Deshalb interessieren mich die akt. Zahlen nicht, wenn die Bewertung einigermaßen stimmt. Aber:
Ergibt sich eine wesentlich höhere Bewertung, wie z. B. noch bei Intel u. a., ist das Risiko weit größer. Deshalb halte ich mich von all diesen Titeln weiterhin fern.
Für Sie gilt also: Warten Sie bis Freitag. Der Verlauf dieses Tages wird so, wie gestern beschrieben, am kommenden Montag zu interpretieren sein. Sie binden bis dahin kein neues Geld.
Ich bin in den letzten 2 Tagen den Hintergründen nachgespürt, die hinter der Kursschwäche von Münch. Rück und Allianz stecken. Ein Teil hat sich dadurch erklärt, daß die DT. Bank den Blockposten von 1,8 Mrd E. in nicht gerade geschickter Form an den Mann gebracht hat. Sie erinnern sich ferner, daß ich vor 4 Wochen eine merkwürdige Schwäche der Euro-Versicherungs-Titel an dieser Stelle kommentiert hatte. Mein erster Verdacht ging in Richtung Terror, was sich nicht bestätigt hat. Dafür bin ich einem anderen Tip nachgegangen, wo ich fündig wurde:
Mindestens 2 oder auch 3 Londoner Hedge Funds wußten von diesen Verkäufen. Sie bauten erhebliche Leerpositionen auf, und zwar sowohl in Münch. Rück als auch in Allianz. Der Tip kam aus Frankfurt. Ich habe mir bei dieser Gelegenheit im einzelnen die Verfahrensart erklären lassen, wie die Jungs operieren. An dieser Stelle kann ich weitere Einzelheiten dazu nicht preisgeben, aber eine ganz bittere Erkenntnis:
Diese Hedge Funds-Manager, übrigens in der Altersgruppe zwischen 28 und 40 Jahren, operieren meistens mit einem Volumen von etwa 1 - 2 Mrd $, wobei 80 % des Geldes von institutionellen Anlegern stammt. Nach deren Ansicht ist fast jede deutsche Aktie für solche Spekulationen verwendbar. Denn nach deren Beurteilung bekommen Sie für so gut wie jede DAX- oder MDAX-Aktie die Stücke geliehen, die Sie vorher leerverkauft haben. Das eröffnet jede Menge Spielraum nach unten. Übrigens war die gleiche Adresse auch im Falle MLP dabei, wobei sie sich ebenfalls brüsten, vorher gut informiert worden zu sein. Anmerkung dieser Herren am Rande: „Wir warten, daß SAP unter 100 E. fällt, dann gehen wir voll drauf“. Mal sehen.
Frankfurt wird unter diesem Sachverhalt noch einige Zeit zu knabbern haben. Ohne eine Meldepflicht für Leerverkäufe, die nur von der deutschen Börse oder den Aufsichtsbehörden veranlaßt werden kann, halte ich dieses Thema für eine schwere Hypothek für den gesamten Markt. Interessant ist freilich auch: Hedge Funds operieren nicht nur auf der Baisse-Seite, sondern häufig auch auf der Long-Seite. Sie stricken darauf Modelle mit mathematischer Wahrscheinlichkeit, die sich sehr interessant anhören und auch innovativ sind. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Meldepflicht muß her.
Frankfurt wird heute auf die gestrige Wall Street-Schwäche so reagieren, wie in den letzten Tagen. Eine neue Erkenntnis steckt für Sie darin nicht. Sie achten weiter auf den Gradmesser der Temperatur im Markt, also den VDAX. Gestern in der Spitze über 30, im Tief bei 27,90, und 35 oder gar 40 wären der Idealfall dafür, daß Sie dann mit ziemlicher Sicherheit wissen, ob Sie in den Markt gehen sollen oder nicht. So lange bleiben Sie draußen.
Ich bleibe deshalb heute in kurzer Fassung und melde mich morgen. Sollte heute nachmittag eine gravierende Neuigkeit auftauchen, so melde ich mich wie gestern dazu ergänzend.
Nachrichtlich: Noch keine Käufe bei WCM. Ich hatte Sie vorgewarnt, und dabei bleibt es. Der faire Wert könnte aber bei etwa 4,50 - 5 E. liegen. Das wird jedoch noch zu bewerten sein.
Kurz zum Dollar: 0,9568 sind der letzte Punkt für die Eurostärke, wenn man es rein techn. sieht. Ich hatte damit nicht mehr gerechnet und 95 Cents als wahrscheinlicher angesehen. Die gestrige Dollarschwäche mutet vor dem obigen Zusammenhang wie eine Art Vorgeschmack auf Freitag an. Das riecht nach einer Kollabierung, was für Sie ein Termin zum Handeln wird. Schauen wir auf morgen.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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