Mails/Nachrichten vom 21.01.2002, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
die Stimmung steigt, aber die Kurse haben Probleme. Das wird noch eine Zeit dauern. Inzwischen gibt es den seltsamen Kommentar, daß man Alan Greenspan kürzlich wohl 'überinterpretiert' habe. Das mag wohl sein, denn ich war von Anfang an anderer Meinung und wiederhole es: Die amerikanische Konjunktur wird sich viel schneller erholen als alle gemeint haben. Das ist auch etwas schwierig zu erklären, weil darin eine Menge Psychologie steckt. Der neue
Sammelindex für das amerikanische Verbrauchervertrauen stieg soeben auf 94,2. Alle anderen relevanten Indizes zeigen das gleiche Bild. Nun kommen die Firmenchefs. Nach minus 21 % Gewinnrückgang im letzten Jahr bringt die aktuelle Auszählung von Bloomberg/First Call eine erneute Verbesserung der Gewinnerwartungen für das laufende Jahr. Allerdings gibt es auch die eine oder andere Warnung, so IBM, und sehr schwierig wird es, Aktien wie Microsoft oder GE aktuell einzustufen. Bei IBM gab es ein Fehlsignal, so daß ich meine technische Meinung in der letzten AB überprüfen muß. Das war eine klassische Bullenfalle, in die ich da hineingetaucht bin. Das ist nicht weiter aufregend, zeigt aber die hohe Volatilität, die so manchem Aktionär Probleme bereitet, woran ich aber nichts kann, dennoch permanent darauf hinweise. Sie konnten es am Freitag auch am Nasdaq sehen wie bei Intel, Oracle, Cisco und Yahoo, um nur einige zu nennen. Stellen Sie sich weiter darauf ein.
Wenn eine Aktie dieser Art von 7 auf 15 $ steigt, muß sie auch mal 3 - 4 $ wieder verlieren können. Dafür wiederhole ich ständig den Standardsatz: Mir ist wichtig, daß Sie am Ende der Korrektur über genügend Liquidität verfügen und damit handlungsfähig sind bzw. bleiben. Ganz wichtig ist dies deshalb, weil ich in den kommenden Monaten noch viele Möglichkeiten sehe, die zu nutzen sind. Ihnen läuft nichts davon.
Wall Street konkret: Die Relation steigender und fallender Kurse hat sich leicht verschlechtert, aber diejenige für Höchst- und Tiefstkurse keineswegs. Und das gilt sowohl für den Big Board als auch Nasdaq. Es zeigt eine innere Stärke des Marktes, die viel besser aussieht als die tägliche Statistik wiedergibt. Am Wochenende habe ich mir über 2.000 Charts angeschaut. Schätzung: Gut 35 - 40 % sehen rein aus dieser Sicht gut bis sehr gut aus. Die gleiche Größenordnung zeigt ein indifferentes Bild, also so eine Art Pattstellung. Daraus kann ein Negativ-, aber auch ein Positivtrend entstehen. Echt schlecht sehen höchstens 15 - 20 % aus. Ich betone, das ist eine rein technische Aussage. Nicht verkennen kann ich aber: Aktien wie GE, Microsoft und AOL-Time Warner halte ich allesamt nicht für Favoriten, weil sie teuer sind. Deren Charts sehen nicht lustig aus. Angesichts der Marktkapitalisierung dieser Werte wird dies ein Handicap sein. Ich werde dazu in der nächsten AB einiges sagen und bitte um Beachtung. Man kann es wohl auch so interpretieren: Diese hoch- kapitalisierten Aktien erscheinen mir wie ein Bleiklumpen am Bein.
Deutschland erhielt am Freitag noch die ein oder andere neue Story. Die Münchener Rück überraschte mit einigen Paketdeals, die einer näheren Betrachtung wert sind. Das lesen Sie in der nächsten AB. Es paßt zu dem, was ich angerissen hatte: Die Deutschland AG wird umgebaut, aber was dabei herauskommt, ist höchst individuell, und an dieser Intelligenz der Akteure ist abzulesen, wo die Gewinne von morgen entstehen können. kurzfristige Tradings sind nicht darunter, das betrifft auch die Commerzbank oder BHW Holding u. a. Jedenfalls: Auf diesem Karussell mitzufahren, wird ein spannendes Erlebnis im laufenden Jahr. Gleichwohl:
Die Woche beginnt mit massiven Empfehlungen für Preussag durch Merrill Lynch und für MAN durch Morgan Stanley, die damit den Ton angeben. Die Technikaktien lassen Sie vorerst aus dem Spiel. Was Siemens verkündete, nämlich mit GE in der Rentabilität gleichzuziehen, ist ein frommer Wunsch, aber leider keine Realität. Allerdings: An GE ohne Jack Welch Anschluß zu finden, wird leichter werden. Dafür ist GE auch schon rd. 40 % gefallen, fällt weiter, und bei 30 $ kann sich Herr von Pierer mit GE messen. Auffallend auch: Es gibt die ersten und massiven Kaufempfehlungen für Vodafone. Immerhin die Nr. 1 im Mobilfunk und der Ex-Telekomregulierer Scheurle, jetzt Credit Suisse First Boston, sagt noch in diesem Jahr ein oder zwei Fusionen im Sektor UMTS-Mobilfunk voraus. Eigentlich muß er es wissen. Das bringt interessante Aspekte, die die ganze Telekomszene in den Mittelpunkt rücken werden.
Zu meinen Empfehlungen: Lufthansa und Preussag sehe ich so wie Merrill Lynch. Es war richtig, frühzeitig aufzuspringen, als alle glaubten, daß demnächst niemand mehr fliegen möchte. Politisch entscheidend wird die Ministererlaubnis für die Ruhrgas-Mehrheit, die E.ON gern hätte. Wird sie gegeben, worauf alles hindeutet, bleibt es bei meiner permanent positiven, wenn auch nicht euphorischen Einschätzung für E.ON und RWE. Beide Titel sind damit unverändert ein Basisinvestment.
Im MDAX achten Sie auf die hohen Börsenumsätze von Continental. Wer kauft sich hier ein, etwa nach dem Muster Babcock und zuvor Rheinmetall, aber auch MG Technologies, wo nach wie vor das gleiche läuft? Siehe Jenoptik: Münchener Rück liegt plötzlich knapp unter 10 %. Ich hatte an dieser Stelle und in der AB auf die hohen Börsenumsätze aufmerksam gemacht. Bei Depfa ist
der Kurs fast davongelaufen. Das, was ich dazu in der AB geschrieben habe, ist sachlich richtig, aber technisch schon leicht überholt. Bei hohen Börsenumsätzen ging es bis 75,50 E. Versuchen Sie es mit einem Limit knapp unter 70 E. Dem gebe ich noch eine Chance. Ferner: Salzgitter weist über 200.000 Stück Tagesumsatz aus. Tendenzen steigend für Kurs und Umsätze. Ich hoffe, Sie sind dabei, wie angeregt. Dazu einige Hintergrundüberlegungen in der nächsten AB.
Kurzer Blick auf den Goldmarkt: Newmont Mining dürfte das Rennen um Normandy gewonnen haben. Offizielle Bestätigung steht noch aus. Das ergibt eine höchst interessante Konstellation, weil Normandy der größte Terminverkäufer der künftigen Goldproduktion ist. Ich hatte das schon beschrieben. 250 t sind als Leerverkauf abgewickelt worden, was die vierfache Jahresproduktion umfaßt. Die Amerikaner wollen das aber nicht hinnehmen und werden die Eindeckung verlangen. Dann wird es spannend. Was wird aus dem Goldpreis, wenn 10 % der Jahresproduktion einzudecken sind? Das hat es noch nie gegeben.
Währungsausblick: Der Yen bleibt weiter schwach und wird gegen Dollar noch massiv verlieren. Diese Linie kennen Sie. Bis 160 Yen für einen Dollar reicht das langfristige Potential, nicht das kurzfristige. Der Euro wackelt bedenklich um 88 Cents herum. Dazu kennen Sie meine Indikation.
Eine Frage stellt sich zum Wochenanfang generell: Ist es denkbar, daß die Börse die Kanzlerkandidatur Stoiber's demnächst zum Anlaß nimmt, über Deutschland ohne Rot-Grün nachzudenken? Gewagt, aber keineswegs unrealistisch. Denken Sie selbst darüber nach.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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