Kollaps der Märkte
Hans Bernecker: Kollaps der Märkte
Mails/Nachrichten vom 26.06.2002, Bernecker & Cie.
--------------------------------------------------
Guten Morgen, meine Damen und Herren,
der Kollaps der Märkte erscheint mir zwangsläufig. Unterscheiden Sie zwischen diesem Begriff und Crash. Letzteres galt für das Ereignis von New York aus völlig externen Gründen. Kollabierung heißt jetzt Zusammenbruch einer ganzen Werte-
skala und wäre das exakte Gegenteil dessen, was Sie im Januar/Februar 2000 nach oben erlebt haben. Je schneller dies nun abläuft, um so besser. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob man noch schnell rausspringt, um anschließend wieder rein-zuspringen. Das ist reine Theorie. Dafür gilt:
Werthaltige Aktien jetzt zu verkaufen, ist Unsinn. In einer Übertreibungsphase ist man ebenso wenig Verkäufer wie Sie umgekehrt damals nicht Käufer sein durften. Vielleicht erinnern Sie sich daran, wie nachhaltig ich seinerzeit gegen diese Hightech-Spekulation argumentiert habe. Jetzt befinden wir uns also in der Spitze nach unten. Dazu kommt:
Ein Marktzusammenbruch ist am Index nicht zu messen. Trendlinien und Charttech-nik sind also nur bedingt verwendbar. Kurzfristige Erholungen wie gestern sind stets ein Signal dafür, nicht zu handeln, worauf ich gestern hinwies. Einzige Richtlinie ist im Moment der VDAX. So lange dieser um 30/34 bleibt, hängt alles in der Schwebe. Springt er auf 45, ist das ein Indiz für die Kollabierung. Dann können Sie handeln. Gleiches gilt natürlich auch für die Amerikaner, wobei dieser V-XN in der Gegend um 75 liegen sollte. Eine andere Meßlatte gibt es im Moment nicht.
Im Vorfeld der Halbjahreszahlen gibt es eine Reihe neuer Warnungen. Was MOR-GAN STANLEY zu den Telekomausrüstern geschrieben hat, ist nun wirklich nichts Neues. Die Abstufung von LUCENT von overweight auf equal weight ist deshalb auch nicht besonders intelligent, aber wirksam, und rückte die Aktie sogar unter 2 $. Alle anderen waren gleich mit dabei. Hier gilt das gleiche wie eingangs erwähnt.
Die Tabakaktien wurden gestern von einem Richter Namens John Lungstrum in den Keller geschickt. Dieser gute Mann verdonnerte R.J. REYNOLDS zu 15 Mio $ mit so bemerkenswerten Formulierungen wie „ruchlos“, „sehr tadelnswert“ und verdiene deshalb eine „bedeutende Bestrafung“. Jede Menge anderer Urteile dieser Art gab es schon. Alle stehen in der Berufung und bis jetzt ist bei Einzelverfahren noch kein einziger Cent bezahlt worden. Die Tabakaktien verloren darauf hin jedoch zwischen 10 % und 18 %. Verkaufen? Ich warte ab, denn bei der generellen Gewinnstärke die-ser Titel ist nichts zu ändern. Darauf komme ich in der AB noch zurück. Zurück zu den eigentlichen Problemkindern:
WORLDCOM räumt Falschbuchungen von 3,85 Mrd $ ein. Was soll man dazu sa-gen? Die zweitgrößte Telekomgesellschaft ist kein Tante Emma-Laden. Man kann nur noch fassungslos auf dieses Szenarium starren, was ich in dieser Form noch nie erlebt habe. Es ist aber ein Teil der notwendigen Kollabierung der Märkte. Mit größ-tem Mißtrauen schaue ich weiter auf CISCO. Gestern 13,45 $ bei einem Umsatz von 79,6 Mio Stück. Bis zum Septembertief sind es noch 2 $. Jeder Dollar bedeutet 7,3 Mrd $ Börsenwert. Der Börsenumsatz erreichte gestern den Wert von 1,07 Mrd $. Wo der faire Wert für CISCO liegt, habe ich mehrfach erläutert. Deutlich unter 10 $.
Ergebnis daraus: Mit der Kollabierung werden Endpunkte erreicht. Dem folgt dann ein anderes Marktmuster, was noch näher zu beschreiben sein wird. Eine saftige Er-holung ohne fundamentale Begründung. Der Verlauf wird also ähnlich sein wie nach den New Yorker Ereignissen. Deshalb müssen Sie für diesen Fall handlungsfähig sein.
In Frankfurt wird heute versucht, das Ganze vorzuspielen. Das ergibt ein Mittelding von Reaktion auf gestern und Vorausahnung für die Wall Street von heute. Dazu ist alles schon oben gesagt: Kracht es, gehen Sie auf die Käuferseite. Bitte lesen Sie dazu die letzten zwei ABs. Ich habe dort beschrieben, wie man diese Käu-fe/Verbilligungen angehen sollte. Alles bleibt gültig. Die wichtigste Information erhielt ich gestern aus London, die ich natürlich mit Vorbehalt weitergebe, aber logisch fin-de:
Die Hedge Funds machen bei Telekom Kasse. Sie decken sich also ein. Wie das verlaufen wird, ist noch zu beobachten. Die bemerkenswerte Begründung: Das downgrading von FRANCE TELECOM sei der Schlußpunkt für die Baissespekulation in der europäischen Telekommunikation. Auch dazu bitte die Verbilligungsstrategie in der vorletzten AB nachlesen. Teilweise betroffen ist davon auch die DT. POST, wie ich überrascht feststelle. Offensichtlich haben einige Akteure auch auf dieser Aktie rumgespielt. Mithin:
Sie schauen heute ausschließlich auf die gesamte Markttechnik, wie beschrieben. Einzelnachrichten der Firmen sind völlig unwichtig. Sie gehen einfach unter. Wo könnte der DAX-Boden liegen? Um 3.800 inklusive Schwankungsbreite 50 Punkte.
Ein kurzer Blick nach Zürich: Dort wurden zwei der größten Versicherer regelrecht zerbombt. Die Gründe sind hinreichend diskutiert worden. Tatsächlich gehörten beide zu den größten Kapitalvernichtern, wie gestern schon an dieser Stelle angemerkt. Beide sind jetzt in einer akuten Marktschwäche ein hochinteressantes Investment für die kommenden zwei Jahre. Das liegt einfach an der Konstruktion der Versiche-rungstitel.
Aufpassen beim Dollar: Ich sehe nach wie vor eine enge Verbindung zwischen Dollarkurs und Markttendenz. Fast möchte ich den Dollar als zusätzlichen Indikator verwenden. Sollte er wirklich die Euro-Parität erreichen, und sei es nur für eine Stunde, ist er maßlos überverkauft und in der Wertung ähnlich wie der VDAX zu sehen. Er hat also eine Signalwirkung. Das verfolgen Sie bitte den ganzen Tag über.
Es kann sein, daß ich mich heute Nachmittag noch einmal melde. Bis dahin, herz-lichst Ihr
Hans A. Bernecker
--------------------------------------------------
Served by sonne02.bern-stein.de on 26.6.2002 11:40:49 for 80.129.67.79
WebText © 2001 by 1STEIN GmbH + + + eMail: info@bern-stein.de
Hans Bernecker: Kollaps der Märkte
Mails/Nachrichten vom 26.06.2002, Bernecker & Cie.
--------------------------------------------------
Guten Morgen, meine Damen und Herren,
der Kollaps der Märkte erscheint mir zwangsläufig. Unterscheiden Sie zwischen diesem Begriff und Crash. Letzteres galt für das Ereignis von New York aus völlig externen Gründen. Kollabierung heißt jetzt Zusammenbruch einer ganzen Werte-
skala und wäre das exakte Gegenteil dessen, was Sie im Januar/Februar 2000 nach oben erlebt haben. Je schneller dies nun abläuft, um so besser. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob man noch schnell rausspringt, um anschließend wieder rein-zuspringen. Das ist reine Theorie. Dafür gilt:
Werthaltige Aktien jetzt zu verkaufen, ist Unsinn. In einer Übertreibungsphase ist man ebenso wenig Verkäufer wie Sie umgekehrt damals nicht Käufer sein durften. Vielleicht erinnern Sie sich daran, wie nachhaltig ich seinerzeit gegen diese Hightech-Spekulation argumentiert habe. Jetzt befinden wir uns also in der Spitze nach unten. Dazu kommt:
Ein Marktzusammenbruch ist am Index nicht zu messen. Trendlinien und Charttech-nik sind also nur bedingt verwendbar. Kurzfristige Erholungen wie gestern sind stets ein Signal dafür, nicht zu handeln, worauf ich gestern hinwies. Einzige Richtlinie ist im Moment der VDAX. So lange dieser um 30/34 bleibt, hängt alles in der Schwebe. Springt er auf 45, ist das ein Indiz für die Kollabierung. Dann können Sie handeln. Gleiches gilt natürlich auch für die Amerikaner, wobei dieser V-XN in der Gegend um 75 liegen sollte. Eine andere Meßlatte gibt es im Moment nicht.
Im Vorfeld der Halbjahreszahlen gibt es eine Reihe neuer Warnungen. Was MOR-GAN STANLEY zu den Telekomausrüstern geschrieben hat, ist nun wirklich nichts Neues. Die Abstufung von LUCENT von overweight auf equal weight ist deshalb auch nicht besonders intelligent, aber wirksam, und rückte die Aktie sogar unter 2 $. Alle anderen waren gleich mit dabei. Hier gilt das gleiche wie eingangs erwähnt.
Die Tabakaktien wurden gestern von einem Richter Namens John Lungstrum in den Keller geschickt. Dieser gute Mann verdonnerte R.J. REYNOLDS zu 15 Mio $ mit so bemerkenswerten Formulierungen wie „ruchlos“, „sehr tadelnswert“ und verdiene deshalb eine „bedeutende Bestrafung“. Jede Menge anderer Urteile dieser Art gab es schon. Alle stehen in der Berufung und bis jetzt ist bei Einzelverfahren noch kein einziger Cent bezahlt worden. Die Tabakaktien verloren darauf hin jedoch zwischen 10 % und 18 %. Verkaufen? Ich warte ab, denn bei der generellen Gewinnstärke die-ser Titel ist nichts zu ändern. Darauf komme ich in der AB noch zurück. Zurück zu den eigentlichen Problemkindern:
WORLDCOM räumt Falschbuchungen von 3,85 Mrd $ ein. Was soll man dazu sa-gen? Die zweitgrößte Telekomgesellschaft ist kein Tante Emma-Laden. Man kann nur noch fassungslos auf dieses Szenarium starren, was ich in dieser Form noch nie erlebt habe. Es ist aber ein Teil der notwendigen Kollabierung der Märkte. Mit größ-tem Mißtrauen schaue ich weiter auf CISCO. Gestern 13,45 $ bei einem Umsatz von 79,6 Mio Stück. Bis zum Septembertief sind es noch 2 $. Jeder Dollar bedeutet 7,3 Mrd $ Börsenwert. Der Börsenumsatz erreichte gestern den Wert von 1,07 Mrd $. Wo der faire Wert für CISCO liegt, habe ich mehrfach erläutert. Deutlich unter 10 $.
Ergebnis daraus: Mit der Kollabierung werden Endpunkte erreicht. Dem folgt dann ein anderes Marktmuster, was noch näher zu beschreiben sein wird. Eine saftige Er-holung ohne fundamentale Begründung. Der Verlauf wird also ähnlich sein wie nach den New Yorker Ereignissen. Deshalb müssen Sie für diesen Fall handlungsfähig sein.
In Frankfurt wird heute versucht, das Ganze vorzuspielen. Das ergibt ein Mittelding von Reaktion auf gestern und Vorausahnung für die Wall Street von heute. Dazu ist alles schon oben gesagt: Kracht es, gehen Sie auf die Käuferseite. Bitte lesen Sie dazu die letzten zwei ABs. Ich habe dort beschrieben, wie man diese Käu-fe/Verbilligungen angehen sollte. Alles bleibt gültig. Die wichtigste Information erhielt ich gestern aus London, die ich natürlich mit Vorbehalt weitergebe, aber logisch fin-de:
Die Hedge Funds machen bei Telekom Kasse. Sie decken sich also ein. Wie das verlaufen wird, ist noch zu beobachten. Die bemerkenswerte Begründung: Das downgrading von FRANCE TELECOM sei der Schlußpunkt für die Baissespekulation in der europäischen Telekommunikation. Auch dazu bitte die Verbilligungsstrategie in der vorletzten AB nachlesen. Teilweise betroffen ist davon auch die DT. POST, wie ich überrascht feststelle. Offensichtlich haben einige Akteure auch auf dieser Aktie rumgespielt. Mithin:
Sie schauen heute ausschließlich auf die gesamte Markttechnik, wie beschrieben. Einzelnachrichten der Firmen sind völlig unwichtig. Sie gehen einfach unter. Wo könnte der DAX-Boden liegen? Um 3.800 inklusive Schwankungsbreite 50 Punkte.
Ein kurzer Blick nach Zürich: Dort wurden zwei der größten Versicherer regelrecht zerbombt. Die Gründe sind hinreichend diskutiert worden. Tatsächlich gehörten beide zu den größten Kapitalvernichtern, wie gestern schon an dieser Stelle angemerkt. Beide sind jetzt in einer akuten Marktschwäche ein hochinteressantes Investment für die kommenden zwei Jahre. Das liegt einfach an der Konstruktion der Versiche-rungstitel.
Aufpassen beim Dollar: Ich sehe nach wie vor eine enge Verbindung zwischen Dollarkurs und Markttendenz. Fast möchte ich den Dollar als zusätzlichen Indikator verwenden. Sollte er wirklich die Euro-Parität erreichen, und sei es nur für eine Stunde, ist er maßlos überverkauft und in der Wertung ähnlich wie der VDAX zu sehen. Er hat also eine Signalwirkung. Das verfolgen Sie bitte den ganzen Tag über.
Es kann sein, daß ich mich heute Nachmittag noch einmal melde. Bis dahin, herz-lichst Ihr
Hans A. Bernecker
--------------------------------------------------
Served by sonne02.bern-stein.de on 26.6.2002 11:40:49 for 80.129.67.79
WebText © 2001 by 1STEIN GmbH + + + eMail: info@bern-stein.de