Mails/Nachrichten vom 15.03.2002, Bernecker & Cie.
--------------------------------------------------
Guten Morgen, meine Damen und Herren,
die Börse hat eine bessere Struktur als die Kurse und die Stimmung von gestern es auf den ersten Blick erscheinen lassen. Das gefällt mir sehr gut. Es wäre schön, wenn es zunächst dabei bliebe. Aber: In 14 Tagen ist das I. Quartal zu Ende. Stellen Sie sich auf unruhige zwei bis drei Wochen ein. Die Kernfrage lautet: Werden die erwarteten Firmendaten bestätigt oder erneut gravierend verändert? Eine einheitliche Regel gibt es nicht. Ich erwarte zwar keine dramatischen Abweichungen nach unten, aber Sie wissen: Wenn die Erwartungen nur leicht unterboten werden, gibt es hektische Reaktionen der Analysten. Das Ganze ist nicht dauerhaft, aber erhöht die Volatilität. Einen Vorgeschmack gab es gestern in Sachen Lagerbestände. Im gestrigen Ticker hatte ich das Problem schon diskutiert. Es ist ein weiterer Beleg. Schauen Sie nicht hin. Die Gewinnwarnung von Oracle reicht aus, um den Kurs auf das September-Tief zu drücken. Das lag bei 10,76 $, also 3 $ niedriger, und das sind gleich 25 %. Interessanter:
Die Zinsen steigen weiter an. Long-Bonds gestern bereits 5,749 %, Short-Bonds 4,875 %. In diesen vorsichtigen Zinsanhebungen steckt der beste Konjunktur-Indikator. Zum Jahresende sind weit über 6 % wahrscheinlich.
Die Wall Street bietet im Vorgeschmack des Dargelegten heute ein unsicheres Bild. Der beste Rat ist: Ignorieren Sie die Tagestendenz. Denken Sie aber daran: Bei manchen Kursen sind 50 Cents Kursschwankungen kein Problem. In Prozent sind das aber 10 oder manchmal 20 %. So rücke ich von meiner Einschätzung von Lucent auch nicht ab. Auf 2 Aktien achten Sie dennoch: Raytheon und Rockwell Collins, die ich bereits mehrfach empfohlen hatte. Erstere gestern erneut deutlich fester bis knapp 40 $. Beide gehören zur Rüstungsspekulation. Dagegen fielen die Ölservice-Werte etwas stärker zurück, siehe Schlumberger, Halliburton und Baker Hughes. Ich warte auf die nächsten Kaufmöglichkeiten, die durchaus 5 - 8 % niedriger liegen können.
Frankfurt wird versuchen, New York nachzuzeichnen. Am besten gefällt mir weiterhin die Großchemie wie vor 14 Tagen bzw. vorher für alle 4 beschrieben. Das ist ein zuverlässiger mittelfristiger Trend, der noch nicht zu Ende ist. Bitte die AB nachlesen.
DaimlerChrysler steht zum dritten Mal vor der Hürde 51 E. Sie wissen, was das heißt: Sprung darüber (nachhaltig) bedeutet Avance bis 56/58 E. Ob es so kommt, ist noch offen. Interessant jedoch: Auch Peugeot und Renault sehen überaus stark aus. Und dies wiederum gilt sogar für die Autotitel am anderen Ende der Welt, Japan: Nissan, Honda und Toyota.
Die Vorgänge bei Babcock Borsig werden immer mysteriöser. Nun greift sogar der Amerikaner Wyser-Pratte ein und möchte die HV verschieben lassen. Das ist ein Rechtsproblem, das ich nicht bewerten kann. Meine kürzlichen Ahnungen haben nicht getrogen, aber ich bin mir nicht sicher, was dahinter wirklich steckt. Mehr als 20 Telefonate habe ich in den letzten Tagen mit Damen und Herren geführt, die dem Babcock-Kreis zuzuordnen sind. In Düsseldorf ist das kein Problem. Die Dreiecksbeziehung Babcock, Thyssen Krupp, Preussag und als 4. noch die West LB sind eine Beziehungskiste besonderer Art. Vor diesem Hintergrund kann ich mir ganz schlecht vorstellen, daß der jetzige Kurs ein Ausstiegskurs ist. Ich räume aber ein, daß dahinter eine nicht ganz saubere Geschichte steht. Das gleiche gilt für Holzmann. Unterscheiden Sie zwischen dem, was der Öffentlichkeit mitgeteilt wird und dem, was in den Bankgesprächen läuft. Hier spielen auch Emotionen eine Rolle. Alle Banken stehen gegen die Dt. Bank. Ich kann das Konzept der Finanzierung natürlich nicht kritisieren oder begutachten. Aber leider hängt das Schicksal von Holzmann von diesen Kriterien ab. Richtiger wäre eine sofortige Skelettierung oder sogar eine Insolvenz. Darauf läßt sich börsenmäßig jetzt nicht spekulieren. In beiden Fällen heißt das: Holzmann als Konzern darf es künftig eigentlich nicht mehr geben. Passiert das, gleich welcher Art, wäre dies aber eine enorme Entlastung für den deutschen Baumarkt. Siehe AB Seite 4 von heute.
Schauen Sie bitte etwas näher auf Tokio. Mit der gestrigen Entwicklung zeichnet sich (wieder einmal) eine ernsthafte Trendwende ab. Vor 4 Wochen hatte ich das Thema schon in der AB berührt. Das einzige, was mich daran hindert, jetzt schon tätig zu werden, ist der berüchtigte Termin 01.04. Es geht nicht anders, als hier ganz stur zu bleiben. Vor 8 Tagen hatte ich aber auf Sony aufmerksam gemacht. Gestern erneut 3 % Plus. Hier liegt die erste Einstiegsmöglichkeit, dem anschließend alle großen Elektroniktitel folgen werden. Angefangen von Hitachi über Fujitsu, NEC, Kyocera bis Toshiba. Diese Werte halte ich für die interessantesten.
Ein weiterer Blick gilt einigen Europäern. Neuer Höchstkurs von Roche mit 161 Fr. ist immer noch ein Kauf nach meinem Herbsteinstieg bei 120 Fr. Fahren Sie doppelt: Novartis und Roche. (Aventis zeigte bereits eine beeindruckende Stärke.) Das wiederum deckt sich mit der Einschätzung der großen Pharmatitel in den USA, siehe letzte AB. Ich erwäge in allen diesen Aktien neue Käufe und werde sie in der nächsten AB präzisieren.
In Paris wurde gestern plötzlich Alstom "entdeckt". Diese Turn Around-Spekulation schauen Sie sich bitte noch einmal in der AB an. Auch dazu alles weitere im nächsten Brief.
Gehen Sie damit ins Wochenende: Die Marktstabilität steht, die Frühjahrs-Rally bringt keine Wunder, aber sie läuft. Schauen Sie mehr auf den mittelfristigen Trend oder den für 2 Monate, als auf die kurzfristigen Avancen von Tag zu Tag. Damit wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende, denn Sie wissen: "Einen Vorsprung im Leben hat, wer da anpackt, wo die anderen erst einmal reden".
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
--------------------------------------------------
Served by sonne02.bern-stein.de on 15.3.2002 10:54:39 for 80.129.69.155
WebText © 2000 by Bernecker & Cie + 1STEIN GmbH + + + eMail: info@bern-stein.de