Mails/Nachrichten vom 23.01.2002, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
in der laufenden Saison der Gewinnberichte steckt alles drin. Schlechtes, Gutes, Gemischtes, Getürktes, Verfälschtes, schön Geschriebenes, und
entsprechend reagiert natürlich der Markt. Freudenerlebnisse hatten gestern die Internet-Freunde mit dem ersten Gewinn von Amazon. Das ergab sogar
Schlagzeilen in der deutschen Presse. Irgendwie rührend, wie ich finde. Kursgewinn 24 %. Umgekehrt verloren Ariba 12,8 % als Softwarefirma im
Internet. Alle anderen schwankten dazwischen, und heute morgen meldet Commerce One 168 Mio Dollar Verlust nach zuvor 194 Mio Verlust, womit der
Ausstieg von SAP im Zusammenhang stehen dürfte, aber nun die Frage entsteht: Wann ist Commerce One wieder ein neuer Kauf und ob überhaupt, denn hier geht
es um die sogenannte Burn-Rate. Schließlich: Lucent sieht Licht am Ende des Tunnels. Das freut mich natürlich besonders. Insgesamt:
Die Wall Street ist technisch noch nicht über den Berg. Aber immerhin hat die Basis 9700 im Dow Jones gehalten, aber der Nasdaq fiel um 3 %, und das
ist ein Tick zu viel. Bis morgen wird es also haarscharf. In diesem Zusammenhang achten Sie auf den Nasdaq 100 Tracking Stock, der mein
zurückgenommenes Limit von 37,50 $ erreicht hatte. Wie weit geht das Risiko hier? Ein Abstauberlimit für die nächsten zwei, drei Tage um 36 $ könnte
Erfolg haben. Ein solches Limit muß im Markt liegen, weil ich eher auf einen Intraday-Reversal setzen würde, wenn es zu einer plötzlichen Schwäche kommt
wie gestern: Anfang gut, anschließend schwach. Darauf fiel übrigens die deutsche Nemax-Szene herein.
Kürzlich schrieb ich: So wie sich die ökonomischen Fakten verbessern, wird der Markt technische Probleme bekommen. Bei diesem Muster bleibt es. Der
gestern veröffentlichte Frühindikator als Sammelindex des Conference Board erreichte den höchsten Stand seit 1996. Er stieg so kräftig wie zuletzt im
Februar 1996. Dieser Frühindikator hat erfahrungsgemäß einen Vorlauf von ein bis zwei Quartalen vor der Realwirtschaft. Deshalb wiederhole ich: Setzen
Sie nicht auf weitere Zinssenkungen, sondern aufs Gegenteil. Das war schon im Dezember abzusehen und wird immer konkreter. Ein sicheres Indiz dafür ist
zudem die ganz vorsichtige Versteifung der Renditen für zehnjährige Treasury-Bonds. Nicht zu übersehen ist: Die FED hat in den letzten Monaten
eine ausgesprochen expansive Geldpolitik verfolgt. Das wird sich nicht durchhalten lassen. Die Detailanalyse gebe ich in den nächsten ein bis zwei
Wochen.
In der nächsten AB gebe ich für die wichtigsten High-Tech-Titel meine Kauflimits bekannt. Ich empfehle, darauf zu achten und Ihre Dispositionen
darauf abzustellen. Die jeweils möglichen oder notwendigen Ergänzungen erhalten Sie dann über den Tagesticker. Noch ein Blick auf die Markttechnik
insgesamt:
Sie ist ausgewogen, aber durch einige Besonderheiten geprägt. Nokia wurde gestern in New York mit dem fünftgrößten Umsatz empfindlich zurückgestuft.
Das Verfahren nach Chapter 11 für Kmart führte zu einem Riesenumsatz von 121 Mio Stück. In dieser Aktie bin ich Gott sei Dank ebenso wenig engagiert
wie in Enron. Aber: Lucent war gestern mit 30 Mio Umsatz die Nr. 3 auf der Hitliste, bei leicht positiver Notierung.
In Frankfurt wird man sich heute etwas schwer tun. Im Tagesverlauf schloß der Markt mit Pluszeichen und bildete damit auf der Daily-Basis eine
Korrektur in der Korrektur. Das ist eine unangenehme Phase, weil die Gesamtkorrektur noch nicht beendet ist und damit Hoffnungszeichen gesetzt
werden, die nicht halten. Erfreulich:
Die hohen Umsätze bei fallenden Kursen wurden inzwischen deutlich reduziert. Bei Dt. Telekom fast halbiert, bei DaimlerChrysler ebenfalls und bei
Siemens und Infineon um rund 25 % geringer. Hier läßt der Verkaufsdruck nach, wobei ich den Verdacht habe, daß einige Hedge Funds vorher mit im
Spiel waren. Neue Gerüchte und Vermutungen gibt es zu VW. Ich knüpfe daran keine besonderen Erwartungen, habe aber die Zielkurse schon genannt. Zuvor
liegt die Basis der Korrektur aber sehr wahrscheinlich etwas tiefer. Bei Daimler hatte ich 42 E. genannt, für VW 47 E. Bleiben Sie vorerst dabei.
Nachrichtlich: Wenn Kajo Neukirchen meint, daß es für MG Tech. Keinen strategischen Partner gäbe und mithin eine Übernahme höchst unwahrscheinlich
erscheint, so liegt er falsch. Fest steht, daß im Hintergrund gekauft wird. Ich habe das mehrfach kommentiert. Allerdings: Die Entscheidung liegt weder
beim Vorstand noch bei einem Dritten, sondern bei der Haltung der bisherigen Großaktionäre. Mein Zielkurs bleibt vorerst 15/16 E. und dann sehen wir
weiter. Wie überhaupt:
In der nächsten AB geht es ums gleiche Thema. Wer ist der nächste, der dran ist? Es gibt mehrere, und fast sieht es so aus, daß es ein Rennen auf dem
Kalender gibt. Ich sagte Ihnen schon voraus, daß diese Themen diejenigen des Jahres sind. Natürlich ist hierbei die Steuerreform ein ganz wichtiger
Bestandteil.
Der Terminkalender ist heute wieder proppe voll, wobei einige Zahlen schon vorab genannt worden sind. Siemens nennt die ersten Zahlen für das erste
Quartal und SAP kam heute früh heraus. Umsatz + 7 % und operatives Ergebnis 613 Mio E. Das Konzernergebnis stieg bereinigt von 375 auf 379 Mio E. oder
1,21 E. je Aktie. Das liegt über den Erwartungen der Analysten, jedoch nur sehr geringfügig. Die Frage, um die es geht, und die wiederum ist typisch
für
alle Technologietitel: Rechtfertigen diese Zahlen einen Börsenwert von über 50 Mrd E. für einen Umsatz von voraussichtlich 9 Mrd E. und einem KGV um
50? Beantworten Sie diese Frage selbst. Fest steht auch: Eine Wachstumsprämie muß deutlich bescheidener ausfallen.
Es geht weiter: Der französische Chip-Produzent STMicroelectronics präsentiert heute seine Jahreszahlen. Ich nehme vorsichtshalber die Limits
für weitere Käufe zurück, siehe AB. Dann kommen Boeing und Caterpillar und vor allem Corning als weltgrößter Hersteller von Glasfaserkabeln.
Vorgeschmack für morgen: Broadvision präsentiert das Jahresergebnis und Nokia muß belegen, ob die Vermutungen von gestern, die den Kurs scharf ins
Minus brachten, gerechtfertigt sind.
Keine Frage: Es bleibt spannend. Doch je ruhiger Sie bleiben, desto besser für Sie. Studieren Sie diese Fakten sorgfältig aber lassen Sie das Geld noch
auf dem Konto. Machen Sie es also wie der Kanzler: "Alles mit ruhiger Hand".
Das wär's für heute, bis morgen.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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