Hannelore Kohl wird im Familiengrab beigesetzt. Doch der Frieden, den sie gesucht hat, scheint ihr noch nicht vergönnt. Gerüchte und Anschuldigungen rücken ihren Freitod in den politischen Raum
Von Christian Bauschke
Am Anfang wird Verdis Requiem ertönen. Wegen der Trauerfeier für Hannelore Kohl im Dom zu Speyer muss ein Atomtransport in Norddeutschland verschoben werden, weil es nicht möglich sei, gleichzeitig für die Sicherheit beider Ereignisse zu sorgen. Bundeskanzler Gerhard Schröder nimmt am Gottesdienst teil. Es gilt Sicherheitsstufe eins. Das Bistum Speyer hat indirekt vor einem Besuch des öffentlichen Gottesdienstes gewarnt. Es stünden nur 1500 Plätze im Dom zur Verfügung. Ab Mittwochmittag, zwölf Uhr, können Bürger am aufgebahrten Sarg im Dom Abschied nehmen von Hannelore Kohl. Viele werden kommen.
Die Menschen beschäftigt Hannelore Kohls mysteriöser Tod. Mit der unglaublichen Nachricht vom Selbstmord der stillen First Lady begannen die Spekulationen über ihre Motive. Lichtallergie? Depressionen? Oder beides? Niemand aber, auch niemand aus der öffentlichen Klasse, wagte es, eine Verbindung zur CDU-Spendenaffäre, und dem Druck, der dadurch auf der Familie Kohl lastete, zu ziehen.
Mit der Todesnachricht von Hannelore Kohl trat im Gegenteil für einen Moment der Streit um Parteispenden und Kohls Stasiakten in den Hintergrund. Peinlich der Beschluss des Untersuchungsausschusses, der zufälligerweise an jenem Morgen wieder einmal die anonymen Spender des Alt-Kanzlers aufgefordert hatte, sich zu offenbaren. All das wirkte so klein und niedrig an diesem Tag.
Niemand gab - zumindest öffentlich - der Versuchung nach, diesen tragischen Todesfall zu politisieren. Trauer und Anteilnahme galten der Person Hannelore Kohl, die mit ihrem Entschluss, sich das Leben zu nehmen, aus dem Schatten ihres Mannes heraustreten musste. Denn ihr galt plötzlich, da alles vorbei war, die ganze Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.
Der "Stern" hat, wie "Bunte" und "Gala", seinen Erscheinungstermin von Donnerstag auf Dienstag vorgezogen, um groß über "Das einsame Leben und Sterben der Hannelore Kohl" zu berichten. Dieser Freitod habe "eine politische Dimension", heißt es bereits im Editorial. Und dann wird das Bild eines Helmut Kohl entworfen, der seine Frau vernachlässigt und sie zum Ende allein gelassen habe. Weshalb er in der Woche des 41. Hochzeitstags eine mehrtägige Auslandsreise gemacht habe? "Anteilnehmende Fürsorge sieht anders aus", wissen die anteilnehmenden Autoren und schließen: "So ist dieser Suizid vielleicht so etwas wie ein emanzipatorischer Akt gewesen."
Am Ende der 20-Seiten-Strecke des "Stern" vermutet ein Psychologe, dass Hannelore Kohl ihrem Mann die Selbstmordabsicht signalisiert habe. "Dann", so der Psychologe, "wäre es eine Todsünde gewesen, sie allein zu lassen." Politisch ist Helmut Kohl, durch eigenes Verschulden, ohnehin erledigt. Nun soll offenbar auch der Mensch und Ehemann Kohl getroffen werden.
Und damit ist der Tod von Hannelore Kohl endgültig politisiert. Auch Monsignore Erich Ramstetter, ein enger Vertrauter Kohls, rückt den Freitod der Kanzlergattin in den politischen Raum. "Was ihr zu schaffen machte, war, was in den Medien und außerhalb der Medien geschah, an Verleumdungen und Anschuldigungen", sagte Ramstetter, der heute die Totenmesse im Dom zu Speyer zelebrieren wird. "Wenn Sie körperlich angeschlagen sind und dann noch einem solchen psychischen Druck ausgesetzt sind, beeinflusst das den Krankheitsverlauf sehr", so der Geistliche. Bei jeder Krankheit gebe es ein Zusammenspiel von Körper und Seele, auch bei Hannelore Kohl. Zudem stehe fest, dass Kranke, die Frohes erlebten, leichter wieder gesund würden als jene, die "unterdrückt und bedrängt" würden. "Ihre Seele krankte am Spendenskandal bis hin zu persönlichen, ehrverletzenden Angriffen."
Das alles ist nachvollziehbar. Aber der Geistliche macht so, unmittelbar vor der Beerdigung Hannelore Kohls, indirekt Medienberichte über die CDU-Spendenaffäre verantwortlich für die Verschlechterung ihres Gesundheitszustands. Ramstetter ist ein langjähriger Vertrauter der Familie Kohl. Er gehörte zu den Autoren, die Kohls Neujahrsansprachen entwarfen, und er war auch dabei, als Kohl zu Hause in Oggersheim dem geheimen Zehn-Punkte-Plan für die Wiedervereinigung den letzten Schliff gab. Oft hat der Kanzler den Pater vorgeschickt, wenn es darum ging, Botschaften in die Öffentlichkeit zu tragen.
Einige wenige Tage schien es, als könne dieser Schicksalsschlag bleiben, was er im Kern ist: eine menschliche Tragödie. Als solche fand der Tod von Hannelore Kohl eine ungeahnt große Anteilnahme in der Öffentlichkeit. Die Umstände ihres Todes berühren auf besondere Weise. Wer sich zum Selbstmord entschließt, verschiebt die Grenze zwischen der Welt, in der jetzt Sommer ist, und der Totenwelt. Wir sind daran gewöhnt, diese Grenze, von der wir wissen, dass es sie gibt, aber nicht, wo sie uns erwartet, aus dem Bewusstsein zu drängen. Der Tod ist weit weg, und nur, wenn es einen uns Nahen trifft, tritt er in unser Leben, um bald - mit der Trauer - wieder zu verblassen. Bis er irgendwann auch zu uns kommt.
Der Selbstmord bricht diese merkwürdige Ordnung der Welten, die in längst vergangener Zeit dazu führte, gerettete Selbstmörder zum Tode zu verurteilen. Wer sich selbst das Leben nimmt, macht aus Erdulden Tun. Deshalb berührt uns dieser ungemein private und zugleich öffentliche Tod von Hannelore Kohl. Vor dem Tun aber liegt der Entschluss, eine Grenze zu überschreiten. Danach gibt es kein Zurück mehr. Wer sich für den Selbstmord entschieden hat, lässt sich meist nicht zurück holen. Denn er lebt die Zeit, die er sich selbst noch gibt, in einer eigenen Welt, weit weg. Es ist die Entscheidung, die den Mut verlangt, nicht die Tat.
Was bewegte Hannelore Kohl auf dieser Reise? "Aufgeben ist das Letzte, was man sich erlauben darf", sagte sie in einem ihrer letzten Interviews. Hat sie aufgegeben? "Das Leben, dieser Erdenmenschen satt, hat stets die Macht, sich selbst zu entlassen", heißt es in Shakespeares Julius Cäsar. Freitod, nicht Selbstmord muss es heißen.
Mittwochnachmittag wird Hannelore Kohl im engsten Kreis beerdigt, auf dem abgesperrten Friedhof Ludwigshafen-Friesenheim, im Familiengrab der Kohls, neben ihren Schwiegereltern, ein Doppelgrab mit einem Blumenbeet und einer kleinen Hecke. Ihr Name wird in einen schlichten, grauen Stein eingemeißelt sein. Lasst sie in Frieden ruhen.