Anfang November verhalf die Semiconductor Industry Association (SIA) vielen Aktien des Halbleiter-Bereiches zu einem neuen Zwischenhoch. Der Branchenverband hatte einen überraschend positiven Ausblick auf die Entwicklung der Chipindustrie in den kommenden Jahren gegeben. Die Prognose der SIA wurde umso freudiger aufgenommen, weil sie eine eigene Einschätzung vom Oktober revidierte. Die Wachstumsraten, die die SIA fast allen Segmenten des Halbleiter-Sektors für 2002 und die Folgejahre attestiert, ließen aufhorchen.
So soll die Prozessoren-Sparte, domiert von den Giganten Intel und AMD, nach einem Einbruch von 28 Prozent auf 23 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr bereits 2002 wieder um 7 Prozent wachsen. Ein Jahr darauf sollen es bereits 16 Prozent Wachstum sein.
Rosige Zeiten für DRAM-Produzenten
Neben den Herstellern von Halbleitern für das mobile Internet und den Mobilfunk, denen eine schnelle Erholung vorhergesagt wird, können vor allem die geschundenen DRAM-Hersteller frohlocken. Dem massivsten Einbruch ihrer Geschichte von rund 60 Prozent auf zwölf Milliarden US-Dollar sollen rosige Jahre folgen: 2002 rechnet die SIA mit 16 Prozent, 2003 mit 44 Prozent und 2004 sogar mit 54 Prozent Umsatzwachstum in der Branche.
Vor dem Hintergrund dieser Aussichten verschonten Anleger und Analysten den deutschen Chip-Primus Infineon trotz rund eines Milliardenverlustes und eines mürben Ausblicks. Eine Woche nach der SIA-Prognose gab es kaum Verkäufe der Papiere. Im Gegenteil: Infineon legte an den Weltbörsen ebenso wie die Mutter Siemens zu und fand wieder Aufnahme in so mancher Empfehlungsliste.
Viele Unwägbarkeiten vor dem Aufschwung
Dass die Rechnung der Propheten des Aufschwungs mit einigen Unwägbarkeiten behaftet ist, dürfte dem Anleger, der sich in die Titel wagt, klar sein. Die Weltwirtschaft hat es in den kommenden Quartalen mit einer ausgewachsenen Rezession zu tun. Das Verbraucherklima, vor allem in den USA, hat sich merklich abgekühlt. Wachstumsraten beim Handy-Verkauf und beim mobilen Telefonieren schwächen sich weiter ab. Der Desktop-PC als Standard-Gerät für den Internet-Zugang hat allmählich ausgedient. Und der Start der nächsten Mobilfunk-Generation verzögert sich wegen technischer Hürden und ausgebrannter Kassen der Telekom-Unternehmen.
Geht man allerdings davon aus, dass diese schlechten Nachrichten für die Chipindustrie in den Kursen enthalten sind, lassen sich durchaus interessante Titel ausmachen. Im DRAM-Segment spricht bei einem deutlichen Preisanstieg für Speicherchips einiges für Infineon. Der Münchner Konzern kann dank seiner 300-Millimeter-Technologie kostengünstiger als die Konkurrenz produzieren. Der technologische Vorsprung wird auf rund ein Jahr geschätzt. Noch besser würde Infineon sogar dastehen, wenn einem der Großen der Branche die Puste ausgehen würde. Im Idealfall wäre das der angeschlagene koreanische Hersteller Hynix, der 18 Prozent Weltmarktanteil besitzt und bislang mit staatlichen Finanzspritzen reanimiert wird. Nach dem Ausstieg eines Mitbewerbes aus dem DRAM-Geschäft, der taiwanesischen Vanguard, ist dieses Szenario wahrscheinlicher geworden.
Samsung stellt auf Flash Memory um
Den zweiten Koreaner, Samsung, die Nummer eins im DRAM-Markt, wird sich Infineon nicht vom Leibe halten können. Mit straffem Kostenmanagement und einer weit diversifizierten Produktpalette kann Samsung die Nachfrage-Flaute am besten überstehen. Samsung hat bereits Ende Oktober weitere Maßnahmen getroffen, um sich zukunftsfähig im Halbleitermarkt zu halten. Seine Speicherchip-Produktion für PCs hat das Unternehmen umgerüstet um sich stärker auf die Produktion von Flash Memory-Chips zu werfen. Diese Chips werden in mobilen Geräten eingesetzt.
Der Markt für mobile Prozessoren und Speicherchips wird die Zukunft bestimmen, sobald mobiles Internet via Handy oder Handheld, aber auch drahtlose Netzwerke den Alltag bestimmen. Hier haben Texas Instruments und Motorola gute Karten. Die Texaner haben sich bereits seit einiger Zeit mit Macht auf den Zukunftsmarkt für mobile Kommunikation geworfen und ebenso wie Intel und Analog Devices hochleistungsfähige Prozessoren für Handys der UMTS-Generation entwickelt.
Auch integrierte Schaltungen in Mobilfunkgeräten, die sowohl für die Signalverarbeitung als auch für die Steuerung von Software zuständig sind, sogenannte DSPs, werden von den US-Amerikanern hergestellt. Wie die gesamte Branche rüsten sie sich für die mobile Zukunft. Denn nur wenn die möglichst bald kommt, geht die Hoffnung der Halbleiterindustrie auf.
Stand:24.11.2001
© 2001 sharper.de