Gute Unternehmenszahlen finden kein Gehör


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Gute Unternehmenszahlen finden kein Gehör

 
23.01.03 22:03

Sorge um politische Großwetterlage überlagert Wende-Signale in der Wirtschaft – Experten streiten über langfristigen Ausblick
von Holger Zschäpitz

Berlin  -  Unternehmen haben es momentan schwer, mit ihren passablen Zahlen zu den Anlegern durchzudringen. Einige Gesellschaften sehen sich sogar gezwungen, sich Aufmerksamkeit zu erkaufen, und in ganzseitigen Print-Anzeigen ihre Geschäftsdaten zu präsentieren. Doch gute Daten zählen bei Investoren nicht. Denn ein drohender Irak-Krieg beherrscht nicht nur die politische Bühne, sondern auch das Finanzgeschehen. „Nur noch vier Tage bis zum Irak-Bericht der UN-Waffeninspektoren und fünf Tage bis zur Rede zur Nation des US-Präsidenten George W. Bush – der Countdown zum Krieg läuft, und die Nerven der Anleger sind gespannt“, beschreibt Anais Faraj, Stratege bei Nomura in London, den Pessimismus der Anleger.


Vor lauter Irak-Angst und den damit verbundenen anziehenden Gold-, Ölpreis- und Euro-Notierungen hat die Finanzgemeinde ganz übersehen, dass ein wichtiger Börsenindikator zuletzt auf Grün gesprungen ist. So sind die Analysten mit ihren Gewinnprognosen auch für die Dax-Gesellschaften wieder etwas optimistischer geworden. Zwar setzen die Experten bei ihren Schätzungen noch immer überwiegend den Rotstift an. Doch das Verhältnis von Herauf- zu Herabstufungen bei den Prognosen hat sich deutlich verbessert. Gab es vor kurzem noch 80 Prozent mehr negative als positive Gewinnrevisionen, ist diese Zahl jetzt auf 30 Prozent zusammengeschrumpft.


Vor allem Telekom- und Technologieunternehmen, bei denen es zuletzt reihenweise Heraufstufungen gab, waren für die Trendwende verantwortlich. „Damit ist die Talsohle beim negativen Gewinn-Momentum durchschritten. Die Kurse müssten eigentlich steigen“, sagt Nomura-Stratege Faraj.


Tatsächlich ist das Verhältnis von Herauf- zu Herabstufungen bei den Gewinnprognosen („Earning Revisions“) der Analysten ein wichtiger Stimmungsindikator an den Märkten, da er angibt, wie die Zunft die Zukunft einschätzt. Entscheidend dabei ist, wie sich dieses Verhältnis im Zeitablauf ändert. „Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der Kursentwicklung und der Veränderung bei den Gewinnrevisionen“, hat Andreas Hürkamp, Stratege bei der WestLB Panmure, beobachtet. Normalerweise hätte Hand in Hand mit den Earnings Revisions auch der Dax klettern müssen, meint der Experte mit Blick auf die Börsenhistorie. Seit Anfang der 90er Jahre liefen Gewinnrevisionen und Dax nahezu im Gleichschritt. „Der Irak-Konflikt überdeckt aber das historische Muster.“


Wenn der Irak-Konflikt schnell zu Ende gehen sollte, dürfte den Anlegern ein Stein vom Herzen fallen und die Aktienmärkte von einer Last befreien. Experten rechnen für diesen Fall mit einer kräftigen Aktienrallye. Nach Ansicht von Hürkamp könnte der Dax nach Beilegung des Irak-Konflikts schnell bis 3400 Punkte und damit 20 Prozent nach oben schießen. Auch Nomura-Stratege Faraj erwartet dann steigende Notierungen. Die Meinungen gehen aber weit auseinander, ob sich diese Erholungsrallye nur als Strohfeuer entpuppen wird. Optimist Hürkamp rechnet mit längerfristig anziehenden Kursen und einem Dax-Stand zum Jahresende von 4300 Zählern. Bereits im April könne das Verhältnis von Herauf- zu Herabstufungen dann ausgewogen sein.


Ganz anders sieht dies Bernd Meyer, Stratege der Deutschen Bank. Die jüngste Verbesserung bei den Gewinnrevisionen dürfe nicht überbewertet werden, weil die Daten um Weihnachten herum erstellt worden seien. Meyer rechnet damit, dass die Analysten noch einmal kräftig ihre Schätzungen nach unten anpassen müssen. „Noch immer liegen die Ergebnisprognosen viel zu hoch“, so Meyer. Eine nachhaltige Aufwärtsbewegung beim Dax stellt der Stratege den Anlegern denn dann auch nicht in Aussicht. Vielmehr sei der Markt lediglich etwas für Trader. „Bei einem schnellen Ende des Irak-Konflikts kann der Dax schon einmal kräftig klettern. Ein Ausbruch aus der Handelsspanne zwischen 2800 und 3300 Punkten ist aber nicht zu erwarten.“


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