Grundig: Insolvenzantrag für Montag erwartet
Aussicht auf Weiterführung der Geschäfte - Fachhändler und Kunden sind verunsichert
von dpa/ddp/AP
Nürnberg - Der heutige Montag ist von der Belegschaft des insolvenzbedrohten Grundig-Konzerns bange erwartet worden. Die 3790 Mitarbeiter rechnen damit, dass heute bekannt gegeben wird, was alle schon am vergangenen Freitag erwartet hatten: Grundig stellt Insolvenzantrag. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass der neue Vorstandssprecher Eberhard Braun dieses Ergebnis bekannt geben wird, wenn er sich heute um 13 Uhr in Nürnberg zur Zukunft des überschuldeten Elektronikkonzerns äußert.
Grundig-Betriebsratschef Thomas Schwartz sagte der Süddeutschen Zeitung, dass er für Montag mit einem Insolvenzantrag des Nürnberger Elektronikherstellers rechne. Er befürchte eine Aufteilung des Konzerns. Schwarz bezifferte die Bankverbindlichkeiten auf "130 bis 260 Millionen Euro".
Nach einem Bericht der "Nürnberger Nachrichten" ist jedoch auch nach einem Insolvenzantrag die Fortführung des Betriebes gesichert. Das Blatt zitiert Bankenkreise, wonach ein Massekredit in Aussicht gestellt worden sei, der für zunächst zwei Monate Liquidität gewähren werde. Durch das vorgeschriebene Konkursausfallgeld seien die Gehälter für drei Monate gesichert.
Schwartz rief den Vorstand dazu auf, nun mit den Arbeitnehmervertretern an einem Strang zu ziehen. Der Betriebsrat, der auch Mitglied im Aufsichtsrat ist, sprach sich für eine Insolvenz in Eigenverantwortung aus. "Dann ist es möglich, einige Leute zu schützen und das Geschäft mit einem Investor weiterzubetreiben." Wie viele Arbeitsplätze gerettet werden könnten, wollte Schwartz nicht beziffern.
Er gab sich aber optimistisch, dass der Name Grundig erhalten werden kann. "Das ist ein Name, der für Qualität bürgt und in der Bevölkerung Rückhalt hat", sagte er. Für die rentablen Grundig-Bereiche wie Car-Audio, Satelliten-Anlagen und Entwicklung gebe es bereits Interessenten.
Am vergangenen Montag war mit dem türkischen Beko-Konzern auch der zweite potenzielle Investor nach der taiwanesischen Sampo-Gruppe abgesprungen. Einen Tag später war der Insolvenzexperte Eberhard Braun zum neuen Unternehmens-Chef berufen worden, nachdem Hans-Peter Kohlhammer erklärt hatte, er stehe für eine Insolvenz nicht zur Verfügung.
Der Insolvenzantrag war schon am Freitag erwartet worden, da die Banken sich vergangene Woche geweigert hatten, die Kreditlinien des Unternehmens zu verlängern.
Unterdessen bekommt auch der Handel die Querelen um den schlingernden Konzern zu spüren. Der Niedergang des Unterhaltungselektronik-Herstellers führt im Fachhandel bereits zu spürbaren Umsatzrückgängen mit Grundig-Geräten. "Die Kunden sind verunsichert", sagte der Geschäftsführer des Handelsverbunds R.I.C., Peter Keller. "Auch der Handel hat Angst und verhält sich zurückhaltend", sagte Keller. Für die R.I.C.-Mitgliedsgeschäfte sei die Marke Grundig im TV-Bereich jedoch noch immer sehr wichtig. "Sie hat von allen Herstellern die höchste Verbreitung."
Die R.I.C. GmbH vertritt als zweitgrößter deutsche Einkaufsverbund für Konsumelektronik rund 2500 Elektronik-Fachhändler. Bei einer Insolvenz könnte nach Kellers Einschätzung rasch eine Auffanglösung gefunden werden. Dabei dürfte der türkische Beko-Konzern erneut eine Rolle spielen, mutmaßte der Branchenexperte. Die Türken hatten die Übernahmeverhandlungen mit Grundig vor wenigen Tagen überraschend platzen lassen.
Sollte Grundig jedoch vom Markt verschwinden, so werden sich die Marktanteile des Nürnberger Traditionsunternehmens nach Kellers Ansicht auf viele andere Anbieter verteilen. Es werde keine Umsatzverlagerung "eins zu eins" etwa zu Fernseh-Herstellern wie Loewe oder Metz geben.
Ein Ausverkauf von Grundig-Geräten zu Dumping-Preisen steht nach Worten des R.I.C.-Geschäftsführers auch bei einer Abwicklung des Unternehmens nicht bevor. "Der Handel hat bereits auf die Bremse gedrückt. Der Markt ist nicht voll gepumpt."
Artikel erschienen am 14. Apr 2003
Q: www.welt.de/data/2003/04/14/72766.html?s=1
Gr. luki2