Generell bin ich im Lager der Value Investoren und teile die These einer signifikanten und systematischen Unterbewertung bei Grenke.
Indes spielt die Börse aktuell nur eine einzige Kennzahl ... Risikovorsorge.
Und die war in den letzten Quartalen - entgegen der Managementprognosen - nicht stabil oder gar leicht rückläufig sondern ist im Trend weiter gestiegen, zuletzt auf 1,9%.
Der Kursentwicklung entsprechend, die unter dem charttechnischen Druck immer weiter fallender SMAs zuletzt selbst an starken DAX-Tagen null Erholungstendenzen erkennen ließ, geht der Markt offenbar für Q2 von einer über die psychologisch wichtige 2,0% Marke gestiegenen Risikovorsorge aus, womit das Gewinnziel für 2026 selbst unter der Annahme einer Richtung 50% fallenden CIR massiv unter Druck gerät.
Nun könnte man sagen, dass der Kurs bei einem KBV unter 0,4 bereits horrende Verluste statt 75 Mio € Jahresüberschuss eingepreist haben sollte, aber m.E. funktioniert die Logik der den Markt dominierten Tradingalgorithmen gänzlich anders. Fundamentale Unternehmensbewertung ist für die Algos allenfalls eine Nebensache. Die Hauptsache sind Momentum und Sentiment.
Heißt, egal wie stark der Kurs schon gefallen ist und wie aberwitzig die Bewertung aussieht, bei als negativ deklarierten News wie "steigende Risikovorsorge", "Gewinnwarnung" oder "drohende Ratingabstufung" wird weiter brutal auf's Verkaufsknöpfchen gedrückt.
Der Gewinn dieser zerstörerischen Aktienstrategie wird kurzfristig - unsichtbar für die Börse - über den Optionsmarkt realisiert.
Die Zeche dafür zahlen seit Jahren wir Langfristinvestoren.
Dass Grenke bei den aktuellen Witzkursen weder ein Aktienrückkaufprogramm installiert noch signifikante Insiderkäufe vermeldet, hinterlässt seit Monaten ein extrem schlechtes Bauchgefühl.
Die Familie Grenke scheint seit Jahren null Interesse an der Kursentwicklung zu haben.
Das Ziel einer Steigerung der Eigenkapitalrendite auf mindestens 10% bis 2030 ist grundsätzlich richtig, in der zeitlichen und quantitativen Dimension aber völlig unzureichend!
Wäre Grenke ein amerikanisches Unternehmen, wären die aktuellen ROE-Renditen von 5% absolut undenkbar. Der Vorstand wäre längst gefeuert und das Unternehmen würde mit brutaler Härte auf Rendite getrimmt! In Deutschland haben wir einen wesentlichen Teil des Shareholder-Value-Prinzips offensichtlich nicht verstanden. Unternehmen, die nachhaltig ihre EK-Kosten nicht verdienen haben keine Existenzberechtigung und müssen liquidiert werden!
Im aktuellen Marktumfeld liegen die EK-Kosten signifikant über 10%! Demnach führt das 2026er Renditeziel von 7% selbst im Erfüllungsfall aus Sicht der EK-Geber zu einer Wertvernichtung, da die Opportunitätskosten höher als die EK-Rendite sind... Und da der CEO diese Farce noch bis 2030 fortsetzen will, kommt der Kapitalmarkt nicht umhin, die Marktkapitalisierung dramatisch unter dem buchhalterischen EK anzusetzen, um die zu Marktwerten berechnete EK-Rendite an stetig steigenden Risikoaversion / Opportunitätskosten anzupassen.
Der Markt akzeptiert keine unter den Opportunitätskosten liegende EK-Rendite! Niemals!
Zudem muss man bei Grenke unbedingt beachten, dass der vom Vorstand prognostizierte Konzerngewinn nicht mal näherungsweise dem Flow to equity entspricht, weil ein erheblicher Teil an Minderheiten bzw. Anleihegläubiger geht.
Die Anteilseigner interessiert nur der auf die Aktionäre entfallende Teil des Konzernergebnisses!
Wenn dieser Teil durch steigende Risikovorsorge auf 50 Mio € fällt und wir gleichzeitig 10% EK-Kosten unterstellen, ist das EK eben nur 500 Mio wert und nicht 1,2 MRD EUR lt. IFRS-Bilanz...
Insofern ist das niedrige KBV nur dann ein Indiz auf eine drastische Unterbewertung, wenn wir davon ausgehen können, dass die den Aktionären zufließenden Gewinne zeitnah drastisch gesteigert werden und die EK-Kosten gleichzeitig nicht weiter steigen sondern im besten Fall sinken...
Dass Grenke die seit Jahren eklatante Renditeschwäche unter unablässigem Druck des Kapitalmarkts endlich adressiert und ein hartes ROE-Renditeziel formuliert hat, ist begrüßenswert, unter den aktuellen Rahmenbedingungen mit unablässig steigenden Insolvenzzahlen im KMU-Bereich wirkt es indes wie das Pfeifen im Walde. Ein Versuch, den Kapitalmarkt zu beschwichtigen und Zeit zu gewinnen. Würde das Management seinen eigenen Worten wirklich Glauben schenken, sähen wir längst millionenschwere Insiderkäufe und ein 10% ARP...
Das wäre auch für den dümmsten Algotrader ein unmissverständliches Signal, eine Kriegserklärung gegen Shortseller und trendfolgende Charttrader. Wenn dem Management die Kursentwicklung nicht egal wäre, würde man vorläufige Q2-Zahlen publizieren und so das immer wiederkehrende Muster von High-Noon-Events am Quartalsberichtstag durchbrechen. So überlässt man es den Algos, den Kurs bis zum Berichtstag genau dorthin zu manövrieren, wo man ihn haben will...