Glücksspiel an der Börse


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Glücksspiel an der Börse

 
30.06.05 11:26
Böse Vorurteile gegen die Börse verstehen diese als Spielcasino und Wettbude, worüber sich sicherlich streiten läßt.

Unbestreitbar hingegen ist, dass man an der Börse zumindest mit Glücksspielen Geld verdienen kann - die Aktien von Casinos, Online-Casinos und Wettanbietern haben in den vergangenen Monaten teilweise kräftig reüssiert. So ist der Wert der Aktie des Wettanbieters Betandwin von Kursen um 25 Euro zu Jahresbeginn auf rund 65 Euro gestiegen, der Online-Lotto-Anbieter Fluxx.com arbeitete sich von rund 4 Euro zu Jahresbeginn auf mittlerweile 10 Euro hoch.

Party-Gaming unter Beschuß

Keine Frage - in den Aktien vieler Anbieter von Glücksspielen ist derzeit eine Menge Musik drin, wie auch der in dieser Woche erfolgte Börsengang von Party-Gaming, dem etwas umstrittenen britischen Betreiber von Online-Poker, zeigt, der nach seiner Börseneinführung in London mehr wert ist als die Fluggesellschaft British Airways. Die Aussichten von Party-Gaming werten Analysten recht unterschiedlich, was zugleich auch die Tücken eines Investments in solche Unternehmen aufzeigt.

Einer der größten Risikoblöcke für solche Aktien sind rechtliche Ungewißheiten - so steht das Geschäftsmodell von Party-Gaming möglicherweise unter Beschuß: Online-Poker ist zwar nicht illegal in den Vereinigten Staaten, doch Party-Gaming, dessen Kunden zu mehr als 80 Prozent in Amerika sitzen, bewegt sich laut Experten in einer rechtlichen Grauzone. So ist das Angebot von Sportwetten über das Telefon in Amerika zwar illegal, doch wie der Staat mit dem Online-Poker umgehen wird, ist noch unklar. In der amerikanischen Politik gibt es Bestrebungen, wenn nicht Online-Poker schlichtweg zu verbieten, dann doch zumindest den Zahlungsverkehr zu torpedieren, indem man die Kreditkartenunternehmen dazu drängen will, Zahlungen an Online-Poker-Anbieter nicht durchzuführen. Die Folgen für die gesamte Online-Poker-Industrie wären verheerend.

Attraktives Geschäftsmodell

Nicht nur Online-Poker - auch Sportwetten, Online-Bingo und Casinospiele boomen derzeit sowohl im Netz als auch im echten Leben: Unternehmen wie William Hill, ein Betreiber stationärer Wettbüros, oder Sportingbet, ein Anbieter von Sportwetten, verbuchen deutliche Kursgewinne. Die Bewertungen sind allerdings teilweise recht ambitioniert: Manche Unternehmen wie Ukbetting oder Unibet weisen Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) von mehr als 30 auf, Betandwin hat ein KGV von 130, Fluxx.com, zusammen mit Sportwetten.de der einzige im besten Sinne des Wortes deutsche Zockerwert am Kapitalmarkt, kommt auf ein KGV von 40. Günstiger bewertet sind die traditionellen Anbieter von Spielen und Glücksspielen, die jetzt zunehmend auch ins Internet drängen: Die Hilton Group hat wie William Hill ein KGV von rund 14, der irische Wettanbieter Paddy Power kommt auf ein KGV von 21.

Das Geschäftsmodell der Wett- und Spieleanbieter im Internet ist, was die Margen angeht, recht attraktiv: ein Call-Center in Indien, ein paar Server dazu - und fertig ist das Geschäftsmodell. Allerdings gibt es nur eine ernsthafte Hürde, die weitere Wettbewerber davon abhalten könnte, nicht auch ihr Glück zu versuchen, und das ist der Markenname eines Anbieters. Warum, liegt auf der Hand: Niemand schickt sein Geld an den Betreiber einer Internetseite, wenn nicht ein wohlbekannter Markenname dahintersteht. Doch der Aufbau eines Markennamens kostet viel Geld, was die Rentabilität dieser Unternehmen wiederum deutlich schmälert.

Spielaktien erzielen bereits Gewinne

Geringer Kostenaufwand, aber kostenträchtiger Aufbau einer Marke, geringe Markteintrittsbarrieren und ambitionierte Bewertungen - manch einer fühlt sich versetzt in selig-unselige Zeiten des Internetbooms, und einige Analysten warnen bereits davor, daß sich eine Kursblase in diesen Werten abzeichne. Ein ungünstiges Gerichtsurteil oder auch ein publikumswirksamer Protest von Verbraucherverbänden gegen die Spielsucht, und schon könnte es zu einer deutlichen Korrektur kommen, prophezeien Analysten. „Der Nachrichtenfluß spielt bei diesen Werten eine wichtige Rolle, da sie rein bewertungstechnisch auf tönernen Füßen stehen”, sagt ein Fondsmanager. So mancher Hedge-Fonds-Manager steht bereits Gewehr bei Fuß, um auf fallende Kurse dieser Werte zu spekulieren. Ein weiteres Risiko besteht darin, daß viele der Unternehmen eine eher geringe Marktkapitalisierung haben und auch nur einen geringen Streubesitz, was die Wette auf die Wetten an der Börse noch riskanter macht.

Eines allerdings unterscheidet die Spielaktien von den Internetwerten der ersten Stunde: Viele von ihnen erzielen bereits Gewinne. „Die Unternehmen haben bereits bewiesen, daß sie profitabel arbeiten. Das unterscheidet sie von vielen Internetsternschnuppen zur Jahrtausendwende, die oftmals nur für den Börsengang herausgeputzt wurden”, sagt Michael Gierse von Union Investment. Dennoch: Manche sagen, daß in den Bewertungen vieler Spieleanbieter mittlerweile extrem optimistische Wachstumserwartungen eingepreist sind.


Text: hbe / F.A.Z., 30.06.2005, Nr. 149 / Seite 21
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