ftd.de, Mo, 3.6.2002, 2:00
Globale Strategie: Amerika oder Europa?
Von Torsten Engelbrecht
Die Ansichten darüber, ob in den kommenden Wochen amerikanische oder europäische Aktien besser abschneiden, sind unter den globalen Strategen geteilt. Viele Experten favorisieren den Alten Kontinent.
Die schmerzlichen Nachwehen des Enron-Skandals, der schwächelnde Dollar, das hohe US-Budgetdefizit, das Fehlen klarer Signale für eine nachhaltige weltweite Konjunkturerholung - es gibt genügend Gründe für Anleger zu verzagen. Um so fieberhafter sind die globalen Strategen der Banken damit beschäftigt, Investoren die besten Anlagealternativen zu präsentieren: Amerikanische oder europäische Aktien? Zykliker oder defensive Werte? Substanz- oder Wachstumstitel? Welche Aktien laufen besser im dritten Quartal?
Auf regionaler Ebene bevorzugt das Strategie-Team der Commerzbank Aktien aus Europa. "Die sind unterbewertet", so Mark Tinker, Leiter der globalen Strategie. Das 12-Monats-Kursziele für den Dax: 6300 Punkte, was beim aktuellen Kursniveau einer Steigerung von 30 Prozent entspricht. Die Kursziele für FTSE-100 und Dow Jones Stoxx lauten 6800 (plus 34 Prozent) und 370 Zähler (plus 30 Prozent). "US-Aktien sind dagegen fair bewertet und bieten daher weniger Aufwärtspotenzial ", so Tinker.
Unterstützung erhält Tinker von Lehman Brothers. "Wir halten unsere Übergewichtung kontinentaleuropäischer Aktien aufrecht", sagt Ian Scott, Leiter der Aktienstrategie Europa. Die Kurs-Cash-Flow-Verhältnisse seien bei europäischen Titeln niedriger als beim Rest der Welt. "Cash-Flow-Multiples waren stets eine verlässliche Bewertungsmethode", führt Scott aus. So hätte der Vergleich der Kurs-Cash-Flow-Verhältnisse in den 90ern gezeigt, dass europäische Aktien im vierten Quartal '92 und ersten Quartal '99 gegenüber US-Papieren unterbewertet gewesen seien - was mit einer relativen Outperformance von Titeln aus Europa einherging. "Im dritten Quartal '94 und vierten Quartal 2000 war es umgekehrt", so Scott.
Rein in defensive Titel
Bei der Frage: Zykliker oder defensive Aktien? sind die Commerzbank-Strategen dabei, sich langsam defensiv zu positionieren. "Solange noch eindeutige Signale für eine beständig starke Ökonomie fehlen, werden die Aktienmärkte innerhalb einer gewissen Bandbreite hin- und herpendeln und die Branchenrotation anhalten", so Tinker. Der Stratege erwartet, dass sich die Marktteilnehmer in den nächsten Monaten aus Gründen der Risikoaversion vor allem den Sektoren zuwenden werden, die sich parallel zu den Anleihemärkten entwickeln - was effektiv drei Dinge zur Folge habe:
- Reduzierung von Tech-, Medien- und Telekomtiteln (TMT). Die Bewertungen, so Tinker, signalisierten, dass die Umschichtung von New-Economy- in Old-Economy-Titeln anhalten dürfte.
- Raus aus Zyklikern, rein in defensive Titel. Dafür sei es zwar noch ein wenig zu früh, so Tinker. Doch habe man die Gewichtung des Autosektors bereits reduziert, defensive Werte stünden allerdings noch auf "neutral".
- Raus aus Banken-, rein in Versicherungsaktien. Doch, so Tinker, stehe dieser Wechsel erst noch bevor, weshalb man Bankaktien kurzfristig noch favorisiere.
Vorsicht im Sommer
Auch Abhijit Chakrabortti, Leiter der Aktienstrategie bei JP Morgan, rät zur Vorsicht im Sommer. "Der Blick auf die vergangenen 29 Jahre belegt: Im dritte Quartal schwächeln Aktien, zyklische Sektoren underperformen dann den Gesamtmarkt - für defensive Aktien etwa von Nahrumngsmittelhändlern sieht es aber besser aus."
Morgan Stanley dagegen sieht - bis Jahresende - Wachstumsaktien vorn. "Nach einer Outperformance von Substanzwerten gegenüber Wachstumsaktien von 80 Prozent in den vergangenen zwei Jahren - der höchsten Outperformance seit einem Vierteljahrhundert - glauben wir nun, dass Growth-Stocks bis Ende 2002 besser laufen werden", sagt Richard Davidson, Leiter der europäischen Strategie. "Die Rendite-Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Anleihen dürfte sich verringern - was erfahrungsgemäß mit einer Outperformance von Finanz- und Wachstumswerten einhergeht." Dies seien, so Davidson, aber nicht zwingend die TMT-Stars der 90er. Die "New Growth Stocks" wie Aventis, Celltech, VNU oder Philips kennzeichneten Umsatzwachstum, freier Cash-Flow und Dividendenrendite.
Im Fokus: Commerzbank
Asset Allocation
Dargestellt ist die Gewichtung der Asset-Klassen im globalen Commerzbank-Portfolio (für Anleger mit 12-Monats-Horizont). Erwartet wird eine Erholung der Aktienmärkte. Aktien sind daher leicht übergewichtet

Regionen
Der US-Aktienmarkt sei fair bewertet, heißt es. Im Gegensatz dazu böten die Märkte in Kontinentaleuropa und Großbritannien noch Aufwärtspotenzial und sind somit übergewichtet

Sektoren
Wenn sich die Konjunktur erholt, rücke der Finanzsektor in den Fokus der Anleger, so die Commerzbank-Strategen. Da die Branche aber noch nicht richtig "entdeckt" sei, empfehle sich hier der Aufbau von Positionen.

Portfolio
Die Tabelle zeigt eine Auswahl von zehn Aktien aus einer insgesamt 25 Werte umfassenden Liste von Kaufempfehlungen für europäische Aktien aus 16 Branchen (siehe "Sektoren").

Globale Strategie: Amerika oder Europa?
Von Torsten Engelbrecht
Die Ansichten darüber, ob in den kommenden Wochen amerikanische oder europäische Aktien besser abschneiden, sind unter den globalen Strategen geteilt. Viele Experten favorisieren den Alten Kontinent.
Die schmerzlichen Nachwehen des Enron-Skandals, der schwächelnde Dollar, das hohe US-Budgetdefizit, das Fehlen klarer Signale für eine nachhaltige weltweite Konjunkturerholung - es gibt genügend Gründe für Anleger zu verzagen. Um so fieberhafter sind die globalen Strategen der Banken damit beschäftigt, Investoren die besten Anlagealternativen zu präsentieren: Amerikanische oder europäische Aktien? Zykliker oder defensive Werte? Substanz- oder Wachstumstitel? Welche Aktien laufen besser im dritten Quartal?
Auf regionaler Ebene bevorzugt das Strategie-Team der Commerzbank Aktien aus Europa. "Die sind unterbewertet", so Mark Tinker, Leiter der globalen Strategie. Das 12-Monats-Kursziele für den Dax: 6300 Punkte, was beim aktuellen Kursniveau einer Steigerung von 30 Prozent entspricht. Die Kursziele für FTSE-100 und Dow Jones Stoxx lauten 6800 (plus 34 Prozent) und 370 Zähler (plus 30 Prozent). "US-Aktien sind dagegen fair bewertet und bieten daher weniger Aufwärtspotenzial ", so Tinker.
Unterstützung erhält Tinker von Lehman Brothers. "Wir halten unsere Übergewichtung kontinentaleuropäischer Aktien aufrecht", sagt Ian Scott, Leiter der Aktienstrategie Europa. Die Kurs-Cash-Flow-Verhältnisse seien bei europäischen Titeln niedriger als beim Rest der Welt. "Cash-Flow-Multiples waren stets eine verlässliche Bewertungsmethode", führt Scott aus. So hätte der Vergleich der Kurs-Cash-Flow-Verhältnisse in den 90ern gezeigt, dass europäische Aktien im vierten Quartal '92 und ersten Quartal '99 gegenüber US-Papieren unterbewertet gewesen seien - was mit einer relativen Outperformance von Titeln aus Europa einherging. "Im dritten Quartal '94 und vierten Quartal 2000 war es umgekehrt", so Scott.
Rein in defensive Titel
Bei der Frage: Zykliker oder defensive Aktien? sind die Commerzbank-Strategen dabei, sich langsam defensiv zu positionieren. "Solange noch eindeutige Signale für eine beständig starke Ökonomie fehlen, werden die Aktienmärkte innerhalb einer gewissen Bandbreite hin- und herpendeln und die Branchenrotation anhalten", so Tinker. Der Stratege erwartet, dass sich die Marktteilnehmer in den nächsten Monaten aus Gründen der Risikoaversion vor allem den Sektoren zuwenden werden, die sich parallel zu den Anleihemärkten entwickeln - was effektiv drei Dinge zur Folge habe:
- Reduzierung von Tech-, Medien- und Telekomtiteln (TMT). Die Bewertungen, so Tinker, signalisierten, dass die Umschichtung von New-Economy- in Old-Economy-Titeln anhalten dürfte.
- Raus aus Zyklikern, rein in defensive Titel. Dafür sei es zwar noch ein wenig zu früh, so Tinker. Doch habe man die Gewichtung des Autosektors bereits reduziert, defensive Werte stünden allerdings noch auf "neutral".
- Raus aus Banken-, rein in Versicherungsaktien. Doch, so Tinker, stehe dieser Wechsel erst noch bevor, weshalb man Bankaktien kurzfristig noch favorisiere.
Vorsicht im Sommer
Auch Abhijit Chakrabortti, Leiter der Aktienstrategie bei JP Morgan, rät zur Vorsicht im Sommer. "Der Blick auf die vergangenen 29 Jahre belegt: Im dritte Quartal schwächeln Aktien, zyklische Sektoren underperformen dann den Gesamtmarkt - für defensive Aktien etwa von Nahrumngsmittelhändlern sieht es aber besser aus."
Morgan Stanley dagegen sieht - bis Jahresende - Wachstumsaktien vorn. "Nach einer Outperformance von Substanzwerten gegenüber Wachstumsaktien von 80 Prozent in den vergangenen zwei Jahren - der höchsten Outperformance seit einem Vierteljahrhundert - glauben wir nun, dass Growth-Stocks bis Ende 2002 besser laufen werden", sagt Richard Davidson, Leiter der europäischen Strategie. "Die Rendite-Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Anleihen dürfte sich verringern - was erfahrungsgemäß mit einer Outperformance von Finanz- und Wachstumswerten einhergeht." Dies seien, so Davidson, aber nicht zwingend die TMT-Stars der 90er. Die "New Growth Stocks" wie Aventis, Celltech, VNU oder Philips kennzeichneten Umsatzwachstum, freier Cash-Flow und Dividendenrendite.
Im Fokus: Commerzbank
Asset Allocation
Dargestellt ist die Gewichtung der Asset-Klassen im globalen Commerzbank-Portfolio (für Anleger mit 12-Monats-Horizont). Erwartet wird eine Erholung der Aktienmärkte. Aktien sind daher leicht übergewichtet

Regionen
Der US-Aktienmarkt sei fair bewertet, heißt es. Im Gegensatz dazu böten die Märkte in Kontinentaleuropa und Großbritannien noch Aufwärtspotenzial und sind somit übergewichtet

Sektoren
Wenn sich die Konjunktur erholt, rücke der Finanzsektor in den Fokus der Anleger, so die Commerzbank-Strategen. Da die Branche aber noch nicht richtig "entdeckt" sei, empfehle sich hier der Aufbau von Positionen.

Portfolio
Die Tabelle zeigt eine Auswahl von zehn Aktien aus einer insgesamt 25 Werte umfassenden Liste von Kaufempfehlungen für europäische Aktien aus 16 Branchen (siehe "Sektoren").
