Vorschlag einer antiken Lektüre, um Amerikas Feldzug gegen den Terrorismus besser zu verstehen
Wer in der Schule noch Altgriechisch gelernt hat, wird sich mit einem gewissen Grauen an Thukydides erinnern, diesen Vater aller syntaktischen Verzwicktheit und dunklen Abstraktion. Die Lehrer verschwiegen arglistig, dass schon die Antike den Peloponnesischen Krieg schwer verständlich fand. Übrigens hatte Thukydides selbst im einleitenden Kapitel patzig bekannt, auf erzählerische Reize zu verzichten. Nicht zur einmaligen Unterhaltungslektüre sei das Werk gedacht, sondern als Besitz für immer. Mit anderen Worten: Dieser Historiker, der sich jede Gefälligkeit versagte, um für die Ewigkeit zu arbeiten, ist die ideale Strand- und Ferienlektüre.
Zu den unvergänglichen Vorurteilen zeitgenössischer Lebenspraxis gehört die Meinung, für den Urlaub seien nur leicht lesbare Schmöker geeignet. Manches spricht dafür, dass diese Maxime von notleidenden Buchhändlern ausgegeben wurde, die ihre Ladenhüter des angelsächsischen Humorgewerbes abstoßen wollten. In Wahrheit ist nichts enttäuschender, als in den Ferien, wenn endlich der Kopf frei geworden ist, mit Büchern umzugehen, die leichter zu durchschauen sind als die örtlichen Bustarife. Um den nahrhaften Lesewiderstand eines Thukydides, der mühelos für drei Wochen reicht, auch nur annähend mit Krimis und Arztromanen zu erreichen, müsste man mindestens zwei Dutzend von ihnen mitnehmen, und es ist leicht einzusehen, dass sich die Charterfluggesellschaften gegen solches Übergepäck sperren.
Das heißt nicht, dass wir stattdessen die Mitnahme einer kommentierten Ausgabe des griechischen Originals (8 Bde., Berlin 1905 ff.) empfehlen, dazu vielleicht eine Schulgrammatik und ein zweibändiges Wörterbuch. Nichts spricht dafür, dass dieses Paket am Abfertigungsschalter größeres Wohlwollen erregte. Wir empfehlen vielmehr ein Reclam-Büchlein mit der deutschen Übersetzung von Helmuth Vretska, in Gewicht und Größe zwei Tafeln Schokolade entsprechend. Man kann es auch in eine geziemend ausgebeulte Jackentasche stecken. Glaube niemand, in der Übersetzung würde das spezifische geistige Gewicht gemindert, denn man kann Thukydides, wenn man nicht die Hälfte seiner borstigen Gedanken wegwerfen wollte, in kein gefälliges Deutsch bringen. Und das ist es nicht allein, was diesen ewigen Vorrat historischer Einsichten so dauerhaft macht.
Es ist auch die einzigartig depressive Qualität seiner Einsichten in die Menschennatur. Der Leser bekommt nämlich nicht nur Einblick in die Nervosität, Rachsucht, Heimtücke der alten Griechen, die nach der Lektüre niemand mehr für ein vorbildlich klassisches Volk halten wird. Er bekommt auch einen Einblick in die politische Dynamik der Macht, die sich unabhängig von Güte oder Schlechtigkeit der Beteiligten entfaltet. All die berühmten Staatsmänner Athens, Themistokles in seiner Schlauheit, Perikles in seiner überlegenen Kälte, Nikias in seiner naiven Zögerlichkeit und Alkibiades in seiner eitlen Bedenkenlosigkeit, haben nicht überschaut, dass ihre Konkurrenzpolitik gegen Sparta einen 30-jährigen Bürgerkrieg aller Hellenen provozieren würde, in dem Stadt gegen Stadt, Volk gegen Adel, Sklaven gegen Herren mit unablässigem Verrat, Wechsel der Bündnisse, Umsturz der Verfassungen rasen würden bis zur völligen Erschöpfung.
Nicht, dass Thukydides, der selbst als Feldherr glücklos für Athen tätig war, diese Kette der Schmutzigkeiten mit zynischem Gleichmut notieren würde. Er zeigt aber, wie jeder Staat, der eine gewisse Macht errungen hat, Feinde und Neider hat, die er nur in Schach halten kann, indem er seine Macht erweitert, was wiederum die Zahl seiner Feinde wachsen lässt – und so weiter, bis zum unvermeidlichen Kriegsausbruch. Man könnte es das Gesetz der defensiven Expansion nennen. Oder Imperialismus aus Notwehr, zur vorsorglichen Verteidigung der eigenen Lebensform. Wer hier nicht sogleich an den Kalten Krieg denkt, an die Philosophie der Abschreckung oder den amerikanischen Feldzug gegen den Terrorismus im Namen der westlichen Lebensform, der muss erst recht Thukydides lesen, um sich das Evidenzerlebnis dieser erschütternden Parallele zu verschaffen.
Denn wie die Sowjets seinerzeit überall den Sozialismus, die Amerikaner die marktwirtschaftliche Demokratie oder wenigstens eine kapitalistische Diktatur durchzusetzen trachteten, so wollten auch die Griechen zur Sicherung ihrer Bündnisse stets die eigene Staatsform exportieren, die Athener die Demokratie, die Spartaner die Oligarchie. Die armen Städte, die unterworfen wurden, bekamen sogleich eine politische Erziehung zu den jeweils bevorzugten Staatsidealen verpasst. Neutralität wurde nicht geduldet; denn neutrale Staaten galten als Beweis für die Schwäche der Hegemonialmacht. Wie sagte Bush jun.? Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Das ungefähr war auch die Formel, mit der die athenischen Diplomaten ihre Kriegsdrohung zu überbringen pflegten.
Kalt lächelnd erklären die Athener, dass Recht ja wohl nur zwischen Gleichstarken gelte
Mehr Propaganda, Agitation und reeducation zur Durchsetzung wie zur Verschleierung von Herrschaftsinteressen war nie. Der giftigste Cocktail des peloponnesischen Gelages war die Verschränkung der Innen- mit der Außenpolitik. Die unterlegene Partei suchte sofort die Hilfe der feindlichen Großmacht. Hatten die Athener die Oligarchie einer Insel gestürzt, klopfte der vertriebene Adel bei Sparta an, ob nicht Unterstützung für eine kleine Konterrevolution zu haben sei. Und umgekehrt: Die Volkspartei einer oligarchisch regierten Stadt rief stets nach Athen, um den Adel zu stürzen. In Athen selbst gab es gegen Ende des Krieges eine Adelspartei, die mit Sparta sympathisierte, um wieder an die Macht zu kommen.
In einem berühmten Kapitel, der so genannten Pathologie, analysiert Thukydides die moralische Zerrüttung Athens. Die Freund-Feind-Logik der Außenpolitik, im ständigen Kriegszustand gelernt, hat auch das soziale Stadtgefüge, modern gesagt: die Zivilgesellschaft zerstört. Alles Soziale hat sich militarisiert. Wer ein Wort der politischen Vernunft wagt, gilt sogleich als Defaitist, wenn nicht gar heimlicher Sympathisant des Feindes. Auch diese Logik sollte uns, spätestens seit dem 11. September wieder, vertraut sein. Wer damals versuchte, die Motive der Terroristen zu verstehen, geriet sofort unter den Verdacht, sie entschuldigen zu wollen. Als Freund Amerikas galt nur, wer kräftig mit draufhauen wollte; und namentlich von den Deutschen wurde das verlangt, aus Dankbarkeit für die Befreiung von Hitler.
Die historisch-moralische Erpressung kannten auch die Athener. Bei jeder Gelegenheit erinnerten sie an ihren Einsatz zur Befreiung Griechenlands von den Persern. Die Parallelen zu den USA lassen sich bei Thukydides mit Händen greifen; man denke nur an Perikles’ Totenrede, in der sich Freiheitsrhetorik und Hegemonialanspruch verschränken. Niemand kennt diese Parallele übrigens besser als die Amerikaner; seit dem Gründungsakt spukt sie durch die Reden. Und noch bei Kissinger, mitten im Kalten Krieg, taucht sie, pessimistisch gewendet, wieder auf. Der Realpolitiker, dem alle Menschenrechtsrhetorik ein Graus war, erwägt für einen Moment, ob die USA nicht wie Athen die Systemkonkurrenz verlieren könnten; denn in der Sowjetunion sah er natürlich Sparta.
Namentlich für die Breschnew-Zeit ließen sich in der sämig-zögerlichen, gleichwohl brutalen Politik Spartas Ähnlichkeiten finden; mehr aber noch in der statischen Gesellschaft der Lakedaimonier, die es vor der entfesselten Marktwirtschaft Athens grauste. Man darf aber im Ideologischen den Vergleich nicht zu weit treiben; denn die Antike kannte es in Wahrheit nicht, allem heuchlerischen Wertegerede zum Trotz. Der eigentliche Kernmoment des Krieges, der die athenische Denkungsart in all ihrer Verachtung für Sitte und Werte zeigt, ist der berühmte Melierdialog zwischen den Gesandten Athens und dem Rat der Insel Melos, der die athenische Unterwerfung droht. Die Melier berufen sich auf Verträge, die Athener erklären aber kalt lächelnd, dass Recht ja wohl nur zwischen gleich Starken gelten könnte, während die Melier in ihrer Schwäche sich nur lächerlich machten, wenn sie erwarteten, dass die Großmacht sich unters Recht beugen würde.
Dieser Dialog, der in einer darwinistischen Akklamation an das Naturgesetz der Stärke gipfelt, ist der eisige Kern des Thukydideischen Werkes, ein Blick in das tödliche Wesen der Macht. Und ehe der moderne Leser sich empört über den zynischen Realismus, möge er einen Seitengedanken an die Weigerung der Amerikaner verschwenden, sich in multilaterale Verträge einbinden zu lassen, sei es das Kyoto-Protokoll oder die Ächtung von Landminen. Warum, möge sich der Leser fragen, soll die Weltmacht Amerika ein Stück Souveränität aufgeben, nur weil es unendlich viel schwächere Staaten so wollen? „Wer klare Erkenntnis des Vergangenen erstrebt und damit auch des Künftigen, das wieder einmal nach der menschlichen Natur so oder ähnlich eintreten wird, der wird mein Werk für nützlich halten.“ Schrieb Thukydides im 5.Jahrhundert vor Christus.
Die Welt
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Wer in der Schule noch Altgriechisch gelernt hat, wird sich mit einem gewissen Grauen an Thukydides erinnern, diesen Vater aller syntaktischen Verzwicktheit und dunklen Abstraktion. Die Lehrer verschwiegen arglistig, dass schon die Antike den Peloponnesischen Krieg schwer verständlich fand. Übrigens hatte Thukydides selbst im einleitenden Kapitel patzig bekannt, auf erzählerische Reize zu verzichten. Nicht zur einmaligen Unterhaltungslektüre sei das Werk gedacht, sondern als Besitz für immer. Mit anderen Worten: Dieser Historiker, der sich jede Gefälligkeit versagte, um für die Ewigkeit zu arbeiten, ist die ideale Strand- und Ferienlektüre.
Zu den unvergänglichen Vorurteilen zeitgenössischer Lebenspraxis gehört die Meinung, für den Urlaub seien nur leicht lesbare Schmöker geeignet. Manches spricht dafür, dass diese Maxime von notleidenden Buchhändlern ausgegeben wurde, die ihre Ladenhüter des angelsächsischen Humorgewerbes abstoßen wollten. In Wahrheit ist nichts enttäuschender, als in den Ferien, wenn endlich der Kopf frei geworden ist, mit Büchern umzugehen, die leichter zu durchschauen sind als die örtlichen Bustarife. Um den nahrhaften Lesewiderstand eines Thukydides, der mühelos für drei Wochen reicht, auch nur annähend mit Krimis und Arztromanen zu erreichen, müsste man mindestens zwei Dutzend von ihnen mitnehmen, und es ist leicht einzusehen, dass sich die Charterfluggesellschaften gegen solches Übergepäck sperren.
Das heißt nicht, dass wir stattdessen die Mitnahme einer kommentierten Ausgabe des griechischen Originals (8 Bde., Berlin 1905 ff.) empfehlen, dazu vielleicht eine Schulgrammatik und ein zweibändiges Wörterbuch. Nichts spricht dafür, dass dieses Paket am Abfertigungsschalter größeres Wohlwollen erregte. Wir empfehlen vielmehr ein Reclam-Büchlein mit der deutschen Übersetzung von Helmuth Vretska, in Gewicht und Größe zwei Tafeln Schokolade entsprechend. Man kann es auch in eine geziemend ausgebeulte Jackentasche stecken. Glaube niemand, in der Übersetzung würde das spezifische geistige Gewicht gemindert, denn man kann Thukydides, wenn man nicht die Hälfte seiner borstigen Gedanken wegwerfen wollte, in kein gefälliges Deutsch bringen. Und das ist es nicht allein, was diesen ewigen Vorrat historischer Einsichten so dauerhaft macht.
Es ist auch die einzigartig depressive Qualität seiner Einsichten in die Menschennatur. Der Leser bekommt nämlich nicht nur Einblick in die Nervosität, Rachsucht, Heimtücke der alten Griechen, die nach der Lektüre niemand mehr für ein vorbildlich klassisches Volk halten wird. Er bekommt auch einen Einblick in die politische Dynamik der Macht, die sich unabhängig von Güte oder Schlechtigkeit der Beteiligten entfaltet. All die berühmten Staatsmänner Athens, Themistokles in seiner Schlauheit, Perikles in seiner überlegenen Kälte, Nikias in seiner naiven Zögerlichkeit und Alkibiades in seiner eitlen Bedenkenlosigkeit, haben nicht überschaut, dass ihre Konkurrenzpolitik gegen Sparta einen 30-jährigen Bürgerkrieg aller Hellenen provozieren würde, in dem Stadt gegen Stadt, Volk gegen Adel, Sklaven gegen Herren mit unablässigem Verrat, Wechsel der Bündnisse, Umsturz der Verfassungen rasen würden bis zur völligen Erschöpfung.
Nicht, dass Thukydides, der selbst als Feldherr glücklos für Athen tätig war, diese Kette der Schmutzigkeiten mit zynischem Gleichmut notieren würde. Er zeigt aber, wie jeder Staat, der eine gewisse Macht errungen hat, Feinde und Neider hat, die er nur in Schach halten kann, indem er seine Macht erweitert, was wiederum die Zahl seiner Feinde wachsen lässt – und so weiter, bis zum unvermeidlichen Kriegsausbruch. Man könnte es das Gesetz der defensiven Expansion nennen. Oder Imperialismus aus Notwehr, zur vorsorglichen Verteidigung der eigenen Lebensform. Wer hier nicht sogleich an den Kalten Krieg denkt, an die Philosophie der Abschreckung oder den amerikanischen Feldzug gegen den Terrorismus im Namen der westlichen Lebensform, der muss erst recht Thukydides lesen, um sich das Evidenzerlebnis dieser erschütternden Parallele zu verschaffen.
Denn wie die Sowjets seinerzeit überall den Sozialismus, die Amerikaner die marktwirtschaftliche Demokratie oder wenigstens eine kapitalistische Diktatur durchzusetzen trachteten, so wollten auch die Griechen zur Sicherung ihrer Bündnisse stets die eigene Staatsform exportieren, die Athener die Demokratie, die Spartaner die Oligarchie. Die armen Städte, die unterworfen wurden, bekamen sogleich eine politische Erziehung zu den jeweils bevorzugten Staatsidealen verpasst. Neutralität wurde nicht geduldet; denn neutrale Staaten galten als Beweis für die Schwäche der Hegemonialmacht. Wie sagte Bush jun.? Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Das ungefähr war auch die Formel, mit der die athenischen Diplomaten ihre Kriegsdrohung zu überbringen pflegten.
Kalt lächelnd erklären die Athener, dass Recht ja wohl nur zwischen Gleichstarken gelte
Mehr Propaganda, Agitation und reeducation zur Durchsetzung wie zur Verschleierung von Herrschaftsinteressen war nie. Der giftigste Cocktail des peloponnesischen Gelages war die Verschränkung der Innen- mit der Außenpolitik. Die unterlegene Partei suchte sofort die Hilfe der feindlichen Großmacht. Hatten die Athener die Oligarchie einer Insel gestürzt, klopfte der vertriebene Adel bei Sparta an, ob nicht Unterstützung für eine kleine Konterrevolution zu haben sei. Und umgekehrt: Die Volkspartei einer oligarchisch regierten Stadt rief stets nach Athen, um den Adel zu stürzen. In Athen selbst gab es gegen Ende des Krieges eine Adelspartei, die mit Sparta sympathisierte, um wieder an die Macht zu kommen.
In einem berühmten Kapitel, der so genannten Pathologie, analysiert Thukydides die moralische Zerrüttung Athens. Die Freund-Feind-Logik der Außenpolitik, im ständigen Kriegszustand gelernt, hat auch das soziale Stadtgefüge, modern gesagt: die Zivilgesellschaft zerstört. Alles Soziale hat sich militarisiert. Wer ein Wort der politischen Vernunft wagt, gilt sogleich als Defaitist, wenn nicht gar heimlicher Sympathisant des Feindes. Auch diese Logik sollte uns, spätestens seit dem 11. September wieder, vertraut sein. Wer damals versuchte, die Motive der Terroristen zu verstehen, geriet sofort unter den Verdacht, sie entschuldigen zu wollen. Als Freund Amerikas galt nur, wer kräftig mit draufhauen wollte; und namentlich von den Deutschen wurde das verlangt, aus Dankbarkeit für die Befreiung von Hitler.
Die historisch-moralische Erpressung kannten auch die Athener. Bei jeder Gelegenheit erinnerten sie an ihren Einsatz zur Befreiung Griechenlands von den Persern. Die Parallelen zu den USA lassen sich bei Thukydides mit Händen greifen; man denke nur an Perikles’ Totenrede, in der sich Freiheitsrhetorik und Hegemonialanspruch verschränken. Niemand kennt diese Parallele übrigens besser als die Amerikaner; seit dem Gründungsakt spukt sie durch die Reden. Und noch bei Kissinger, mitten im Kalten Krieg, taucht sie, pessimistisch gewendet, wieder auf. Der Realpolitiker, dem alle Menschenrechtsrhetorik ein Graus war, erwägt für einen Moment, ob die USA nicht wie Athen die Systemkonkurrenz verlieren könnten; denn in der Sowjetunion sah er natürlich Sparta.
Namentlich für die Breschnew-Zeit ließen sich in der sämig-zögerlichen, gleichwohl brutalen Politik Spartas Ähnlichkeiten finden; mehr aber noch in der statischen Gesellschaft der Lakedaimonier, die es vor der entfesselten Marktwirtschaft Athens grauste. Man darf aber im Ideologischen den Vergleich nicht zu weit treiben; denn die Antike kannte es in Wahrheit nicht, allem heuchlerischen Wertegerede zum Trotz. Der eigentliche Kernmoment des Krieges, der die athenische Denkungsart in all ihrer Verachtung für Sitte und Werte zeigt, ist der berühmte Melierdialog zwischen den Gesandten Athens und dem Rat der Insel Melos, der die athenische Unterwerfung droht. Die Melier berufen sich auf Verträge, die Athener erklären aber kalt lächelnd, dass Recht ja wohl nur zwischen gleich Starken gelten könnte, während die Melier in ihrer Schwäche sich nur lächerlich machten, wenn sie erwarteten, dass die Großmacht sich unters Recht beugen würde.
Dieser Dialog, der in einer darwinistischen Akklamation an das Naturgesetz der Stärke gipfelt, ist der eisige Kern des Thukydideischen Werkes, ein Blick in das tödliche Wesen der Macht. Und ehe der moderne Leser sich empört über den zynischen Realismus, möge er einen Seitengedanken an die Weigerung der Amerikaner verschwenden, sich in multilaterale Verträge einbinden zu lassen, sei es das Kyoto-Protokoll oder die Ächtung von Landminen. Warum, möge sich der Leser fragen, soll die Weltmacht Amerika ein Stück Souveränität aufgeben, nur weil es unendlich viel schwächere Staaten so wollen? „Wer klare Erkenntnis des Vergangenen erstrebt und damit auch des Künftigen, das wieder einmal nach der menschlichen Natur so oder ähnlich eintreten wird, der wird mein Werk für nützlich halten.“ Schrieb Thukydides im 5.Jahrhundert vor Christus.
Die Welt
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