20.02.2026 | 05:15
Gerresheimer - zwischen Vertrauenskrise und operativer Substanz
Die Unruhe bei Gerresheimer hat tiefe Spuren hinterlassen. Im Zentrum der Krise stehen handfeste bilanzielle Probleme. Das Unternehmen musste einräumen, dass Umsätze aus den Jahren 2023 und 2024 vorzeitig verbucht wurden, ein Verstoß gegen internationale Rechnungslegungsstandards. Die Korrekturen summieren sich auf 35 Mio. EUR beim Umsatz und 24 Mio. EUR beim operativen Ergebnis. Hinzu kommen drohende Wertberichtigungen von über 200 Mio. EUR, vor allem bei den Töchtern Sensile Medical und dem US-Glasgeschäft. Die Bafin hat Ermittlungen aufgenommen, der testierte Jahresabschluss für 2025 liegt noch nicht vor. Bis hier Klarheit herrscht, bleibt der Fall schwer kalkulierbar.
Das neue Management um Interims-CEO Uwe Röhrhoff handelt jedoch entschlossen. Der geplante Verkauf der US-Tochter Centor, einem Anbieter von Medikamentenverpackungen, könnte die Bilanz spürbar entlasten. Branchenkreisen zufolge sind Erlöse von bis zu 1 Mrd. EUR im Gespräch. Geld, das dringend benötigt wird, um den Schuldenberg von knapp 2 Mrd. EUR zu reduzieren. Parallel dazu wird das Sparprogramm "gto" verschärft. Ein Werk in den USA wird geschlossen, die Produktion nach Europa verlagert. Die operative Marge soll trotz Krise 2026 bei soliden 18-19 % liegen. Das ist kein Papierversprechen, sondern Ausdruck eines intakten Kerngeschäfts.
Für Investoren stellt sich die Lage ambivalent dar. Einerseits ist die Bewertung mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa sieben historisch niedrig. Die Nachfrage nach Pharmaverpackungen bleibt strukturell stabil, langfristige Abnahmeverträge mit Großkunden sichern das Fundament. Andererseits wiegen die ungeklärten Bilanzfragen schwer. Wer jetzt einsteigt, setzt auf eine Bereinigung der Altlasten und einen erfolgreichen Centor-Verkauf. Das ist eine klassische Turnaround-Wette mit entsprechendem Potenzial, aber auch dem Risiko weiterer negativer Überraschungen. Rational abwägende Anleger warten deshalb mindestens den testierten Jahresabschluss ab. Momentan kostet eine Aktie 21,32 EUR.
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