Auf der Welle
Gerhard Schröders Flutmanagement kommt in den Umfragen gut an. Es könnte noch unentschlossene Wähler ebenso mobilisieren wie die eigene Partei.
Von Tissy Bruns
Wahlkämpfer müssen nach vorne schauen – erst recht, wenn sie hinten liegen. So gesehen hat sich Matthias Machnig, Chef der SPD-Wahlkampfzentrale Kam-pa, einen doppelten Luxus geleistet. Nicht nur den, fünf Tage Urlaub zu machen. Er hat zudem Heinrich August Winklers „Der lange Weg in den Westen“ gelesen und dabei zwangsläufig auch zurückgeblickt in die wechselhafte Geschichte der SPD. Seinen unverdrossenen Optimismus hat die Lektüre offensichtlich nicht gebrochen. Zurückgelehnt plaudert er in dieser Woche vor einer Journalistenrunde über Luxus und Lektüre. Sein Blick richtet sich dabei heiter auf den Kollegen vom „Spiegel“, der vor zehn Tagen Machnigs Entmachtung gemeldet hatte. Der Wahlkampfmanager, der sich mit der Wirkung unausgesprochener Botschaften auskennt, muss sein „Hier bin ich aber immer noch“ nicht in Worte fassen. Stattdessen verströmt er Zuversicht: Das Ende der Woche wird bessere Umfragen bringen. Am Sonntag werden Millionen sehen und hören, wer der bessere Kanzler ist.
Der SPD im Wahlherbst 2002 kann man jedenfalls keinen Kleinmut nachsagen. Klar, wir glauben daran, die SPD wird vorn liegen, sagt ein nicht unwichtiger Genosse aus dem Kanzleramt unmittelbar nach Schröders Ankündigung über die Fluthilfe. Sicher, die Kluft sei immer noch nicht geschlossen zwischen Schröder und der SPD. Viele brauchten noch einen Anstoß, um Schröder zu wählen. Aber der würde ja gerade geliefert.
Schröders schnelle und überraschende Entscheidung ist für die SPD eine spürbare Ermutigung. Nicht nur, dass sich wieder der „alte“ Schröder gezeigt hat, von dem viele ja immer gedacht haben: Dem Gerhard fällt schon noch was ein. Es zeigt sich auch eine Union, deren unaufhaltbarer Siegeszug vielleicht doch noch gestoppt werden könnte. Sie hat auf Schröders Vorschlag so reagiert, wie die SPD sich die Union wünscht: uneinheitlich und orientierungslos. Das Prinzip Hoffnung, mit dem sich die SPD seit Jahresbeginn aufrechterhält, hat wieder einen neuen Namen. Viele Monate hieß es „Aufschwung“, dann „Hartz“, nun „Schröder und die Flut“. Im Vergleich zu früheren Wahlen ist diese Stimmungslage der SPD erstaunlich. Vier Wochen vor der Entscheidung über die Kanzlerkandidaten Johannes Rau, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping hatten die Wahlkampfstäbe den Glauben an einen Erfolg längst verloren, erste Schuldzuweisungen waren öffentlich geworden, die ersten Personalopfer gebracht. Wenn die SPD in diesem Wahlkampf trotz anhaltend schlechter Umfragen weder streitet noch aufgibt, dann aus einem psychologischen Grund. Je näher die Wahl rückt, desto mehr scheint das Vorstellungsvermögen vieler Genossen sich gegen den Gedanken zu sperren, dass Schröder nach nur vier Jahren „ausgerechnet von Stoiber“ abgelöst werden könnte.
Die Strategen in der Kampa halten sich neben dem psychologischen an einen sachlichen Grund. Alle Forschungsinstitute haben festgestellt, dass es noch nie so viele Unentschlossene gegeben hat wie bei dieser Wahl. Infratest geht von nahezu 50 Prozent unentschiedener Wählern aus, im Osten – wo die Flut besonders einschneidende Wirkungen hat – sollen es sogar 53 Prozent sein. Von Emnid stammt der Befund, dass SPD und Union ein fast gleich großes Wählerpotenzial erreichen könnten. Danach hat die Union ihr Potenzial weit gehend ausgeschöpft, während die SPD noch 12 Prozent umwerben kann. Mit Wohlgefallen registriert man in der Kampa immer wieder die Tabellen über die „Kanzlerpräferenz“. Sie weist nicht nur den bekannten Vorsprung für Schröder aus. Mit besonderer Befriedigung wird vermerkt, dass Stoiber seit seiner Nominierung nicht zugelegt habe, sondern schlechter geworden sei. Die Infratest-Kurve zeigt Stoiber nach einem Anstieg im Juni im Juli und August auf Kurs nach unten. In einer Auswahl vom Unfragedaten, die die Kampa in dieser Woche verbreitet hat, findet sich auch die Forsa-Erhebung über die Frage: „Glauben Sie, dass die Union ihre Wahlversprechen finanzieren kann?“ Dazu sagen 80 Prozent der Befragten Nein. Die Allensbach-Umfrage dieser Woche, die die SPD auf dem Tiefstand von 31,9 Prozent ansiedelt, beschäftigt in der Kampa niemanden ernstlich: sie entstand vor der Flut.
Quelle: Die Welt
www.welt.de/daten/2002/08/23/0823de352161.htx
Gerhard Schröders Flutmanagement kommt in den Umfragen gut an. Es könnte noch unentschlossene Wähler ebenso mobilisieren wie die eigene Partei.
Von Tissy Bruns
Wahlkämpfer müssen nach vorne schauen – erst recht, wenn sie hinten liegen. So gesehen hat sich Matthias Machnig, Chef der SPD-Wahlkampfzentrale Kam-pa, einen doppelten Luxus geleistet. Nicht nur den, fünf Tage Urlaub zu machen. Er hat zudem Heinrich August Winklers „Der lange Weg in den Westen“ gelesen und dabei zwangsläufig auch zurückgeblickt in die wechselhafte Geschichte der SPD. Seinen unverdrossenen Optimismus hat die Lektüre offensichtlich nicht gebrochen. Zurückgelehnt plaudert er in dieser Woche vor einer Journalistenrunde über Luxus und Lektüre. Sein Blick richtet sich dabei heiter auf den Kollegen vom „Spiegel“, der vor zehn Tagen Machnigs Entmachtung gemeldet hatte. Der Wahlkampfmanager, der sich mit der Wirkung unausgesprochener Botschaften auskennt, muss sein „Hier bin ich aber immer noch“ nicht in Worte fassen. Stattdessen verströmt er Zuversicht: Das Ende der Woche wird bessere Umfragen bringen. Am Sonntag werden Millionen sehen und hören, wer der bessere Kanzler ist.
Der SPD im Wahlherbst 2002 kann man jedenfalls keinen Kleinmut nachsagen. Klar, wir glauben daran, die SPD wird vorn liegen, sagt ein nicht unwichtiger Genosse aus dem Kanzleramt unmittelbar nach Schröders Ankündigung über die Fluthilfe. Sicher, die Kluft sei immer noch nicht geschlossen zwischen Schröder und der SPD. Viele brauchten noch einen Anstoß, um Schröder zu wählen. Aber der würde ja gerade geliefert.
Schröders schnelle und überraschende Entscheidung ist für die SPD eine spürbare Ermutigung. Nicht nur, dass sich wieder der „alte“ Schröder gezeigt hat, von dem viele ja immer gedacht haben: Dem Gerhard fällt schon noch was ein. Es zeigt sich auch eine Union, deren unaufhaltbarer Siegeszug vielleicht doch noch gestoppt werden könnte. Sie hat auf Schröders Vorschlag so reagiert, wie die SPD sich die Union wünscht: uneinheitlich und orientierungslos. Das Prinzip Hoffnung, mit dem sich die SPD seit Jahresbeginn aufrechterhält, hat wieder einen neuen Namen. Viele Monate hieß es „Aufschwung“, dann „Hartz“, nun „Schröder und die Flut“. Im Vergleich zu früheren Wahlen ist diese Stimmungslage der SPD erstaunlich. Vier Wochen vor der Entscheidung über die Kanzlerkandidaten Johannes Rau, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping hatten die Wahlkampfstäbe den Glauben an einen Erfolg längst verloren, erste Schuldzuweisungen waren öffentlich geworden, die ersten Personalopfer gebracht. Wenn die SPD in diesem Wahlkampf trotz anhaltend schlechter Umfragen weder streitet noch aufgibt, dann aus einem psychologischen Grund. Je näher die Wahl rückt, desto mehr scheint das Vorstellungsvermögen vieler Genossen sich gegen den Gedanken zu sperren, dass Schröder nach nur vier Jahren „ausgerechnet von Stoiber“ abgelöst werden könnte.
Die Strategen in der Kampa halten sich neben dem psychologischen an einen sachlichen Grund. Alle Forschungsinstitute haben festgestellt, dass es noch nie so viele Unentschlossene gegeben hat wie bei dieser Wahl. Infratest geht von nahezu 50 Prozent unentschiedener Wählern aus, im Osten – wo die Flut besonders einschneidende Wirkungen hat – sollen es sogar 53 Prozent sein. Von Emnid stammt der Befund, dass SPD und Union ein fast gleich großes Wählerpotenzial erreichen könnten. Danach hat die Union ihr Potenzial weit gehend ausgeschöpft, während die SPD noch 12 Prozent umwerben kann. Mit Wohlgefallen registriert man in der Kampa immer wieder die Tabellen über die „Kanzlerpräferenz“. Sie weist nicht nur den bekannten Vorsprung für Schröder aus. Mit besonderer Befriedigung wird vermerkt, dass Stoiber seit seiner Nominierung nicht zugelegt habe, sondern schlechter geworden sei. Die Infratest-Kurve zeigt Stoiber nach einem Anstieg im Juni im Juli und August auf Kurs nach unten. In einer Auswahl vom Unfragedaten, die die Kampa in dieser Woche verbreitet hat, findet sich auch die Forsa-Erhebung über die Frage: „Glauben Sie, dass die Union ihre Wahlversprechen finanzieren kann?“ Dazu sagen 80 Prozent der Befragten Nein. Die Allensbach-Umfrage dieser Woche, die die SPD auf dem Tiefstand von 31,9 Prozent ansiedelt, beschäftigt in der Kampa niemanden ernstlich: sie entstand vor der Flut.
Quelle: Die Welt
www.welt.de/daten/2002/08/23/0823de352161.htx