Eine boomende Konjunktur und ein Bullenmarkt sind zwei Paar Stiefel
Liquidität reicht nicht für den Antrieb beider Felder. Unter den Weltbörsen hat Deutschland den größten Nachholbedarf, meint Gottfried Heller
von Gottfried Heller
Die Weltwirtschaft ist im letzten Jahr mit 4,8 Prozent so stark gewachsen, wie seit 30 Jahren nicht mehr. Auch in diesem Jahr wird sich das robuste Wachstum fortsetzen, wenn auch etwas langsamer. Die Prognosen gehen von einem globalen Wachstum von 3,5 bis vier Prozent aus.
Insgesamt ist zu erwarten, daß die Wachstumsraten in den einzelnen Regionen nicht mehr so weit auseinanderklaffen wie im Jahr zuvor.
Die Motoren der Weltwirtschaft im Jahr 2004 waren die USA und China. Mit massiven Steuersenkungen und einer expansiven Geldpolitik der Fed bekam die US-Wirtschaft eine enorme Stimulanz. China entwickelte ein geradezu ungezügeltes Wachstum von 9,5 Prozent. Nutznießer dieses Wirtschaftsbooms war die ganze restliche Welt.
Die Gewinne der Unternehmen sprudelten geradezu. Da möchte man meinen, daß die Börsenkurse gleichfalls in die Höhe hätten schießen müssen. Nichts davon! In China bewegten sich die Kurse in die entgegengesetzte Richtung: Die Börse in Shanghai beendete das Jahr 2004 mit einem satten Minus von 28 Prozent und in den USA schaffte der Dow Jones ein nur kleines Plus. Der größte Wirtschaftsboom seit 30 Jahren löste an den Börsen keine Kurssprünge aus. Die Börse hat ihre eigene Logik.
Eine boomende Konjunktur und ein Bullenmarkt sind zwei Paar Stiefel, die meist nicht im Gleichschritt gehen. Ein mäßiges Wirtschaftswachstum ist besser für die Börse. Geld kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Die etwas gemächlichere Gangart der Wirtschaft in diesem Jahr bietet daher eine bessere Konstellation für die Börse als 2004. Die Voraussetzungen dafür sind günstig. Was könnte das Bild trüben? Die größten Risiken sind ein hoher Ölpreis und ein schwacher Dollar.
Beim Öl dürfte das Schlimmste überstanden sein. Der hohe Ölpreis bremst das Wachstum und damit auch den Ölbedarf. Der Ölpreis kann auf 35 Dollar fallen oder sogar noch tiefer.
Ein Absturz des US-Dollar ist nicht zu befürchten. Asiatische Notenbanken, in erster Linie China, haben 2004 einen Teil ihrer Währungsreserven in Euro umgeschichtet. Es gibt Grenzen, bis zu denen Zentralbanken sich mit Euro-Reserven wohlfühlen können, denn der Euro ist keineswegs eine weniger riskante Anlage als der US-Dollar. Man denke nur an das Gerangel um die Lockerung des Stabilitätspakts und an die Tricks der Griechen, die sich den Euro-Beitritt erschwindelt haben.
Daneben wird sich die Zinsdifferenz zugunsten des Dollar durch weitere Zinserhöhungen der Fed noch vergrößern und ihn für Auslandskapital attraktiver machen. Gegenüber dem Euro dürfte sich der Dollar auf dem jetzigen Niveau stabilisieren.
Unter Abwägung der Chancen und Risiken für die Wirtschaft und die Finanzmärkte sehen wir ein Jahr vor uns, in dem sich die bestehenden Trends nicht wesentlich ändern werden, und die sind: relativ niedrige Zinsen, geringe Inflation, hohe Produktivität, harter Wettbewerb, ungenutzte Kapazitäten sowohl in der Industrie als auch im Arbeitsmarkt, solides, mäßiges weltweites Wachstum.
Man darf erwarten, daß an der Börse der US-Leithammel vorangeht. Das heißt aber nicht, daß am Jahresende die US-Börse mit dem Dow Jones die Nase vorne haben wird - es dürfte eher Euroland mit dem Dax und dem Euro Stoxx sein. Am billigsten in Europa sind deutsche Titel: Gemessen am Buchwert und am Cash-flow sind sie um 50 Prozent günstiger als amerikanische Titel. Im Gegensatz zu den Amerikanern haben die Deutschen einen erheblichen Nachholbedarf in Sachen Konsum. Sie sind auch weniger verschuldet. Die Finanzsituation der Verbraucher in Euroland ist ungleich besser als die der US-Konsumenten. Daher sind hier auch die Aussichten für das Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne besser als in den USA. Auch die positiven Auswirkungen, die sich durch die Reformen in Deutschland noch ergeben werden, spiegeln sich bisher nicht in den Aktienkursen wider.
Gibt es interessante Anlagealternativen? Das Chance/Risiko-Verhältnis reicht bei Anleihen von unattraktiv bis riskant, bei Garantiezertifikaten und Hedge-Fonds ist es bescheiden und bei offenen Immobilienfonds ist es zweifelhaft. Das Chance/Risiko-Verhältnis bei Aktien dagegen ist im historischen Vergleich heute günstig und es ist im Vergleich zu den Anlagealternativen eindeutig besser.
Artikel erschienen am Sa, 22. Januar 2005
Alle Artikel vom 22. Januar 2005
Liquidität reicht nicht für den Antrieb beider Felder. Unter den Weltbörsen hat Deutschland den größten Nachholbedarf, meint Gottfried Heller
von Gottfried Heller
Die Weltwirtschaft ist im letzten Jahr mit 4,8 Prozent so stark gewachsen, wie seit 30 Jahren nicht mehr. Auch in diesem Jahr wird sich das robuste Wachstum fortsetzen, wenn auch etwas langsamer. Die Prognosen gehen von einem globalen Wachstum von 3,5 bis vier Prozent aus.
Insgesamt ist zu erwarten, daß die Wachstumsraten in den einzelnen Regionen nicht mehr so weit auseinanderklaffen wie im Jahr zuvor.
Die Motoren der Weltwirtschaft im Jahr 2004 waren die USA und China. Mit massiven Steuersenkungen und einer expansiven Geldpolitik der Fed bekam die US-Wirtschaft eine enorme Stimulanz. China entwickelte ein geradezu ungezügeltes Wachstum von 9,5 Prozent. Nutznießer dieses Wirtschaftsbooms war die ganze restliche Welt.
Die Gewinne der Unternehmen sprudelten geradezu. Da möchte man meinen, daß die Börsenkurse gleichfalls in die Höhe hätten schießen müssen. Nichts davon! In China bewegten sich die Kurse in die entgegengesetzte Richtung: Die Börse in Shanghai beendete das Jahr 2004 mit einem satten Minus von 28 Prozent und in den USA schaffte der Dow Jones ein nur kleines Plus. Der größte Wirtschaftsboom seit 30 Jahren löste an den Börsen keine Kurssprünge aus. Die Börse hat ihre eigene Logik.
Eine boomende Konjunktur und ein Bullenmarkt sind zwei Paar Stiefel, die meist nicht im Gleichschritt gehen. Ein mäßiges Wirtschaftswachstum ist besser für die Börse. Geld kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Die etwas gemächlichere Gangart der Wirtschaft in diesem Jahr bietet daher eine bessere Konstellation für die Börse als 2004. Die Voraussetzungen dafür sind günstig. Was könnte das Bild trüben? Die größten Risiken sind ein hoher Ölpreis und ein schwacher Dollar.
Beim Öl dürfte das Schlimmste überstanden sein. Der hohe Ölpreis bremst das Wachstum und damit auch den Ölbedarf. Der Ölpreis kann auf 35 Dollar fallen oder sogar noch tiefer.
Ein Absturz des US-Dollar ist nicht zu befürchten. Asiatische Notenbanken, in erster Linie China, haben 2004 einen Teil ihrer Währungsreserven in Euro umgeschichtet. Es gibt Grenzen, bis zu denen Zentralbanken sich mit Euro-Reserven wohlfühlen können, denn der Euro ist keineswegs eine weniger riskante Anlage als der US-Dollar. Man denke nur an das Gerangel um die Lockerung des Stabilitätspakts und an die Tricks der Griechen, die sich den Euro-Beitritt erschwindelt haben.
Daneben wird sich die Zinsdifferenz zugunsten des Dollar durch weitere Zinserhöhungen der Fed noch vergrößern und ihn für Auslandskapital attraktiver machen. Gegenüber dem Euro dürfte sich der Dollar auf dem jetzigen Niveau stabilisieren.
Unter Abwägung der Chancen und Risiken für die Wirtschaft und die Finanzmärkte sehen wir ein Jahr vor uns, in dem sich die bestehenden Trends nicht wesentlich ändern werden, und die sind: relativ niedrige Zinsen, geringe Inflation, hohe Produktivität, harter Wettbewerb, ungenutzte Kapazitäten sowohl in der Industrie als auch im Arbeitsmarkt, solides, mäßiges weltweites Wachstum.
Man darf erwarten, daß an der Börse der US-Leithammel vorangeht. Das heißt aber nicht, daß am Jahresende die US-Börse mit dem Dow Jones die Nase vorne haben wird - es dürfte eher Euroland mit dem Dax und dem Euro Stoxx sein. Am billigsten in Europa sind deutsche Titel: Gemessen am Buchwert und am Cash-flow sind sie um 50 Prozent günstiger als amerikanische Titel. Im Gegensatz zu den Amerikanern haben die Deutschen einen erheblichen Nachholbedarf in Sachen Konsum. Sie sind auch weniger verschuldet. Die Finanzsituation der Verbraucher in Euroland ist ungleich besser als die der US-Konsumenten. Daher sind hier auch die Aussichten für das Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne besser als in den USA. Auch die positiven Auswirkungen, die sich durch die Reformen in Deutschland noch ergeben werden, spiegeln sich bisher nicht in den Aktienkursen wider.
Gibt es interessante Anlagealternativen? Das Chance/Risiko-Verhältnis reicht bei Anleihen von unattraktiv bis riskant, bei Garantiezertifikaten und Hedge-Fonds ist es bescheiden und bei offenen Immobilienfonds ist es zweifelhaft. Das Chance/Risiko-Verhältnis bei Aktien dagegen ist im historischen Vergleich heute günstig und es ist im Vergleich zu den Anlagealternativen eindeutig besser.
Artikel erschienen am Sa, 22. Januar 2005
Alle Artikel vom 22. Januar 2005