Selbstmordanschläge in Deutschland geplant
Bundeskriminalamt rechnet mit Geiselnahmen und Attentaten "in den nächsten zwanzig Tagen"
FRANKFURT, 26. April. Entgegen den öffentlichen Äußerungen der Leiter deutscher Sicherheitsbehörden liegen dem Bundeskriminalamt konkrete Hinweise auf geplante Selbstmordattentate vor, die innerhalb der nächsten Wochen in Deutschland verübt werden sollen. In einem am Dienstag verfaßten vertraulichen Schreiben der BKA-Außenstelle Meckenheim, das bis zum Mittwoch morgen an den Bundesgrenzschutz, den Bundesnachrichtendienst und alle Landeskriminalämter übermittelt wurde, heißt es, in Deutschland sei "innerhalb der nächsten zwanzig Tage" mit Geiselnahmen und auch Selbstmordattentaten zu rechnen. So soll nach den Erkenntnissen des BKA in der pakistanischen Provinz Paktia ein sich zu Al Qaida bekennender Jalal Dudin einen Plan ausgearbeitet haben, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien jeweils drei- bis vierhundert Menschen als Geiseln zu nehmen, mit denen dann in Europa inhaftierte Gesinnungsgenossen von Al Qaida freigepreßt werden sollten. Wenn den Forderungen nicht nachgegeben werde, seien die Geiselnehmer bereit, sich mit den Geiseln in die Luft zu sprengen. In dem BKA-Schreiben heißt es, der Plan werde von dem in Los Angeles lebenden Zia Hal Mundi finanziert. Dieser habe jedem potentiellen Selbstmordattentäter hunderttausend Dollar angeboten, die nach den Aktionen an Familienangehörige bezahlt werden sollten. Insgesamt halten sich in Deutschland, Frankreich und Großbritannien nach Informationen des BKA derzeit etwa dreißig Selbstmordattentäter auf, die iranischer, irakischer, jemenitischer und sudanischer Nationalität seien. In Zusammenhang mit den mutmaßlichen Attentatsvorbereitungen werden in Deutschland derzeit drei Personen gesucht, die sich hier unter den Namen Schah Ahmad Pergham, Raschid und Nisa aufhalten. Nach diesen Personen wird in allen Bundesländern unter Hochdruck gefahndet. Ein leitender Mitarbeiter einer Staatsschutzabteilung sagte dieser Zeitung dazu: "Wir kriegen hier unwahrscheinlich Druck."
In dem vertraulichen Schreiben des BKA heißt es, dem Bundesamt für Verfassungsschutz lägen in diesem Zusammenhang "noch keine Erkenntnisse vor". Es ist unklar, ob das BKA die Hinweise aus eigener Erkenntnis oder aber von ausländischen Nachrichtendiensten erlangt hat. In einer Bewertung hebt das BKA hervor, vor dem Hintergrund der derzeitigen Sicherheitslage könnten die Hinweise "einen ernsthaften Hintergrund" haben. Das Netz von Al Qaida sei noch nicht zerstört. Es gebe weiterhin eine "hohe Gefährdung". "Mögliche Freipressungsversuche" durch Selbstmordattentäter auch in Deutschland erschienen "durchaus denkbar". Diese Einschätzung habe auch der Fall des amerikanischen Journalisten Pearl, der von seinen Entführern enthauptet wurde, belegt.
Für das in Deutschland geplante Vorhaben gebe es jedoch einen "hohen Planungsaufwand". Bis zu diesem Wochenende erwarten deutsche Dienststellen auch Antwort auf Schreiben, mit denen sie französische und britische Sicherheitsbehörden um Unterstützung gebeten haben. Unklar ist weiterhin, an welchen Orten die geplanten Geiselnahmen erfolgen sollen. Staatsschützer hoben in diesem Zusammenhang hervor, daß offenkundig schlecht zu sichernde Versammlungsorte, an denen viele Menschen auf engstem Raum zusammenkommen (etwa kirchliche Messen und große Kinosäle) zu den möglichen Anschlagszielen gehören könnten. Unabhängig von diesen Hinweisen sollen deutschen Sicherheitsbehörden auch Erkenntnisse darüber vorliegen, daß sich etwa zwanzig türkischstämmige Deutsche in vergangenen Monaten in muslimischen Ländern in Terrorpraktiken hätten schulen lassen. Auch aus diesen Kreisen werden Anschläge erwartet.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2002, Nr. 98 / Seite 1
Bundeskriminalamt rechnet mit Geiselnahmen und Attentaten "in den nächsten zwanzig Tagen"
FRANKFURT, 26. April. Entgegen den öffentlichen Äußerungen der Leiter deutscher Sicherheitsbehörden liegen dem Bundeskriminalamt konkrete Hinweise auf geplante Selbstmordattentate vor, die innerhalb der nächsten Wochen in Deutschland verübt werden sollen. In einem am Dienstag verfaßten vertraulichen Schreiben der BKA-Außenstelle Meckenheim, das bis zum Mittwoch morgen an den Bundesgrenzschutz, den Bundesnachrichtendienst und alle Landeskriminalämter übermittelt wurde, heißt es, in Deutschland sei "innerhalb der nächsten zwanzig Tage" mit Geiselnahmen und auch Selbstmordattentaten zu rechnen. So soll nach den Erkenntnissen des BKA in der pakistanischen Provinz Paktia ein sich zu Al Qaida bekennender Jalal Dudin einen Plan ausgearbeitet haben, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien jeweils drei- bis vierhundert Menschen als Geiseln zu nehmen, mit denen dann in Europa inhaftierte Gesinnungsgenossen von Al Qaida freigepreßt werden sollten. Wenn den Forderungen nicht nachgegeben werde, seien die Geiselnehmer bereit, sich mit den Geiseln in die Luft zu sprengen. In dem BKA-Schreiben heißt es, der Plan werde von dem in Los Angeles lebenden Zia Hal Mundi finanziert. Dieser habe jedem potentiellen Selbstmordattentäter hunderttausend Dollar angeboten, die nach den Aktionen an Familienangehörige bezahlt werden sollten. Insgesamt halten sich in Deutschland, Frankreich und Großbritannien nach Informationen des BKA derzeit etwa dreißig Selbstmordattentäter auf, die iranischer, irakischer, jemenitischer und sudanischer Nationalität seien. In Zusammenhang mit den mutmaßlichen Attentatsvorbereitungen werden in Deutschland derzeit drei Personen gesucht, die sich hier unter den Namen Schah Ahmad Pergham, Raschid und Nisa aufhalten. Nach diesen Personen wird in allen Bundesländern unter Hochdruck gefahndet. Ein leitender Mitarbeiter einer Staatsschutzabteilung sagte dieser Zeitung dazu: "Wir kriegen hier unwahrscheinlich Druck."
In dem vertraulichen Schreiben des BKA heißt es, dem Bundesamt für Verfassungsschutz lägen in diesem Zusammenhang "noch keine Erkenntnisse vor". Es ist unklar, ob das BKA die Hinweise aus eigener Erkenntnis oder aber von ausländischen Nachrichtendiensten erlangt hat. In einer Bewertung hebt das BKA hervor, vor dem Hintergrund der derzeitigen Sicherheitslage könnten die Hinweise "einen ernsthaften Hintergrund" haben. Das Netz von Al Qaida sei noch nicht zerstört. Es gebe weiterhin eine "hohe Gefährdung". "Mögliche Freipressungsversuche" durch Selbstmordattentäter auch in Deutschland erschienen "durchaus denkbar". Diese Einschätzung habe auch der Fall des amerikanischen Journalisten Pearl, der von seinen Entführern enthauptet wurde, belegt.
Für das in Deutschland geplante Vorhaben gebe es jedoch einen "hohen Planungsaufwand". Bis zu diesem Wochenende erwarten deutsche Dienststellen auch Antwort auf Schreiben, mit denen sie französische und britische Sicherheitsbehörden um Unterstützung gebeten haben. Unklar ist weiterhin, an welchen Orten die geplanten Geiselnahmen erfolgen sollen. Staatsschützer hoben in diesem Zusammenhang hervor, daß offenkundig schlecht zu sichernde Versammlungsorte, an denen viele Menschen auf engstem Raum zusammenkommen (etwa kirchliche Messen und große Kinosäle) zu den möglichen Anschlagszielen gehören könnten. Unabhängig von diesen Hinweisen sollen deutschen Sicherheitsbehörden auch Erkenntnisse darüber vorliegen, daß sich etwa zwanzig türkischstämmige Deutsche in vergangenen Monaten in muslimischen Ländern in Terrorpraktiken hätten schulen lassen. Auch aus diesen Kreisen werden Anschläge erwartet.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2002, Nr. 98 / Seite 1