Kommentar: Von Thomas Fricke (Financial Times Deutschland)
Das Auf und Ab an den Börsen lässt zu Recht bezweifeln, dass Investoren so kühl berechnend handeln, wie Ökonomen es gerne annehmen. Trotzdem ließe sich die Gefahr erneuter Aktienblasen zumindest verringern.
Gerade zwei Jahre ist es her, dass die Internet-Blase geplatzt ist. Schon macht sich wieder Optimismus breit. Und die Frage drängt sich auf, ob die Akteure wirklich so rational handeln, wie es die Modelle vom perfekten Funktionieren der Märkte vorgeben. Oder ob Menschen nicht vielmehr von Natur aus stets emotional (über-)reagieren.
Das Thema scheint die Ökonomenschaft zu spalten - zwischen jenen, die allen Kapriolen zum Trotz am Glauben an die Rationalität festhalten; und jenen, die das Paradigma gänzlich in Frage stellen. Die Wahrheit liegt womöglich in der Mitte. Denn neuere Erkenntnisse lassen vermuten, dass sich Emotionen und Rationalität nicht unbedingt gegenseitig ausschließen. In der Praxis könnte es vielmehr darauf ankommen, die menschlichen Gefühle nur richtig zu kanalisieren.
Tests am lebenden Objekt Händler
Bereits seit einigen Jahren mehren sich Studien, die nachzuweisen versuchen, was Investoren vermeintlich in die Irre leitet: die eigene Selbstüberschätzung sowie übertriebene Angst vor Verlusten, die Kapitulation vor dem Herdentrieb oder schlichtweg falsch eingeschätzte Risiken.
An der Existenz emotionaler Einflüsse lässt sich in der Tat kaum zweifeln. Das hat der US-Ökonom Andrew Lo jetzt in einem außergewöhnlichen Experiment belegt*. Zusammen mit dem Neurologen Dmitry Repin testete er am lebenden Objekt, wie stark Kursausschläge das autonome Nervensystem von Händlern im täglichen Börsengeschäft beeinflussen. Live gemessen wurden dabei zum Beispiel Muskelspannungen, Puls, Körpertemperatur oder Atmung - allesamt physiologische Reaktionen, die vor allem vom Unterbewusstsein gesteuert werden und auf Angst oder Unsicherheit deuten können.
Das Ergebnis: Selbst bei den erfahrensten Händlern ergab sich eine hohe Korrelation zwischen außergewöhnlichen Marktbewegungen und erhöhter Pulsfrequenz oder Körpertemperatur, vor allem bei plötzlichen starken Kursausschlägen.
Gerade dies lässt allerdings laut Lo gleichzeitig vermuten, dass Emotionen nicht unbedingt schlecht sein müssen. Im Gegenteil: Immerhin gehörten die von ihm getesteten Top-Händler geschäftlich zu den erfolgreichsten.
"Anders als es die klassische Lehre vorgibt, kommt es bei Entscheidungsprozessen gar nicht darauf an, stets rational alle Optionen durchzudenken", sagt Lo. Dafür bestehe im täglichen Leben in der Regel gar nicht genügend Zeit. Vielmehr ruhten Erfolg und Expertenrat oft auf Intuition und einem dazugehörenden Lernprozess, in dem sich jeder Einzelne an ein optimales Verhalten herantastet. Und dafür sei unterbewusstes Empfinden ebenso wichtig wie bewusste Erkenntnis.
Angst und Freude könnten sogar wie ein Korrekturmechanismus wirken, sagt Lo. Darauf deute auch der Fall eines Tumorpatienten in den USA, der nach komplizierter Gehirnoperation zwar alte IQ-Werte wieder erreichte und sich an alles aus seiner Vergangenheit erinnern konnte, aber trotzdem binnen weniger Monate Job und Frau verlor - bis Ärzte herausfanden, dass er jegliches Gefühlsempfinden verloren hatte; und damit auch die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
Dem vermuteten Widerspruch zwischen Emotion und Rationalität an den Finanzmärkten hält Lo daher entgegen, dass sich beide ergänzen können. Gefühle ließen sich durch Training positiv nutzen, "wie etwa bei erfolgreichen Sportlern, die fähig sind, Stress zum eigenen Ansporn zu nutzen, statt sich dadurch hemmen zu lassen." Los Tests ergaben, dass bestimmte Emotionen bei den weniger erfahrenen Händlern deutlich stärker ausfielen als bei jenen erfahrenen Kollegen, die ihre Gefühle offenbar besser steuern konnten.
Kurzes Marktgedächtnis
Für Anleger bedeutet dies, dass es gar nicht darauf ankommt, Emotionen per se zu Gunsten größter Rationalität zu unterdrücken. Das stete Lernen könnte vielmehr dabei helfen, (irrationale) Verlustangst oder Selbstüberschätzung abzubauen. "Am besten wäre es natürlich, wenn wir schon unsere Kinder in Wahrscheinlichkeitstheorie und Risikomanagement unterrichten würden", sagt Lo.
Als gewagt könnte sich indes die Zuversicht des Ökonomen erweisen, wenn es um die Chancen geht, Aktien-Blasen eines Tages ganz vermeiden zu können. Zwar dürfte ein Schock wie das jüngste Platzen der Internet-Blase auf viele Beteiligte vorerst heilsam wirken und vor groben Fehlinvestitionen schützen. Wie lange der Schrecken nachwirkt, ist aber fraglich. Immerhin war der jüngste Aktienabsturz nicht der erste in der Geschichte. Amerikaner, Briten und Franzosen haben 1987 unter dem damaligen Crash gelitten - und doch bei der Rally Ende der 90er Jahre wieder mitgemacht.
Hinzu kommt, dass Verlustangst oder Selbstüberschätzung zwar individuell behandelbar scheinen, weniger aber jener Herdentrieb, der beim Entstehen von Aktien-Blasen stets mitwirkt. Ein solches Herdenverhalten ist zwar langfristig und ökonomisch gefährlich; trotzdem kann es für jeden einzelnen Investor rational sein, gerade dann auszusteigen, wenn alle einsteigen und die Kurse einem (vorerst) stabilen Aufwärtstrend folgen. Zumindest hier steckt das Problem womöglich im System, weniger in mangelnder Erfahrung oder Lernfähigkeit der Beteiligten.
Klar: Die Gefahr eines erneuten Crashs wie im Jahr 2000 sinkt, je mehr es den Beteiligten gelingt, ihre Gefühle zum eigenen Nutzen einzusetzen. Mehr allerdings nicht. Die nächste Blase kommt bestimmt.
Das Auf und Ab an den Börsen lässt zu Recht bezweifeln, dass Investoren so kühl berechnend handeln, wie Ökonomen es gerne annehmen. Trotzdem ließe sich die Gefahr erneuter Aktienblasen zumindest verringern.
Gerade zwei Jahre ist es her, dass die Internet-Blase geplatzt ist. Schon macht sich wieder Optimismus breit. Und die Frage drängt sich auf, ob die Akteure wirklich so rational handeln, wie es die Modelle vom perfekten Funktionieren der Märkte vorgeben. Oder ob Menschen nicht vielmehr von Natur aus stets emotional (über-)reagieren.
Das Thema scheint die Ökonomenschaft zu spalten - zwischen jenen, die allen Kapriolen zum Trotz am Glauben an die Rationalität festhalten; und jenen, die das Paradigma gänzlich in Frage stellen. Die Wahrheit liegt womöglich in der Mitte. Denn neuere Erkenntnisse lassen vermuten, dass sich Emotionen und Rationalität nicht unbedingt gegenseitig ausschließen. In der Praxis könnte es vielmehr darauf ankommen, die menschlichen Gefühle nur richtig zu kanalisieren.
Tests am lebenden Objekt Händler
Bereits seit einigen Jahren mehren sich Studien, die nachzuweisen versuchen, was Investoren vermeintlich in die Irre leitet: die eigene Selbstüberschätzung sowie übertriebene Angst vor Verlusten, die Kapitulation vor dem Herdentrieb oder schlichtweg falsch eingeschätzte Risiken.
An der Existenz emotionaler Einflüsse lässt sich in der Tat kaum zweifeln. Das hat der US-Ökonom Andrew Lo jetzt in einem außergewöhnlichen Experiment belegt*. Zusammen mit dem Neurologen Dmitry Repin testete er am lebenden Objekt, wie stark Kursausschläge das autonome Nervensystem von Händlern im täglichen Börsengeschäft beeinflussen. Live gemessen wurden dabei zum Beispiel Muskelspannungen, Puls, Körpertemperatur oder Atmung - allesamt physiologische Reaktionen, die vor allem vom Unterbewusstsein gesteuert werden und auf Angst oder Unsicherheit deuten können.
Das Ergebnis: Selbst bei den erfahrensten Händlern ergab sich eine hohe Korrelation zwischen außergewöhnlichen Marktbewegungen und erhöhter Pulsfrequenz oder Körpertemperatur, vor allem bei plötzlichen starken Kursausschlägen.
Gerade dies lässt allerdings laut Lo gleichzeitig vermuten, dass Emotionen nicht unbedingt schlecht sein müssen. Im Gegenteil: Immerhin gehörten die von ihm getesteten Top-Händler geschäftlich zu den erfolgreichsten.
"Anders als es die klassische Lehre vorgibt, kommt es bei Entscheidungsprozessen gar nicht darauf an, stets rational alle Optionen durchzudenken", sagt Lo. Dafür bestehe im täglichen Leben in der Regel gar nicht genügend Zeit. Vielmehr ruhten Erfolg und Expertenrat oft auf Intuition und einem dazugehörenden Lernprozess, in dem sich jeder Einzelne an ein optimales Verhalten herantastet. Und dafür sei unterbewusstes Empfinden ebenso wichtig wie bewusste Erkenntnis.
Angst und Freude könnten sogar wie ein Korrekturmechanismus wirken, sagt Lo. Darauf deute auch der Fall eines Tumorpatienten in den USA, der nach komplizierter Gehirnoperation zwar alte IQ-Werte wieder erreichte und sich an alles aus seiner Vergangenheit erinnern konnte, aber trotzdem binnen weniger Monate Job und Frau verlor - bis Ärzte herausfanden, dass er jegliches Gefühlsempfinden verloren hatte; und damit auch die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
Dem vermuteten Widerspruch zwischen Emotion und Rationalität an den Finanzmärkten hält Lo daher entgegen, dass sich beide ergänzen können. Gefühle ließen sich durch Training positiv nutzen, "wie etwa bei erfolgreichen Sportlern, die fähig sind, Stress zum eigenen Ansporn zu nutzen, statt sich dadurch hemmen zu lassen." Los Tests ergaben, dass bestimmte Emotionen bei den weniger erfahrenen Händlern deutlich stärker ausfielen als bei jenen erfahrenen Kollegen, die ihre Gefühle offenbar besser steuern konnten.
Kurzes Marktgedächtnis
Für Anleger bedeutet dies, dass es gar nicht darauf ankommt, Emotionen per se zu Gunsten größter Rationalität zu unterdrücken. Das stete Lernen könnte vielmehr dabei helfen, (irrationale) Verlustangst oder Selbstüberschätzung abzubauen. "Am besten wäre es natürlich, wenn wir schon unsere Kinder in Wahrscheinlichkeitstheorie und Risikomanagement unterrichten würden", sagt Lo.
Als gewagt könnte sich indes die Zuversicht des Ökonomen erweisen, wenn es um die Chancen geht, Aktien-Blasen eines Tages ganz vermeiden zu können. Zwar dürfte ein Schock wie das jüngste Platzen der Internet-Blase auf viele Beteiligte vorerst heilsam wirken und vor groben Fehlinvestitionen schützen. Wie lange der Schrecken nachwirkt, ist aber fraglich. Immerhin war der jüngste Aktienabsturz nicht der erste in der Geschichte. Amerikaner, Briten und Franzosen haben 1987 unter dem damaligen Crash gelitten - und doch bei der Rally Ende der 90er Jahre wieder mitgemacht.
Hinzu kommt, dass Verlustangst oder Selbstüberschätzung zwar individuell behandelbar scheinen, weniger aber jener Herdentrieb, der beim Entstehen von Aktien-Blasen stets mitwirkt. Ein solches Herdenverhalten ist zwar langfristig und ökonomisch gefährlich; trotzdem kann es für jeden einzelnen Investor rational sein, gerade dann auszusteigen, wenn alle einsteigen und die Kurse einem (vorerst) stabilen Aufwärtstrend folgen. Zumindest hier steckt das Problem womöglich im System, weniger in mangelnder Erfahrung oder Lernfähigkeit der Beteiligten.
Klar: Die Gefahr eines erneuten Crashs wie im Jahr 2000 sinkt, je mehr es den Beteiligten gelingt, ihre Gefühle zum eigenen Nutzen einzusetzen. Mehr allerdings nicht. Die nächste Blase kommt bestimmt.