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Dass Gazprom dadurch erst einmal weniger Gas verkaufen könnte, bekümmert das Unternehmen kaum. Zumal die Preise auf den europäischen Spotmärkten für den kurzfristigen Handel mit Erdgas am Montag als Reaktion auf Moskaus Maßnahme um bis zu zehn Prozent anstiegen. Da einige der Gazprom-Lieferverträge eine Bindung an den Spotmarktpreis vorsehen, verdient es mehr Geld für dieselbe Lieferung.
Außerdem dient der eskalierende Gaskonflikt mit der ukrainischen Führung als Argument für den Neubau einer südlichen Pipeline-Umgehung der Ukraine: South Stream. Eine ukrainische Transitunterbrechung könnte das Gazprom-Projekt, das wegen der Krim-Krise zuletzt auf Widerstand aus der EU-Kommission stieß, umso eindrücklicher bewerben.
Riskant für beide Seiten
Ein möglicher Konfliktfall ist bereits programmiert: Gazprom hat angekündigt, nur noch die für Westeuropa bestimmte Gasmenge ins Netz zu leiten. Ungeklärt bleibt, wo das technische Gas herkommen soll, das für den Betrieb der Pipelines und der Kompressorstationen gebraucht wird. Entnimmt es die Ukraine aus der Transitgasmenge, könnte Gazprom sofort den Vorwurf des Diebstahls erheben.
Gazprom handelt wie ein unternehmerisches Außenministerium Russlands. Ressourcen dienen als geopolitisches Instrument, und Handelskriege sind nur der spektakuläre Ausdruck. In seiner Doktorarbeit hatte Wladimir Putin 1997 geschrieben: "Die Kontrolle über den Energiesektor muss zur Rückkehr Russlands in den Status einer Weltmacht genutzt werden." Gazproms Preispolitik dient der Ausweitung der russischen Einflusssphäre in den früheren Sowjetrepubliken.
Risikofrei ist der ukrainisch-russische Gasstreit allerdings für beide Seiten nicht. Die Ukraine muss fürchten, dass Gazprom auf der Take-or-pay-Formel im Vertrag besteht. Die Regierung in Kiew kann kaum auf einen Sieg vor dem Schiedsgericht setzen und darf sich nicht das Verhältnis zur EU verderben. Gazprom wiederum könnte bei einem Ausfall der Lieferungen nach Europa von den dortigen Kunden wegen Vertragsverletzung belangt werden und endgültig den Ruf als verlässlicher Partner verlieren. Und die EU würde gedrängt, ihr Programm zur Diversifizierung der eigenen Energieversorgung zum Nachteil Gazproms schneller voranzutreiben.
Spätestens bis zur Heizsaison im Herbst müssen beide Seiten einen Kompromiss finden. Aber selbst wenn ein Happy End im Gaskrieg – Teil Drei gelingt, ist die neue Gasvereinbarung gefährdet. Sie bleibt vom gesamten Entspannungsprozess zwischen der Ukraine und Russland abhängig.
www.zeit.de/wirtschaft/2014-06/ukraine-russland-erdgas