Der nette Junge von nebenan
Miroslav Klose steht an der Schwelle zu einer Weltkarriere - Rom und Leverkusen haben Interesse.
Von Dieter Matz
Miyazaki - Kein Lächeln, kein Strahlen, nicht einmal der kleinste Hauch von Zufriedenheit ist in seinen Gesichtszügen erkennbar. Auch deshalb, weil er den Kopf immer leicht gesenkt hält. Miroslav Klose, der Shooting Star dieser Fußball-WM, bleibt sich und seinem Image treu. Bescheiden, nett, brav, leise, angenehm, schweigsam und schüchtern, so ist er, der Torjäger der deutschen Nationalelf, im Privatleben. Der nette Junge von nebenan. Nur kein Wort zu viel. Klose lässt Tore für sich sprechen, wo auch immer er auf dem Rasen steht. Zurzeit in Japan. Mit seiner schwungvollen Art des Fußballspielens sorgt der deutsche Salto-Mann für riesige Turbulenzen in Asien.
Der italienische Erstliga-Club AS Rom hat nach Kloses Tor-Gala seinen Sportdirektor Franco Baldini nach Japan geschickt, um den Nationalspieler zu beobachten. Laut der Zeitung "Corriere dello Sport" hofft der Verein darauf, Klose jetzt noch zu einem "nicht allzu hohen Preis" nach Italien holen zu können. Und auch Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund hat gegenüber "Sport 1" bestätigt, mit Kaiserslauterns Vorstand Jürgen Friedrich über Klose gesprochen zu haben: "Ich habe gefragt, ob es eine Chance gibt, ihn zu kaufen, weil wir nach dem Ze-Roberto-Transfer Geld hatten", so Calmund. Friedrich habe abgelehnt: "Das kann ich nicht machen. Das ist ein wichtiger Lauterer Junge, die reißen mir das Stadion ab. Den kann ich beim besten Willen nicht freigeben." Kloses Vertrag bei den Pfälzern läuft noch bis 2005. Am Montagabend dementierte Friedrich jedoch, dass dieses Gespräch mit Calmund stattgefunden habe.
Der Weg des Senkrechtstarters zeigt weiter steil nach oben. Am 24. März 2001, nur knapp ein Jahr nach seiner Bundesliga-Premiere, gelang ihm im WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien, seinem Länderspiel-Debüt, gleich der so wichtige 2:1-Siegtreffer. "Miro hat alles, was einen guten Stürmer auszeichnet. Er ist schnell, dribbel- und kopfballstark." So lobt ihn Teamchef Rudi Völler, der Klose nach dessen drei Kopfballtoren im WM-Auftakt gegen Saudi-Arabien bewusst aus dem Rampenlicht genommen hat ("Das wird sonst alles zu viel für ihn, da stürmt zu viel auf ihn ein"). Experten hatten Kloses Durchbruch bei dieser Weltmeisterschaft für möglich gehalten, jetzt steht er an der Schwelle zu einer Weltkarriere. Weil er viel mehr kann, als nur dribbeln, köpfen und schnell zu sein.
"Mirek", wie der 23-Jährige von seinen Freunden gerufen wird, passt dabei so überhaupt nicht in das Klischee der neuen Generation von verwöhnten, verhätschelten Fußball-Millionären. Er steckt voller Ehrgeiz, er hat den Willen, sich täglich verbessern zu wollen. Er ist ein Schlitzohr, ist kombinations- und ballsicher, technisch versiert, ihn zeichnet jener Torinstinkt aus, den man nicht antrainieren kann. Den hat man, oder man hat ihn nicht. Klose hat ihn. Dazu nimmt er stets den Rat der älteren Spieler an, und er trainiert emsig. Sein vielleicht größter Vorzug aber ist sein Sprungvermögen. Obwohl er selbst sagt: "Aus dem Stand springe ich nicht höher als andere, aber mit zwei Metern Anlauf . . . " Er hat es immer wieder trainiert, sich sogar Bleiwesten für das Sprungtraining umgebunden. Mit Erfolg.
Dabei schien zu Beginn der gerade abgelaufenen Bundesliga-Saison einiges falsch gelaufen zu sein. In den ersten fünf Spielen seines Clubs fehlte er in der Anfangsformation. Klose befand sich in einem tiefen Loch. Und holte sich selbst wieder heraus. Mit Vater Josef studierte er daheim viele Videobänder, bis der Herr Papa den Fehler feststellte: "Du läufst zu viel, du läufst unnötige, zu lange Wege." Klose wollte im Spiel immer alles geben, stellte sich in den Dienst der Mannschaft, half zu oft hinten aus, und vor des Gegners Tor fehlte dann die Kraft und die Konzentration. Fehler erkannt, Fehler abgestellt - Klose startete durch, ist noch lange nicht gelandet. Und jedes Tor bei der WM wird seinen Marktwert inflationär steigern.
Miroslav Klose im Visier der Top-Clubs
Von Alexander Laux
Der Fußball spielt derzeit auf der größten Bühne der Welt vor. Auf ihr werden Helden geboren, und die 32 WM-Teams mutieren zum Selbstbedienungsladen der namhaften Clubs aus England, Spanien und Italien. Schließlich dürstet das Publikum nach großen Mimen, will sich verzaubern lassen.
Mit seinen drei Toren - Salto inklusive - gegen das drittklassige Saudi-Arabien hat sich nun Miroslav Klose ins Visier der Top-Clubs katapultiert. Der AS Rom schickt seine Späher, Leverkusen hat seine Sehnsucht nach Klose erneuert, und pro weiteres Tor wird die Zahl der werbenden Vereine noch rapide ansteigen. Von 20 Millionen Euro Ablöse ist schon jetzt die Rede für einen, der vor drei Jahren noch in der Bezirksliga für Blaubach-Diedelkopf kickte. Der Torjäger ist längst selbst der Gejagte.
Dabei muss Klose erst noch den Beweis antreten, ob er sein Potenzial auch tatsächlich ausschöpft und zum Weltklasse-Stürmer heranwächst. Je drei Tore gegen die Araber und gegen Israel und Treffer gegen Albanien sowie Griechenland reichen dazu noch lange nicht aus. Aber Zeit, die hat heute niemand mehr - weder Spieler, schon gar nicht die Berater, noch die nach Stars suchenden Clubs.