Froh zu sein bedarf es wenig


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Froh zu sein bedarf es wenig

 
27.09.02 19:22

 
Der Dax fällt und der Neue Markt wird abgeschafft – doch ARD-Börsenexperte Lehmann hält stets einen Scherz parat.
Von Titus Arnu

     

   (SZ vom 28.09.2002) — Dumpfes Gemurmel auf dem Parkett, ratternde Zahlenkolonnen auf den Anzeigentafeln, deprimierte Gesichter überall. Das ifo-Institut hat gerade erschreckend miese Konjunkturdaten veröffentlicht, die Dax-Kurve zeigt nach unten, und jetzt wird auch noch der Neue Markt abgeschafft, ein weiteres Symbol der New Economy ist am Ende. Es ist kein besonders lustiger Tag an der Frankfurter Börse. Wieder mal.

Frank Lehmann sitzt auf deren Galerie an einem abgewetzten Holztisch, auf dem ein voller Aschenbecher steht. An den dunkel getäfelten Wänden hängen große rote Rauchverbotsschilder, aber an diese Vorschrift hält sich schon lange keiner mehr.

Auf der Zuschauertribüne wuseln Schüler herum, man hört die Kinder hinter den dicken Glasscheiben nicht, aber man sieht sie lachen und mit Fingern auf die Börsenmakler zeigen, die unten im Saal mit ausdruckslosen Gesichtern auf ihre Monitore starren. Die Tribüne wirkt wie ein großes buntes Aquarium, das ein bisschen Leben in die graue Welt der Zahlen bringt.

Ein Totensaal, da unten

Auf dem Parkett ist es erstaunlich still, trotz der dramatischen Kursentwicklungen. Fast 90 Prozent der Werte werden mittlerweile am Computer gehandelt, die leibhaftige Börse liegt im Sterben.

„Das ist ein Totensaal da unten“, sagt Frank Lehmann. Wenigstens sind die Medien noch physisch präsent. Auf der Galerie stehen Reporter von ntv, dem ZDF und der Deutschen Welle, sie berichten alle über den ifo-Index und das bevorstehende Ende des Neuen Marktes.

Ein Aktienhändler kommt an Lehmanns Tisch vorbei und sagt lässig „Hi“. Der Banker hat die Hemdsärmel hochgekrempelt, trägt eine Cordhose, kein Sakko. „Vor zwei Jahren gab es hier noch eine Kleiderordnung“, sagt Frank Lehmann, „alle, die hier arbeiten, sollten in standesgemäßen Anzügen erscheinen.“ Aber wie die Firmenwerte verfallen, so scheinen auch die guten Sitten an der Börse zu verfallen.

Lehmann, der Leiter der ARD-Börsenredaktion, ist stets korrekt gekleidet, wenn er in den Tagesthemen oder in der Sendung Börse im Ersten über die neuesten Kurs-Katastrophen berichtet. An diesem Tag hat er eine gelbe Krawatte mit roten Rauten an, ein hellblaues Hemd mit weißem Kragen und weißen Manschetten, darüber einen dunkelblauen Anzug.

Sinnsprüche gegen Furztrockenes

Beim Erklären von Kursstürzen macht er stets gute Miene zum bösen Spiel. Sind die Nachrichten auch noch so niederschmetternd, Lehmann hat immer einen unterhaltsamen Schwank auf Lager. „Die Börsennachrichten sind eine so traurige Sache, da ist es doch nett, einen Sinnspruch oder einen Scherz hinten drauf zu setzen“, sagt er, „damit es nicht so furztrocken wirkt.“

Angesichts der Wirtschaftskrise hört für Viele allerdings der Spaß beim Finanziellen auf. Wenn der Kontostand sinkt, sinkt offenbar auch die Bereitschaft, über Gelddinge zu lachen. Das Missverhältnis zwischen Pointen-Pegel und Wirtschafts-Indices fällt zur Zeit besonders krass auf.

Die Börsen-Barometer zeigen dramatisch nach unten, aber das Stimmungsbarometer in den Börsensendungen seltsamerweise nach oben. Wie passt das zusammen?

Der lustige Lehmann pflastert das Parkett mit Pointen, egal, ob es Kurseinbrüche gibt oder ein Plus zu verzeichnen ist. Er lässt keinen Wortwitz über den Dax aus.

Als selbst ernannter Kalauer-König der ARD scherzt er über den „Frech-Dax“ und mahnt schon mal, Vorsicht sei die „Mutter der Dax-Kiste“. Oder er bemüht einen chinesischen Philosophen und gibt den Zuschauern etwas zum Nachdenken auf: „Nicht der ist arm, der wenig wünscht, sondern der immer mehr zu haben wünscht.“

Den traurigen Kleinanleger immer im Kopf

Seine Fans, unter ihnen viele enttäuschte Kleinanleger, scheinen die Sprüche irgendwie zu trösten. Börse im Ersten, kurz vor der Tagesschau, ist die mit Abstand beliebteste Sendung ihrer Art. 2,41 Millionen Menschen sehen sie durchschnittlich, beim Nachrichtensender ntv schalten nur etwa hunderttausend Zuschauer regelmäßig die Börsennachrichten ein.

Dabei besitzen zehn Millionen Deutsche Aktien, das ist schon mal ein großes Zuschauerpotenzial. Die Popularität des ARD-Konkurrenten erklärt sich aber auch durch die Rahmenbedingungen: Es gibt kaum einen besseren Sendeplatz im deutschen Fernsehen als den kurz vor der Tagesschau.

Fast ein Drittel von Lehmanns Zuschauern sind Börsenfreaks, die mit Fachinformationen versorgt werden wollen. Aber das Hauptaugenmerk der Sendung zielt auf die Kleinanleger, die wissen wollen, wie viel sie wieder mal verloren haben und warum. „Ich habe beim Moderieren den Anleger im Kopf, der traurig zu Hause sitzt und die Welt nicht mehr versteht“, sagt Lehmann.

In knapp zwei Minuten muss die ARD-Börsenredaktion, in der fünf Redakteure und Moderatoren arbeiten, die Welt jeden Tag neu erklären – deshalb heißt die Sendung intern auch „Zwei-Minuten-Terrine“.

Haus, Hof, Hund versetzt

Sie scheint den Konsumenten zu munden, Lehmann gilt bei den Kleinanlegern mittlerweile als Institution. Viele rufen ihn gerade in der letzten Zeit verzweifelt an und bitten um Rat. „Manche von denen sind suizidgefährdet“, berichtet er, „die haben Haus, Hof und Hund versetzt und sind jetzt am Ende.“

Einer teilte ihm am Telefon mit: „Herr Lehmann, ich nehme jetzt den Strick.“ In so einem Fall stößt die Kompetenz eines Aktienspezialisten an seine Grenzen.
Sein Anspruch an die Sendung ist, den Zuschauern möglichst verständlich und unterhaltsam zu erklären, warum welche Werte steigen und warum andere fallen, nicht mehr und nicht weniger.

Wie das geht, hat er von Grund auf gelernt. Er begann in den Sechzigern als Wirtschaftsjournalist bei der Nachrichtenagentur VWD, nahm nebenbei Schauspielunterricht und kam durch einen Zufall zum Fernsehen.

Als er bei der ARD-Sendung Marktwirtschaft für jedermann, einem Vorläufer von Plusminus, ein Praktikum absolvierte, musste er eines Tages kurzfristig für den Moderator einspringen, weil der volltrunken im Studio erschienen war. Das war der feucht-fröhliche Beginn von Lehmanns Fernsehkarriere.

Kurse in Flüssigkristall

Mit seinen Mitarbeitern in der Redaktion, die im zweiten Stockwerk der Börse untergebracht ist, berichtet der 60-Jährige live für die Tagesschau um 17 und um 18 Uhr, zeichnet zwischen 19 und 20 Uhr die Börsennachrichten für die Tagesthemen auf und steht dann gegen 20 Uhr für Börse im Ersten vor der Kamera.
„Es wird immer schwerer, das Elend zu erklären“, sagt Lehmann.

Dazu kommt, dass die optische Darstellung von Börsenkursen sowieso immer etwas langweilig wirkt. Die Berichterstatter sind es selbst schon leid, jeden Tag mit dem Mikro vor der Dax-Kurve zu stehen. „Das muss alles viel lebendiger werden“, sagt Lehmann.

Bloß wie? Eine Zeit lang war im Gespräch, die Journalisten auszulagern in ein modernes Medienzentrum außerhalb der Stadt. Jetzt wird diskutiert, ob die alte Frankfurter Börse aufgemöbelt wird, und die ARD-Börsenredaktion will noch mehr bunte Grafiken verwenden. Denkbar sei auch, die Kurse in Flüssigkristall hinter dem Moderator erscheinen zu lassen – was zwar hypermodern wirkt, die Kurse aber auch nicht erfreulicher macht.

Im Casion rappelt es auch mal

So deprimierend die Lage an den Aktienmärkten auch ist, Lehmann hat nach wie vor Spaß an seinem Job. Er nimmt die Börse ernst, versteht sie aber auch als Spiel: „Das ist eine Erlebniswelt, man begibt sich in ein Casino, um sein Glück zu versuchen – aber darf sich dann auch nicht wundern, wenn’s mal rappelt.“ Man kann Kurse zwar berechnen und analysieren, vorhersagen kann sie auch ein alter Hase wie Frank Lehmann nicht: „Das Verhalten der Börse ist und bleibt irrational“.

Oder um es mit einem weisen Satz des Altmeisters André Kostolany auszudrücken: „An der Börse ist alles möglich, besonders das Gegenteil.“


Gruß  Froh zu sein bedarf es wenig 800323
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bebe:

Schönes Wochenende und das die 7700 hält o.T.

 
27.09.02 21:27
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