06.06.2002 17:51
Interview mit dem Kirch-Media-Manager über die Krise der TV-Branche, vergangene Fehler und künftige Aufgaben.
Interview: Nina Bovensiepen Christopher Keil
„Söldner“ Fred Kogel (sueddeutsche.de )
SZ: Herr Kogel, in Kürze beginnt das Insolvenzverfahren der Kirch Media. Kennen Sie heute den Grund, der zum Niedergang eines der größten europäischen Fernsehunternehmens führte?
Fred Kogel: Wir haben es mit einem Cocktail von Gründen zu tun: Die Kosten für Filmrechte, Pay TV und die Formel1 haben die Gruppe in eine sehr schwierige Situation gebracht. Dazu kam die Flaute am Werbemarkt, und wenn dann noch durch öffentliche Diskreditierung bewusst der Druck erhöht wird, haben Sie schnell keine Chance mehr. Außerdem hatte die Gruppe eine Struktur, die effiziente Führung nicht gerade einfach machte.
SZ: Weil Leo Kirch Alleinentscheider war?
Kogel: Die Kirch Gruppe ist eines der unternehmergeführtesten Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen und hat Jahrzehnte lang perfekt funktioniert. Der Aufbau einer breiten, modernen Managementstruktur kam zu spät. Und es gab die Film Output-Deals: 1995, 1996, 1997 ist im Free und im Pay TV-Bereich eine große Party gefeiert worden. Irgendwann kam die Putzkolonne. Jetzt müssen alle mithelfen, abzuspülen. Das merken auch die Hollywood-Studios.
SZ: Klingt so, als ob der Cocktail stark nach den Output-Deals schmeckt?
Kogel: Das sind Verträge, die auf fünf plus fünf Jahre abgeschlossen wurden, zum Teil noch länger und mit einseitigen Optionen. Wir sprechen über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren. Das ist ein Problem mit enormer Wirkung.
SZ: Werden Pro Sieben und Sat1 überhaupt noch mit Filmen beliefert?
Kogel: Natürlich, aber die Kirch Media muss jetzt schnellstmöglich wieder handlungsfähig werden. Sobald das Insolvenzverfahren eröffnet wird, haben wir die Wahl, in die mit Hollywood geschlossenen Verträge einzutreten oder nur Teile der Verträge zu erfüllen.
SZ: Was wird aus den Pay-Verträgen, die mit den Studios geschlossen wurden?
Kogel: Gegenwärtig ist es so, dass ich dem Insolvenzverwalter empfehlen würde, nicht in die Pay TV-Verträge einzutreten. Bei der schwierigen Situation, in der Premiere steckt: Ein zu großes Risiko.
SZ: Hollywood weiß davon?
Kogel: Wir sprechen jeden Tag mit allen Studios, vor allem darüber, dass weder bei Premiere noch dort, wo wir Free TV-Verträge haben, ein schwarzer Bildschirm entstehen darf. Gott sei Dank ist noch nichts passiert. Aber wir müssen wieder handeln können, ansonsten fallen wir aus dem Markt und unsere Sender der ProSiebenSat.1 Media AG könnten 2005 Versorgungsengpässe bekommen.
SZ: Darauf nehmen die Amerikaner Rücksicht?
Kogel: Ich spreche mit Hollywood ja auch über Free TV-Paket-Deals, die anstehen, wenn die Kirch Media wieder handlungsfähig wird.
SZ: Wird es noch Output-Deals geben?
Kogel: Das Wort habe ich meinen Mitarbeitern verboten. Inzwischen haben die Amerikaner mitbekommen, dass man in Deutschland keine größeren Output-Deals mehr schließen kann, weil amerikanische TV-Serien nicht mehr so gut ankommen und es sich nicht mehr rechnet.
SZ: Sie haben den Filmstock von Leo Kirch gesichtet. Wie viel ist drin?
Kogel: Um das herauszufinden, habe ich Film für Film, Programm für Programm und Serie für Serie erfasst und einer Verkehrswertbetrachtung unterzogen. Das heißt, ich habe mich gefragt, was Filme, Programme und Serien bringen, wenn ich sie morgen verkaufe.
SZ: Und?
Kogel: Gehen Sie davon aus, dass wir um die 40000 Serien- und 20000 Film-Programmstunden haben. Bei den 10000 Spielfilmen lagern allerdings nicht nur Highlights. Letztendlich lassen sich 3000 bis 4000 Filme bewegen, mit diesem Volumen können Sie heute handeln.
SZ: Welche Aufgaben haben Sie noch übernommen bei der Aufräumarbeit?
Kogel: Aktuell lasse ich mehrere tausend Lizenzverträge überprüfen. Wir haben eine Task Force mit über 30 Mitarbeitern eingerichtet, die fast rund um die Uhr die Hauptproblemfelder zu definieren versucht.
SZ: Es geht also darum zu ermitteln, wer wie lange zu welchen Konditionen welche Filme und Serien an die Kirch Gruppe verkauft hat, wer noch Geld bekommt oder das Recht hat, seine Ware einzubehalten?
Kogel: Das ist ein ziemlich diffiziles Geschäft. Verträge mit so einem Hollywood-Studio füllen schnell mal 800 Seiten mit kompliziertester Rechtsmaterie. Die Lizenzen sind unglaublich komplexe Rechteketten, die Free TV, Pay, Kino, Merchandising verbinden. Gerade gehen wir 379 solcher Verträge durch. Das sind 379 Booklets, die seit Mittwoch gemeinsam mit Juristen geprüft werden.
SZ: Wie hat man sich Ihre Zusammenarbeit mit den eingesetzten Geschäftsführern Wolfgang van Betteray und Hans-Joachim Ziems vorzustellen?
Kogel: Wir haben in der Geschäftsführung insofern eine sehr gute Aufteilung, als van Betteray und Ziems uns in insolvenzrechtlichen Fragen beraten. Ich halte es für einen Glücksfall, dass sie schon vor der Antragstellung ins Unternehmen gekommen sind. Und ich stelle fest, dass sie das Unternehmen nach den paar Monaten besser kennen als früher so mancher nach mehreren Jahren.
SZ: Wissen Sie,was Leo Kirch macht?
Kogel: Klar. Ich habe mit Leo Kirch acht Jahre sehr eng zusammen gearbeitet und bin mit ihm befreundet. Wir haben Kontakt, besprechen aber keine täglichen Geschäftsvorfälle mehr wie früher.
SZ: Worüber sprechen Sie?
Kogel: Über vieles. Jedenfalls entnehme ich unseren Gesprächen, dass er sich wenig mit der alten Kirch Gruppe beschäftigt und Neues beginnt.
SZ: Der Zerfall von Leo Kirchs Imperium hat fast die Qualität der größten amerikanischen Wirtschaftspleite, die des Enron-Konzerns. Wie wird sich die Medienbranche nach diesem Fall verändert?
Kogel: Einmal geht es den Fernsehsendern grundsätzlich schlechter im Moment. Wir merken im Produktionsbereich bundesweit, dass es zu massiven Auftragsstornierungen kommt. Und die Insolvenz der Kirch-Gruppe wird auch nicht spurlos an der Produktionsseite vorbeigehen. 500 Firmen sind zu viel. Es wird eine qualitative Auslese stattfinden. Zum anderen werden sich die Finanzierungsstrukturen bei Filmeinkäufen wandeln. Jede Bank wird Verträge noch viel genauer durchlesen.
SZ: Können Sie ausschließen, dass Premiere während der Fußball-Weltmeisterschaft den Sendebetrieb einstellen muss?
Kogel: Jeder Gläubiger, und dazu gehören die Banken, sollte ein valides Interesse haben, die Finanzierung der WM sicherzustellen und nicht die Vernichtung von Premiere zu betreiben. Vernichtung würde decoderbetriebenes PayTV in Deutschland nachhaltig schädigen.
SZ: Was haben Sie vor nach dem Tag, an dem die Kirch Media neue Gesellschafter bekommen hat?
Kogel: Ich bin jetzt 20 Jahre dabei. Ich war bei der ersten privaten Radiostation, ich war Unterhaltungschef bei den Öffentlich-Rechtlichen, Privatfernsehchef und Kirch-Manager. Letztlich war ich immer Söldner auf Zeit, und bis es Klarheit über die zukünftige Gesellschafterstruktur der Kirch Media gibt, versuche ich weiter, die Versorgung der Sender mit Filmmaterial sicher zu stellen. Dann muss man sehen, ob die neuen Gesellschafter mit mir arbeiten wollen und umgekehrt. Das wird bis spätestens September entschieden sein, länger darf das nicht dauern. Man kann ja nicht behaupten, dass das jeden Tag ein positiv motivierter Stress ist, dem sich hier alle augenblicklich aussetzen.
SZ: Sie könnten ja pausieren und ein Buch über die Medienbranche schreiben?
Kogel: Natürlich denke ich über eine Pause nach. Ich bin 41, habe zwar keine Midlife Crisis, doch mein Leben hat sich in den vergangenen 14 Monaten komplett gedreht, beruflich und privat. Wenn ich wo auch immer weitermache, dann heißt das, dass ich mich für mindestens drei Jahre binde. Wieder morgens um sechs raus bis abends um neun, wenig freie Zeit an den Wochenenden, Flüge, Termine, die ganze Tour. Will ich das? Andererseits bin ich ja noch weit entfernt vom Frührentnertum.
Gruß Pichel