Frankreichs kleines Baby-Wunder


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Frankreichs kleines Baby-Wunder

 
01.03.02 06:32
Der jüngste Geburtenzuwachs beim Nachbarn zeigt, dass der demografische Niedergang vermeidbar ist. Zur Nachahmung bräuchte Deutschland allerdings einen Konjunkturschub - und eine wahre Kulturrevolution.

Frankreich probt den Baby-Boom: In den beiden vergangenen Jahren wurden so viele Kinder geboren wie seit 20 Jahren nicht - jeweils fast 800.000 kleine Franzosen. Und die Geburten übersteigen bei weitem die Zahl der Sterbefälle - für Europa ein einzigartiges Phänomen. Die Nachbarn sorgten zuletzt allein für zwei Drittel des natürlichen Bevölkerungszuwachses in der EU.

Der Trend kommt einem kleinen demografischen Wunder gleich. Während Deutsche und Italiener einem drastischen Bevölkerungsrückgang entgegensteuern, mitsamt entsprechenden Problemen für Wirtschaft, Renten- und Sozialsysteme, macht Frankreich vor, dass Europas Bevölkerungsschwund kein unabwendbares Schicksal ist - selbst ohne große Zuwanderungswellen. Und daraus lässt sich durchaus etwas lernen.

Geld spielt kaum eine Rolle

Wie deutlich sich Frankreich mit seiner jüngsten Baby-Bilanz absetzt, zeigt eine neue Studie des Wirtschaftsberaterstabs CAE beim Premierminister*. Seit 1994 werden Jahr für Jahr mehr kleine Franzosen gezeugt. Jede Frau bekommt derzeit im Schnitt 1,9 Kinder; je nach Rechenart liegt der Wert sogar bei jener 2,1-Marke, die notwendig ist, um die Generationen auf Dauer komplett zu erneuern. In Deutschland dümpelt die entsprechende Geburtenquote dagegen seit Jahren bei mickrigen 1,4 Kindern pro Frau.

Nun läge es nahe zu vermuten, dass Frankreich schlicht mehr Geld für Familien ausgibt. Nur liegt der Anteil der Hilfen am Bruttoinlandsprodukt auf beiden Seiten des Rheins bei zehn Prozent. Und: Nach empirischen Studien würden die Geburtenraten selbst dann nur um 0,07 Punkte zulegen, wenn das Familienbudget um ein Viertel erhöht würde.

Zumindest für den jüngsten französischen Baby-Boom scheint ein anderer, überraschender Zusammenhang gewichtiger: Die Lust am Kind steigt und schwindet mit dem wirtschaftlichen Wachstum. Ihren letzten Tiefpunkt erreichte Frankreichs Geburtenrate 1994 - gut neun Monate, nachdem die Rezession am stärksten war. Seitdem steigen die Geburtenzahlen jeweils in ähnlichem Rhythmus, wie die Arbeitslosigkeit sinkt (siehe Grafik). Gerade für Jüngere im gebärfähigen Alter habe die Gefahr, arbeitslos zu werden, stark abgenommen, sagt Laurent Toulemon vom Bevölkerungsinstitut Ined.

Bliebe indes zu klären, warum Frankreich auch jenseits des konjunkturellen Auf und Ab seit langem besser abschneidet. Immerhin lag die Geburtenrate selbst in schlechten Zeiten mit 1,6 deutlich höher als in Deutschland.

Nach Einschätzung der CAE-Ökonomen besteht der entscheidende Unterschied darin, wie gut sich Kinderwunsch und Berufsleben vereinbaren lassen. Und hier wirkt in Frankreich vor allem ein Mix aus gesellschaftlichen Präferenzen und flächendeckender Ausstattung mit Kinderkrippen, Vor- und Ganztagsschulen: Mehr als 70 Prozent aller Mütter mit zwei Kindern arbeiten, eine ähnlich hohe Rate wie bei den kinderlosen Frauen.

Mehr als jedes zweite Kind besucht in Frankreich mit zwei Jahren bereits eine "école maternelle". Dies gelte als förderlich für die Entwicklung des Nachwuchses, sagt Ined-Forscher Toulemon. In Deutschland überwögen dagegen die Bedenken, Kinder so früh allein zu lassen. Zudem verspüren Französinnen weniger sozialen Druck, wenn das Kind schon vor der Ehe kommt. Vergangenes Jahr wurde fast jedes zweite Baby von einer nicht-verheirateten Mutter geboren; in Deutschland waren es weniger als 30 Prozent.

Klar: Die Erkenntnis lässt erahnen, wie schwer es Deutschland fallen dürfte, den Franzosen nachzuahmen. Und sie zeigt auch, dass es mit dem von der Opposition derzeit angepriesenem Heraufsetzen des Kindergelds kaum getan ist. Deutschland müsste vielmehr einem Teufelskreis entkommen, in dem schwaches Wirtschaftswachstum und mangelnde Infrastruktur die Gebärfreudigkeit drückt und die schwache Demografie wiederum das Wachstum. Zudem wäre eine Kulturrevolution samt staatlicher Infrastrukturhilfen erforderlich, um Arbeit und Kindererziehung besser vereinbar zu machen.

Jenseits der Stammtische

Der Aufwand würde lohnen. Zwar wird auch Frankreichs Bevölkerung im Schnitt altern, allein weil die Lebenserwartung gestiegen ist. Nur bleiben Ausmaß und Folgen begrenzt. Während diesseits des Rheins seit 1972 jedes Jahr mehr Menschen sterben als geboren werden, blieb der Geburtensaldo drüben durchweg positiv (siehe Grafik). Allein auf natürlichem Wege hat Frankreichs Bevölkerung seit 1949 um 14 Millionen Einwohner zugelegt.

Dank des jüngsten Baby-Booms hat Frankreich nun beste Chancen, einen Rückgang der Bevölkerung zu verhindern. Bliebe die Geburtenrate bei 1,9 Kindern, würde dazu eine jährliche Einwanderung von 50.000 Menschen reichen. Deutschland bräuchte nach Berechnungen des Bielefelder Bevölkerungsexperten Herwig Birg dagegen bei gleichbleibend schwacher Kinderlust jährlich 300.000 Zuwanderer, um zumindest bis 2050 ein drastisches Schrumpfen zu verhindern. Das scheint selbst jenseits aller dumpfen Stammtischbedenken wenig plausibel.

Ohne Zuwanderung wird es allem Wahlkampfgeschwätz zum Trotz nicht gehen, zumal sich in Deutschland zuerst einiges ändern müsste, bevor die Babylust wieder steigen könnte. Mit beiden Rezepten zusammen ließe sich zumindest das Schlimmste allerdings verhindern. Frankreich bietet dafür reichlich Anschauungsmaterial.

* "Démographie et économie", Rapport du Conseil d'Analyse Economique Nr. 35, März 2002; www.cae.gov.fr

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