Gesamtschaden dürfte 20 Milliarden Dollar weit übersteigen
Von Harald Posny
Düsseldorf - Nur einer der beiden Zwillingstürme des New Yorker Word Trade Center (WTC) war versichert, und der angeblich weit unter dessen Wert. "Die Möglichkeit des Totalverlusts beider Türme ist als so gering eingeschätzt worden, dass kein derartiges Risiko versichert worden ist", erklärte das US Insurance Informations Institute gestern. Allenfalls sei mit einer Höchstschadensumme von 1,5 Mrd. Dollar gerechnet worden, was allein "normale" Feuer-, Sturm- Wasser- und Haftpflichtschäden umfassen dürfte. Der Wert der Türme lag weit höher. Sie waren erst im April für 3,25 Mrd. Dollar von der Port Authority of New York an den Immobilientycoon Larry Silverstein verkauft worden. Welche Versicherungen für das WTC tatsächlich bestehen, ist noch nicht bekannt.
Obwohl die Versicherungsschäden nach dem Terrorangriff auf das New Yorker WTC nicht einmal annähernd geschätzt werden können, geht die internationale Assekuranz vom bisher größten Schaden in der Welt-Versicherungsgeschichte aus. "Schätzungen", wie die zwischen 22 und 44 Mrd. Euro (43 bis 86 Mrd. DM) von Lloyds of London demonstrieren schon durch die Schwankungen, auf welch ungewissen Annahmen diese Zahlen beruhen.
Die bislang größte Schadensumme war 1992 nach dem Jahrhundert-Hurrikan "Andrew" an der Ostküste der USA fällig. Damals zahlte die Assekuranz rund 20 Mrd. Dollar. Das waren aber nur die versicherten Schäden. Die nicht versicherten volkswirtschaftlichen Schäden waren weit höher. Angesichts des Terrorangriffs auf New York und Washington, der möglicherweise vielleicht viele Tausend Menschenleben gekostet haben kann, dürften diese 20 Mrd. Dollar weit übertroffen werden.
In New York ist das so genannte Kumulrisiko ausschlaggebend, die Ballung von Personen-, Sach-, Feuer-, Haftpflicht- und Vermögensschäden aus einem Schadenrisiko. Aktuelle Schätzungen sind deswegen so schwierig, weil nicht bekannt ist, was im einzelnen und in welcher Höhe versichert ist. Allianz-Vorstandsmitglied Herbert Hansmeyer: "Bei solchen Katastrophen sind gerade die Haftpflichtfragen sehr schwierig."
Das gilt auch für die Folgerisiken. Wenn zutrifft, dass der im Süden Manhattans auf den Straßen liegende Staub nicht nur Asche, sondern auch durch die Luft wirbelnder Asbest ist, dürften sich auch noch horrende Schadenersatzansprüche aus künftigen Folgeschäden ergeben. Das als krebserregend geltende Asbest soll zwar nicht im relativ neuen WTC, sicher aber in dessen älteren Nachbargebäuden als feuer- und korrosionshemmende Beschichtung auf Decken, Wänden und Stahlträgern von Gebäuden aufgetragen sein. Freigesetzt oder bei der Verarbeitung führt es zu Lungenkrebs.
Einen besonders großen Umfang dürften neben der Industrie-Feuerversicherung die Schäden aus der Betriebsunterbrechungsversicherung (BU) haben. Sie ersetzt die Gewinne der in den beiden Bürotürmen residierenden Banken und Fonds, Versicherungs- und Vermögensverwaltungen. In Zusammenhang mit dem vorausgegangenen Feuer muss aber zuvor geklärt werden, ob dessen Ursache, ein offensichtlicher Terrorangriff mittels eines Privat-Passagierflugzeugs, versichert war.
Terrorangriffe sind wie die Risiken aus Krieg zwischen Staaten, Bürgerkrieg und inneren Unruhen in "normalen" Gebäudeversicherungs-Policen (Feuer-, Sturm-, Wasserschäden) ausdrücklich ausgeschlossen. Das WTC war gegen den verheerenden Terroranschlag im Jahr 1993 (Schadensumme: 510 Mio. Dollar) nicht versichert. Danach konnten zwar Terrorakte versichert werden, doch erschienen Risiken dieses Ausmaßes für undenkbar und deren Deckung demzufolge zu teuer.