Eliot Spitzer - Matador der Aktionäre
Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer kämpft gegen die gesamte Finanzelite der US-Metropole. Er will die Mauscheleien zwischen Analysten und Investmentbankern beenden. Jetzt erhält er Unterstützung von der mächtigen Aufsichtsbehörde SEC.
Der Auftritt vor 400 Merrill-Lynch-Aktionären in Plainsboro, New Jersey, war für David Komansky kein einfacher. Kleinlaut musste der Chief Executive Officer der größten US-Investmentbank am Freitag zugeben, dass es manche Analysten im Unternehmen in ihren Berichten mit der Wahrheit offenbar nicht so ganz genau genommen haben. "Wir haben unsere traditionell hohen Standards nicht erfüllt", sagte Komansky zerknirscht, "und ich möchte die Gelegenheit nutzen, offiziell um Verzeihung zu bitten."
Der 62-jährige Merrill-Lynch-Chef bemüht sich nach Kräften, den Schaden zu begrenzen, den sein Unternehmen seit dem 8. April genommen hat. An jenem Montag hatte Eliot Spitzer, Generalstaatsanwalt des Bundesstaates New York, einen Bericht über die Vorgänge vorgestellt. Der Börsenwert des Unternehmens ist seither um 8,5 Mrd. $ gesunken. Analysten, so der Vorwurf, hätten Aktien zum Kauf empfohlen, die sie in internen E-Mails als "piece of shit" bezeichneten. Möglicher Hintergrund: Der Investmentarm von Merrill Lynch wollte mit den angepriesenen Firmen ins Geschäft kommen.
Am Donnerstag kündigten nun auch die Aufseher der Securities and Exchange Commission (SEC) und der Wertpapierhändlerverband an, die Praktiken der Wall-Street-Analysten genauer zu untersuchen. Am Ende könnten neue, schärfere Vorschriften für die ganze Zunft stehen.
Ein Dutzend Banken im Visier
In der Finanzmetropole New York herrscht Krisenstimmung. Fast ein Dutzend große Investmentbanken sind in Spitzers Visier geraten - neben Merrill Lynch auch Salomon Smith Barney, Morgan Stanley Dean Witter, Credit Suisse First Boston, UBS, Goldman Sachs, Lehman Brothers, Lazard Frères und Bear Stearns.
Der Vorwurf des Generalstaatsanwalts wiegt schwer. Ihm habe sich der Eindruck aufgedrängt, die von ihm untersuchten Wertpapier-Experten seien "mehr als Berater für die Unternehmen, die sie bewerten sollten, beschäftigt gewesen als in ihrer Aufgabe als objektive Analysten", sagt Spitzer.
Mit der weitgehenden Selbstregulierung an der Wall Street könnte es bald vorbei sein. Der Topjurist erwägt, Investmentbanken und einzelne Analysten, die ihre Anleger hinter das Licht geführt haben, strafrechtlich zu verfolgen. Research-Abteilungen sollen vom Rest der Investmentbanken abgespalten werden. "Wenn es in der Finanzbranche so etwas wie eine Atombombe gäbe, dann wäre dies wohl eine", sagt Henry Hu, Finanz-Professor an der University of Texas in Austin.
Der 42-jährige Staatsanwalt hat Merrill Lynch bereits wichtige Zugeständnisse abgerungen. Seit Mittwoch voriger Woche listet das Geldhaus auf seiner Webseite jene Unternehmen auf, von denen es in den vergangenen zwölf Monaten Gebühren für Investmentbank-Geschäfte erhalten hat. Von Juni an müssen die Analystenberichte darüber informieren, ob der Investmentzweig der Bank Beziehungen zu der bewerteten Firma pflegt oder plant, solche zu knüpfen. Zudem wird das Brokerhaus offen legen, wie viele Kauf- und Verkaufsempfehlungen es in bestimmten Sektoren abgibt.
Die Vereinbarung ähnelt verblüffend der gerichtlichen Verfügung, mit der Spitzer Merrill Lynch den Krieg erklärt hat - stellvertretend für die gesamte Finanzbranche.
Den Gegner gnädig stimmen
Das Brokerhaus will seinen Gegner gnädig stimmen. Die vereinbarte Offenlegungspflicht ist lediglich ein Teil der angestrebten Einigung. Merrill kann nach wie vor zur Zahlung einer millionenschweren Geldbuße verurteilt und strafrechtlich verfolgt werden. Zudem ist immer noch offen, wie das Unternehmen künftig mit jenen Interessenkonflikten umgeht, die Spitzer während seiner Untersuchung der Merrill-Research-Abteilung aufgedeckt hat.
Etwa 20 Zeugen hat Spitzer unter Eid vernommen und rund 30.000 Dokumente gesichtet, darunter zahlreiche interne E-Mails, die zwischen Analysten, Abteilungsleitern und Investmentbankern von Merrill Lynch kursierten - eine Fundgrube belastender Zitate, die Spitzer ebenfalls Anfang des Monats in seinem hochbrisanten Bericht veröffentlichte.
Im Zentrum des Skandals steht Henry Blodget, ehemals leitender Internetanalyst bei Merrill und gefallener Star der Dotcom-Generation, Symbolfigur des neuen Reichtums, immer gut gelaunter Prediger des Internetbooms. Was er sagte, bewegte die Märkte.
Als die Unternehmensstory mehr zählte als die Bilanzdaten, erwies sich Blodget als brillanter Geschichtenerzähler - nicht zuletzt im Dienst seiner Kollegen im Investmentbanking.
Besonders gravierend ist der Fall Goto.com. Blodgets Abteilung nimmt im Januar 2001 die Bewertung des des Online-Suchdienstes auf - und löst damit ein Versprechen ein, das Merrills Investmentbanker Goto-Managern gegeben haben.
Der Fall "Goto.com"
Als eine von Blodgets Kolleginnen vorab Details aus ihrem Report an das Internetunternehmen schickt, monieren dessen Manager die Prognose, Goto.com werde nicht vor 2003 Gewinn machen. Ein Topmanager grollt: "Merrill wird niemals unseren Börsengang organisieren." Die Drohung wirkt offenbar: Im später veröffentlichten Bericht wird ein Gewinn bereits für das Jahr 2002 vorausgesagt.
Auch um die Bewertung gibt es Streit: Während des Gerangels äußert die Merrill-Analystin ihr Unbehagen, die Goto-Aktie mit "akkumulieren" zu bewerten: "Ich will keine Hure für das Management sein", schreibt sie in einer E-Mail. "Die ganze Idee, dass wir vom Investmentbanking unabhängig sind, ist eine große Lüge."
Goto.com erhält zunächst tatsächlich die Bewertung "neutral". Kurze Zeit später wird der Titel jedoch heraufgestuft, denn der Kurs klettert kräftig: Blodget leitet eine Roadshow der Firma und hilft mit, den Wert der Aktie um 20 Prozent nach oben zu treiben.
Die Marketingmaschine kommt erst ins Stocken, als Merrill einen Monat später nicht den Zuschlag für die Platzierung einer zweiten Tranche Goto-Aktien erhält. Ein Haus-Analyst schlägt vor, die Aktie herabzustufen. Blodgets frei übersetzte Antwort: "Wunderbar, tritt sie in den Arsch." Nur Stunden nachdem sich Goto.com endgültig für Credit Suisse First Boston als neuen Partner entschieden hat, rückt Merrill von der positiven Bewertung ab.
"Demütigend und schrecklich"
Spitzers Funde sorgen unter Finanzinsidern für Betroffenheit: "Wir sind dabei, als Scharlatane enttarnt zu werden", sagt James Cramer, Mitbegründer des Finanzinformationsdienstes TheStreet.com. "Das Material, das Eliot hat, ist einfach demütigend, schrecklich. Diese E-Mails lassen die ganze Wall Street wie einen Sumpf erscheinen."
Die Reue kam bei Merrill Lynch erst nach und nach. Die E-Mails seien "aus dem Zusammenhang gerissen worden", ließ das Brokerhaus zunächst verkünden. Nur Tage später - der Wert der Merrill-Aktie befand sich im Sturzflug - signalisierten die Banker, sich außergerichtlich mit dem Analysten-Jäger Spitzer einigen zu wollen.
Vergangene Woche sickerte durch, dass das Brokerhaus den populären New Yorker Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani als Lobbyisten angeheuert hat. Auch den demokratischen Senator des Staates New York, Charles Schumer, scheinen die Banker zu umwerben, damit er bei Spitzer ein gutes Wort für sie einlegt.
Selbst wenn eine außergerichtliche Einigung gelingt, drohen Merrill weitere Negativschlagzeilen. Investoren, die Merrill Lynch und Blodget bereits im März 2001 zivilrechtlich verklagt hatten, haben angekündigt, die Ergebnisse der Spitzer-Untersuchung zu nutzen, um ihre Vorwürfe gegen Merrill auszuweiten.
Ihr Vorwurf: Blodget habe die Aktie der Firma Infospace mit einem Kursziel von 100 $ zum Kauf empfohlen, um dem Investmentzweig der Bank zu einem lukrativen Deal mit der Firma zu verhelfen. Wenig später stürzte die Aktie ab, etliche Privatanleger verloren ihre Geld.
Merrill und Blodget widersprachen den Anschuldigungen zunächst. Später zahlte das Brokerhaus jedoch 400.000 $ Schadensersatz an einen Kläger, der auf Grund der Kaufempfehlungen 500.000 $ verloren hatte. Jetzt überlegen die Anleger, ihre Zivilklage gegen Merrill auszuweiten. David Trone, Analyst von Prudential Securities, prophezeit, der Skandal könnte Merrill bis zu 2 Mrd. $ kosten.
Analysten auf der Anklagebank
Auch anderen Investmentbanken drohen finanzielle Einbußen. Einige Aktionäre haben bereits einen weiteren Staranalysten für eine zivilrechtliche Klage ins Visier genommen: Jack Grubman, Telekomexperte bei Salomon Smith Barney. George Zicarelli, ein 60-jähriger Fernseh-Cutter, behauptet, Aktien des inzwischen Pleite gegangenen Telekomausrüsters Global Crossing nur wegen der positiven Kommentare Grubmans gekauft zu haben. Sein gesamtes Vermögen von 455.000 $ habe er dabei verloren. Jetzt verlangt er 10 Mio. $ Schadensersatz.
Bei der New Yorker Staatsanwaltschaft steht Grubman offenbar ganz weit oben auf der Liste der Verdächtigen. Aus Spitzers Umfeld lässt sich vernehmen, dass der Staatsanwalt kürzlich Dokumente und E-Mails angefordert habe, die mit Grubmans Arbeit zusammenhängen. Salomon Smith Barney sei angeblich bereit zu kooperieren.
Bei anderen Banken soll Spitzer ebenfalls in Papieren wühlen. Der Frühjahrsputz an der Wall Street könnte sich allerdings durchaus in die Länge ziehen: Bislang ist völlig unklar, ob sich Spitzer kollektiv mit der gesamten Finanzindustrie einigen will oder sich jedes Bankhaus einzeln vornimmt.
Fest steht, dass sich der kampfeslustige New Yorker Staatsanwalt eine weitreichende Lösung wünscht: "Am Ende hoffe ich, diese Dinge durch globale Beschlüsse zu lösen, die die Industrie auch akzeptieren wird."
Quelle:Financial Times Deutschland