"Die Fed muss die Verbraucher bei der Stange halten"
USA: Die Hoffnung ruht auf dem Konsum und weiteren Zinssenkungen
Die amerikanische Wirtschaft zeigt immer noch keine Anstalten der Besserung. Das vorläufige Bruttoinlandsprodukt, das am Freitag vorgelegt wurde, zeigt das. Und die endgültigen Zahlen könnten für weitere Ernüchterung sorgen.
Die US-Wirtschaft ist im abgelaufenen Quartal um enttäuschende 0,7 Prozent gewachsen. Die Märkte haben mit 0,9 Prozent gerechnet. In den ersten drei Monaten des Jahres waren es 1,3 Prozent, in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres legte das Bruttoinlandsprodukt noch 1,9 Prozent zu. Eine Rezession ist damit nicht mehr ausgeschlossen: 1990/1991 betrug das Wachstum in drei aufeinanderfolgenden Quartalen zuletzt weniger als 2 Prozent.
Die betrieblichen Investitionen, insbesondere in Hochtechnologie, sind im abgelaufenen Quartal um 14,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Im Vorquartal betrug der Rückgang 4,1 Prozent. Neue Aufträge für Telekommunikationsausrüstung gingen im Juni um 21 Prozent gegenüber dem Vormonat zurück. Im Vergleich zum Juni 2000 betrug der Einbruch sogar 61 Prozent. Zum ersten mal seit der Rezession 1982/1983 sind diese Ausgaben in drei Quartalen in Folge geschrumpft.
Die Konsequenz: Die Unternehmensgewinne der im S&P-500 enthaltenen Unternehmen sind um rund 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Das ergibt sich als Zwischenbilanz der aktuellen Zahlensaison, nachdem etwa 80 Prozent der Unternehmen gemeldet haben. Positiv immerhin, dass der Abbau der Überbestände in den Lagern Fortschritte macht. Nachdem schon im ersten Quartal ein Rückgang um 27,1 Mrd.$ gemeldet worden war, brachte das Juni-Quartal eine weitere Verminderung um 26,9 Mrd.$.
Stabilität gibt noch die Konsumentennachfrage. Aber auch die zeigt Bremsspuren: Gegenüber dem Vorquartal wuchs sie um lediglich 1 Prozent, während vor drei Monaten noch plus 1,2 Prozent gegenüber dem letzten Quartal des vergangenen Jahres registriert worden waren. Im Jahresvergleich stiegen die Konsumausgaben um zuletzt 2,1 Prozent. Das ist der niedrigste Zuwachs seit dem zweiten Quartal 1997. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres lag die Jahresrate noch bei 3 Prozent. Dennoch ist das Verbraucher-Vertrauen weiterhin hoch. Der diesbezüglich von der Universität Michigan ermittelte Index liegt für den Juli bei konstant guten 92,6 und übertraf wie schon im Juni die Erwartungen deutlich.
Anleger sollten nicht außer Acht lassen, dass das Bruttoinlandsprodukt nur vorläufig berechnet wurde. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass die endgültige Bilanz deutlich abweichen kann. Selbst eine Schrumpfung ist noch drin.
Ein wichtiger Stützpfeiler der US-Wirtschaft ist gegenwärtig der private Immobilien-Sektor. Nach plus 8,5 Prozent Jahresrate im ersten Quartal brachten auch die folgenden drei Monate noch 7,4 Prozent mehr Investitionen in diesem Bereich. Der Markt für Geschäftsimmobilien blieb allerdings weiter schwach.
Die Jahresrate der Teuerung fiel auf 2,3 Prozent nach 3,3 Prozent in den ersten drei Monaten. Wird nur die Inflationsrate des privaten Konsums betrachtet, ist das Ergebnis mit aktuell lediglich 1,7 Prozent noch günstiger.
Die Arbeitslosenrate ist im Juni hingegen auf 4,5 Prozent angestiegen. Zu Jahresbeginn lag sie noch bei 4 Prozent. Beobachter rechnen mit einem weiteren Anstieg auf zunächst 4,7 Prozent. Und hier droht weiteres Ungemach. Bisher wurde nämlich die Investitionstätigkeit stärker zurückgefahren als die Beschäftigung. Wenn jetzt keine schnelle Erholung in Sicht kommt, könnte die Zahl der Entlassungen in die Höhe schnellen. Das würde die private Nachfrage tangieren, zur Gewinnrezession der Unternehmen gesellt sich möglicherweise eine Rezession der Verbrauchernachfrage. Damit wäre dann das „worst case“-Szenario komplett.
Gibt es Hoffnung? „Die FED muss die Verbraucher bei der Stange halten, solange die Investitionstätigkeit sich nicht erholt,“ meint Avery Shenfeld, Wirtschaftwissenschaftler bei CIBC World Markets. Billige Kredite, fallende Energiekosten und Steuernachlässe sollen dabei helfen.
Der Lagerabbau eröffnet den Herstellern zumindest die Chance, ihre Produktion in den kommenden Monaten wieder auf ein normaleres Niveau hochzufahren. Wachstum gegenüber dem Vorjahr resultiert daraus aber noch nicht. US- und Staats-Regierungen greifen mit öffentlichen Aufträgen stützend ein. Sie geben gegenwärtig 7,5 Prozent mehr aus als vor einem Jahr, übrigens der größte Zuwachs sei 1986. Hilfe von außen ist aber nicht in Sicht: Die um 30 Mrd.$ gegenüber dem ersten Quartal zurückgegangenen US-Exporte zeigen die Stagnation der Weltwirtschaft. Der starke Dollar tut ein Übriges.
Und so lautet z.B. das Resümee von Deutsch-Bänker Ed. Yardeni: Man kann kaum allzu „bearish“ sein, solange die Geldmengen M2 und M3 mit 9 bzw. 11 Prozent zulegen. Die niedrige Inflationsrate gibt der FED den Raum für weitere Zinssenkungen auch unter die jetzt erreichten 3,75 Prozent. Sie wird ihn nutzen, wenn erforderlich. Dennoch wird es wohl mehr Zeit brauchen, das Wirtschaftswachstum wieder zu beleben als es in den frühen 90-ern der Fall war.
Er fährt als Konsequenz den Aktienanteil seines Musterportfolio um 10 auf 70 Prozent zurück.
Autor: Klaus Singer, 20:34 30.07.01