HANDELSBLATT, Donnerstag, 01. Dezember 2005, 13:46 Uhr
Abschied von der Niedrigzinspolitik eingeleitet
EZB erhöht Leitzins
Nach zweieinhalb Jahren Stillstand hat die Europäische Zentralbank (EZB) heute ihren Leitzins von 2 % auf 2,25 % angehoben. Das ist die erste Leitzinserhöhung seit mehr als fünf Jahren. Die Finanzmärkte waren vorbereitet. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte bereits eine moderate Zinsanhebung angekündigt.
FRANKFURT. Das hatte zu teils harscher Kritik von Regierungschefs, Unternehmensverbänden, Gewerkschaften und vielen Ökonomen geführt.
Am Dienstag hatte die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die EZB vor einer Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt gewarnt. Das niedrige Zinsniveau habe zum Beginn der konjunkturellen Erholung im Euro-Raum beigetragen. Die Zinssätze sollten unverändert bleiben, bis sich die Erholung gefestigt habe.
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Was genau sind Leitzinsen? Und wie funktioniert die EZB? Lesen Sie es im neuen Handelsblatt-Wirtschaftswiki nach - und wenn Ihnen die Erklärung nicht ausreicht, ergänzen und verbessern Sie sie:
» Leitzinsen im Wirtschaftswiki.
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Finanzmarktexperten bewerteten die Entscheidung der EZB unterschiedlich. „Es war an der Zeit, dass die EZB die Signale des Geld- und Kreditwachstums ernst nimmt“, sagte Thomas Mayer, Europa Chefvolkswirt der Deutschen Bank.
Seit Jahren wächst die Geldmenge stärker als die EZB für mit Preisstabilität vereinbar ansieht. Das war einer der von Trichet angeführten Gründe für eine Zinserhöhung. Außerdem befürchtet die EZB, dass die mit 2,4 % relativ hohe Preissteigerungsrate zu einer Zunahme der Inflationserwartungen führen könnte.
Kritisch äußerte sich Julian Callow von der Londoner Investmentbank Barclays Capital. „Die EZB sorgt sich zu sehr um Inflationsrisiken und nicht genug um den schwachen Konsum“ bemängelte Callow.
Gemischte Reaktion auf erwartete EZB-Zinserhöhung
Ein hochrangiges Mitglied der deutschen Delegation für das Treffen der G7-Finanzminister und Notenbankchefs am Wochenende in London sagte am Donnerstag, dort werde eine EZB-Entscheidung sicher ein Thema sein und wohl kontrovers diskutiert werden. Er halte ansonsten die Inflationsgefahren in der Euro-Zone für nur begrenzt. Ähnlich äußerte sich der Europäische Bankenverband, der zudem auf die wackelige wirtschaftliche Erholung verwies.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) wertet eine Zinserhöhung dagegen als „durchaus gerechtfertigt“. Der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Bert Rürup, sagte der „Financial Times Deutschland“, er würde es vorziehen, wenn die für Donnerstag erwartete Zinserhöhung noch hinausgezögert würde.
Das Mitglied der deutschen G7-Delegation sagte, die Inflationsgefahren in Deutschland und der Euro-Zone seien begrenzt, Zweitrundeneffekte als Folge der hohen Ölpreise nicht sichtbar und auch bei der Kerninflation sollte man sich „weiter in einer gemäßigten und niedrigen Region bewegen“. Beim Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden Industrieländer (G7), das am Freitag in London beginnt, werde ein EZB-Zinsschritt sicher diskutiert. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn eine Entscheidung heute erfolgt ist, dass dann morgen niemand darüber reden würde - das wäre ungewöhnlich“, sagte das deutsche Delegationsmitglied. „Und dass dann alle der gleichen Meinung wären, plötzlich, wäre auch ungewöhnlich“, ergänzte er.
ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer dagegen teilte die Befürchtung der EZB hinsichtlich größerer Inflationsgefahren. Er vertrat im Deutschlandfunk die Auffassung, eine moderate Zinserhöhung werde auch den deutschen Export stützen. Rürup sagte der „Financial Times Deutschland“, er halte es für „besser, mit einem Zinsschritt noch ein bisschen zu warten“. Allerdings würde er die europäische Geldpolitik auch bei der erwarteten EZB-Leitzinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent weiter als expansiv betrachten.
Der Europäische Bankenverband kritisierte, zwar müsse die Inflationsentwicklung genau beobachtet werden. Alejandra Kindelan, Chefin des für Geldpolitik zuständigen Ausschusses des Verbandes, fügte aber hinzu, der Verband sehe keine klaren Hinweise auf eine dauerhafte Erholung der Binnennachfrage oder auf substanzielle Preiseffekte durch die höheren Rohstoffkosten, welche eine Erhöhung der Zinsen rechtfertigen könnten. Der Verband verwies zudem auf die fragile Erholung der Wirtschaft. „Das ist der Grund, warum wir es lieber gehabt hätten, wenn sie (die EZB) erst einmal abgewartet hätte“, sagte Kindelan. Eine Erhöhung der Zinsen um 25 Basispunkte werde zwar keinen bedeutsamen Effekt auf die Wirtschaft haben, könne aber das Vertrauen belasten.
Abschied von der Niedrigzinspolitik eingeleitet
EZB erhöht Leitzins
Nach zweieinhalb Jahren Stillstand hat die Europäische Zentralbank (EZB) heute ihren Leitzins von 2 % auf 2,25 % angehoben. Das ist die erste Leitzinserhöhung seit mehr als fünf Jahren. Die Finanzmärkte waren vorbereitet. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte bereits eine moderate Zinsanhebung angekündigt.
FRANKFURT. Das hatte zu teils harscher Kritik von Regierungschefs, Unternehmensverbänden, Gewerkschaften und vielen Ökonomen geführt.
Am Dienstag hatte die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die EZB vor einer Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt gewarnt. Das niedrige Zinsniveau habe zum Beginn der konjunkturellen Erholung im Euro-Raum beigetragen. Die Zinssätze sollten unverändert bleiben, bis sich die Erholung gefestigt habe.
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Finanzmarktexperten bewerteten die Entscheidung der EZB unterschiedlich. „Es war an der Zeit, dass die EZB die Signale des Geld- und Kreditwachstums ernst nimmt“, sagte Thomas Mayer, Europa Chefvolkswirt der Deutschen Bank.
Seit Jahren wächst die Geldmenge stärker als die EZB für mit Preisstabilität vereinbar ansieht. Das war einer der von Trichet angeführten Gründe für eine Zinserhöhung. Außerdem befürchtet die EZB, dass die mit 2,4 % relativ hohe Preissteigerungsrate zu einer Zunahme der Inflationserwartungen führen könnte.
Kritisch äußerte sich Julian Callow von der Londoner Investmentbank Barclays Capital. „Die EZB sorgt sich zu sehr um Inflationsrisiken und nicht genug um den schwachen Konsum“ bemängelte Callow.
Gemischte Reaktion auf erwartete EZB-Zinserhöhung
Ein hochrangiges Mitglied der deutschen Delegation für das Treffen der G7-Finanzminister und Notenbankchefs am Wochenende in London sagte am Donnerstag, dort werde eine EZB-Entscheidung sicher ein Thema sein und wohl kontrovers diskutiert werden. Er halte ansonsten die Inflationsgefahren in der Euro-Zone für nur begrenzt. Ähnlich äußerte sich der Europäische Bankenverband, der zudem auf die wackelige wirtschaftliche Erholung verwies.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) wertet eine Zinserhöhung dagegen als „durchaus gerechtfertigt“. Der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Bert Rürup, sagte der „Financial Times Deutschland“, er würde es vorziehen, wenn die für Donnerstag erwartete Zinserhöhung noch hinausgezögert würde.
Das Mitglied der deutschen G7-Delegation sagte, die Inflationsgefahren in Deutschland und der Euro-Zone seien begrenzt, Zweitrundeneffekte als Folge der hohen Ölpreise nicht sichtbar und auch bei der Kerninflation sollte man sich „weiter in einer gemäßigten und niedrigen Region bewegen“. Beim Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden Industrieländer (G7), das am Freitag in London beginnt, werde ein EZB-Zinsschritt sicher diskutiert. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn eine Entscheidung heute erfolgt ist, dass dann morgen niemand darüber reden würde - das wäre ungewöhnlich“, sagte das deutsche Delegationsmitglied. „Und dass dann alle der gleichen Meinung wären, plötzlich, wäre auch ungewöhnlich“, ergänzte er.
ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer dagegen teilte die Befürchtung der EZB hinsichtlich größerer Inflationsgefahren. Er vertrat im Deutschlandfunk die Auffassung, eine moderate Zinserhöhung werde auch den deutschen Export stützen. Rürup sagte der „Financial Times Deutschland“, er halte es für „besser, mit einem Zinsschritt noch ein bisschen zu warten“. Allerdings würde er die europäische Geldpolitik auch bei der erwarteten EZB-Leitzinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent weiter als expansiv betrachten.
Der Europäische Bankenverband kritisierte, zwar müsse die Inflationsentwicklung genau beobachtet werden. Alejandra Kindelan, Chefin des für Geldpolitik zuständigen Ausschusses des Verbandes, fügte aber hinzu, der Verband sehe keine klaren Hinweise auf eine dauerhafte Erholung der Binnennachfrage oder auf substanzielle Preiseffekte durch die höheren Rohstoffkosten, welche eine Erhöhung der Zinsen rechtfertigen könnten. Der Verband verwies zudem auf die fragile Erholung der Wirtschaft. „Das ist der Grund, warum wir es lieber gehabt hätten, wenn sie (die EZB) erst einmal abgewartet hätte“, sagte Kindelan. Eine Erhöhung der Zinsen um 25 Basispunkte werde zwar keinen bedeutsamen Effekt auf die Wirtschaft haben, könne aber das Vertrauen belasten.