Richter Födisch hakt ein: Er habe Jaffé so verstanden, dass er bei Wirecard kein Drittpartnergeschäft gefunden hat, das veruntreut wurde. „Er hat gesagt, aus seinen Feststellungen gab es nichts, was man auf andere Strukturen hätte umleiten können.“
Er habe Braun und seine Verteidiger bislang so verstanden, dass sie daran festhalten, dass es das TPA-Geschäft gab. Jetzt jedoch stelle er eine andere Strategie fest – dass es hier nur noch um Geschäfte gehe, die nie über Bücher der Wirecard gelaufen sind.
Damit spricht Födisch einen wichtigen Punkt an: Um nachzuweisen, dass es das nach Auffassung von Braun veruntreute Schein-TPA-Geschäft gab, muss es einen Nachweis dafür geben, dass es sich überhaupt um ein tatsächliches Wirecard-Geschäft gehandelt hat. Dass im Fall Wirecard viel betrogen wurde und dass es im Kosmos um Wirecard herum viele dubiose Gestalten gab, die nebenher abkassiert haben, ist unstrittig. Im Prozess geht es einzig und allein um die von der Wirecard AG behaupteten Gewinne aus dem Drittpartnergeschäft, das am Ende 1,9 Milliarden Euro betragen haben soll.
Das ist das Stichwort für Staatsanwältin Inga Lemmers: Sie verweist darauf, dass Insolvenzverwalter Jaffé sicher gerne Ansprüche aus diesem angeblichen Drittpartnergeschäft geltend gemacht hätte – wenn es das Geschäft gegeben hat. „Die haben nichts gefunden. Die haben auch zu dieser Vermittlungsgeschichte schlicht und ergreifend nichts gefunden.“
Braun verzichtet auf sein Schweigerecht
Jetzt platzt es aus Braun heraus: „Wie kann man da sagen, er hat nichts gefunden? Frau Lemmers, auf diesen Konten sind über zwei Milliarden Euro Einzahlungen.“ Für ihn steht fest: „Das ist Drittpartnergeschäft.“
Richter Födisch weist Braun noch kurz auf sein Schweigerecht hin, doch Braun kommt jetzt in Fahrt, möchte weiterreden. Die wesentliche Kommunikation zum Drittpartnergeschäft sei nicht über Wirecard-Server gelaufen – sondern über andere Kanäle, sagt er. Lemmers erwidert: „Immer, wenn es für Sie nicht gut läuft, kommt eine andere Darstellung.“ Das, was er jetzt vortrage, sei eine Abwandlung von dem, was seine Anwälte zu Beginn des Prozesses vorgetragen hatten.
„Ich kann es schlicht nicht nachvollziehen, Herr Doktor Braun.“ Und: „Für mich sind das alles Geschichten.“ Um seine Verteidigungs-These zu belegen, müsse man feststellen, dass das Geschäft Wirecard zugestanden hat, sagt Lemmers: „Sie müssen von vorne anfangen. Sie fangen immer von hinten an.“ Auch die Staatsanwaltschaft habe nichts gefunden. Das Geld sei auch nicht bei der von Markus Braun so oft erwähnten Firma Pittodrie Finance. „Und Sie wissen es auch ganz genau.“ Sie ist jetzt auch sehr laut geworden.
Braun sagt, er bleibe immer analytisch und schaue sich die Auswertungen von Kontoauszügen und Zahlungsflüssen an. „Im Zuge des Verfahrens hat sich unsere Sicht verändert.“ Große Kunden hatten alle Wirecard-Konten. Weil das Zahlungsausfall-Risiko ab einem bestimmten Volumen zu groß gewesen sei, seien weitere Zahlungen an Drittpartner ausgelagert worden. „Das ist zum überwiegenden Teil veruntreut worden.“
Födisch ergreift das Wort. Er wolle Braun ein paar Sachen „mit auf den Weg geben“, sagt er: „Ich verstehe immer noch nicht, warum man das machen soll.“ Warum soll man ein Geschäft veruntreuen, wenn man es auch legal machen kann? „Ich verstehe nicht, wie Sie das entlasten soll.“
Jetzt wird Braun emotional: „Ich habe weder irgendjemandem gesagt, dass er etwas fälschen soll, noch dass er etwas veruntreuen soll.“
Födisch: „Warum haben Sie es nicht gemerkt?“
Braun: „Das ist eine sehr gute Frage. Tatsache ist: Ich habe es nicht gewusst.“ – „Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich massiv etwas dagegen getan.“ – „Mein subjektives Wissen zu diesen Vorgängen ist nicht vorhanden