Europa kann die USA überholen


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Europa kann die USA überholen

 
25.11.01 17:29
Europa kann die USA überholen
Die Aktienmärkte sind schon wieder überhitzt, und die Rückschlagsgefahr wächst. Doch Europa ist diesmal wesentlich stabiler als die USA
Seitwärts sollte es weitergehen. Das war vor vier Wochen die klare Aussage der Finanzprognose, die monatlich von der WELT am SONNTAG und dem Münchener Prognose-Institut Südprojekt erstellt wird. Der Dax sollte sich um 4600 Punkte einpendeln, der Dow Jones bei rund 9200. Doch es kam anders. Der Dax hat leichten Fußes die 5000er-Marke hinter sich gelassen, der Dow Jones ist schon fast wieder fünfstellig.
"Die Hausse nährt die Hausse", kommentiert Christoph Hott, Leiter Investmentstrategie Privatkunden bei Sal. Oppenheim die Ereignisse der letzten Wochen. Auch er hatte den Dax bei 4600 Punkten für fair bewertet gehalten. Und er hält die gegenwärtigen Kurse auch nach wie vor fundamental nicht für gerechtfertigt. Allerdings treibe die hohe Liquidität die Kurse. "Und wann eine solche Liquiditätshausse aufhört, weiß man nie", sagt Hott. Er hält es aus technischer Sicht daher bei der diesmaligen Umfrage durchaus für möglich, dass die Rally bis 5500 Punkte weitergeht - ohne fundamentale Begründung.
Auch Frank Bulthaupt, Konjunktur- und Finanzmarktexperte bei der Dresdner Bank, kann sich die Kurssteigerungen nur mit der enormen Liquidität erklären, die zuvor in Geldmarktfonds geparkt war. "Am Geldmarkt gibt es jetzt nichts mehr zu verdienen", sagt Bulthaupt. Viele Anleger seien zudem auf den fahrenden Zug aufgesprungen. "Sie haben Angst, den Aufwärtstrend zu verpassen."

Dabei hat sich der konjunkturelle Hintergrund immer noch nicht aufgehellt. Alle Indikatoren wie die Zahl der Auftragseingänge oder der IFO-Geschäftsklima-Index weisen nach unten. Die Börsen schauen darüber aber hinweg. "Der Markt preist für 2002 offenbar schon die beste aller möglichen Welten ein", warnt Gerhard Schwarz, Analyst bei der HypoVereinsbank. Richtet man den Blick allerdings auf das Jahr 2003, ergibt sich eine per saldo günstige Bewertung.

Doch so weit vorauszublicken ist gewagt. Daher wächst mit jedem Tag die Gefahr eines Rückschlags. Die Finanzprognose spiegelt das in der Bandbreite der Meinungen wider. Die Prognosen für die nächsten vier Wochen liegen diesmal ebenso weit auseinander wie die Projektion auf sechs Monate. Christoph Hott rät Anlegern daher, zurzeit nicht in einzelne Aktien zu investieren, sondern allenfalls in Indexzertifikate. Damit sollten sie eventuelle weitere Kurssteigerungen mitnehmen, das Stopp-Loss-Limit aber stets nachziehen.
Besonders gefährdet für Rückschläge ist der Neue Markt. Hier haben sich die Kurse innerhalb der vergangenen Wochen verdoppelt und verdreifacht. "Es regiert wieder die Gier, genau wie im Frühjahr 2000", sagt Eberhardt Unger, Stratege bei der SEB. Es gebe zwar einige solide Werte. "Doch wenn ein Unternehmen mehr Verlust als Umsatz macht, sind die Kurssteigerungen einfach absurd."
Frühestens im zweiten Halbjahr 2002 wird sich die Konjunktur nach Ansicht der Experten wieder erholen. Mit einem Vorlauf von einigen Monaten kann es auch an den Börsen zu einem fundamental gerechtfertigten Aufschwung kommen. Während sich jedoch bis vor kurzem alle Analysten einig waren, dass die Wende zuerst in den USA erfolgt und erst mit einiger Verzögerung nach Europa kommt, dreht sich derzeit die Meinung. HypoVereinsbank-Experte Schwarz glaubt nun, dass sich Europa und die USA synchron entwickeln werden. "Der Vertrauensschock war in Europa ähnlich ausgeprägt, und die gleichmäßigen Zinsentwicklungen haben für eine Vereinheitlichung des Trends gesorgt", sagt er.
"Erst kommt Europa, dann die USA", glaubt dagegen Unger. "Europa hat eine akzeptable Sparquote und eine niedrige Verschuldung der Privathaushalte. In Amerika ist die Sparquote dagegen extrem niedrig bei einer gleichzeitig sehr hohen Verschuldung und einem Leistungsbilanzdefizit von 400 Milliarden Dollar", erklärt Unger die Ausgangssituation. "In den USA ist die Kapazitätsauslastung wesentlich niedriger als in Europa", fügt Bulthaupt als weiteres Argument hinzu. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Investitionen Ende der neunziger Jahre in den USA wesentlich exzessiver waren. Die Investitionsbereitschaft wird daher in Europa wesentlich früher wieder zunehmen. Auch Bulthaupt glaubt folglich, dass die europäische Wirtschaft vor der amerikanischen wieder in Schwung kommt und damit auch die Aktienmärkte sich diesseits des Atlantiks stärker beleben.

Wenn dies tatsächlich geschieht, dann kann auch der Euro davon profitieren. Große Sprünge beim Wechselkurs erwarten die meisten Experten jedoch nicht. Auch die Einführung der Scheine und Münzen zum 1. Januar werde daran nichts ändern.

Die Prognose und ihre Teilnehmer
Wirtschaftsforschungsgesellschaft Südprojekt sowie 17 deutschen und internationalen Banken erarbeitet. Die einzelnen Voraussagen zu Aktien, Zinsen und Währungen werden in sechs Gesamtprognosen zusammengefasst. Jeden Monat wird die Treffsicherheit aller Teilnehmer rückwirkend überprüft und bei der nächsten Prognose entsprechend gewichtet. Das heißt, dass die Berechnungen der Banken, die bisher am besten gelegen haben, am stärksten berücksichtigt werden - und umgekehrt. In der Prognose zeigt die obere Linie den höchsten, die untere den niedrigsten Erwartungswert. Die Zahl dazwischen ist der gewichtete Durchschnitt.
Teilnehmer: Bankgesellschaft Berlin, Bayerische HypoVereinsbank, SEB-Bank, BHF-Bank, Citibank, Commerzbank, Credit Suisse, Deutsche Bank, DG Capital Management, Dresdner Bank, IKB Deutsche Industriebank, Merrill Lynch, Morgan Stanley, Banque Paribas, UBS, Trinkaus Capital Management, Westdeutsche Landesbank
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