Entscheidung in der Sommerpause


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Entscheidung in der Sommerpause

 
22.06.01 06:58
Aus der FTD vom 22.6.2001
 

Entscheidung in der Sommerpause


Von Thomas Fricke, Berlin

Die jüngsten Konjunktursignale aus den USA bieten Stoff für Optimisten wie für Pessimisten. Ob eine Rezession der gesamten US-Wirtschaft noch vermieden werden kann, wird sich in den nächsten Wochen endlich zeigen.

Amerika erlebt einen kuriosen Abschwung. Das Wachstum hat stark nachgelassen, die Industrie steckt tief in der Rezession. Gleichzeitig gibt es Hoffnungssignale aus der Autobranche, die Konsumentenlaune hält sich erstaunlich gut, manche Frühindikatoren deuten nach oben. Entsprechend vorsichtig wirken die Prognosen. Die einen setzen nach wie vor auf eine baldige Erholung, die anderen erwarten eine länger anhaltende Talfahrt.

Wer am Ende Recht behalten wird, schien in den vergangenen Wochen schwer auszumachen. Neben zahlreichen Negativmeldungen gab es stets auch positive Daten - je nach Branche oder Blickwinkel. Genau das allerdings könnte sich in den nächsten Wochen ändern. In diesem Sommer wird sich an der Entwicklung des US-amerikanischen Arbeitsmarkts entscheiden, ob den USA wie dem Rest der Welt eine gesamtwirtschaftliche Rezession erspart bleibt.


Die Debatte um Länge und Tiefe des US-Abschwungs hält seit Beginn der Talfahrt im vergangenen Jahr an. Als überholt hat sich in der Zwischenzeit lediglich jene überaus optimistische These erwiesen, wonach es zu einem Konjunkturverlauf nach V-Muster kommt. Demnach hätte sich die Wirtschaft kurz nach dem Jahreswechsel schon wieder erholen müssen. Die Industrie aber schrumpft jetzt schon seit acht Monaten, länger als in der Rezession 1990/91. Die Kapazitäten sind so schwach ausgelastet wie zuletzt Anfang der 80er Jahre. Man bräuchte viel Fantasie, um darin ein V-Muster zu erkennen. Umstritten bleibt dagegen, ob dies nun der Anfang einer weitergreifenden Rezession ist - oder ob doch schon bald ein erneuter, wenn auch verspäteter Konjunkturaufschwung folgt.



Geschenke für Konsumenten


Als Hoffnungswert gilt, dass die US-Autobranche nach dem Absturz Ende 2000 zuletzt wieder mehr produzierte. Laut Umfragen haben sich die zwischenzeitlich eingetrübten Zukunftserwartungen der Konsumenten zuletzt sogar wieder gebessert. Seit Ende Mai steht fest, dass Amerikas Steuerzahler schon dieses Jahr entlastet werden. Zudem müssten die bislang fünf Zinssenkungen seit Januar bald positiv auf die Investitionen wirken. Für optimistischere Auguren ist all dies Grund zur Annahme, dass die US-Wirtschaft in Kürze wieder recht kräftig wachsen könnte. Das Problem: Auch solch zuversichtliche Prognosen klingen derzeit auffällig vorsichtig und weniger nach gesicherter Erkenntnis.


Bis die wirtschaftspolitischen Impulse durch niedrigere Steuern und Zinsen tatsächlich zu wirken beginnen, werden zumindest noch ein paar Wochen vergehen. Und die könnten für die künftige Dynamik entscheidend sein. Die letzten Steuerschecks werden erst Ende September verteilt sein. Erst im vierten Quartal dürften nach aller Erfahrung die Zinssenkungen stimulierend wirken, mit der die US-Notenbank einer Rezession entgegenzusteuern versucht. In der Vergangenheit brauchte es drei bis vier Quartale, bis günstigere Finanzierungskonditionen zur Expansion bei den Investitionen führten.


Bisher mögen sich die US-Verbraucher noch recht unbeeindruckt vom Konjunkturabschwung zeigen. Ob das so bleibt, ist fraglich, wie ein genauerer Blick auf die Rahmendaten zeigt. Noch hat sich nur ein Teil der vielfach angekündigten Stellenstreichungen von US-Unternehmen in tatsächlichen Entlassungen niedergeschlagen. Und noch steigen in der Summe die Einkommen.


Beides droht sich in diesen Wochen zu ändern. Als Frühindikator für den Arbeitsmarkt gelten die Erstanmeldungen zum Bezug von Arbeitslosenversicherung. Die Zahl steigt in der Tendenz bereits seit Wochen kräftig und liegt mittlerweile so hoch wie zuletzt in der Rezession 1991. Der Vergleich mit früheren Abschwungphasen zeigt, dass einem solchen Höhenflug mit etwas Verzögerung entsprechend negative Meldungen zur US-Arbeitslosenquote folgen (siehe Grafik). Bis zum Jahresende dürften insgesamt 500.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sein, schätzt David Milleker, US-Experte bei der Dresdner Bank.



Arbeitsmarkt bestimmt Konsumlaune


Mit jedem Arbeitsplatz schwindet die Kaufkraft des Betroffenen - ebenso wie das Gefühl vieler anderer, einen sicheren Job zu haben und ihn auch zu behalten. Das droht den Konsum weiter zu belasten, und der trägt immerhin zwei Drittel zum US-Bruttoinlandsprodukt bei.


Offen ist, ob die angekündigten Steuerentlastungen von knapp 40 Mrd. $ bis Ende 2001 bei den Verbrauchern bei steigender Arbeitslosigkeit wirklich derart beeindruckend wirken, wie manche Experten vermuten. Millekers Rechnungen ergaben, dass die jeweilige Lage am Arbeitsmarkt in der Vergangenheit stets der "mit Abstand wichtigste Einzelfaktor" für die Erklärung des Auf und Ab bei der Konsumlaune der Amerikaner war.


Die Erfahrungen mit vergleichbaren Steuersenkungen per Versendung von Schecks 1975 lassen laut Millekers Analyse darauf schließen, dass nur ein geringerer Teil des Geldes wirklich in den Konsum fließt. Damals waren es am Ende nur etwa 25 bis 30 Prozent. Das aber wäre zu wenig, um die Konjunktur insgesamt in den kommenden Wochen bereits nennenswert zu stützen.


Die Chancen, eine Rezession in den USA zu verhindern, mögen sich deutlich gebessert haben, seit Geld- und Finanzpolitik kräftig gegensteuern. Gelänge es, den Trend nach unten schon bald zu stoppen, wären die Aufschwunghoffnungen berechtigt.


Zur Entwarnung ist es dennoch zu früh. Die Gefahr ist groß, dass sich im Laufe dieses Sommers eine fatale konjunkturelle Eigendynamik entwickelt, getrieben von schlechten Nachrichten am Arbeitsmarkt und nachlassender Zuversicht der Verbraucher. Sollte der Optimismus der US-Konsumenten bis zum Spätsommer schwinden, würde sich die Perspektive eines konjunkturellen Aufschwungs in den USA auf das nächste Jahr verschieben.



© 2001 Financial Times Deutschland
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