30.09.2002 - 18:18 Uhr
Heard in New York am Montag
Die schlechten Nachrichten wollen nicht aufhören. Nachdem am Samstag die
Hafenarbeiter (Longshoreman) in den Häfen der US-Westküste ausgesperrt
waren, verschärft sich der Arbeitskampf am Montag mit neuen Aussperrungen.
Die 29 Häfen der US-Westküste fertigen im Jahr Waren im Wert von $ 300
Milliarden ab. Da Importeure und Exporteure schon länger mit einem
Arbeitskampf an der Waterfront rechnen, haben sie in der Vorwochen ihre Im-
und Exporte drastisch erhöht. Was aber, wenn es zu keiner baldigen
Einigung kommt. Das für den Einzelhandel überlebenswichtige
Weihnachtsgeschäft kommt noch weiter unter Druck, wie auch die "just in
time" Herstellung vieler Güter in der verarbeitenden Industrie in den USA.
In der Wochenendpresse häufen sich die Artikel über Hausbesitzer, welche
ihre Hypotheken nicht mehr zahlen können. Niedrige Hypothekenzinsen
verführten in den letzten 2 Jahren viele Hausbesitzer die Belastung auf
ihre Häuser zu erhöhen und das dadurch erhaltene Geld in den Konsum
laufen zu lassen. In 1999 und 2000 gab es sogar immer wieder
Fernsehwerbungen in denen dafür geworden wurde Hypotheken zu erhöhen und
die dadurch "freien" Mittel in den Aktienmarkt zu investieren.
Durch Pensionskassen, steuerbefreite Sparpläne (401ks) und eigene Konten
bei Maklern, sind nach letzten Umfragen, heute mehr Amerikaner im
Aktienmarkt engagiert, als noch Anfang 1999. Man hätte, nach den
bisherigen Kursverlusten, eher geglaubt, die Anzahl hätte nachgegeben. So
kann noch kaum von einer Kapitulation gesprochen werden.
Nun wird auf das vierte Quartal 2002 gehofft. Wie schon in vergangenen
Bearmärkten habe der Klimax meist im September die Kurse am stärksten
fallen lassen, um dann im Oktober einen Boden zu finden um sich in einen
neuen Bullenmarkt zu verwandeln. Davon sollten Anleger in diesem
wirtschaftlichen Umfeld jedoch vorsichtshalber nicht ausgehen. Zwar sind
die Bewertungen vieler Aktienwerte in den letzten 5 Wochen wesentlich
näher an ihre 10Jahresdurchschnitte herangekommen, gleichzeitig vielen
aber die Ertragsaussichten.
Technisch beobachten wir immer wieder niedrigere Tiefststände, und in
Korrekturen, niedriger Hoechststände. Diese Trendkanalbildung muss
verlassen werden um eine neue, substantielle Korrekturphase zu beginnen.
Die Hoffnung aus eine doppelten Boden in den Charts ist noch zu breit
gesäht, um nicht doch noch enttäuscht zu werden.
Auch eine Zinssenkung durch die Federal Reserve wird dem Markt nur eine
kurze Verschnaufpause gönnen. Die Markteinschätzung vieler ehemaliger
Bullen ist nun so zynisch, dass sie darin eher eine Kapitulation der FED vor
dem Markt, als eine konstruktive Hilfe für Markt und Wirtschaft sehen.
Nun ist es jedoch an den Regierungen Mut zu zeigen und den Sparwillen dort
zu beweisen, wo Subventionen am wenigsten bringen. Weder für die
Wirtschaft, noch für die Konsumenten. In den USA wie auch in Europa wird
die Landwirtschaft mit unsinnigen Subventionen seit Jahrzehnten gestützt.
War dies früher als Hilfe für den Kleinbauern gedacht, ist dies längst
zur Industriesubvention für internationale Multies verkommen. Doppelt
zahl der Verbraucher : durch Steuern und künstlich gestützte Preise.
Die dritte Welt kann sich die fortschrittlichen Produkte der westlichen
Welt nicht leisten weil sie ihre Agrarprodukte weder in den USA noch in
Europa verkaufen können. Im Gegenteil deren Agrarindustrie wird zerstört,
und der Westen sendet bei Hungersnöten subventionierte Getreidesäcke um
sich ein reines Gewissen zu erkaufen. Weder Bush noch Schroeder werden
jedoch den Mut haben, die unsinnigen Subventionen zu kürzen, was die
staatliche Haushalte enorm entlasten würden. Weit über 50% des
europäischen Haushaltes fließen in Agrarsubventionen. Angst vor den
bösen Bauern und ihren Tracktoren?
Selber Schuld !
Für jeden, der mittlerweile nicht mehr weiß, wie er den Markt und das
wirtschaftliche Umfeld einordnen soll, habe ich einen Lesevorschlag :
Conquer the Crash von Robert R. Prechter. Die Marktanalyse, die Gründe
für den gegenwärtigen Zustand der Märkte und der Ausblick,
basieren auf der Elliottwave Wellentheorie und sind leider nur etwas für
recht starke Nerven. Obwohl das Buch nur in englischer Sprache vorliegt,
ist es nicht zu sehr von Fachenglisch dominiert.
Gruss aus New York, Jerry (Gerhard Summerer / Aktienhändler New York)
Die vorangegangenen Marktbeobachtungen und Aktienbesprechungen basieren auf den subjektiven Einschätzungen des Autors und sind ohne jede Gewähr sowie ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Das Risikoprofil eines jeden individuellen Investors ist verschieden. Anleger sollten vor der Tätigung von Investitionsentscheidungen den Anlageberater ihrer Bank um zusätzliche Informationen bitten und das angedachte Investment auf ihre Risikotoleranz hin überprüfen lassen.
Quelle: Finanzen.net