Broadvision: Mit großer Spannung erwartete Quartalszahlen
08.01.2001
Aktuelles Urteil: spekulativ kaufen (unverändert)
Letztes Update: 18.10.2000
Aktueller Kurs: 10,35 USD
Marktkapitalisierung: 2,989 Mrd. USD
KGV 2001/02: 55 / 37,81
KUV 2001/02: 5,11 / 3,41
In Erwartung einer nachlassenden Gesamtkonjunktur speziell in den USA und einer zunehmend kritischeren Haltung gegenüber Internetinvestitionen, rechnen wir damit, daß die einstigen jährlichen Umsatzwachstumsraten der Anbieter von E-Commerce-Lösungen von weit über 100% zumindest in diesem Jahr der Vergangenheit angehören. Dabei gibt es nicht nur Grund zur Besorgnis. Zwar rechnen wir für Broadvision in diesem Jahr mit einer Umsatzwachstumsrate deutlich unter 100%, trotzdem waren positive Trends bereits in den Neunmonatszahlen erkennbar. So scheint die starke Nachfrage nach Broadvisions One-To-One Web Applications, die ca. 70% der Einnahmen aus Softwarelizenzen ausmachen, auf weiter hohem Niveau anzuhalten. Ein verhalteneres Wachstum für das 4. Quartal und für das jetzige Quartal erwarten wir im Bereich der One-to-One Enterprise Software.
Einen aus technologischer Sicht bedeutenden Schritt stellt Broadvisions neue Version 6.0 dar, die nun voll auf Java basiert und die Technologiestandards XML sowie J2EE beinhaltet und noch in diesem Quartal auf dem Markt erscheinen soll. Auch wenn mit diesen neuen Technologien Braodvisions Software den Anspruch an zukunftsorientierte Applikationen erfüllt, sollten diese Schlüsselbegriffe nicht überbewertet werden, was die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der jetzigen Broadvision Software anbelangt. Wichtigster Pluspunkt ist und bleibt der hohe Grad an Kundenorientierung, d. h. daß sich Broadvisions One-to-one-Software dynamisch an die verschiedenen Kundenbedürfnisse anpassen läßt.
Wir halten es grundsätzlich nicht für einen Nachteil, daß Broadvision, sei es in der komplexen Java- und J2EE-Thematik oder bei der Personalisierung von Inhalten im Internet, stark auf Partnerschaften mit Sun Microsystems, Bea Systems oder der amerikanischen NCR, mit der ein 17 Mrd. USD schweres Abkommen geschlossen wurde, setzt. Die Übernahme von Interleaf zeigt beispielsweise auch, daß Broadvision eigenes Know-how in die Entwicklung mit einbringt. Der Vorteil von Kooperationen mit Technologieführern liegt in der schnellen Anpassung der eigenen Software an neue Entwicklungen, auch wenn die Abhängigkeit von den Partnern steigt. Broadvison baut ihr weitgeflochtenes Netz an Partnerschaften aus. Kooperationen aus jüngerer Zeit mit Pricewaterhouse Coopers im Bereich der elektronischen Geschäftsabwicklung, mit der Anderson Consulting oder Roundarch belegen dies. In Bezug auf direkten und indirekten Vertrieb ist Broadvision hervorragend positioniert.
Nach den Neunmonatszahlen lagen die Umsätze in der Region Asien/Pazifik/Japan (APJ), die einen Umsatzanteil von ca. 8% aufweist, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum knapp 3,5mal so hoch. Auch im 3. Quartal ist noch kein Trend zu einer Abschwächung erkennbar. Allerdings darf man vor dem Hintergrund der Probleme, die der Konkurrent Intershop derzeit trotz seiner guten Positionierung in dem asiatisch-pazifischen Raum hat, auf die Entwicklung von Broadvision im 4. Quartal gespannt sein. In Europa wird das Unternehmen auch weiterhin stark wachsen. Allerdings hat Broadvision damit zu kämpfen, daß ihre Marktdurchdringung bei B2C-Software im europäischen Markt noch zu wünschen übrig läßt. Inwieweit sich möglicherweise gekürzte Unternehmens-Budgets auf das USA-Geschäft, das ca. 70% der Gesamtumsätze von Broadvision ausmacht, auswirken, bleibt abzuwarten.
Ähnlich wie bei Intershop geraten auch Broadvisions Rohertragsquoten stark unter Druck, was auf die starke Ausweitung des Bereichs Services im letzten Jahr zurückzuführen ist. Einerseits sichert sich Broadvison dadurch ihren Kundenstamm – ca. 50% der Umsätze werden aus bereits installierter Basis bei den Kunden generiert - andererseits werden dadurch die Renditen geschmälert. Wie wir vom Unternehmen erfuhren, werden die hohen Ausgaben für Serviceleistungen in diesem Jahr verhaltener ansteigen als noch im Vorjahr. Diese Supportleistungen sind die Voraussetzung für anziehende Umsätze im Softwaregeschäft. Wir rechnen daher mit sich leicht erholenden Rohertragsmargen spätestens zur Mitte des 2. Quartals dieses Jahres. Der zunehmende Preiskampf zwischen den Mitbewerbern wird diesen Effekt aber teilweise wieder kompensieren.
Fazit
Wir erwarten für das 4. Quartal keine böse Überraschung von Broadvision. Ohne Berücksichtigung der Goodwillabschreibung rechnen wir für das Gesamtjahr 2000 mit einem vorsichtig geschätzten Gewinn von 0,14 USD je Aktie. Auch wenn sich zukünftig „nur“ noch jährliche Steigerungsraten von deutlich unter 100% einstellen sollten, sehen wir bei Broadvision langfristig genügend Potential für steigende Kurse, da das Unternehmen zu den weltweit bedeutendsten Anbietern von E-Commerce-Lösungen gehört. Im Unterschied zu anderen Mitbewerbern verfügt Broadvision über ein sehr breit gefächertes Geschäftsspektrum, angefangen von B2B über B2C und B2E, was das Unternehmen für Umsatz- und Ertragsschwankungen weniger anfällig macht. Dennoch wollen wir auf den spekulativen Charakter unserer Kaufempfehlung hinweisen, der vor allem in dem aktuell sehr schwierigen Marktumfeld, speziell für Anbieter von Internettools, begründet liegt. Auf Risiken, wie das noch verbesserungswürdige Europageschäft, die sinkenden Rohertragsmargen und den starken Wettbewerb haben wir ebenfalls hingewiesen.
Heiko Blaschke
© 2001 Performaxx AG