Der Aufschwung der vergangenen Monate beschert Anlegern so manche Comeback-Story: Neben den Internet- konnten auch Biotech-Werte erstaunlich zulegen - der Amex-Biotechnology-Index verzeichnete, vor allem getrieben von Schwergewichten wie Amgen oder Genentech, eine fulminante Kursrallye von mehr als 35 Prozent. Vor allem die Pioniere der ersten Stunde melden sich.
Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Mit einigem Erstaunen quittierten Aktionäre in der vergangenen Woche das drastische Urteil gegen Samuel Waksal, Gründer des Biotech-Unternehmens Imclone - 87 Monate Haft und eine Geldstrafe in Höhe von drei Millionen Dollar sowie Steuernachzahlungen von noch einmal 1,2 Millionen Dollar muss der 55-jährige Multimillionär über sich ergehen lassen. Das Urteil ist die härteste Strafe, der sich ein US-Topmanager seit dem Enron-Skandal ausgesetzt sieht - und wie beim Energieriesen ist es ein Fall von akuter Wirtschaftskriminalität, die dem Ex-CEO zum Verhängnis wurde. Waksal wurde wegen Insiderhandels und Aktienbetrugs verurteilt. "Der Schaden, den Sie angerichtet haben, ist wahrhaft unermesslich", begründete Richter William Pauley sein drakonisches Urteil.
Ereignet hatte sich dies: Im Jahr 1993 stieß das auf Krebsforschung spezialisierte Biotech-Unternehmen Imclone auf das Molekül C225, mit dessen Grundlage ein neuartiges Medikament im Kampf gegen die tückische Krankheit möglich schien. Erbitux hieß das Wundermittel, das Imclone der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) nach achtjähriger Forschung vorlegte. In den letzten Dezembertagen erfolgte der dramatische Absturz: Die FDA verweigerte die Zulassung für Erbitux - die Aktie taumelte innerhalb weniger Tage von 70 auf unter 20 Dollar. Doch von seinem Bruder bekam Waksal bereits Wochen zuvor den Hinweis, dass die Ablehnung des Medikaments bevorstünde. In einer Nacht-und Nebel-Aktion versuchte Waksal 80.000 Aktien zu verkaufen - ein klassischer Fall von Insiderhandel. "Diese Vergehen symbolisieren Gesetzlosigkeit und Arroganz", bewertet Richter Pauley die Straffälligkeiten der Biotech-Lichtgestalt Waksal, der sich gern als beflissener Kunstsammler und Partylöwe gab.
Produktzulassung - der Ritt auf der Rasierklinge für Biotechs
Der Fall Imclone beweist nachhaltig wie dicht Aufstieg und Fall eines Biotech-Unternehmens beieinander liegen können - die Zulassung nur eines Medikaments kann über Sein und Nichtsein eines Konzerns entscheiden. Die Problematik liegt in der Materie. Die Biotechnologie ist eine langsame Branche. Forschungsergebnisse sind nicht planbar und verschlingen neben Zeit vor allem viel Geld - die Förderung durch Venture-Capital-Gesellschaften ist daher in der Startphase eines Unternehmens unersetzlich. Hat ein Präparat schließlich die verschiedenen vier Testphasen durchlaufen, wird es der Aufsichtsbehörde FDA vorgelegt, die über die Freigabe des Medikaments entscheidet - allein dieser Prozess kann bis zu fünf Jahre dauern.
Nicht selten also können zehn bis 15 Jahre vergehen, ehe mit einem neuen Präparat auch nur ein Cent verdient wird. Ist die Markteinführung indes einmal geglückt, kann ein einziges Medikament den Unternehmenserfolg förmlich explodieren lassen - schließlich schützt das Patentrecht das Medikament vor Generika-Produkten und garantiert dem Unternehmen damit über viele Jahre eine verlässliche Einnahmequelle. Der rasante Aufstieg der inzwischen zu Amgen gehörenden Immunex-Gruppe beruhte etwa vor allem auf dem sensationellen Erfolg des Rheumapräparats Enbrel, das zur erfolgreichsten Produkteinführung in der Geschichte der Biotechnologie avancierte.
Amgen dominiert den Markt
Heute profitiert der Konzern Amgen, der Immunex im Sommer 2002 übernahm, vom anhaltenden Enbrel-Erfolg: Das Produkt hat Blockbuster-Status erreicht - also einen jährlichen Umsatz von über einer Milliarde Dollar. Applied Molecular Genetics, so der volle Name der kalifornischen Firma, ist das absolute Powerhouse der Branche: Neben dem eingekauften Enbrel verfügt Amgen mit Epogen und Neupogen (Zur Produktion von roten (Epogen) und weißen (Neupogen) Blutkörperchen bei Immunschwächekrankheiten) über zwei weitere Blockbuster-Produkte, die rasante Umsatzsteigerungen verzeichnen.
Der Erfolg ist durchschlagend: Von Quartal zu Quartal kann der Analystenliebling die Konsensschätzungen übertreffen und Rekordergebnisse verkünden - im abgelaufenen ersten Quartal erzielte Amgen einen Nettogewinn von fast einer halben Milliarde Dollar oder 37 Cent je Aktie. Entsprechend fulminant entwickelte sich der Kurs der Amgen-Aktie, die als einziger großer Biotech-Wert die anhaltende Börsenkrise fast unbeschadet überstanden hat. Vom Allzeithoch hat das Wertpapier lediglich 25 Prozent verloren - und im Gegenzug seit Jahresbeginn fast 40 Prozent zugelegt.
Biotechs auf der Überholspur
In dieselbe Richtung laufen derzeit so ziemlich alle Biotech-Aktien. Seit Jahresbeginn hat der Amex-Biotechnology-Index mehr als 35 Prozent zugelegt. Einige Traditionsunternehmen der ersten Stunde konnten den Index gar noch leichthin outperformen. So verzeichnete Genentech, der erste Biotechkonzern der Welt, gerade in den vergangenen Wochen einen phänomenalen Kurszuwachs, nachdem bekannt wurde, dass das neue Krebsmedikament Avastin positive Forschungsergebnisse gezeigt hatte, die auf eine baldige Marktzulassung schließen lassen. Die Genentech-Aktie, die an der Nyse unter dem Tickersymbol DNA gelistet ist, legte innerhalb von weniger als einem Monat fast 100 Prozent zu.
Eine ähnlich beeindruckende Performance können auch die Pioniere Biogen und Chiron vorweisen. Beide Unternehmen zählen mit ihren Firmengründungen Anfang und Mitte der achtziger Jahre zu den First Movern der Branche und verfügen über eine breite Produktpalette - und beide Aktien notieren aktuell auf 52-Wochen-Hochs. Einen lupenreinen Aufwärtstrend kann auch das Nasdaq-100-Unternehmen Medimmune präsentieren. Der in Maryland ansässige Konzern, der auf Impfstoffe zur Stärkung des Immunsystems spezialisiert ist, hat seit Jahresbeginn einen Kurszuwachs von über 50 Prozent verzeichnet.
Getoppt werden diese Kurssprünge nur noch von jenem Biotech-Unternehmen, das in den vergangenen Tagen so negativ durch ihren verurteilten Ex-CEO Waskal auffiel - ausgerechnet die Aktie von Imclone vollführt seit Wochen wahre Kursprünge. Und das im großen Stil. Seit Jahresbeginn verzeichnete das Papier einen Kurszuwachs von fast 200 Prozent. Der Hintergrund liegt dabei keinesfalls in der Verurteilung des Ex-Gründers Waskal, als vielmehr in der Weiterentwicklung des Krebsmedikaments Erbitux, das Ende 2001 noch von der FDA abgelehnt worden war. Imclone hat Erbitux in der Zwischenzeit in Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb weiteren Tests unterzogen und will das Krebsmedikament nun erneut der FDA vorlegen. Sollte Erbitux nun tatsächlich zugelassen werden, hätte die unglaubliche Imclone-Story ein hollywoodreifes Ende gefunden. Patienten erhielten eine neue Hoffnung im Kampf gegen Krebs, die Aktionäre vermutlich gar ihre Einstandskurse zurück, während der straffällig gewordene Gründer Samuel Waksal die Entwicklung nur hinter Gittern bestaunen kann. Merke: Der Markt lehrt Demut.