Ein ganzer Markt im Aufwind


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Ein ganzer Markt im Aufwind

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05.01.07 19:58
ANLEIHEN prägen die Kapitalmärkte: Anleger verfügen heute über eine riesige Auswahl an verzinsten Wertpapieren. Das Emissionsvolumen steigt sprunghaft an.

Eine ganzer Markt im Aufwind

ANDREA CÜNNEN | FRANKFURT Anleihen gehören zu den ältesten Wertpapieren der Welt. Doch über die Jahrhunderte hat der Markt nichts von seiner Dynamik verloren. Im Gegenteil: In den vergangenen zehn Jahren hat sich allein das ausstehende Volumen der international platzierten Anleihen auf 10,5 Bill. US-Dollar vervierfacht (s. "Gigantisches Wachstum").

Bis zur Entstehung dieses riesigen Marktes war es ein weiter Weg. Die Historie der Rentenmärkte ist eine Geschichte von Staaten und Kriegen, von Verschuldung, Zerstörung und Aufbau. Anleger können daraus lernen, dass Rentenpapiere im Prinzip zwar sichere Anlagen sind, bei denen sie ihr Geld am Ende der Laufzeit zurückbekommen. Die Investoren müssen dabei aber stets das Umfeld vor allem mit Blick auf Inflation und Ausfallrisiken im Auge behalten.

"Die Entstehung der Anleihen kann nicht genau beschrieben werden", schreibt Professor Karl Häuser, ehemaliger Leiter des Instituts für Kapitalmarktforschung an der Universität Frankfurt. Anleihen entwickelten sich allmählich aus dem Schuldschein heraus. Schon im 13. Jahrhundert nahmen die italienischen Stadtrepubliken in Florenz, Genua und Venedig Zwangsanleihen von ihren reichen Bürgern auf, um Kriege zu finanzieren. An der Börse gehandelt wurden die Anleihen aber erst im 17. Jahrhundert. Die erste Millionenanleihe - über eine Million Gulden - platzierten im Jahr 1779 die Gebrüder Bethmann - Gründer gleichnamigen Bankhauses - für den deutschen Kaiser in Wien. Gleichzeitig entwickelten sich die ersten Pfandbriefe - Papiere, die es in stark weiterentwickelter Form heute in vielen Ländern gibt. Sie gingen auf eine Kabinettsorder von Friedrich dem Großen zurück, der schlesischen Großgrundbesitzern nach dem Siebenjährigen Krieg günstige Darlehen verschaffen wollte. Die Kredite waren mit einem Pfandrecht auf Grund und Boden gesichert.

Zu voller Blüte gelangte das Anleihewesen, als nach den napoleonischen Kriegen Anfang des 19. Jahrhunderts und mit der beginnenden Industrialisierung der Geldbedarf für den Wiederaufbau stieg. Die USA finanzierten ihren Sezessionskrieg Mitte des 19. Jahrhunderts zum großen Teil über Anleihen. Aber auch der Aufbau der Eisenbahnen wurde überwiegend über Anleihen finanziert, wenig später folgte die Finanzierung des Bergbaus.

Die beiden Weltkriege, Hyperinflation und Währungsreform vernichteten das Vermögen vieler Rentenanleger. "Nach dem Zweiten Weltkrieg galt dann der politische Vorrang wieder der Staatsfinanzierung und des Bausektors über Anleihen", sagt Klaus Holschuh, der bei der DZ Bank die Bereiche Volkswirtschaft und Research leitet und Mitglied im Vorstand des Instituts für bankhistorische Forschung ist (siehe "Ausfallrisiken werden wieder zunehmen").

Die heutige Bedeutung bekam der Anleihemarkt laut Holschuh erst mit den Sparern in den sechziger Jahren und der Erbengeneration in den achtziger Jahren. Einen zusätzlichen Schub bekam der Markt auch dadurch, dass sich 1963 die Eurobonds entwickelten. Damals verlangten die USA von ausländischen Emittenten eine hohe Steuer auf die Zinsen an Gläubiger in den USA. Das machte London zu einem wichtigen Zentrum, wo Eurobonds seitdem für internationale Anleger in verschiedenen Währungen platziert werden.

Richtig funktionsfähig wurde der Markt in den späten Sechzigern durch einheitliche Abwicklungssysteme, die den Handel extrem erleichterten. "In den vergangenen 40 Jahren haben sich internationale Anleihen zum wichtigsten Markt für die Aufnahme von mittel- bis langfristigem Fremdkapital entwickelt", sagt René Karsenti, Präsident der Rentenmarktvereinigung ICMA.

Das Umfeld für die Bonds wurde jedoch in den siebziger und achtziger Jahren schwierig, als die Ölkrise die Inflation anheizte und die zehnjährigen Anleiherenditen in Deutschland bis auf knapp elf Prozent in die Höhe schnellten. In den siebziger Jahren kamen deshalb variabel verzinste Bonds auf den Markt, deren Entwicklung an die kurzfristigen Interbankenzinssätze gekoppelt ist. Zehn Jahre später begab Großbritannien die ersten Anleihen, deren Verzinsung sich nach der Inflationsrate richtet.

Eng verbunden sind die siebziger Jahre auch mit den ersten Junk-Bonds - hochverzinste Anleihen von Unternehmen mit schlechter Kreditwürdigkeit. Wie Junk-Bonds lockten zudem die ebenfalls hochverzinsten Anleihen von Schwellenländer die Anleger in Scharen an. Doch dabei lernten sie eine bittere Lektion, die auch heute noch wichtig ist: Hohe Renditen erkauft man sich mit hohem Risiko. Das zeigte sich, als der Junk-Bond-Markt Ende der achtziger Jahre zusammenbrach und bereits zuvor in der Schuldenkrise der Schwellenländer, die in den achtziger Jahren begann und später mit einer Umschuldung endete. Die Geschichte der Ausfälle wiederholte sich jedoch schon in den neunziger Jahren mit der Asien- und der Russlandkrise. Der letzte große Zahlungsausfall war Argentinien im Jahr 2001.

Die Historie zeigt aber auch, dass sich die Rentenmärkte stets wieder erholen. Viele Schwellenländer und die meisten Junk-Bond-Emittenten müssen heute nur noch geringe Risikoprämien für ihre Anleihen zahlen, und argentinische Anleihen brachten im vergangenen Jahr die meisten Erträge unter den Schwellenländer-Bonds ein.

Die Grundsteine für die heutige Komplexität des Rentenmarkts wurden in den frühen achtziger Jahren gelegt. Damals entstanden die ersten Tauschgeschäfte (Swaps), mit denen Emittenten sich gegen steigende Zinsen und Währungsrisiken absichern können. Den Terminkontrakt Bund-Future gibt es seit 1990. Nach der Einführung des Euros wurde er zur wichtigsten Messlatte der Rentenmärkte im Euro-Raum. Überhaupt hat der Euro die Anleihemärkte vorangebracht - durch die Einheitswährung können Anleger Anleihen ohne Währungsrisiko handeln. Mit 46 Prozent entfällt laut ICMA ein Großteil der international platzierten Bonds auf den Euro.

Ende der neunziger Jahre begann zudem der Boom von Derivaten wie Credit Default Swaps, einer Art Ausfallversicherung auf Anleihen, die Kreditrisiken auch ohne zu Grunde liegende Anleihen handelbar macht. "Die Geschichte der internationalen Anleihemärkte zeigt, wie innovativ die Teilnehmer sind", sagt Karsenti von der ICMA. Das Ende dieser Entwicklungen ist nicht abzusehen. Für Anleger heißt dies, dass der Markt immer komplexer wird, sich die Risiken aber auch besser absichern lassen.

Cünnen, Andrea

05. Januar 2007
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"Ausfallrisiken werden wieder zunehmen"

 
05.01.07 20:04
ANLEIHEN prägen die Kapitalmärkte: Anleger verfügen heute über eine riesige Auswahl an verzinsten Wertpapieren. Das Emissionsvolumen steigt sprunghaft an. SECHS FRAGEN AN: KLAUS HOLSCHUH

"Ausfallrisiken werden wieder zunehmen"

Was können Anleger aus der langen Geschichte der Anleihemärkte lernen?

Für Erschütterungen an den Rentenmärkten, ob kleine Beben oder große Zusammenbrüche, sind immer zwei Gründe auszumachen, die oft Hand in Hand gehen: Zahlungsausfall und Inflation. Die Geschichte der Anleihemärkte ist auch eine Geschichte der öffentlichen Verschuldung und im Extrem des Staatsbankrotts.

Was sind dafür prominente Beispiele?

Wir brauchen nicht bis zu den napoleonischen Kriegen zurückzugehen, in Deutschland war der Staat im letzten Jahrhundert zweimal zahlungsunfähig; Hyperinflation und Währungsreform als Folge kosteten viele Rentenanleger ihr Vermögen. 1992, auf dem Höhepunkt der Weltschuldenkrise, waren 58 Staaten zeitweise oder andauernd in Zahlungsverzug. Argentiniens Ausfall im Jahr 2001 ist uns allen präsent. Zahlungsprobleme Russlands und in Asien hatten wenige Jahre zuvor das Weltfinanzsystem zum Wanken gebracht. Aber auch ein schleichender Preisanstieg und vor allem eine sprunghafte, meist importierte Inflation sind immer wieder Auslöser von Krisen.

Was sind - ausgehend vom historischen Hintergrund - heute die größten Gefahren für die Rentenmärkte?

Auch hier lautet die Antwort: Inflation und Ausfälle. Das Thema Inflation mag angesichts aktuell niedriger Teuerungsraten verwundern. Doch der Rentenanleger hat in den letzten Jahren erfahren müssen, dass eine geringe Teuerung bei niedrigen Zinsen und nach Steuern sein Vermögen verringert hat, zumindest in realer Kaufkraft. Deshalb werden höhere Renditen gesucht; die gibt es aber nur für schlechtere Bonitäten, also für ein höheres Ausfallrisiko. Das wird spätestens in der nächsten Konjunkturschwäche wieder zum Thema, wenn die Ausfallraten von Unternehmensanleihen erneut ansteigen.

Die Anleihemärkte sind zum Beispiel durch die Einführung von Derivaten immer komplexer geworden. Sehen Sie das eher als Vor- oder als Nachteil für die Investoren?

In vielen Ländern entwickelten sich schon sehr früh Termin- und Derivatemärkte. Heute können aber alle Anlegerkreise direkt oder über strukturierte Anleihen oder Zertifikate diese Instrumente nutzen, um Risiken abzusichern oder bewusst einzugehen. Schaden entsteht nicht durch die Instrumente, sondern durch ihren falschen Einsatz, durch eine zu große Risikobereitschaft. Wird dann von vielen Investoren noch ein großer Teil kreditfinanziert, dann können Fehleinschätzungen dem ganzen Finanzsystem gefährlich werden.

Werden die Rentenmärkte in den nächsten Jahren Ihrer Meinung nach mehr oder weniger Bedeutung gewinnen?

Eine wachsende Wirtschaft bedingt ein funktionierendes und expandierendes Kreditsystem, und die Fungibilität von Krediten wird für Banken und Investoren immer wichtiger. Der verbriefte Kredit, die Anleihe also, wird deshalb auch in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen, das Volumenwachstum wird höher sein als das Wachstum der Volkswirtschaften.

Wagen wir einen Blick in die ganz ferne Zukunft: Wie werden die Rentenmärkte in 50 oder 100 Jahren aussehen?

Der Markt bleibt innovativ und wird ganz neue Anlageformen hervorbringen. Banken werden Kredite nicht halten, sondern generell verpacken und weiterveräußern. Die Grenze zwischen Fremd- und Eigenkapital wird aufgelöst. Risiko jeder Art wird handelbar sein. Der Kapitalmarkt wird in einer hochorganisierten arbeitsteiligen Wirtschaft weiterhin die Schlüsselfunktion haben, Kreditgeber und Kreditnehmer zusammenzuführen.

KLAUS HOLSCHUH Leiter des Bereichs Research und Volkswirtschaft bei der DZ Bank.

Die Fragen stellte Andrea Cünnen.

Cünnen, Andrea

05. Januar 2007
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Stöffen:

Vielleicht täusche ich mich ja

 
05.01.07 20:06
aber mittlerweile kommt es mir so vor, als hätten Anleihen nur noch einen Sinn, nämlich die Finanzierung von Tilgungen alter Schulden, deren Zinslasten und die Finanzierung von neuen Schulden zur Haushaltssicherung, ist wie'n klassisches Schneeballsystem.

Gruß + Stöffen
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Heisenberg:

Das ist das Thema!

 
05.01.07 20:10
Vor allem dort wird der Abbau des Geldüberhangs betriebenw erden, natürlich durch Zahlungsausfälle wie damals bei Argentinien. Deshalb sind solide Aktien besser als Anleihen von Pipi-Staaten. Den Lohn der Angst gibt es für Anleihen morgen so wie damals in diesem alten Film für Dynamit.  



Ein ganzer Markt im Aufwind 3007424
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US-M3-Daten und Bond-Märkte

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05.01.07 20:14
US-M3-Daten und Bond-Märkte
von Dietmar Siebholz

zf. Dietmar Siebholz, selbst im Finanzbereich tätig, ist seit vielen Jahr auch ein kritischer Beobachter der weltweiten Finanzmärkte. Diese haben sich mit der von der Globalisierung geforderten totalen Kapitalverkehrsfreiheit nahezu ganz vom realen Wirtschaftsleben gelöst, führen ein globales Eigenleben und setzen täglich rund 2 Billionen Dollar um. Diese enorme, praktisch durch nichts als durch Spekulationen und Gier nach noch mehr Geld aufgeblähte buchhalterische Summe wurde noch dadurch vermehrt, dass die US-amerikanische Notenbank (Federal Reserve) ihre Druckerpresse beliebig laufen lässt und dadurch enorme Geldmengen auf den Markt wirft. Mit diesem Geld, dem keine reale Leistung gegenübersteht, verschuldet sich die USA immer mehr. Die Dollarabnehmer sind gezwungen, die Schulden der USA mitzufinanzieren, was ein horrender Betrug ist, weil der Wert des Dollars immer mehr abnimmt.

Es sind also nicht nur Private, sondern auch Politiker und Regierungen, die, obwohl sie den Bürgerinnen und Bürgern und dem Gemeinwohl verpflichtet sind, bei diesem aufgeblähten Finanzmarkt mitmischen. Mit Tricks, Betrug und auf Kosten der Allgemeinheit werden wenigen enorme Gewinne ermöglicht. Wie weit der Betrug am Bürger schon gediehen und wie labil das ganze System mittlerweile ist, zeigt nicht zuletzt, dass die Öffentlichkeit seit Ende März nicht mehr darüber informiert wird, wieviel Geld die US-Notenbank ständig neu druckt.

Dietmar Siebholz analysiert im folgenden Artikel den aufgeblähten Rentenmarkt, das sind die Märkte für längerfristige Anleihen, in der Regel Staatsanleihen. Ihr eigentlicher Sinn war es einmal, staatliche Investitionen vorzufinanzieren. Heute, so Siebholz, werden sie «zur Deckung von Lücken, zur Kriegs­finanzierung, zur Tilgung früherer Schulden und ihrer steigenden Zinslasten verwendet» – bis zum bösen Erwachen. Es ist ein gefährliches Spiel der permanenten Umschuldung mit immer grösseren Zins- und Zinseszins­lasten. Und die zahllosen Privatisierungen der letzten Jahre haben nicht etwa solide Unternehmen geschaffen, sondern ein System, bei dem alles Gewinnbringende privatisiert, zukünftige Kosten, zum Beispiel für die Alters­sicherung, aber allen Steuerzahlern aufgelastet wurden, die den Schuldenberg weiter wachsen lassen. Irgendwann wird diese zirkulierende und eigentlich wertlose Geldmenge in Unmengen in die realen Märkte drängen. Dies wird eine Geldentwertung ungeheuren Ausmasses hervorrufen.Wie labil das System bereits heute ist, zeigt die Tatsache, dass die Dollar-Geldmenge – M3 genannt – seit Ende März nicht mehr veröffentlicht wird.

Vorab eine persönliche Anmerkung: Alles im Leben hat zwei Seiten, so auch das Alter. Einerseits spürt man den Zahn der Zeit an einem nagen (das Knie schmerzt – natürlich vom exzessiven Motorradfahren, die Beweglichkeit nimmt ab usw.), aber andererseits verfügt man, wenn man immer mit offenen Augen durch die Welt marschiert ist und sich für alles und jedes interessiert hat, über einen unschätzbaren Daten- und Erfahrungsspeicher, der einem zwar keine Einschätzung der Zukunft ermöglicht, aber eine enorme Hilfe für das Relativieren von Informationen darstellt.
Eine solche Erfahrung braucht man zum Beispiel, um sich ein Urteil über die heutigen Grundlagen der Kapitalmärkte bilden zu können; ich meine hier den besonders umfassenden und wichtigen Teilmarktbereich, nämlich den Rentenmarkt oder, wie er international bezeichnet wird, den Bond-Markt. Dieser ist – vom Standpunkt der kumulierten Emissionsvolumen betrachtet – ein Mehrfaches grösser als die mehr im Mittelpunkt des Interesses stehenden Aktienmärkte.
Was hat sich eigentlich in der Zeitspanne, in der ich diesen Markt beobachte, so wesentlich verändert? Die Antwort ist kurz und präg­nant: Fast alles, das Volumen, die Qualität der Schuldner und deren Belastungsmöglichkeit sowie die Auswahl der Zwecke (und die Begründungen für diese), für die die Anleihen aufgenommen wurden und werden.
Fangen wir einmal mit dem Volumen an. «Jumbo-Pfandbriefe» und «Jumbo-Anleihen» sind zwei Stichworte, die zeigen, dass es sich um Rentenwerte mit einem Volumen von über 1 Milliarde Euro handelt. Es gibt keine zuverlässigen Statistiken über die weltweit emittierten Rentenwerte, aber es ist zu vermuten, dass die seit Jahrzehnten praktizierte Geldschöpfung durch die Notenbanken immer mehr Liquidität freigesetzt hat, die nicht in die Finanzierung von Investitionen strömt, sondern in die Finanzierung von Staatsverschuldungen. Darüber noch hinaus produzierte Liquidität sucht nun wiederum nach einer Anlage, und da bieten sich die ja ach so sicheren Rentenwerte an.
Die Politik machte aus dem Wort «Fonds» eine Chimäre

Was die Akteure in der Politik und bei den Notenbanken dabei aber vergessen, ist die Tatsache, dass Geld, das künstlich geschaffen – und nicht durch Arbeit, Produktion oder Dienstleistungen erwirtschaftet wird – quasi einen Liquiditätsüberhang produziert, der sich nach langem Marsch durch verschiedene Stationen der Wirtschaft bislang immer in Kosten- und Preissteigerungen niedergeschlagen hat, also in einer inflationären Tendenz. Nach der einfachen Regel: Etwas, was im Überfluss vorhanden ist, hat keinen grossen Wert. Diamanten, Kieselsteine oder Geld werden nach ihrem Vorkommen und dem daraus resultierenden Angebot bewertet. Diese Regel können weder Nobelpreisträger für Ökonomie noch unsere allwissenden Politiker abschaffen. Sie hat die gleiche Lebensberechtigung wie das Gesetz der Schwerkraft.
Nun zur Qualität der Schuldner: Unser eigenes Beispiel in Deutschland soll uns hier als Betrachtungsgegenstand dienen; die Staatsverschuldung steigt trotz aller Versuche, Schulden (die eigentlich Staatsschulden wären) durch Ausgrenzung auf neu geschaffene halböffentliche oder öffentliche Institutionen zu reduzieren. Ich erinnere an eines der «Unworte» nach der deutschen Wiedervereinigung, nämlich an den «Fonds deutsche Einheit». Für mich als Entwickler und Verwalter von geschlossenen deutschen Immobilienfonds war bis zu diesem Zeitpunkt ein Fonds ein Zusammenschluss von Menschen oder die Zusammenfassung von Vermögensteilen, die sich eine einheitliche Verwaltung wählten. Weit gefehlt: Die Poli­tik machte aus diesem Wort mit positivem Vermögenshintergrund eine Schimäre: Der Fonds bestand aus Schulden, die die BRD aus der DDR-Periode übernommen hatten.
Mit der willkürlichen Definition von Verschuldungsgrenzen für Staaten haben die Verantwortlichen einen Rahmen geschaffen, der als Grundlage der Zukunftsberechnungen wegen der damit verbundenen Systematik der Zinseszinskurven auf einen letalen Endzustand zwingend hinweist. Wie sagt einer meiner Partner im «Konstanzer Kreis» so einfach und deutlich: «Adam Riese kann man nicht aus dem Wege gehen […]». Die Folge: Immer neue Verschuldung, immer höhere Emissionsvolumen, und das bei derzeit niedrigem Anleihezins. Die eine Grundlage für ein Chaos am Kapitalmarkt, nämlich das enorm gestiegene Volumen, wäre damit definiert.
Weiter zur Qualität der Schuldner: Die USA, die ein Budget unter Ausklammerung der Kosten für die Kriegsführung am Hindukusch und zwischen Euphrat und Tigris erstellen, die Einzahlungen der Bürger auf die Sozialversicherung als Budgeteinnahme verbuchen, aber keine Rückstellungen für künftige Verpflichtungen aus eben dieser Sozialversicherung machen, sind kein Stück besser als das Enron-Management. Bitte verurteilen Sie nicht die Politik in den USA; sie ist kein Stück schlechter oder besser als die unsrige. Beispiel gefällig? Ich schrieb darüber schon vor einigen Monaten, als ich die Veröffentlichung im «Handelsblatt» über eine Anleihe einer neugegründeten deutschen Institution mit einem englischen Titel las, nämlich des auf deutsch «Deutschen Postangestellten-Rentenfonds».
Wer mein Essay nicht gelesen hat, hier kurz zur Wiederholung: Als die Post privatisiert wurde, war eine Bilanz nach üblichen Regeln aufzustellen, vorher war die Post ja ein Staatsbetrieb mit abweichenden Bilanzmerkmalen. Jetzt aber mussten die Verbindlichkeiten der Post für ihre Pensionäre passiviert werden. Diese wären bei privatwirtschaftlicher Berechnung (Höhe, Laufzeit, Beihilfen usw.) so hoch gewesen, dass der Bund als Verkäufer mit der Verpflichtung zur Übernahme der Verbindlichkeiten keine Käufer gefunden hätte. Aber: Man brauchte das Geld aus der Privatisierung, um die leeren Kassen zu füllen. Was war die Lösung? Der Bund übernahm die Lasten aus den Pensionen der Postbeamten und der Altersversorgung für die Angestellten und legte den drei Post-Nachfolgern (Post AG, Postbank und Telekom) die Verpflichtung auf, einen Teil der jährlichen Versorgungsleistungen – man schätzt etwa ein Drittel der jährlichen Lasten aus deren Überschüssen – an den Bund abzuführen. Kurz gesagt: Für eine begrenzte Sofortliquidität aus der Privatisierung der Post-Nachfolgeunternehmen übernahm der Bund unübersehbare Lasten für die Zukunft.
Das war aber nicht alles: Als es Herrn ­Eichel besonders schlecht ging (das war kurz vor seiner Abwahl), fiel ihm eine noch bessere Variante ein, für die sich unsere Kinder und Enkel noch bei ihm bedanken sollten. (Ich finde die Sparkassenwerbung, in der sich der Rentner bei sich selbst für die Fehler bei der Altersversorgung durch einen Tritt bedankt, herrlich. Das sollten wir auch einmal bei den Verantwortlichen aus der Politik tun.) Eichel liess diese englischnamige Gesellschaft gründen, an die die drei Nachfolgeunternehmen der Post ihre künftigen Zahlungsverpflichtungen abzutreten hatten. Diese – mit den Abtretungen ausgestattet – war aber im internationalen Kontext immer noch nicht besonders bonitätsfähig. Nun gab der Bund auch noch eine Garantie ab, und siehe da: Die obskure Anleihe (ich meine, sie belief sich auf an die 5 Milliarden Dollar) hatte Qualität AAA und wurde ihm förmlich aus der Hand gerissen.
Was ist wirklich geschehen? Die Schulden vom Bund sind nicht gestiegen, weil Garantien ja nicht zählen. Der Bund zahlt jetzt alle Pensions- und Altersversorgungslasten «from here to the eternity», er erhält keine Zuschüsse der drei Post-Nachfolgeunternehmen mehr, und das Geld aus der Anleihe half, die fatale Liquiditätsklemme des Bundes kurzfristig zu überbrücken. Es ist wohl anscheinend wirklich kurz vor zwölf …
Das stärkste Stück in diesem Tollhause liefern uns unsere französischen Nachbarn. So wie bei uns gibt es dort Fehlbeträge bei der Gesundheitsversorgung. Diese werden jedoch nicht über den Haushalt finanziert, nein, die Franzosen gründeten für die Finanzierung der Deckungslücken eine eigene Organisation, CADES genannt, also eine Agentur (nicht vollstaatlich, daher ausserhalb der Verschuldungsgrenzenberechnungen), die sich am Rentenmarkt durch Anleihen Liquidität verschafft für die Deckungslücken. Nachzulesen unter «Handelsblatt» vom 2. März – Titel: «Neuer Bond der französischen CADES gefragt».
Anleihen – ein klassisches Schneeballsystem

Das Ganze erinnert an die US-amerikanischen «Hypothekenagenturen» «Fannie Mae» und «Freddie Mac», die, nach der Pleite bei den Sparkassen in den USA als staatliche Agenturen gegründet, die Finanzierung und Verbriefung von Hypothekendarlehen koordinieren. Viele glauben, dass diese staatlich organisierte Agentur eine Staatsdeckung hat. Nein, seit dem Bekanntwerden von grossen Bilanzproblemen wiederholt die Regierung der USA den Hinweis, beide Institute seien Agenturen, aber ohne Staatsgarantien. Die Verantwortlichen werden schon wissen, warum sie darauf explizit verweisen, nehme ich an. Unter dem Siegel von staatlichen Organisationen werden Anleiheschuldner geschaffen, für die der Staat den Ruf, aber nicht die Garantien stellt; sie dienen lediglich zur Ausgrenzung von Haftung und Verminderung der Schuldenzurechnung bei den Staaten. Bestehen bei Ihnen noch irgendwelche Fragen zur Qualität dieser Schuldner?
Ich komme zurück auf meine Historie: Als ich Anfang der 60er Jahre bei der Dresdner Bank das Handwerk des Bankkaufmanns lernen durfte, erklärten mir meine Ausbilder, dass Anleihen zur Langfristfinanzierung von Investitionen für die Gebietskörperschaften aufgenommen werden; ich verstehe darunter Investitionen in Strassen, Gebäude, staatliche Unternehmen, Brücken usw. Heute werden Anleihen zur Deckung von Lücken, zur Kriegsfinanzierung, zur Tilgung früherer Schulden und ihrer steigenden Zinslasten verwendet, aber auch – und das ist aus meiner Sicht schon das Ende der Vorstellungskraft – zur Finanzierung von bereits erfolgtem Konsum, der nach überlieferten Regeln aber nicht mehr finanzierbar wäre.
Nun hat mich schon vor Jahren – es war so in den 80ern – ein Artikel im Spiegel geschockt, wonach eine Analyse der Anleihen des Stadtstaats Hamburg schon damals ergeben hatte, dass die Anleihen nicht zur Finanzierung von langfristigen Investitionen, sondern auch zur Finanzierung von Bürogegenständen, Polizeifahrzeugen usw. verwendet wurden. Kurz gesagt: Die angeschafften Güter waren schon längst verbraucht, verschrottet oder untergegangen, die für die Finanzierung aufgenommenen Anleihen liefen aber immer noch durchschnittlich 5 bis 7 Jahre weiter.
Der Schock heute sitzt tiefer: Anleihen haben nur noch einen Sinn, nämlich die Finanzierung von Tilgungen alter Schulden, deren Zinslasten und die Finanzierung von neuen Schulden zur Haushaltssicherung, ein klassisches Schneeballsystem. Damit wäre auch das Thema «Prüfung der sinnvollen Verwendung der aus Anleihen beschafften Mittel» wohl umfassend beschrieben, meine ich.
Zusammenfassung

Die Anleihen sind heute nur noch das Medium der Staaten, sich von Finanzierungslücke zu Finanzierungslücke (die ja durch die diversen Finanzierungslücken auch von Sonderhaushalten entstehen) durchzuhangeln; meine US-Partner nennen dies «muddle through», also «durchwurschteln». Die Qualität der Schuldner nimmt im gleichen Masse ab, wie das Volumen der Anleihen zunimmt. Das Ganze erscheint mir wie ein riesiges Pyramidenspiel (da es ja von der Politik kommt, ist es ja legitim), das dann sein Ende finden wird, wenn die letzte noch nicht diskutierte Komponente eintreten wird: die Zinssteigerung wegen der gestiegenen Inflation. Nachdem sich die Staaten und die Unternehmen immer mehr kurzfristig finanzieren (die Zinssätze waren ja dank der heldenhaften Leistung des Herrn Greenspan so niedrig und lagen weitaus unter der realen Inflation), fehlt nur noch der Funke, der dieses gefährliche Gebräu entzündet.
Meine Meinung dazu: Wenn sich die zwei Glieder der Multiplikation nach oben verändern, dann steigt das Produkt in fast quadratischer Funktion. Ein Rechenbeispiel: Bei Schulden von 100 Euro (kurzfristiger Mischzinssatz = 4,25%) ergibt sich eine Zinslast von 4,25 Euro, bei Schulden von 150 Euro (kurzfristiger Mischzinssatz = 6,375%, das ist das langjährige Mittel und kein Extremwert) steigt die Zinslast auf 9,56 Euro und löst damit einen Zinslastanstieg pro Jahr von 125% aus. Wenn also Schulden und Zinssätze um jeweils 50% steigen, dann erhöhen sich die Zinslasten um 125%. Denken Sie darüber nach, solange Sie noch vor einem Zinsanstieg am Rentenmarkt handeln können; die Inflation ist selbst durch Rechenkunststücke wie in den USA (hedonische Klauseln usw.) nicht mehr wegzureden. Handeln Sie bald …
PS: Vielleicht verstehen Sie nun, warum die US-Notenbank (FED) die bisher veröffentlichten monatlichen Daten über die M3-Werte (damit wird der Umfang aller liquiden Mittel, die in einer Volkswirtschaft wirken, erfasst) seit Ende März 2006 eingestellt hat: Vielleicht will die FED diese Erkenntnisse über den wirklichen Stand der neugeschaffenen Liquidität im Hinblick auf die Staatsverschuldung und die Überversorgung der Finanzmärkte verhindern? Ich bin sicher, dass dies das alleinige Motiv ist, diese Information künftig zu unterdrücken.
Übrigens zur aktuellen Zahl der M3-Werte: Mein US-Partner Dr. McHugh schreibt dazu: «The answer lies in the monetary inflation. M3 was reported by the FED to be up an unbelievable 54,1 $ billion [das sind deutsche Milliarden] in the latest reporting week, which annualizes to a 27,4% rate of growth.»
Wenn ein Notenbanksystem in einer Woche zusätzlich neue Liquidität von 54 Milliarden US-Dollar in Umlauf bringt, dann sollte man sich darüber wohl Gedanken machen.    •

E-Mail des Autors: wthLZ@compuserve.de  
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Die Grundprinzipien

 
05.01.07 20:29
Die Grundprinzipien

Zinspapiere Anleihen, Bonds, Renten oder Obligationen sind verzinste, handelbare Wertpapiere. Die ersten Bonds wurden schon im Mittelalter begeben, an der Börse werden sie aber erst seit dem 17. Jahrhundert gehandelt. Heute emittieren Staaten, Kommunen, Städte, staatsnahe Institutionen, Banken, Versicherer und Unternehmen abseits der Finanzbranche Bonds.

Zinspapiere

Anleihen, Bonds, Renten oder Obligationen sind verzinste, handelbare Wertpapiere. Die ersten Bonds wurden schon im Mittelalter begeben, an der Börse werden sie aber erst seit dem 17. Jahrhundert gehandelt. Heute emittieren Staaten, Kommunen, Städte, staatsnahe Institutionen, Banken, Versicherer und Unternehmen abseits der Finanzbranche Bonds. Kurse und Renditen Anleihen werden mit einem Zinsschein begeben und in der Regel am Ende der Laufzeit zu 100 Prozent zurückgezahlt. Der Zinsschein bezieht sich auf den Rückzahlungskurs. Wenn die Anleihekurse fallen, steigen deshalb die Renditen - und umgekehrt.

Einflussfaktoren Die Renditen von Anleihen steigen, wenn sich die Gefahr eines Zahlungsausfalls erhöht. In großen Wirtschaftskrisen stehen deshalb besonders die Kurse von Unternehmensanleihen und Anleihen der Schwellenländer unter Druck. Ein Risiko stellt außerdem eine steigende Inflation dar, weil sie an den - im Vergleich zu Aktien - mageren Renditen der Anleihen zehrt. Diese Grundprinzipien haben sich über die Jahrhunderte nicht geändert
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