ANLEIHEN prägen die Kapitalmärkte: Anleger verfügen heute über eine riesige Auswahl an verzinsten Wertpapieren. Das Emissionsvolumen steigt sprunghaft an.
Eine ganzer Markt im Aufwind
ANDREA CÜNNEN | FRANKFURT Anleihen gehören zu den ältesten Wertpapieren der Welt. Doch über die Jahrhunderte hat der Markt nichts von seiner Dynamik verloren. Im Gegenteil: In den vergangenen zehn Jahren hat sich allein das ausstehende Volumen der international platzierten Anleihen auf 10,5 Bill. US-Dollar vervierfacht (s. "Gigantisches Wachstum").
Bis zur Entstehung dieses riesigen Marktes war es ein weiter Weg. Die Historie der Rentenmärkte ist eine Geschichte von Staaten und Kriegen, von Verschuldung, Zerstörung und Aufbau. Anleger können daraus lernen, dass Rentenpapiere im Prinzip zwar sichere Anlagen sind, bei denen sie ihr Geld am Ende der Laufzeit zurückbekommen. Die Investoren müssen dabei aber stets das Umfeld vor allem mit Blick auf Inflation und Ausfallrisiken im Auge behalten.
"Die Entstehung der Anleihen kann nicht genau beschrieben werden", schreibt Professor Karl Häuser, ehemaliger Leiter des Instituts für Kapitalmarktforschung an der Universität Frankfurt. Anleihen entwickelten sich allmählich aus dem Schuldschein heraus. Schon im 13. Jahrhundert nahmen die italienischen Stadtrepubliken in Florenz, Genua und Venedig Zwangsanleihen von ihren reichen Bürgern auf, um Kriege zu finanzieren. An der Börse gehandelt wurden die Anleihen aber erst im 17. Jahrhundert. Die erste Millionenanleihe - über eine Million Gulden - platzierten im Jahr 1779 die Gebrüder Bethmann - Gründer gleichnamigen Bankhauses - für den deutschen Kaiser in Wien. Gleichzeitig entwickelten sich die ersten Pfandbriefe - Papiere, die es in stark weiterentwickelter Form heute in vielen Ländern gibt. Sie gingen auf eine Kabinettsorder von Friedrich dem Großen zurück, der schlesischen Großgrundbesitzern nach dem Siebenjährigen Krieg günstige Darlehen verschaffen wollte. Die Kredite waren mit einem Pfandrecht auf Grund und Boden gesichert.
Zu voller Blüte gelangte das Anleihewesen, als nach den napoleonischen Kriegen Anfang des 19. Jahrhunderts und mit der beginnenden Industrialisierung der Geldbedarf für den Wiederaufbau stieg. Die USA finanzierten ihren Sezessionskrieg Mitte des 19. Jahrhunderts zum großen Teil über Anleihen. Aber auch der Aufbau der Eisenbahnen wurde überwiegend über Anleihen finanziert, wenig später folgte die Finanzierung des Bergbaus.
Die beiden Weltkriege, Hyperinflation und Währungsreform vernichteten das Vermögen vieler Rentenanleger. "Nach dem Zweiten Weltkrieg galt dann der politische Vorrang wieder der Staatsfinanzierung und des Bausektors über Anleihen", sagt Klaus Holschuh, der bei der DZ Bank die Bereiche Volkswirtschaft und Research leitet und Mitglied im Vorstand des Instituts für bankhistorische Forschung ist (siehe "Ausfallrisiken werden wieder zunehmen").
Die heutige Bedeutung bekam der Anleihemarkt laut Holschuh erst mit den Sparern in den sechziger Jahren und der Erbengeneration in den achtziger Jahren. Einen zusätzlichen Schub bekam der Markt auch dadurch, dass sich 1963 die Eurobonds entwickelten. Damals verlangten die USA von ausländischen Emittenten eine hohe Steuer auf die Zinsen an Gläubiger in den USA. Das machte London zu einem wichtigen Zentrum, wo Eurobonds seitdem für internationale Anleger in verschiedenen Währungen platziert werden.
Richtig funktionsfähig wurde der Markt in den späten Sechzigern durch einheitliche Abwicklungssysteme, die den Handel extrem erleichterten. "In den vergangenen 40 Jahren haben sich internationale Anleihen zum wichtigsten Markt für die Aufnahme von mittel- bis langfristigem Fremdkapital entwickelt", sagt René Karsenti, Präsident der Rentenmarktvereinigung ICMA.
Das Umfeld für die Bonds wurde jedoch in den siebziger und achtziger Jahren schwierig, als die Ölkrise die Inflation anheizte und die zehnjährigen Anleiherenditen in Deutschland bis auf knapp elf Prozent in die Höhe schnellten. In den siebziger Jahren kamen deshalb variabel verzinste Bonds auf den Markt, deren Entwicklung an die kurzfristigen Interbankenzinssätze gekoppelt ist. Zehn Jahre später begab Großbritannien die ersten Anleihen, deren Verzinsung sich nach der Inflationsrate richtet.
Eng verbunden sind die siebziger Jahre auch mit den ersten Junk-Bonds - hochverzinste Anleihen von Unternehmen mit schlechter Kreditwürdigkeit. Wie Junk-Bonds lockten zudem die ebenfalls hochverzinsten Anleihen von Schwellenländer die Anleger in Scharen an. Doch dabei lernten sie eine bittere Lektion, die auch heute noch wichtig ist: Hohe Renditen erkauft man sich mit hohem Risiko. Das zeigte sich, als der Junk-Bond-Markt Ende der achtziger Jahre zusammenbrach und bereits zuvor in der Schuldenkrise der Schwellenländer, die in den achtziger Jahren begann und später mit einer Umschuldung endete. Die Geschichte der Ausfälle wiederholte sich jedoch schon in den neunziger Jahren mit der Asien- und der Russlandkrise. Der letzte große Zahlungsausfall war Argentinien im Jahr 2001.
Die Historie zeigt aber auch, dass sich die Rentenmärkte stets wieder erholen. Viele Schwellenländer und die meisten Junk-Bond-Emittenten müssen heute nur noch geringe Risikoprämien für ihre Anleihen zahlen, und argentinische Anleihen brachten im vergangenen Jahr die meisten Erträge unter den Schwellenländer-Bonds ein.
Die Grundsteine für die heutige Komplexität des Rentenmarkts wurden in den frühen achtziger Jahren gelegt. Damals entstanden die ersten Tauschgeschäfte (Swaps), mit denen Emittenten sich gegen steigende Zinsen und Währungsrisiken absichern können. Den Terminkontrakt Bund-Future gibt es seit 1990. Nach der Einführung des Euros wurde er zur wichtigsten Messlatte der Rentenmärkte im Euro-Raum. Überhaupt hat der Euro die Anleihemärkte vorangebracht - durch die Einheitswährung können Anleger Anleihen ohne Währungsrisiko handeln. Mit 46 Prozent entfällt laut ICMA ein Großteil der international platzierten Bonds auf den Euro.
Ende der neunziger Jahre begann zudem der Boom von Derivaten wie Credit Default Swaps, einer Art Ausfallversicherung auf Anleihen, die Kreditrisiken auch ohne zu Grunde liegende Anleihen handelbar macht. "Die Geschichte der internationalen Anleihemärkte zeigt, wie innovativ die Teilnehmer sind", sagt Karsenti von der ICMA. Das Ende dieser Entwicklungen ist nicht abzusehen. Für Anleger heißt dies, dass der Markt immer komplexer wird, sich die Risiken aber auch besser absichern lassen.
Cünnen, Andrea
05. Januar 2007
Eine ganzer Markt im Aufwind
ANDREA CÜNNEN | FRANKFURT Anleihen gehören zu den ältesten Wertpapieren der Welt. Doch über die Jahrhunderte hat der Markt nichts von seiner Dynamik verloren. Im Gegenteil: In den vergangenen zehn Jahren hat sich allein das ausstehende Volumen der international platzierten Anleihen auf 10,5 Bill. US-Dollar vervierfacht (s. "Gigantisches Wachstum").
Bis zur Entstehung dieses riesigen Marktes war es ein weiter Weg. Die Historie der Rentenmärkte ist eine Geschichte von Staaten und Kriegen, von Verschuldung, Zerstörung und Aufbau. Anleger können daraus lernen, dass Rentenpapiere im Prinzip zwar sichere Anlagen sind, bei denen sie ihr Geld am Ende der Laufzeit zurückbekommen. Die Investoren müssen dabei aber stets das Umfeld vor allem mit Blick auf Inflation und Ausfallrisiken im Auge behalten.
"Die Entstehung der Anleihen kann nicht genau beschrieben werden", schreibt Professor Karl Häuser, ehemaliger Leiter des Instituts für Kapitalmarktforschung an der Universität Frankfurt. Anleihen entwickelten sich allmählich aus dem Schuldschein heraus. Schon im 13. Jahrhundert nahmen die italienischen Stadtrepubliken in Florenz, Genua und Venedig Zwangsanleihen von ihren reichen Bürgern auf, um Kriege zu finanzieren. An der Börse gehandelt wurden die Anleihen aber erst im 17. Jahrhundert. Die erste Millionenanleihe - über eine Million Gulden - platzierten im Jahr 1779 die Gebrüder Bethmann - Gründer gleichnamigen Bankhauses - für den deutschen Kaiser in Wien. Gleichzeitig entwickelten sich die ersten Pfandbriefe - Papiere, die es in stark weiterentwickelter Form heute in vielen Ländern gibt. Sie gingen auf eine Kabinettsorder von Friedrich dem Großen zurück, der schlesischen Großgrundbesitzern nach dem Siebenjährigen Krieg günstige Darlehen verschaffen wollte. Die Kredite waren mit einem Pfandrecht auf Grund und Boden gesichert.
Zu voller Blüte gelangte das Anleihewesen, als nach den napoleonischen Kriegen Anfang des 19. Jahrhunderts und mit der beginnenden Industrialisierung der Geldbedarf für den Wiederaufbau stieg. Die USA finanzierten ihren Sezessionskrieg Mitte des 19. Jahrhunderts zum großen Teil über Anleihen. Aber auch der Aufbau der Eisenbahnen wurde überwiegend über Anleihen finanziert, wenig später folgte die Finanzierung des Bergbaus.
Die beiden Weltkriege, Hyperinflation und Währungsreform vernichteten das Vermögen vieler Rentenanleger. "Nach dem Zweiten Weltkrieg galt dann der politische Vorrang wieder der Staatsfinanzierung und des Bausektors über Anleihen", sagt Klaus Holschuh, der bei der DZ Bank die Bereiche Volkswirtschaft und Research leitet und Mitglied im Vorstand des Instituts für bankhistorische Forschung ist (siehe "Ausfallrisiken werden wieder zunehmen").
Die heutige Bedeutung bekam der Anleihemarkt laut Holschuh erst mit den Sparern in den sechziger Jahren und der Erbengeneration in den achtziger Jahren. Einen zusätzlichen Schub bekam der Markt auch dadurch, dass sich 1963 die Eurobonds entwickelten. Damals verlangten die USA von ausländischen Emittenten eine hohe Steuer auf die Zinsen an Gläubiger in den USA. Das machte London zu einem wichtigen Zentrum, wo Eurobonds seitdem für internationale Anleger in verschiedenen Währungen platziert werden.
Richtig funktionsfähig wurde der Markt in den späten Sechzigern durch einheitliche Abwicklungssysteme, die den Handel extrem erleichterten. "In den vergangenen 40 Jahren haben sich internationale Anleihen zum wichtigsten Markt für die Aufnahme von mittel- bis langfristigem Fremdkapital entwickelt", sagt René Karsenti, Präsident der Rentenmarktvereinigung ICMA.
Das Umfeld für die Bonds wurde jedoch in den siebziger und achtziger Jahren schwierig, als die Ölkrise die Inflation anheizte und die zehnjährigen Anleiherenditen in Deutschland bis auf knapp elf Prozent in die Höhe schnellten. In den siebziger Jahren kamen deshalb variabel verzinste Bonds auf den Markt, deren Entwicklung an die kurzfristigen Interbankenzinssätze gekoppelt ist. Zehn Jahre später begab Großbritannien die ersten Anleihen, deren Verzinsung sich nach der Inflationsrate richtet.
Eng verbunden sind die siebziger Jahre auch mit den ersten Junk-Bonds - hochverzinste Anleihen von Unternehmen mit schlechter Kreditwürdigkeit. Wie Junk-Bonds lockten zudem die ebenfalls hochverzinsten Anleihen von Schwellenländer die Anleger in Scharen an. Doch dabei lernten sie eine bittere Lektion, die auch heute noch wichtig ist: Hohe Renditen erkauft man sich mit hohem Risiko. Das zeigte sich, als der Junk-Bond-Markt Ende der achtziger Jahre zusammenbrach und bereits zuvor in der Schuldenkrise der Schwellenländer, die in den achtziger Jahren begann und später mit einer Umschuldung endete. Die Geschichte der Ausfälle wiederholte sich jedoch schon in den neunziger Jahren mit der Asien- und der Russlandkrise. Der letzte große Zahlungsausfall war Argentinien im Jahr 2001.
Die Historie zeigt aber auch, dass sich die Rentenmärkte stets wieder erholen. Viele Schwellenländer und die meisten Junk-Bond-Emittenten müssen heute nur noch geringe Risikoprämien für ihre Anleihen zahlen, und argentinische Anleihen brachten im vergangenen Jahr die meisten Erträge unter den Schwellenländer-Bonds ein.
Die Grundsteine für die heutige Komplexität des Rentenmarkts wurden in den frühen achtziger Jahren gelegt. Damals entstanden die ersten Tauschgeschäfte (Swaps), mit denen Emittenten sich gegen steigende Zinsen und Währungsrisiken absichern können. Den Terminkontrakt Bund-Future gibt es seit 1990. Nach der Einführung des Euros wurde er zur wichtigsten Messlatte der Rentenmärkte im Euro-Raum. Überhaupt hat der Euro die Anleihemärkte vorangebracht - durch die Einheitswährung können Anleger Anleihen ohne Währungsrisiko handeln. Mit 46 Prozent entfällt laut ICMA ein Großteil der international platzierten Bonds auf den Euro.
Ende der neunziger Jahre begann zudem der Boom von Derivaten wie Credit Default Swaps, einer Art Ausfallversicherung auf Anleihen, die Kreditrisiken auch ohne zu Grunde liegende Anleihen handelbar macht. "Die Geschichte der internationalen Anleihemärkte zeigt, wie innovativ die Teilnehmer sind", sagt Karsenti von der ICMA. Das Ende dieser Entwicklungen ist nicht abzusehen. Für Anleger heißt dies, dass der Markt immer komplexer wird, sich die Risiken aber auch besser absichern lassen.
Cünnen, Andrea
05. Januar 2007

