Große Namen wie Kodachrome oder Minolta sind in der Mottenkiste der Geschichte gelandet. Auch Ikonen wie Polaroid oder Rollei wären vergessen, wenn nicht einige Hersteller von Digitalkameras sich mit den einstigen Kultmarken schmückten. Wozu also drüber nachdenken? Wer auf die Börsennotierungen der Aktien von Eastman Kodak, der japanischen Fujifilm oder der belgischen Agfa-Gevaert schaut, sieht die Welt in einem anderen Licht: Die Papiere von Kodak und Fujifilm etwa haben binnen zwölf Monaten über 60 Prozent an Wert gewonnen. Bei Agfa-Gevaert sind es gar über 200 Prozent. Die Belgier haben allerdings eine wahre Achterbahnfahrt hinter sich. In den 60er-Jahren erfand das Unternehmen den berühmten roten Auslöser, der so zuverlässig funktionierte, dass auch Amateuren mit Wurstfingern scharfe Schnappschüsse gelangen. Doch vor eineinhalb Jahren drohte der Legende mit der roten Raute das Aus.
Inzwischen überzeugt Vorstandschef Jo Cornu die Finanzmärkte wieder. Denn nach einer dramatischen Trennung vom einstigen Stammgeschäft mit analogen Kameras und Filmen hat das Unternehmen soeben wieder den Sprung in die Gewinnzone geschafft.
Doch von den goldenen Zeiten, in denen das Filmgeschäft hohe Profite und stabile Umsätze abwarf, bis zur Neuausrichtung des Konzerns war es ein harter Weg. Denn Agfa verschlief die Digitalisierung. Andere waren da weitaus wacher.
Der Konkurrent Fujifilm etwa baute sein Geschäft bereits um, als das Stammgeschäft noch richtig lief. Die Idee der findigen Japaner: Mit dem Know-how aus dem Analogfilmgeschäft könnte man Equipment für Belichtungsprozesse in der Druckindustrie entwickeln. Das Nächste waren Produkte zur Bildverarbeitung in der Medizintechnik. Der Drang zur Expansion führte vor zwei Jahren sogar zum Kauf eines Pharmakonzerns. Seitdem stellt Fujifilm neben hochauflösenden Digitalkameras auch Generika her.
Sieht man vom Pharmaabenteuer der Japaner einmal ab, wirkt die heutige Agfa wie ein Abzug von Fuji: Statt Filme entwickelt der Konzern analoge und digitale Bildverarbeitungssysteme, Kunden kommen hauptsächlich aus der Druckindustrie und dem Gesundheitsbereich. Basisprodukte zur Herstellung von Filmmaterial runden die Palette ab.
Symbolischer Höhepunkt – quasi ein Bild für Zerstörung und Neuanfang – war die Sprengung des Agfa-Hochhauses in München, in dem einst Teile der Konzernentwicklung untergebracht waren. Das Fotogeschäft war bereits Ende 2004 an einen deutschen Investor verkauft worden. Doch im Mai 2005 kam die Insolvenz, 1800 Mitarbeiter verloren ihren Job. Es folgte eine wahre Flut von Klagen – unter anderem wegen des Vorwurfs, Agfa-Gevaert habe die Pleite unrechtmäßig herbeigeführt.
Erst jetzt, nach fünf Jahren, legt sich der Staub. Im Januar wies das Pariser Schiedsgericht der Internationalen Handelskammer die Klage ab. Seitdem kann Cornu, der den Strategiewechsel geplant und vollzogen hat, in Ruhe seinen Nachfolger Christian Reinaudo einarbeiten. Experten bescheinigen Cornu, glänzende Arbeit geleistet zu haben. „Agfa hat eine solide finanzielle Basis und kann nun vom Aufschwung auf den Absatzmärkten profitieren“, sagt Analyst Arnaud Goossens von der niederländischen Bank ING. Reinaudo, der das Medizintechnikgeschäft leitet, gilt ebenso wie Cornu als erfahrener Sanierer. Schließlich wird der Wechsel von der analogen in die digitale Welt die Belgier weiter beschäftigen. Noch stammen rund 50 Prozent der Umsätze aus dem analogen Geschäft. Auch in der Medizintechnik, die inzwischen für 40 Prozent des Umsatzes und die höchsten operativen Margen im Konzern steht, ist die alte Technik in Gestalt herkömmlicher Röntgenfilmplatten oder Belichter präsent. Daneben floriert der Absatz von kompletten IT-Lösungen für den Klinikbereich. Die Software Orbis kommt bei Ärzten und in der kostensensiblen Gesundheitsverwaltung gut an – jüngst erhielt Agfa hier einen Großauftrag aus Frankreich.
Die Zukunft sind indes digitale Systeme – sowohl im Klinik- als auch im Printbereich der Sparte Agfa Graphics, die Vorprodukte für die Druckindustrie wie Filme, Platten, Belichter oder Scanner herstellt.
Der geglückte Turnaround im vergangenen Jahr belegt, dass der Konzern auf dem richtigen Weg ist. Die Gewinne steigen weiter: 2010 soll es Schätzungen zufolge um über 300 Prozent nach oben gehen. Ein wichtiger Treiber hierbei ist die Einkaufsseite. Agfa verbraucht jährlich Hunderte Tonnen Silber und Aluminium für die Produktion seiner Roh- und Filmmaterialien. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen laut Schätzungen von ING hierfür mehr als 450 Millionen Euro ausgegeben. 2010 sollen es demnach dank geschickter Absicherungsstrategien nur noch knapp 400 Millionen werden – auch wenn die Rohstoffpreise steigen. „Die Marge zieht an, das dürfte auch eine Weile so bleiben“, sagt Analyst G
oossens.
Grundlage dafür war auch das drastische Sparprogramm, das Cornu dem Konzern auferlegte. Allein im Jahr 2008 senkte der Vorstandschef die Verwaltungskosten nachhaltig um 23 Millionen Euro – und drückte die Gewinnschwelle. Damit hat Agfa beste Chancen, auch in der digitalen Welt ein gutes Bild abzugeben. „Das Management hat rechtzeitig vor der Rezession die Kosten gesenkt. Das Timing war weitaus besser als etwa beim US-Konzern Kodak“, sagt Goossens.
Die Amerikaner hat es schließlich doppelt erwischt. Die Erfinder des besungenen Kodachrome-Films litten zunächst nach 2001 unter drastischen Einbrüchen im Kerngeschäft. Das Unternehmen erfand zwar bereits 1975 die digitale Kamera und sammelte in den 90er-Jahren zahlreiche Patente im Bereich Digitalfotografie. Doch das Management entschied sich dagegen, Produkte auf den Markt zu bringen, um das Kerngeschäft nicht zu gefährden. Erst als der Umsatz rapide schrumpfte, ging der Konzern in die Offensive und krempelte sich grundlegend um.
Das nennt man wohl radikalen Wandel: Ende der 80er, auf dem Höhepunkt der Geschäfte mit Kodachrome und Co, zählte das Unternehmen fast 150 000 Angestellte. Jetzt sind es noch rund 20 000. Allein von 2004 bis 2007 strich Kodak knapp 40 000 Jobs. Und der Kehraus ist noch nicht zu Ende: Auch 2009 verließen mehr als 4000 Mitarbeiter das Unternehmen. Die Kosten des Umbaus betragen inzwischen mehr als fünf Milliarden Dollar.
Der Weg bleibt indes steinig. Denn auch das mühevoll aufgebaute digitale Business kam in der jüngsten Wirtschaftskrise stark ins Straucheln. 2008 hagelte es Verluste, und auch 2009 war für Vorstand Antonio Perez und seine Truppe ein verlorenes Jahr mit roten Zahlen.
Im Weihnachtsquartal gelang dem Konzern aus Rochester im Bundesstaat New York wieder ein Gewinn. Eine nachhaltige Wende? Vorstandschef Perez jedenfalls ist für das laufende Jahr erfreulich zuversichtlich: „Selbst wenn 2010 kein starker Aufschwung kommt, wird es ein weitaus besseres Jahr als 2009.“
Das Fazit nach fast zehn Jahren Dauerbaustelle: Kodak macht inzwischen über zwei Drittel des Umsatzes mit digitalen Produkten. Der Umsatz schrumpft nicht mehr. 2010 soll das Geschäft laut Perez leicht wachsen – und wenn alles gut geht, am Ende eine schwarze Zahl im Zahlenwerk stehen. Die Gewinnmargen sind jedoch klein im Vergleich zu den glorreichen Zeiten, als Kodak noch die Topmarke für Fotografen war. Immerhin hilft der gute Name beim Absatz von Kameras und Druckern. Eine echte technische Alleinstellung allerdings fehlt bislang.
Und doch hält Kodak Trümpfe aus jener Zeit in Händen, in der reichlich Cash floss und das Unternehmen viel in die Forschung investierte. Die mehr als 1000 Patente im Bereich Digitalfotografie versilbert der Konzern inzwischen doch noch erfolgreichüber die üblichen Lizenzeinnahmen hinaus: Perez hat das juristische Schlachtfeld als Einkommensquelle entdeckt. Jüngst gelang Kodak ein Coup gegen die koreanischen Hightechkonzerne Samsung und LG Electronics. Noch vor Weihnachten einigten sich die Kontrahenten eines Patentprozesses darauf, dass die Asiaten für die Nutzung von Kodak-Technik mehr als 400 Millionen Dollar überweisen. Und noch im ersten Quartal soll Analysten zufolge eine ähnlich hohe Summe aus Korea nach Rochester fließen.
Den Auslöser hat Perez gerade wieder betätigt: Im Januar reichte Kodak Klage gegen den kanadischen Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM) sowie Apple ein. Auch die kalifornische Cashmaschine soll demnach patentierte Kodak-Technologie in der Kamera ihres iPhone verwenden. Es ist gewiss keine elegante Art, einen Hauch Sommer in die Bilanzen zu zaubern. Doch die romantischen Zeiten Paul Simons und des legendären Kodachrome sind längst vorbei.
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